„Leerstand, Bewegung, Durchmischung inspirieren mich“

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In der Tromsöerstraße im Wedding riecht es nach indischen Gewürzen, die aus dem riesigen Afro Shop bis ins Treppenhaus wehen. Es ist Freitagabend und wuselig auf der kleinen Straße, weil in der Al-Rahman-Moschee gerade das Freitagsgebet zu Ende geht. Im dritten Stock hat die Künstlerin Stef Heidhues ihr Atelier. Der geräumige und helle Arbeitsraum ist Teil des Berliner Atelierförderprogramms.[1] Die Künstlerin ist seit 2013 hier und hat für sich perfekte Arbeitsbedingungen gefunden: „Ich wohne auch im Wedding – als das Atelier zur Bewerbung ausgeschrieben war, dachte ich, es wäre perfekt, weil ich endlich mal in der komfortablen Situation wäre, kurze Wege zu haben. Hier gibt es außerdem einen Lastenaufzug, was für mich wichtig war, und die Bildhauerwerkstatt ist fünf Minuten von hier, so dass ich auch mal was zu Fuß transportieren kann, was ohne Auto viel Wert ist. Hier hab ich wirklich eine Top-Situation.“

Stef Heidhues wurde in Washington D.C. geboren, studierte in Hamburg an der Hochschule für Bildende Künste und lebt und arbeitet seit 2005 in Berlin. Zuletzt wurden ihre Arbeiten in der Ausstellung „Spuren im Raum“ (23.2.-22.4.2018) der Bundeskunsthalle in Bonn gezeigt aktuell sind sie bei Eigen+Art in Leipzig (22.6.-25.8.2018) zu sehen.

Bei meinem Besuch in ihrem Atelier Anfang Juni hingen bereits mehrere der skulpturalen Arbeiten fertig an der Wand, die Teil der Ausstellung in Leipzig sind. An der größten Installation wurde noch gearbeitet: Sie besteht aus einem Vorhang, der an mehreren Nägeln befestigt, direkt vor der Wand hängt und unten an einer Seite eingerissen zu sein scheint. Dort ist eine Metallstange angebracht, vor der wiederum eine Leuchtstoffröhre hinunterhängt. Im Gespräch erläutert die Künstlerin verschiedene Aspekte dieser Arbeit, wobei sie vermeiden will, die Skulptur zu erklären. Für den Vorhang verwendet sie ein Material, das sie aus der Bildhauerwerkstatt kennt, einen sogenannten Schweißervorhang. Für die Künstlerin liegt dessen Reiz in seiner Hybridität: Obwohl er aus PVC-Folie besteht, wirkt er massiv und abweisend, er sieht schwarz aus, wird aber bei Lichteinfall transparent grün. Der Titel Polnischer Abgang ist eine Anspielung auf eine soziale Situation und gleichzeitig den Raum, in dem die Skulptur verortet sein könnte: eine Bar.

Ausstellungsansicht Galerie Eigen + Art, Leipzig 2018, Foto: Stefan Schacher

Stef Heidhues geht es in ihren Arbeiten um das Herstellen eben dieser Mehrdeutigkeiten und Brüche. Da wundert es nicht, dass sie von Brachen, liegengelassenen Gegenständen wie Zäunen oder kaputten Anzeigentafeln angezogen wird, denen gemeinsam ist, dass sie noch Spuren ihrer vorherigen Bedeutung und Funktionalität enthalten, gleichzeitig aber die jeweilige materielle Beschaffenheit in den Vordergrund getreten ist. Beim Betrachten entsteht auf diese Weise ein Flimmern, weil verschiedene Bedeutungen nebeneinander im Raum stehen. Ebendiesen Effekt versucht Stef Heidhues mit ihren Arbeiten herzustellen. Neben den Referenzen an konkrete Situationen und Objekte, die unter anderem durch die Titel angedeutet werden, steht gleichberechtigt die präzise Auswahl des Materials und dessen Bearbeitung. Das führt dazu, dass sich die Arbeiten auf mehreren Ebenen erschließen lassen – sie sind offen und sperrig zugleich. „Ambivalenzen trainieren die Fähigkeit der Überprüfung. Und sie geben keine Antworten. Das auszuhalten, finde ich wichtig. Fragen interessieren mich mehr als Antworten“, sagt die Künstlerin.


Atelieransicht, Foto: Anna-Lena Wenzel

Als das Telefon klingelt, ist es die Mitarbeiterin der Galerie Eigen + Art, die die Transporttermine abstimmen will – in der Vorbereitungsphase einer Ausstellung gibt es einiges zu organisieren. Das geräumige Atelier ist also nicht nur Werkstatt und Lager, sondern auch Büro. Es teilt sich in zwei Bereiche: im hinteren Teil entstehen und hängen die aktuellen Arbeiten, während sich im vorderen Bereich ein Schreibtisch, ein langes Regal für Materialien und Bücher und eine Pinnwand mit Bildersammlung befinden. Man sieht dem Ort an, dass hier jemand viel Zeit verbringt. Da überrascht es nicht, dass die Künstlerin auf die Frage, was ihre Lieblingsorte sind, antwortet: „Mein Atelier ist mein Lieblingsort. Ein mobiler Lieblingsort ist mein Fahrrad. Orte im Wedding, wo ich gerne hingehe, sind das Café Pförtner und das Café Dujardin.“

Zum Abschluss frage ich sie, was ihr am Wedding besonders gefällt. Stef Heidhues schätzt dessen Urbanität und Dynamik: „Da ist noch eine Menge Entwicklungspotential. Er ist auf jeden Fall (noch) nicht fertig. Was ich an Bezirken nicht mag, ist, wenn es keine Nischen, Brachen und Brüche mehr gibt, wenn alles neu, schick renoviert, gleichförmig, fertig, gemütlich ist. Da langweile ich mich. Im Wedding ist es manchmal so lieblos oder trashig, an manchen Stellen würde man es gerne aufräumen, ausmisten... an anderen Stellen gibt es Zerfall und Leerstand, da ist Potential für Gestaltung, für Neues. Dass es Leerstand, Bewegung, Durchmischung gibt, das inspiriert mich.“

 

[1] http://www.bbk-kulturwerk.de/con/kulturwerk/front_content.php?idcat=49

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„Leerstand, Bewegung, Durchmischung inspirieren mich“

Zu Besuch bei Stef Heidhues in ihrem Weddinger Atelier

Von Anna-Lena Wenzel