Zu neuen Ufern

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Lee Méir bei ihrer Performance "Line Up". Foto: Thore Rhebach

„People come in, people come in, people come in, people, people, people, people come in“, sagt eine zierliche Frau, die vor einer Metallinstallation in einem großen Raum steht. „People walk, people walk in, walk, walk, walk around, walk around.“ Sie macht Bewegungen wie eine Platzanweiserin: zwei Arme in die Luft strecken, in eine Ecke deuten, winken. Zwischendurch spricht sie so schnell, ihre Worte werden zu einem Beat, sie von einer Platzanweiserin zu einer Beatboxerin: „People put tickets in the pockets, tickets in the pockets, tickets in the pockets“.

Hinter der Frau vibriert schüchtern die Metallinstallation. Sie erinnert an ein raumgroßes Mobilé: Von einem großen rostigen Baugitter unter der Decke hängen versetzt metallene Rohre von verschiedener Größe. Auch ein Karabiner und Reifen aus Draht hängen dazwischen.

Zwar rührt sie sich jetzt schon, aber der große Auftritt der Installation ist erst später – im zweiten Teil dieser Solo-Performance, die gerade in einem großen Raum in den Weddinger Uferstudios geprobt wird. „Line Up“ heißt sie. Lee Méir, die einweisende Beatboxerin, die eigentlich Performancekünstlerin, Kostümbildnerin und Choreographin aus Israel ist, hat sie zusammen mit dem Komponisten Moritz von Gagern und dem Philosophen Marcus Steinweg für die Programmreihe „Ausufern“ der Uferstudios im Wedding entwickelt.

„Ausufern ist eine Programmreihe, die einen Fokus auf Projekte legt, die den Dialog mit der Stadtgesellschaft und der Nachbarschaft suchen“, sagt Eva-Maria Hoerster, die Programmleiterin. Die Idee kam aus dem Bedürfnis heraus, eine Öffnung nach außen zu versuchen: „Die Uferstudios haben einen leicht festungsartigen Charakter, weil es diese durchgehende Mauer nach außen hat“, sagt sie. „Und wir sind hier im Wedding beziehungsweise im Bezirk Gesundbrunnen, einem Stadtteil, der eine sehr heterogene Nachbarschaft hat. Wir wollen eine Verbindung zwischen dem, was innerhalb der Mauern geschieht, und dem Außen herstellen.“

Ein Programm für den Sommer

So entstand die Programmreihe, die dieses Jahr zum dritten Mal in den Sommermonaten stattfindet. Von Juni bis September gibt es jeweils an den ersten vier Tagen des Monats verschiedene künstlerische Projekte. Eintrittsfrei, denn „Ausufern“ wird aus Mitteln der spartenoffenen Förderung unterstützt. 45 Berliner*innen und internationale Künstler*innen sind beteiligt. Und obwohl die Uferstudios ein Ort für zeitgenössischen Tanz sind, stammen diese aus verschiedenen Disziplinen.

Wie aber kann es funktionieren, künstlerisch in einen Dialog mit Nachbarschaft und Ort zu treten? Zum Beispiel durch ein Experiment, das versucht, eine kleine handgemachte Skulptur durch Tauschaktionen gegen jeweils höherwertige Gegenstände einzutauschen – um am Ende Theaterlampen für das interkulturelle Zentrum für Mädchen und junge Frauen, MÄDEA, kaufen zu können. So geschieht es in der künstlerischen VideoreportageOutländish“ von Peter Stamer und seinem Kameramann Kike Garcia. Oder durch eine Performance, in der alle Menschen eingeladen sind, von dem Projektraum „grüntaler9“ in einer Art Prozession zu den Uferstudios zu laufen und dabei mit Besen die Straße zu fegen. Oder durch gemeinsamen Tanz im Hof, angeleitet von der Choreographin Lea Martini. Und natürlich durch die Performance von Lee Méir, die gerade im Studio mit dem metallenen Mobilé probt.

Lee Méirs Performance "Line Up". Foto: Thore Rhebach

Die junge Frau mit den kurzen, dunkelbraunen Haaren ist mittlerweile beim zweiten Teil ihres Stücks angekommen. Sie nimmt eine lange dünne Stange, die links neben der Installation auf dem Boden neben einigen anderen liegt, in ihre Hände. Waagerecht balanciert sie sie vor ihrem Körper und schreitet durch das Mobilé hindurch. Das Metall schabt, klirrt und klimpert laut durcheinander. Am Ende des Mobilés angekommen, legt sie die Stange hinter einer Rampe ab, dreht sich um und geht zurück. Vorne nimmt sie eine weitere Stange und macht sich auf den Weg – wieder und wieder. Bis auf der Rampe so viele Stangen liegen, dass sie herunterrollen, Krach machen, die Ordnung stören.

„Mir geht es um die Fragen: Wie macht Klang Bewegung und wie macht Bewegung Klang“, sagt die Künstlerin. „Und auch darum, wie Ordnung und Chaos damit zusammenhängen.“ Experimente dazu hat Méir schon vorher gemacht, in einer Solo-Reihe „fourteen functional failures“. Zuhause, erzählt sie, habe sie eine ganze Sammlung von Dingen, die spannende Geräusche machen. Viele finde sie auf der Straße – oder suche danach auf dem Schrottplatz. Mit einigen Teilen aus ihrer Sammlung können sich Kinder und Eltern im Rahmen von „Ausufern“ auch selbst ausprobieren, denn Méir gestaltet einen Workshop für sie.

„Das Projekt von Lee Méir ist von der Thematik her etwas, wo ich denke, dass da viele einhaken können“, sagt Programmleiterin Hoerster. „Weil es um Chaos und Ordnung geht und die Frage, wie man etwas bewältigt, was nicht unter Kontrolle zu bringen ist.“ Anknüpfungspunkte wie diese sind wichtig – immerhin will die Programmreihe die Uferstudios auch für all jene öffnen, die vorher noch keine Berührung mit dem Ort hatten.

Und das soll sie auch im nächsten Jahr tun, findet Eva-Maria Hoerster. Was sie sich denn wünschen würde? „Ich würde gerne noch intensiver die Zusammenarbeit mit anderen schon existierenden Gruppen im Wedding und Gesundbrunnen suchen, um auch mehrere Fäden zusammenzubringen“, sagt sie.

„Ausufern“ findet noch statt vom 1.-4. August und 1.-4. September. Neben der Performance von Lee Méir gibt es viele weitere Projekte. Das Programm gibt es hier.

Rechte Spalte

Zu neuen Ufern

"Ausufern 2018" in den Uferstudios
Ort

Uferstudios, Uferstraße 8, 13357 Berlin

von Maike Brülls