Wenn Schafe Kunst werden

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Eine Herde Schafe am Hansaplatz vor staunenden Menschen

Dicht gedrängt stehen sie nahe dem Eingang zur U-Bahn-Haltestelle Hansaplatz. So dicht, dass sie wahrscheinlich den schnellen Atem des anderen fühlen können. Stören scheint sie diese Enge nicht, denn sie verhalten sich ruhig. Nur ab und zu ist ein „Mäh“ zu hören. Die Schafe schauen in eine Richtung, nur ein paar wenige haben ihre schwarzen Köpfe in die entgegengesetzte gerichtet.

„Schafe auf dem Hansaplatz – das hab selbst ich noch nicht gesehen“, lacht eine Frau, die sich mit vielen anderen Personen um den Zaun drängt, in dessen Mitte die Herde mit rund 200 Tieren steht. Die vielen faszinierten Gesichter verraten: ihnen geht es ähnlich. Doch ein paar zusammengezogene Augenbrauen scheinen auch zu fragen: „Was haben Schafe denn in der Stadt verloren?“ Und genau um Fragen wie diese geht es an diesem Kick Off-Wochenende des Projektes „Kunst im Stadtraum am Hansaplatz“. Acht Künstler*innen bearbeiteten dafür verschiedene Orte an besagtem Platz. Die künstlerische Leitung hat Elke Falat inne, die hier im Interview mit Kultur Mitte über das Projekt gesprochen hat.

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Der Schäfer hält seine Ansprache

 

Eine Frau steigt nun auf eine Bühne, die vor den Schafen aufgebaut ist. Die Tiere stehen nämlich nicht nur herum, sie sind vom Haus der Kulturen der Welt bis hierher gelaufen, in einer Schafsdemonstration. Und wie es sich für eine Demonstration gehört, findet nun eine Kundgebung statt. „Ich habe einen Wunsch an die Stadt von morgen: Dass Schafe ohne Zaun von Wiese A zu Wiese B gehen können, wie es das in anderen Ländern auch gibt“, sagt Folke Köbberling. Sie ist Künstlerin und hat die Schafsdemo initiiert. Ähnlich formuliert es Knut Kucznik, der Schäfer der Herde aus Altlandsberg: „Ich würde mich freuen, wenn Berliner wieder mehr zum Schaf und zur Ziege finden.“ Dass seine Tiere nun hier mitten auf dem Hansaplatz stehen dürfen, wertet er als ein gutes Zeichen.

Ein Platz für Gemeinschaft

Dieser Platz, der eigentlich eine Kreuzung ist, ist ein besonderer. Nicht wegen des schrägen Namens, sondern weil hier 1957 ein neuartiges Wohnprojekt realisiert wurde. Im Rahmen der Internationalen Bauausstellung, der Interbau wurde eine Mustersiedlung erbaut, die einen Wert auf Gemeinschaft legt. In den blockartigen Häusern gibt es nicht nur Einzelwohnungen, sondern auch Gemeinschaftsräume. Auch alle sonstigen Gebäude auf dem Hansaplatz sind für die Öffentlichkeit bestimmt: das Grips-Theater, die Stadtbücherei, die Kirche und die Einkaufsläden. Das Viertel wurde gebaut für eine neue demokratische Gesellschaft nach dem Zweiten Weltkrieg.

Nun stehen hier also 200 Schafe auf dem Hansaplatz. Fünf von ihnen werden fünf Wochen hier bleiben und auf der Wiese an der U-Bahn-Station auf der Ecke Klopstockstraße und Altonaer Straße leben. „Sie sind dann neue Nachbarn“, sagt die Künstlerin Köbberling lächelnd am Samstag, dem Vortag zur Demo, als sie ihr Projekt erklärt. „Es haben sich schon 15 Familien gefunden, die Pat*innen für die Schafe werden wollen.“ Sie werden die Schafe morgens also aus ihrem Stall lassen, das Stroh tauschen, sie mit Heu füttern, den Strom auf dem Zaum kontrollieren, ihnen Wasser geben. „Nachbarn auf Zeit“ heißt das Projekt.

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Hier werden die Schafe wohnen. Die Wolle dürfen Anwohner*innen verwerten

 

Einige Anwohner*innen sind gekommen, um sich den Stall anzusehen. Der ist von allen Seiten mit Wolle belegt und hebt sich optisch zwischen all den Platten und dem Beton des Platzes ab. Und auch geruchlich entsteht an diesem Ort jetzt schon ein Unterschied zu den mechanischen Großstadt-Gerüchen von U-Bahnen und Autos. Obwohl am Samstag des Kick-Off-Wochenendes noch keine Schafe auf dem Platz sind, riecht es durch die Wolle nach Tier, nach Stall, nach Land.

Über die Wolle zum Schaf

Die Menschen sind eingeladen, der Künstlerin Fragen zu dem Projekt zu stellen. Ob es nicht traumatisierend für die Schafe sei, hier durch die Großstadt geführt zu werden und auf einmal hier leben zu müssen? „Nein“, antwortet sie. Es seien Wanderschafe, die von dem Schäfer über Straßen von Dorf zu Dorf geführt würden. „Vielleicht tun die Schafe der Stadt auch gut“, sagt sie. „Sie könnten die Stadt entschleunigen. Wenn Menschen dafür sensibilisiert sind, dass die Tiere da sind, fahren sie langsamer, sind achtsamer. So wie in Schottland, wo man auch die ganze Zeit bereit ist, zu Bremsen, weil ein Schaf auf die Straße laufen könnte.“

Der Schäfer zumindest wünsche sich wieder mehr Tiere in der Stadt. Früher einmal sei das so gewesen. „Die Stadt hätte auch etwas davon“, sagt Köbberling. „Die Schafe grasen auf den Wiesen, sie müssen nicht gemäht und auch nicht gedüngt werden.“ Offenbar sind Künstlerin und Schäfer nicht allein mit ihrer Meinung. Denn am Sonntag bei der Schafsdemo sind aus ganz Deutschland 18 weitere Schäfer gekommen, um auf ihren in Vergessenheit geratenen Beruf und die schwierigen Umstände aufmerksam zu machen.

Folke Köbberling kam über die Wolle zum Schaf. Schon immer arbeitete die Künstlerin mit vermeintlich wertlosen Materialien, nutzte zum Beispiel alte Messestände für eine Installation. Dann lernte sie einen Schäfer kennen, der ihr erklärte, dass deutsche Wolle auch ein wertloses Material sei. Sie gelte als zu kratzig für Pullover, werde deswegen vor allem für Wohntextilien wie Teppiche genutzt. Dafür sei aber kaum Infrastruktur da, sodass der Preis für ein Kilo Wolle bei 10 Cent liegt. Köbberling begann, mit der Wolle zu arbeiten und schaffte beispielsweise für ein Werk im letzten Jahr eine Tonne Rohwolle in den Allgemeinen Kunstverein in Braunschweig.

Der Zaun kommt noch

Der Schritt zum Schaf war kein weiter. Und so brachte sie nicht nur eine halbe Tonne Wolle zum Hansaplatz, sondern die Tiere gleich mit. „Vor allem für die Kinder ist es toll“, sagt eine Mutter am Samstag, die sich gerade für eine Pat*innenschaft einträgt, „hier etwas mit Tieren zu tun zu haben. Und ich finde spannend, dass man das mit anderen Leuten aus der Nachbarschaft zusammen macht. Bestimmt kenne ich von ihnen kaum jemanden und lerne sie so kennen.“ Ein beistehender Mann, ebenfalls Pate, antwortet auf das Warum knapp: „Es ist einfach cool.“ Ein paar der Anwohner*innen sind aber auch skeptisch. „Werden die Schafe denn nachts bewacht?“, fragen einige. „Laufen die nicht weg? Hier ist ja gar kein Zaun“, fragen andere. „Der kommt noch“, kann Köbberling versichern.

Zusammenleben braucht offenbar auch Regeln und Grenzen, so klingt es aus den Fragen der Beistehenden heraus. Immerhin ist das mit der Gemeinschaft keine so leichte Sache. Viele Menschen mit eigenen Köpfen müssen darin vereinigt werden. Das merkte man auch bei der Lesung „Bringt ein paar Stühle mit ...“, inszeniert von Kristina Leko und David Smithson, die Samstag nach der Einführung zu „Nachbarn auf Zeit“ stattfand. Ein „Manifest des guten Lebens und das Miteinander in der Stadt von morgen“, sollte hier verlesen werden. Die Künstler*innen hatten dazu zuvor Gespräche mit 100 Anwohner*innen geführt. Sie alle waren eingeladen, danach noch länger mit den Künstler*innen zu reden. Diese längeren Gespräche sollten dann verschriftlicht und veröffentlicht werden. Nur elf nahmen diese Einladung an. Zwei dieser Interviews veröffentlichte das Duo wegen rechtsextremer Inhalte nicht, die anderen sind auf der Homepage zu finden.

Aus diesen Gesprächen wollte die Künstlerin Kristina Leko also ein Manifest formen. Als sie mit einem Vorschlag – sie hatte die einstigen Ich-Aussagen zu Wir-Aussagen zusammengefasst – in die Runde kam, sträubte sich die Gemeinschaft aber. Das wäre ein undemokratisches Vorgehen, um ein solches Manifest zu schreiben bräuchte es mehr Zeit und mehr Mitsprachemöglichkeit, sagten sie. Das erzählt Leko bei der Lesung. Da wird deswegen auch kein Manifest verlesen, sie haben es nicht fertig bekommen. Stattdessen liest jede Person für sich einzelne Statements.

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Die Lesung in abendlicher Stimmung

 

Dazu sitzen sie in zwei im rechten Winkel zueinander aufgestellten Stuhlreihen nebeneinander, reichen das Mikrofon weiter. Unter ihnen im Boden ist der Grundriss einer Wohnung im Niemeyer-Haus eingelassen, der öffentlichen mit privatem Stadtraum vereint. Drei der Original-Leser*innen sind nicht da, deswegen wird das Publikum gebeten, sie zu ersetzen. Es mag Zufall gewesen sein, trotzdem passt das Einbeziehen der anderen zu diesem Ort und zu dieser Idee. Als sei es von Anfang an so geplant gewesen.

Sie lesen also ihre Impulse für ein besseres Leben vor. „Ich habe die Erfahrung gemacht, je mehr Menschen verschiedener Länder man kennenlernt, desto mehr lernt man“, sagt ein älterer Mann in einer roten Jacke. „Die Architektur müsste so sein, dass er Rückzugsraum und Gemeinschaftsraum gleichzeitig zur Verfügung stellt“, liest eine Frau mit grauem Wollcardigan. „Das funktioniert aber nur, wenn sich jemand für den Gemeinschaftsraum verantwortlich fühlt und ihn pflegt.“ „Das Fiasko der Gemeinschaft in der Architektur ist ein Fiasko der Gesellschaft selbst“, sagt eine ältere Frau im weißen Blazer. Die Lesenden erzählen aber auch vom Elend und Kriminalität, die auf dem Hansaplatz stattfindet. Dass ältere Menschen ausgeraubt werden. Dass die Toiletten zum Konsum von Drogen genutzt werden. Dass Obdachlose sich hier treffen und vor den Geschäften betteln.

Die großen Häuser werfen den Schall der Worte zurück, erzeugen ein Echo. Auf einzelnen Balkonen stehen Menschen und schauen sich die Szenerie an. Auch vorbeifahrende Fahrradfahrer*innen radeln langsamer oder bleiben kurz stehen. Wo viele Leute sind, da entsteht Aufmerksamkeit. Nur wie wird daraus eine echte Gemeinschaft? Diese offene Frage bleibt nach der Lesung. Im November und Dezember soll die Arbeit am Manifest weitergehen. Nun aber sind alle eingeladen, ihre Stühle zu einem Tisch zu tragen, auf dem Kaffee und Kuchen bereitstehen. Die Lesenden möchten mit den Zuhörenden ins Gespräch kommen.

Das ist das Leben“

In Sichtweite auf der anderen Straßenseite sitzt ein Mann auf einer Mauer und trinkt Bier. Auch er ist Anwohner des Hansaplatzes, er wohnt in einer Einrichtung für betreutes Wohnen chronisch Erkrankter. Er war viele Jahre heroinabhängig und hat sich mit Hepatitis infiziert. Die Krankheit ist zwar geheilt und seine Sucht hat er im Griff, trotzdem findet er keinen Job und ist auf Hartz 4 angewiesen. Er erzählt von seiner Zahnprothese, die ihm Ärger macht, und seiner Einsamkeit. Obwohl er allein dort sitzt, geht er nicht zu den Menschen rüber, die sich nun für Kaffee, Kuchen und Gespräche versammelt haben. Ob er von den Veranstaltungen dieses Wochenende gehört habe? „Ja, morgen kommen hunderte Schafe“, sagt er. Ob er nicht auch Lust hätte, Pate für die Schafe zu werden? Er lacht laut und sagt: „Das hat mir gerade noch gefehlt.“

Und doch, am Sonntag ist er trotzdem da. Er steht bei den Schafen und stellt viele Fragen. Was wollen sie denn? Geld? Aufmerksamkeit? Wie viele bleiben hier? Fünf? Für immer? „Ach so, eine Kunstaktion. Damit kann ich nichts anfangen“, sagt er. Kurz danach verabschiedet er sich. Ein paar Momente später kommt er zurückgelaufen: „Guck mal da um die Ecke. Da sammeln Frauen die Kacke von den Schafen auf“, sagt er und lacht. Er geht weiter und dreht sich nochmal um. „Das ist das Leben!“, ruft er lachend.

Folke Köbberling lädt dazu ein, die Wolle der Schafe zu verwenden. Dafür gibt es Workshops zur Wollverarbeitung:

- 17.09. 16.30-19.00 Uhr mit Almut Eppinger, Kostümbildnerin

- 28.09. 15.00-18.00 mit Folke Köbberling

- 02.10. 16.30-19.00 mit Yolanda Leask, Textildesignerin

Weitere Termine gibt es hier auf der Homepage.

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Wenn Schafe Kunst werden

Welches Potential hat Kunst im Stadtraum? Dieser Frage begegnet man in Berlin häufig. Selten wird sie aber so beantwortet wie beim Kick Off-Wochenende von „Kunst im Stadtraum am Hansaplatz“: mit einer Schafherde.
Ort

Hansaplatz Berlin

von Maike Brülls