Mit Gesang und Spiel und Tanz

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Weihnachts-Fest-Karte

Man möchte einmal dabei gewesen sein – bei einem jener Feste des Vereins Berliner Künstler, denen durch das Zusammenwirken von Bildender Kunst und Literatur, Schauspiel, Tanz und Musik, Architektur und Kunstgewerbe der Charakter von Gesamtkunstwerken eigen war. Von ihnen und ihrem Ablauf erzählen uns aufwändig gestaltete Festkarten, Programme und Eintrittskarten, die in ihrer zeichnerischen Raffinesse durchaus als eigenständige Kunstwerke zu betrachten sind.

Dass die Winterfeste des Vereins Berliner Künstler in den ersten drei Jahrzehnten seit seiner Gründung am 19. Mai 1841 vorzugsweise als „Weihnachtsfeste“ bezeichnet wurden, obwohl sie meist im Januar und nicht selten gar im Februar stattfanden, wirft ein Licht auf den familiär-intimen Charakter der Feste. So stärkten die Künstler*innenfeste des als Gemeinschaft von Malern, Architekten, Graphikern und Bildhauern gegründeten Vereins zunächst in erster Linie den Zusammenhalt der Vereinsmitglieder und dienten darüber hinaus dem Verein, sich dem öffentlichen Bewusstsein einzuschreiben – gleichsam eine Visitenkarte vorzulegen.

Dabei künden die Festkarten von jenem Einfallsreichtum, sprühenden Witz und Humor, der gerade in den ersten drei Jahrzehnten den ausgelassenen und heiter-gemütlichen Charakter der Feste bestimmte. Dieser verdankte sich insbesondere auch den Maskierungen der Teilnehmer*innen, die möglichst grotesk und geistreich zu sein hatten. Ganz augenfällig hat die Künstler*innenschar auf einer von Carl Koch gezeichneten Festkarte für das Weihnachtsfest 1862 den Humor auf ihr Schild gehoben. (siehe Titelbild)

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So sah das Programm eines Weihnachtsfestes aus

 

So heiter sie waren – so konsequent verliefen die winterlichen Herrenfeste jedoch nach einem vorher festgelegten Programm, das sich in seinen Hauptzügen zumeist ähnelte (siehe oben). So sah man, wie der Kunstschriftsteller Ludwig Pietsch 1891 berichtet, vor oder während des gemeinsamen Essens „einem meist humoristischen Festspiel zu, erfreut[e] sich an romantischen oder humoristischen Transparentgemälden und den sie begleitenden Quartettgesängen; lauschte der Erklärung der Tischkarte […] welche ‚die ganze Tafel zum Lachen brachte‘, genoss die Aufführung irgend einer verwegenen Pantomime, […], spendete reichlich in die Sammelteller für die armen und kranken Künstler und blieb in gemüthlichem heiteren Beisammensein bis zum Morgen bei der Flasche sitzen.“

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Vereinsmitglieder als Tiere, gezeichnet von Paul Meyerheim

 

Dass die Dichter*innen bzw. Autor*innen der Festspiele nicht selten auch für die zeitgenössischen Satireblätter wie den „Ulk“ oder den „Kladderadatsch“ zeichneten, wirft ein Licht auf den humoristisch-satirischen Impetus der Feste, der in der Karte zum Weihnachtsfest 1864 besonders sprechend zutage tritt (siehe oben). Hier hat Paul Meyerheim seinen Vereinskollegen in vielfach tierischer Gestalt ein Denkmal gesetzt. Vor der Kulisse des venezianischen Dogenpalastes – eine Anspielung auf das aufgeführte Festspiel ‚Der Doge von Venedig‘ – hat sich die Künstler*innenschar eingefunden und lauscht den Trompetenklängen des Vereinsvorsitzenden Carl Steffeck, der auf dem Musenross Pegasus reitend eine Fanfare bläst. Und auch die von Hermann Scherenberg entworfene Festkarte zum Weihnachtsfest 1865 sprüht von Ironie und Witz (siehe unten). So stellt der Künstler den idealen Höhenflügen der Festlaune die schnöde Prosa des „Katers“ nach dem Fest gegenüber …

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Festkarte zum Weihnachtsfest 1865, enworfen von Hermann Scherenberg

 

Im intimen Charakter der Künstler*innenfeste der ersten dreißig Jahre also spiegelt sich die identitätsstiftende Funktion wider, die den Zusammenkünften des Vereins für seine Mitglieder eigen war. Die Einigkeit der Künstler*innenschaft stärkend, ihren Zusammenhalt suggerierend, dienten die Feste der Selbstvergewisserung einer Institution, die sich der gegenseitigen Bildung und Förderung sowie der sozialen Absicherung und Fürsorge ihrer Mitglieder verschrieben und Darlehens- (1867), Sterbe- (1857) und Unterstützungskassen für hilfsbedürfte Künstler*innen und ihre Hinterbliebenen eingerichtet hatte. Dabei änderte sich mit dem deutsch-französischen Krieg 1870/71 auch der Stil der Feste, die nun nicht mehr nur unterhalten, sondern auch belehren und den Zuschauern wie Mitfeiernden über kaiserlich protegierte künstlerische Ideale und nationalstaatliche Hoffnungen und Ziele Aufschluss geben sollten.

Vor dem Hintergrund, dass die Festveranstaltungen seit Ende der 1860er Jahre auch Nicht-Vereinsmitgliedern der gehobenen Gesellschaftsschichten offen standen und zunehmend den Charakter von Massenspektakeln trugen, ist es nicht verwunderlich, dass die Winterfeste des Vereins Berliner Künstler nach 1871 kaum mehr als „Weihnachtsfeste“ deklariert wurden. Weihnachten in seiner Bedeutung als heiter-idyllisches „Fest der Familie“ konnte für die winterlichen Vereinsfeste nun nicht mehr geltend gemacht werden. Die wunderbar einfallsreichen Festkarten und Programme bringen uns aber noch heute eine Feierkultur nahe, die ihresgleichen sucht.

Die Autorin ist Kunsthistorikerin und leitet die Guthmann Akademie gUG (haftungsbeschränkt) - Forum für Berliner Kunst- und Kulturgeschichte. Dem Thema der Feste des Vereins Berliner Künstler hat sie sich auch in dem Band "Künstlerfeste. In Zünften, Akademien, Vereinen und informellen Kreisen" [Hrsg. von Andreas Tacke, Birgit Ulrike Münch, Markwart Herzog, Sylvia Heudecker, Petersberg 2019] angenommen.

Rechte Spalte

Mit Gesang und Spiel und Tanz

Die Weihnachtsfeste des Vereins Berliner Künstler 1841-1871

von Miriam-Esther Owesle