Krachende Gegensätze: Die Köpenicker Straße

Linke Spalte
Foto: Tassilo Letzel

Die gut zwei Kilometer lange Köpenicker Straße ist „New Berlin“ und das alte Berlin zugleich, ein Ort krachender Widersprüche ohne Schminke – und somit inzwischen fast einmalig im Berliner Zentrum. Mancherorts atmet sie noch das morbide Berlin der 1980er Jahre, während gleich nebenan große Immobilienprojekte von den Verheißungen oder Verheerungen der Zukunft künden. Hier prallt Platte auf Technoclub, besetzte Brache auf Luxusloft und Edelrestaurant auf Revolutionssymbolik. Wir machen einen Spaziergang durch den Mitte-Teil der Straße, der an der Kreuzung zur Schillingbrücke beginnt.

Kämpfe um Wohn- und Arbeitsraum

Wo früher Brache war, weil die Grenze direkt über die Brücke verlief, steht nun ein massiver Neubau. Es handelt sich um die Geschäftsstelle der Gewerkschaft ver.di – der Expertin für den institutionalisierten Streit, die „Mindestlohn für alle“ fordert. Gegenüber der Gewerkschaftszentrale rottet eine Bauruine vor sich hin. Dort sollte mal ein Altenheim entstehen. Zeitweise galt dieses Bauprojekt als Zeichen für den Anfang vom Ende der unmittelbar benachbarten KÖPI, einer Ikone der Berliner Hausbesetzerszene, die jeder anständige Punk zwischen Lublin und Sevilla kennt. Aber der Investor ging insolvent, die KÖPI lebt und tanzt weiter. Trotz vieler rechtlicher Auseinandersetzungen feierte das autonome Wohn- und Kulturzentrum, das im Februar 1990 besetzt wurde, 2015 sein 25-jähriges Jubiläum mit einem Party-Marathon. Im Gegensatz zu ver.di haben sich ihre Bewohner*innen einem Weg der Kompromisse konsequent verweigert.

Die Nutzer*innen des Hauses gegenüber hatten nicht so viel Glück: In einer ehemaligen Platte hatte das Kunstkollektiv KUNSTrePUBLIK günstige Ateliers eingerichtet. Doch das Gebäude wird jetzt abgerissen. Kein Einzelfall: in Berlin ist die Suche nach einem bezahlbaren Atelier mittlerweile ein K(r)ampf. Denn, wie der Berufsverband Bildender Künstler Berlin (bbk berlin) schon 2016 in einem Newsletter schreibt: „Für mittlerweile nahezu 10.000 professionelle Bildende Künstlerinnen und Künstler ist Berlin der zentrale Ort der Produktion und professionellen Kommunikation in Europa. […] Die Infrastruktur für künstlerisches Arbeiten gerät jedoch aufgrund von Mietsteigerungen und Verwertungsbewegungen auf den Immobilienmärkten, u.a. infolge des insgesamt erfreulichen Wachstums der Stadt, unter Druck. Allein 2014 sind ca. 350 Ateliers auf dem freien Markt verloren gegangen. Somit wird die Gewährleistung dieser Infrastruktur jetzt zu einer auch stadtentwicklungspolitischen und städtebaulichen Herausforderung.“[1]

Neben der Platte befindet sich auf dem hinteren Teil des Geländes eine ehemalige Eisfabrik, in der seit 1896 Eis produziert wurde. In den 1990er Jahren stellte der Betrieb die Herstellung ein. Seit 1995 stehen die verbliebenen Gebäude leer. In den denkmalgeschützten Bauten lebten mehrere Jahre Bulgar*innen und Rumän*innen – ohne Mietvertrag, ohne Wasser, Strom und Heizung. Als die Eigentümergesellschaft die Bewohner*innen im Dezember 2013 von der Polizei aus dem Haus vertreiben ließ, gab es Proteste der Initiative „Zwangsräumung verhindern“.[2] Trotz vieler Pläne liegt das Areal weiterhin brach, u.a. weil sich die Eigentümer*innen über die weitere Nutzung nicht einig werden.

Foto: Tassilo Letzel

Bürger-Idyll und Club-Kultur

Ein Stück weiter runter wurden in den letzten Jahren zahlreiche Bauvorhaben realisiert: Im Eiltempo entstand das Studentenwohnheim The Fizz – living cum laude. Der Neubau bietet hochpreisige Wohneinheiten an (520 Euro Kaltmiete für 20 qm2) und begründet dies u.a. großspurig damit, dass „unsere Studentenwohnheime nicht nur Orte zum Studieren, Wohnen und Leben [sind]. Es sind vielmehr pulsierende und kreative Begegnungsstätten, die einen einzigartigen Zugang zu einer smarten, internationalen Studentengemeinschaft verschaffen und Raum für neues Denken eröffnen.“[3] Eine eigene Rubrik auf der Webseite wendet sich direkt an die Eltern der Studierenden und verkündet: „Seien Sie unbesorgt!“

Gegenüber steht das A&O Hostel, in dem es weitaus weniger luxuriös zugeht: in einer ehemaligen Platte befinden sich 450 Zimmer und 1600 Betten, man zahlt ab 5 Euro pro Nacht. Scharenweise werden hier Klassen aus Bussen gespuckt und laufen im Pulk durch die Köpenicker Straße. Diese Massenabfertigung hat unter anderem dazu geführt, dass Tourist*innen im Kiez gar nicht gern gesehen sind. „No Tourist“ oder „Touristen? Face fisten!“-Poster lassen keine Fragen offen, wer für manche das neue Feindbild ist.

Ein Stück weiter runter hat sich eine genossenschaftliche Baugemeinschaft das Filetstücke direkt am Wasser gesichert und dort das sogenannte Spreefeld erreichtet, Party-Hipster und Alt-Linke rissen sich gleichermaßen um die Genossenschaftsanteile, mittlerweile sind die ersten Genossen*innen bereits wieder entnervt ausgezogen, obwohl (oder gerade weil?) ihr Anliegen so vielversprechend klingt: „Die Bau- und Wohngenossenschaft Spreefeld Berlin eG betrachtet es als ihre Aufgabe, Wohnraum für generationsübergreifende, sozial gemischte, nachbarschaftliche Arbeits- und Wohnformen zum Nutzen ihrer Mitglieder und auf nachhaltige Art und Weise zu schaffen.“[4]

Foto: Anna-Lena Wenzel

Direkt an der Straße steht man direkt vor dem Kontrastprogramm: Hier wurde ein Plattenbau topsaniert und besteht nun aus vollmöblierten, überteuerten Appartements für eine internationale Klientel. Auf der Webseite, die nur auf Englisch ist, heißt es über die Hausnummer 55: „K55 is more than just your home, on the pulse of Berlin where the real heart of this urban city beats you will be surrounded by its acclaimed nightlife, eating spots as well as parks, stimulating scenery and renowned educational institutions.“ [5] Auch hier werden der urbane Flair und die Alternativkultur gepriesen, die durch ebenjene Investorenprojekte verdrängt werden.

Auf der gegenüberliegenden Seite ein ähnliches Bild – nichtssagende, cleane Investorenarchitektur – hier wurde das „Spree Green“ errichtet – hochwertige Eigentumswohnungen und Gewerbeeinheiten für Trendsetter. Geworben wurde mit günstigen Preisen, gehobener Ausstattung, vielversprechendem Wertzuwachs und der besonderen Umgebung – wobei auf ein ähnliches Vokabularium zurückgegriffen wird wie auf der Straßenseite gegenüber: „Coole Clubs und Bars entlang der Spree, ein Kinderbauernhof und andere selbstgeschaffene Oasen machen diesen Kiez interessant und liebenswert.“ Bei der Geschwindigkeit mit der die Miet- und Kaufpreise steigen, klingt es absurd, doch die „Aufwertung dieser zentralen Achse im Sanierungsgebiet Nördliche Luisenstadt wird noch bis 2025 von der Stadt unterstützt. Bürgerschaftliches Engagement ist dabei ausdrücklich erwünscht – kommen Sie jetzt dazu und gestalten Sie Ihren zukünftigen Kiez an der Spree noch mit!“[6]

Auf solche (oberflächliche) Beteiligung setzt auch der Stadtgarten, der 2017 auf dem Gelände des Heizkraftwerks eingerichtet wurde, und der von Vattenfall betrieben wird: „Um Stadtgrün aktiv und gemeinschaftlich zu gestalten“, heißt es auf der Webseite, und „um den Herausforderungen der wachsenden Stadt zu begegnen und unseren Beitrag dazu zu leisten, dass Berlin etwas grüner wird“, wurden hier einige Hochbeete angelegt, Blumen gepflanzt und Sitzgelegenheiten zum „Verweilen“ und zum „Entspannen“ geschaffen. Sah es anfangs arg gewollt und ungenutzt aus, grünt es mittlerweile immer wilder. Sogar der Glas-Pavillon von Dan Graham, eine Kunst-am-Bau Auftragsarbeit, ist mittlerweile eingemeindet und hat seine Unnahbarkeit eingebüßt. Doch an wen richtet sich das Projekt? Und wer kommt wirklich? Junge, urbane Student*innen, die hier ihr Gut-Menschsein ausleben können oder die Einwohner*innen der Plattenbauten in unmittelbarer Umgebung?

Direkt daneben ist die Köpenicker Straße vor allem bei den Fans der Clubkultur bekannt: im alten Kraftwerk befindet sich mittlerweile der Tresor, es folgt das Sage und um die Ecke der KitKatClub. Aber auch dieses Partyrefugium ist in Gefahr. Auf einer Plakatwand am U-Bahnhof Heinrich-Heine-Straße stand lange gut lesbar: „An die Investoren der Ohmstraße: Hier existiert seit Jahrzehnten Berliner Clubkultur! Wir bitten um Rücksicht bei Ihrem Eigentumswohnungs-Bauvorhaben.“ Das klingt verzweifelt und soll heißen, dass die neuen bürgerlichen Nachbar*innen die Clubbetreiber doch bitte nicht mit Lärmschutzklagen überziehen sollen – wie an so vielen anderen Orten in Berlin. Die Konsequenz ist, dass Clubs und Partypeople in den letzten Jahren immer mobiler sein müssen und sich verstärkt auf den Weg in die Berliner Peripherie (vor allem Richtung Rummelsburg und Lichtenberg) machen.

Foto: Tassilo Letzel

Ein letztes Stück Geschichte

Der letzte Teil der Köpenicker ist dann wieder ruhiger, fast schon gediegen. Stattliche Gründerzeithäuser aus der Zeit, in der die Köpenickerstraße zur Luisenstadt gehörte, wechseln sich mit Ostplatte ab. Ein monumentales Denkmal erinnert an Hermann Schulze-Delitzsch, einen deutschen Sozialreformer, der zu den führenden Gründervätern des deutschen Genossenschaftswesens zählt. Die Geschichte des Denkmals erzählt ein Stück typisch widersprüchliche Berlingeschichte: Errichtet 1899, ließ die DDR-Führung in den frühen Siebzigerjahren das Denkmal entfernen, weil ihrer Auffassung nach Schulze-Delitzsch Wahlspruch: „Jeder ist seines Glückes Schmied“ deutlich im Gegensatz zu der in der DDR geltenden Marx´schen Grundauffassung stand.[7] Nach der Wende wurde der Platz erneut in Schulze-Delitzsch-Platz benannt und das Denkmal wiedererrichtet – allerdings ohne die es ursprünglich begleitenden Bronzefiguren, die bereits im zweiten Weltkrieg eingeschmolzen worden waren.

Beim Blick zurück zeigt sich die Köpenicker noch mal in aller Deutlichkeit als ein Ort der Gegensätze: hier trifft immer mehr Bürgerklientel auf alteingesessenen DDR-sozialisierten Berliner*innen und vermischt sich mit Clubkulturpeoples; Investorenarchitektur trifft auf Massen-Platte, alternative Refugien und Touristen-Schlafburgen. Schnell wird klar, dass es ein Ort innerstädtischer Verdrängungsprozesse ist, wie sie an vielen Stellen, aber selten so deutlich zu beobachten  sind, wie hier: Die günstigen Künstler*innenateliers und die Hausbewohner*innen in der Eisfabrik sind schon verdrängt, die zwischengenutzten Brachen verschwinden sukzessive und doch ist die Köpenicker Straße wahrscheinlich so belebt wie nie.

Mitarbeit am Text: Hannes Obens 

[1] http://www.bbk-kulturwerk.de/con/kulturwerk/upload/ateliers/downloads/Infrastruktur_sichern_Atelierfoerderung_2016-18.pdf

[2] Vgl. http://www.berliner-zeitung.de/berlin/koepenicker-strasse-in-berlin-mitte-streit-um-alte-eisfabrik-spitzt-sich-zu,10809148,25733156.html

[3] http://www.the-fizz.com/studentenwohnungen/living-cum-laude/philosophie.html

[4] https://www.spreefeld-berlin.de

[5] https://www.k55-berlin.com/

[6] http://www.wohneninmitte.de/#page_768

[7] Vgl. http://www.köpenicker-strasse.de/Schulze_Delitzsch_Platz.html

Rechte Spalte

Krachende Gegensätze: Die Köpenicker Straße

Ein Spaziergang  durch den Mitte-Teil der Köpenicker Straße, die „New Berlin“ und das alte Berlin zugleich ist, ein Ort krachender Widersprüche ohne Schminke – und somit inzwischen fast einmalig im Berliner Zentrum.

Von Anna-Lena Wenzel