Wie ein Weckruf - Ein Einblick in das Kunstfestival Ortstermin 18

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Videoarbeit von Oscar Lebeck, © GN|KVT

Aufregend und vielfältig: Mit einem geballten Programm aus 84 Orten und 200 Künstler*innen an drei Tagen gibt das Kunstfestival Ortstermin einen intensiven Einblick in die Moabiter Kunstszene. Auffällig viele weibliche Künstlerinnen bereichern in diesem Jahr den Ortstermin mit ihren Arbeiten und bestärken damit eine wichtige, nach wie vor unterrepräsentierte Position in der Kunst.

Hoch hinaus! Das Motto des diesjährigen, vom Kunstverein Tiergarten organisierten Ortstermin wird gleich wortwörtlich genommen: Am Samstag betrete ich mit mindestens 20 anderen Neugierigen eine Privatwohnung im 9. Stock des berühmten Wohnhochhauses „Schwedenhaus“ im Hansaviertel, das 1957 von den Architekten Fritz Jaenecke und Sten Samuelson gebaut wurde. Es ist die erste Station auf der heutigen Tour durch die überwältigende Festivallandschaft. Bei den beliebten Rundgängen, insgesamt acht in diesem Jahr, zeigen Mitglieder und Freunde des Kunstvereins Tiergarten den Besucher*innen per Fahrrad oder zu Fuß ausgewählte Orte des Festival-Programms und laden zum Gespräch mit den Künstler*innen ein. An diesem Nachmittag ist Dr. Claudia Beelitz unser Guide, Projektleiterin des Ortstermins 2018. Sie hat alle Rundgänge vorbereitet und schätzt den angeregten Austausch zwischen Besucher*innen und Künstler*innen.

Briefe an die Mutter

Teppiche, alte Fotografien, hohe Bücherregale: Die Wohnung der Künstlerin und Kulturpädagogin Katja van Dyck-Taras wirkt hell und einladend. Sie lebt und arbeitet seit 1971 in diesem Wohnatelier, dessen Balkon einen phänomenalen Blick auf den Tiergarten und die Siegessäule freigibt. Zum Ortstermin hat sie ihre Türen für die Ausstellung „Zeitschichten“ geöffnet. Fast beschützend legt sie ihre Hände immer wieder auf ein zylinderartiges Objekt, das zwischen den Zimmern auf einem Holzsockel steht und durch einen Spiegel halbiert wird. Erst bei näherem Hinsehen werden Schriftstücke erkennbar, deren Inhalt dem*r Betrachter*in verborgen bleibt. Es sind in Plexiglas eingelassene Luftpostbriefe, die Frau van Dyck-Taras – damals junge Mutter von zwei kleinen Söhnen – aus Südafrika an ihre Mutter schrieb. Die sehr privaten Anekdoten halten den wichtigen Lebensabschnitt fest und werden jetzt zu sichtbarem Zeitgeschehen. „Zeitkreise D&T“ heißt das Objekt, das eine intensive Kommunikation dokumentiert, ohne Privates zu verraten.

Das Persönliche, die eigenen Geschichten finden immer einen Weg in ihre Kunst. Katja van Dyck-Taras schöpft aus ihren gesammelten Erinnerungen: „Die Materialien kommen auf mich zu und dann mache ich etwas daraus.“ Druckgrafiken, Collagen, Radierungen, Malereien – Ihr „Lebensmaterial“, das sie in einer kleinen Nische zu sammeln begonnen und dann stets erweitert hat, findet die vielfältigsten Ausdrucksformen. Ihre Objekte verleihen dem luftigen Wohnatelier eine ganz eigene Note. Gern hätten wir verweilt, aber es geht wieder nach unten.

Von herausragenden Künstlerinnen und frierenden Mädchen

Nach einem kurzen Abstecher zur Hausboot-Galerie von Michael Haberkorn – einer kleinen Ruhe-Oase gleich neben der dröhnenden Straße des 17. Juni – radelt unsere Fahrradkolonne weiter in die Händelallee. Wir sind am Pavillon des Goldrausch Künstlerinnenprojekts angekommen. Hier geben die 15 Teilnehmerinnen des Professionalisierungsprogramms mit der Werkschau „Instant Interior“ einen kleinen Einblick in ihre Arbeiten.

Goldrausch bietet seit den 1980er Jahren explizit weiblichen Künstlerinnen eine Plattform, um sich nach dem Studium in einem einjährigen Kurs zu vernetzen und das eigene Selbstverständnis als Künstlerin zu stärken. Der Professionalisierungskurs ist begehrt: Auf 15 Plätze bewerben sich 600 Künstlerinnen. Das diesjährige Projekt stellen Annelies Kamen und Anna Fiegen vor, wobei sie schwer zu verstehen sind: Eine lautstark vibrierende elektrische Zahnbürste, deren Borsten als lange Walle-Mähne bis zum Boden reichen, verschafft sich ebenfalls Gehör. Das Objekt stammt von Annelies Kamen. „Gags and Jokes“ sind ihre Themen, erklärt sie. Kunst darf ihrer Meinung nach auch einfach Spaß machen, ohne politisches Hinterfragen und Ernsthaftigkeit. Ein bisschen Zynismus und Ironie gehört trotzdem dazu: „Girl, you should have brought a coat to the club“ heißt das vibrierende Werk, das an eine bibbernde Clubgängerin erinnert, in schier endlosen Schlangen vor Berliner Clubs wartend.

Anna Fiegen, deren Druckgrafiken von Nachkriegsarchitektur genau an das eben besichtigte Hochhaus erinnern, empfindet die Zeit bei „Goldrausch“ als unglaublich intensiv. Da es keine Altersbegrenzung gibt, könne man super voneinander lernen. Die Künstlerinnen stellen ihre Arbeiten in diesem Jahr in der umfassenden Abschlussausstellung unter dem Titel „Archipelago“ Ende September vor.

Geschichten hinter Gesichtern

Wir radeln weiter zum Kiezladen Offenes Wohnzimmer in die Waldenser Straße 13. Hier haben sich die Künstler*innen des Ateliers Studio Migra und das Künstlerkollektiv Nomadic Art für die Ausstellung Entlegen zusammengetan. Migration, Identität und soziale Inklusion gehören zu den Themen von Studio Migra. Die Mitglieder von Nomadic Art lernten sich beim Organisieren von Kunstworkshops für Frauen in Notunterkünften kennen. Der starke soziale Fokus ist für beide Plattformen ein zentrales, verbindendes Element.

Mit einer Pan-Drum, Synthesizern, Gitarre und Effektgeräten lässt Performerin Loh sphärische Klänge durch den Raum wabern, in dessen Mitte ein spielerisches Ensemble aus fleischfarbenen, organischen Figuren aus Keramik steht. Phallische Bäume? Knubbelige Vulkane? „Jeder sieht was anderes in den Formen“ erklärt Myriam Perrot von Nomadic Art über ihr spielerisches Werk „Promenons-nous dans les bois“. Inspiriert von Musik und Spielweise haben sich manche Besucher*innen auch schon hinreißen lassen, die Figuren umzustellen. Da wurde die Landkarte Afrikas nachgestellt und mit kindlicher Begeisterung wieder eine andere Anordnung geschaffen.

Myriam Perrot hat „Entlegen“ als spontane Ausstellung gemeinsam mit Julia Widdig und Pia Achternkamp für das Festival kuratiert.

Das eigentliche Kernprojekt von Nomadic Art ist das fortlaufende Format „Moabiter Geschichten“: Mit Porträtzeichnungen, Aufnahmen und anonymen Briefen zwischen Nachbar*innen hat Nomadic Art seit Mai 2017 eine Kontaktaufnahme zwischen Bewohner*innen in Moabit angeregt und sichtbar gemacht. „Ich habe das Gefühl, Moabit ist ein Dorf. Man fühlt sich sicher, wenn man weiß, wer seine Nachbar*innen sind. Man sieht ein Gesicht und nun hat das Gesicht auch eine Geschichte“ erklärt mir Julia Widdig, die „Moabiter Geschichten“ mit ins Leben gerufen hat. „Es geht darum, eine Zuhörkultur aufzubauen: Sich trauen, nachfragen und zuhören“ resümiert sie das Bedürfnis nach einem Überwinden von Fremde. Die Fortsetzung der Moabiter Geschichten beginnt schon im Offenen Wohnzimmer: Die Besucher*innen werden eingeladen, auf Fragebögen etwas über ihre Lieblingsläden in Moabit zu erzählen.

Myriam Perrot und Julia Widdig von Nomadic Art, Foto: Pauline Piskač

Mehr Sichtbarkeit

„Ich hätte mich allein gar nicht getraut, überall rein zu gehen. Morgen bin ich mutiger.“ beschließt eine Teilnehmerin nach dem Rundgang. Ich bin heute schon mutig und sitze nach Anbruch der Nacht mit anderen Wachgebliebenen vor dem Schaufenster der Galerie Nord in der Turmstraße. Hier läuft das von Veronika Witte und Julia Heunemann kuratierte Videoscreening-Programm „In between“. Die Sonderausstellung innerhalb des Ortstermins feiert in diesem Jahr Premiere mit 14 Videokunst-Beiträgen. Erst sitzen nur einzelne Menschen verstreut auf den Bänken, nach und nach füllt sich der Bürgersteig mit Schaulustigen. Zufällig komme ich mit Johanna Terhechte ins Gespräch, deren Film „The Murder - A Tribute to Daisy Armstrong“ gezeigt wird. Die VHS-Bänder der Verfilmung von „Mord im Orient-Express“, dem berühmten Krimi-Roman von Agatha Christie, flattern einsam im Wind vor karger Landschaft, akustisch begleitet von der Filmmusik. Daisy Armstrong, Mordopfer, Hauptperson und doch ewig unsichtbar in Film und Buch, bekommt hier eine eigene Sichtbarkeit. „Das finde ich gut, dass da jetzt was passiert“ sagt Johanna über die verstärkte Präsenz von Frauen in der Kunst. „Dass darauf geachtet wird, ist wichtig und auch, dass es gute Positionen sind.“

Mutige Frauen

Wie ein Weckruf tönt die Stimme von Sirje Viise am Sonntag schrill durch den Kirchturm der Reformationskirche Moabit, geht durch Mark und Bein, um dann die Zuhörer*innen wieder sanft in Sicherheit zu wiegen. Kurz darauf schnellt sie wieder in ungeahnte Höhen empor. Schreit, fleht, ebbt ab. Der Gesang verleiht der algerischen Freiheitskämpferin Djamila Boupacha eine zweite, starke Stimme. Die Qualen und Gedanken, die Boupacha 1961 unter Folter durch Mitglieder der Französischen Armee durchlebt hat, lässt Gesangskünstlerin Sirje Viise zu Tönen und Melodien werden. Mal zart anklagend, dann laut aufbegehrend. Djamila Boupacha selbst setzte sich, bestärkt durch die mediale Öffentlichkeit ihres Falls, in einem Prozess gegen ihre Peiniger zur Wehr.

Luigi Nono hat das dreiteilige Werk „Canti di vita e d'amore“ für Sopran und Orchester 1962 komponiert und den algerischen Freiheitskämpfern gewidmet. „Djamila Boupacha“ ist der Titel des zweiten Teils.

Laurie Schwartz, Komponistin und Kuratorin von itinerant interludes, einem Format für Pop-up-Konzerte an besonderen Orten, wollte eine starke Frauenstimme auf dem Kirchturm haben. Für „itinerant interludes #32“ hatte sie eigentlich nur ein Stück im Sinn: „Prelude to the Holy Presence of Joan d'Arc“ von Julius Eastman. Es wurde eine atemberaubende Performance aus drei Stücken daraus, welche Sirje Viise gleich dreimal hintereinander präsentierte.

Zuhören im Kirchturm, Foto: Irene Pozzi

Sie beginnt vom Balkon des Kirchturms aus mit gregorianischen Gesängen, die per Megafon im Stil eines islamischen und von Männern gesungenen Gebetsrufs den unten stehenden Zuhörer*innen entgegenschallen. Im Inneren des Kirchturms erschreckt und bewegt Nono's abstrakte Komposition die Hörer*innen, die jetzt mit Hund und Kind auf den Treppenstufen Platz genommen haben. Der Widerhall des Turms verleiht dem Gesang etwas Magisches. Das letzte Stück des zu seinen Lebzeiten verkannten Julius Eastman (1940 – 1990) tönt anklagend, traurig und animierend zugleich. Die Geschichte der französischen Nationalheldin Jeanne d’Arc (ca. 1412 – 1431), ist Vorlage für dieses letzte Verhör. „Speak boldly!“ – Sprich mutig! fordert die Sängerin in verschiedensten Stimmlagen auf. Mal aufgebracht, hoch, wütend, dann wieder zart und einschmeichelnd, zuletzt immer tiefer und schwächer werdend. Nachdem der letzte Ton verklungen ist, steigt Sirje Viise langsam die Treppen hinunter und hinterlässt ein sichtlich bewegtes Publikum.

Rechte Spalte

Wie ein Weckruf - Ein Einblick in das Kunstfestival Ortstermin 18

von Pauline Piskač

Ortstermin 18
Hoch hinaus!

Kunstfestival in Moabit und im Hansaviertel
1. - 3. Juni 2018
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