Von Otherness und Privilegien

Linke Spalte

Seit 2015 liegt die künstlerische Leitung der Galerie Wedding in den Händen von Bonaventure Soh Bejeng Ndikung und Solvej Helweg Ovesen. Für jeweils zwei Jahre werden die Projekte Post Otherness Wedding (POW) und Unsustainable Privileges (UP) mit vier Solo-Ausstellungen pro Jahr sowie einem Performance- und Diskussionsprogramm realisiert. Gemeinsam mit Dr. Ute Müller-Tischler, der Leiterin der Galerie Wedding, entschieden sich die Kurator*innen für eine längere Laufzeit der Projekte, um behandelte Themen über einen längeren Zeitraum präsentieren und auch mit den jeweiligen Künstler*innen diskutieren zu können.

Das Ausstellungsproramm POW thematisierte den Prozess des Otherings (die eigene Identifikation über die Differenzierung und Distanzierung zu Fremdgruppen) bzw. dessen Überwindung und positiven Blick in die Zukunft. Zum Beispiel wurde mit deutschen Künstler*innen wie Henrike Naumann gearbeitet, um hervorzuheben, dass auch innerhalb Deutschlands, zur Zeit der Teilung des Landes, Othering stattgefunden hat. In ihrer Ausstellung „Aufbau Ost“ war im Frühling 2016 ein imaginäres Jugendzimmer zu sehen, das das Aufwachsen in den 90er Jahren in den neuen Bundesländern darstellte und die Zersplitterung Deutschlands fokussierte. Eine andere Ausstellung, die im Rahmen des Programms gezeigt wurde, trug den Namen „No food for lazy men“ und war besonders durch ihre Langlebigkeit und die Eröffnungsveranstaltung ein Highlight für die Kuratorin Solvej Helweg Ovesen. Anhand einer Umfrage unter afrikanischen Migrant*innen im Wedding kreierte der Künstler Emeka Ogboh aus deren Geschichten zur Migration und Integration in Kooperation mit der Vagabund Brauerei das Bier „Original Sufferhead“. Dieses sehr dunkle Bier mit Mango-Chili-Note wurde während der Veranstaltung gezapft. „Das Projekt hat gezeigt, dass other sein nicht unbedingt eine Opferposition sein muss, sondern auch eine, aus der man handeln kann und aus der ein anderes Bild von Afrikanern in Berlin geschaffen werden kann“, beschreibt Ovesen. 

Die Ko-Kuratorin im Gespräch über die Projekte POW und UP.

Rückblickend konnten mit dem Programm POW ortsspezifische Projekte mit viel Interaktion realisiert werden, die im Kleinen präsentiert haben, was vielleicht auch in größerer Dimension funktionieren kann. Beispielhaft dafür sind die Ausstellungen „Law Shifters“ und „German for Newcomers“ der dänischen Künstlerin Stine Marie Jacobsen. Dafür wurden Workshops organisiert, in denen Geflüchtete und Zugewanderte alternativen Sprachunterricht entwarfen, bei dem spielerisch Machtverhältnisse zwischen Lehrenden und Lernenden verschoben wurden. Das Projekt „Law Shifters“ konzentrierte sich auf Migrationsgesetze, die in Zusammenarbeit eines Rechtsanwalts mit geflüchteten und Berliner Jugendlichen neu entworfen wurden. Eine Kombination beider Projekte wird mittlerweile an Schulen als Unterrichtspaket angeboten. „Post Otherness Wedding hat innovative Aspekte der Kunst hauptsächlich von in Berlin lebenden Künstler*innen anderer Kulturen gezeigt und was dieser Blick von außen auch lokal generieren kann“, fasst Ovesen das Programm zusammen. Dass künstlerische Prozesse auf diese Weise zurück in die Gesellschaft wirken können, spielt für die gebürtige Dänin generell eine große Rolle in ihrer Arbeit. 

Anknüpfend an POW trägt das Programm der Folgejahre 2017 und 2018 den Titel Unsustainable Privileges (UP) und diskutiert mit verschiedenen Ausstellungen die Fragen, was unter Privilegien und nachhaltigen Privilegien zu verstehen ist und wie damit umgegangen werden kann. Das Thema Migration wird weiter fortgeführt und kann als roter Faden beider Programme gesehen werden. Wichtig ist den Kurator*innen auch bei diesen Ausstellungen, soziale Attraktionen zu schaffen und offene Situationen für das Publikum anzubieten. Bonaventure Soh Bejeng Ndikung legt in seinem Job großen Wert auf das Zusammenspiel von Künstler*innen, Kunstwerken und Besucher*innen. Die Wechselwirkungen zwischen diesen Elementen interessieren ihn: „Es ist wie eine Art Jam Session“, erklärt er. So wurde zum Beispiel zur Eröffnung der Ausstellung von Dafna MaimonOrient Express“ eine Performance („Falafel Interval“) der Künstlerin gezeigt, zu der auch Essen und Getränke angeboten wurden. In ihrer Ausstellung stellt die Finnin den Kebab-Laden ihres Vaters nach, der der erste in ihrem Heimatland war. Dies verbindet sie mit einer Videoinstallation aus persönlichen Erinnerungen und der Darstellung einer patriarchalen Gesellschaft. Anhand des Fensterbildes gewinnen auch Passant*innen, die die Galerie nicht betreten, einen Eindruck dieser Ausstellung. Für Solvej Ovesen, die es besonders liebt, mit Räumen zu arbeiten, ist diese Möglichkeit, das Bild auch nach außen zu tragen, „ein Riesengeschenk“. Ihre Ambition ist es für jede Ausstellung, die Möglichkeiten des großen Raumes der Galerie zu nutzen.

Ausstellungsansicht "Orient Express"

Bezüglich der ausgestellten Künstler*innen entscheiden beide Kurator*innen nach bestimmten Kriterien. Nachdem Vorschläge gesammelt und gefiltert wurden, wird sich in langen Diskussionen auf die Künstler*innen geeinigt. Dabei müssen ästhetische, politische, intellektuelle und auch zum Teil migrationsgeschichtliche Ansprüche erfüllt werden. Auch die gerechte Verteilung der Geschlechter unter den Künstler*innen ist den Kurator*innen wichtig. In der Zusammenarbeit zwischen den beiden kommt es dabei mitunter zu heftigen Debatten, die aber immer gelöst werden können. Beide kennen sich seit mehreren Jahren und haben ein stabiles Vertrauensverhältnis aufgebaut. Die Verteilung der Arbeitsfelder war von Vornherein klar: Während die inhaltlich-kuratorische Leitung aufgeteilt wird, kümmert sich Solvej Helweg Ovesen auch um die Projekt- und kunstprofessionelle Teamleitung. Durch weitere Projekte, die Ndikung und Ovesen neben ihrer Arbeit für die Galerie Wedding international ko-kuratieren, bekommen sie immer neue Inspiration, die auch hier mit einfließt.