Neue Perspektiven für die Ruine der Franziskaner Klosterkirche

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Klosterruine 2016 - Foto Robert Eckstein

Die Geschichte wird in Berlin in einer Weise geliebt, dass wir uns schon manchmal fragen, ob es nicht brennendere Themen gibt als die Diskussion um die historische Mitte mit Neuem Markt, Klosterviertel und Molkenmarkt in der Nähe des Alexanderplatzes. Die Stadt wandelt sich dann langsamer, wenn Straßenzüge auf mittelalterliches Maß zurückgesetzt werden und in ihren Baufeldern nach archäologischen Spuren gesucht wird, bevor das große Bauen losgeht. Zudem verdichtet sie sich. Andererseits lassen sich begehrte Liegenschaften dadurch auch nur verzögert vermarkten. Was eine Chance für das betreffende Areal darstellt. Für den Moment entsteht eine Gelegenheit zum Innehalten und Nachdenken.

Eine gewisse Geschichtsversessenheit kann also ganz hilfreich sein. Wenn es darum geht, eine Stadt zu gestalten, in der wir leben wollen, können Selbstvergewisserung und die Frage nach unserer Herkunft nicht schaden. In der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen setzt man deshalb auf eine archäologiebasierte Stadtplanung. Ohne zuvor gegraben zu haben, ist in Berlin modernes Bauen nicht mehr möglich. Die Kulturstadträtin von Mitte, Sabine Weißler, befürchtet im Zusammenhang eines Workshops über die Zukunft der Klosterkirchenruine, dass unsere archäologischen Spuren einzufrieren drohen, und wir den Kontakt zu ihnen verlieren. Im Fall der Klosterkirchenruine soll das nun anders werden, wenn die gewünschte „Denkmalsakademie auf Zeit“ entstehen wird. Über die weitere Nutzung und Bebauung des Areals kann man dort dann in Ruhe besser nachdenken.

Mit dem neuen Bebauungsplan für den Bereich Klosterviertel/Molkenmarkt war das Baudenkmal aus seinem Schattendasein zwischen Podewil und Rotem Rathaus herausgetreten und bedurfte einer neuen Betrachtung des historischen Standorts zwischen der vorgesehenen Blockbebauung und den lang umstrittenen Hochhausvisionen um den Alexanderplatz. Anlass für den Workshop aber war eigentlich ein Beschluss der Bezirksverordnetenversammlung, die sich noch mehr kulturelle Nutzung an diesem Standort vorstellen konnte, aber über die Jahre keinerlei Finanzierung gewähren wollte.

Deshalb wurde vom Bezirksamt eine „kostenneutrale“ Lösung für den Mehraufwand erwartet. Wie jedoch sollte das zu realisieren sein? War es die Haushaltsnotlage der Stadt, die den Bezirk immer wieder Zwang, sich von seinen historisch, wertvollen Liegenschaften zu trennen? Oder fehlte nur ein schlüssiges Konzept für den Standort, der ausnehmend eingeschränkt zu bespielen war, nicht durch den Denkmalschutz, auch durch seine Witterungsabhängigkeit und dass weder Heizung noch Sanitäranlagen vorhanden waren.

Es war lange Zeit dem Förderverein der Klosterkirchenruine zu verdanken, dass das verbliebene Areal des ehemaligen Franziskanerklosters bisher keiner Privatisierung zum Opfer gefallen ist und die immer wieder aufkommenden Ideen einer kommerziellen Nutzung abgewehrt werden konnten. Seit den 1980er Jahren haben Mitstreiter um die Berliner Bildhauer Manfred Strehlau und Marie Luise Bauerschmidt in der Ruine des Kirchengebäudes nicht nur wesentliche Sanierungsmaßnahmen des Landesdenkmalamtes begleitet, sondern auch angesehene Sommerausstellungen mit Werken zeitgenössischer Bildhauerkunst organisiert. Quell und Impuls ihrer Ausstellungen war immer auch die Tatsache, dass die Klosteranlage im April 1945 von heftigen Bombenangriffen fast vollständig zerstört wurde. Der restliche Gebäudebestand wurde in den 1950er Jahren abgetragen, als U-Bahnbau und die Baumaßnahmen für die Grunerstraße anstanden. Als Mahnmal für die Kriegszerstörungen und als Pendant zur Gedächtniskirche am Kudamm blieb die Kirchenruine als letztes, bauliches Zeugnis der mittelalterlichen Klosteranlage erhalten. Die Bronzefigur "Auferstehender" von Fritz Cremer am westlichen Eingang aus den 1980er Jahren und eine Gedenktafel an der Umfassungsmauer der heutigen Treppenanlage erinnern heute noch daran, dass das Baudenkmal für mehr noch steht als für ein bauhistorisches Kulturdenkmal.

Außenansicht (Foto: Holger Herschel)

Seine Gründungsgeschichte geht weit zurück bis ins 12. und 13. Jahrhundert, als an dieser Stelle der Franziskanerorden von den Markgrafen Otto V. und Albrecht III. das Gelände geschenkt bekam und den Backsteinbau als dreischiffige Basilika mit Chorpolygon errichtete. Nach der Reformation wird das Kloster zu einer Schule, dem berühmten Gymnasium zum Grauen Kloster umgebaut. Seither unterlag das Kirchengebäude zahlreichen architektonischen Änderungsplänen, an denen sich auch Carl Friedrich Schinkel und Christian Gottlieb Cantian als ehemalige Klosterschüler beteiligten. Immer wieder musste die Kirche geschlossen werden, war zeitweise Druckerei oder Getreidespeicher. Nie aber wurde sie aufgegeben. Im 20. Jahrhundert wurde sie 1936 noch einmal neu geweiht, um dann nach dem Krieg als Ruinenlandschaft gesichert zu werden. Die Spuren durch die Jahrhunderte werden in den nächsten Jahren noch einmal freigelegt und sichtbargemacht. Was davon auf Dauer vielleicht als „archäologisches Fenster“ öffentlich zugänglich bleiben wird, wird die Grabungsforschung zeigen. Auch was die Neubebauung auf der umliegenden, kleinen Parkfläche der ehemaligen Klosteranlage und die Kirchenruine selbst betrifft, kann davon betroffen sein.

Ruine der Klosterkirche (Foto: Holger Herschel)

Bis dahin bleibt die Klosterkirchenruine in den frostfreien Monaten weiterhin offen für die vielen Besucherinnen und Besucher, die jährlich zu Tausenden den Standort besuchen. Seit 2016 hat der Fachbereich Kunst und Kultur des Bezirksamtes Mitte von Berlin die Ausstellungsreihe „statement & dialogue“ ins Leben gerufen und zeigt künstlerische Positionen, die sich mit der Architektur des Gebäudes und seiner Geschichte wie mit dem immer näher rückenden Wandel der umliegenden Stadtlandschaft auseinandersetzen.

Auch in 2018 werden wieder Künstlerpositionen eingeladen, die sich mit den Umgestaltungsprozessen der Stadt beschäftigen und einen Bogen zwischen Kulturgeschichte und der sich ausdehnenden, schwer fassbaren Gegenwart ziehen. So wird es spannend bleiben in den nächsten Jahren. Bis die Ausgrabungen uns für eine Perspektive auf die Stadt an diesem Standort verpflichten und hoffentlich auch anregen. Kunst und Denkworkshop haben dazu einen Beitrag geleistet. 

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Dr. Ute Müller-Tischler 

Informationen

Auf der Website der Ruine der Franziskaner Klosterkirche finden Sie weitere Informationen zu aktuellen und vergangenen Ausstellungen und Veranstaltungen.