Eine Filmausstellung in einem Kirchenbau klingt erstmal ungewöhnlich, doch die Nikolaikirche in Berlin-Mitte ist als Ort klug gewählt, denn hier fand am 11. Januar 1991 die erste konstituierende Sitzung des Gesamtberliner Abgeordnetenhauses seit 1948 statt. Damals wurde mit diesem symbolischen Akt an die erste Stadtverordnetenversammlung angeknüpft, die 1809 hier abgehalten wurde. Zugleich aber ist das Baudenkmal, das vom Stadtmuseum seit 1995 als Ausstellungsort genutzt wird, ein gewagter Rahmen für eine Filmausstellung, denn es gibt weder weiße Wände noch eigene Räume, in denen Filme gezeigt werden können. Doch die Einbettung in den historischen Ort und in die Dauerausstellung funktioniert hervorragend. Auf neun LED-Screens sind 24 Positionen, die zum Teil im Kollektiv entstanden sind, zu sehen. Zusammengehalten werden sie durch ein raumgreifendes wie durchlässiges Display aus Gerüstbauelementen, das von den stadtbekannten rosafarbenen Oberleitungsrohren zusammengehalten wird. Angeknüpft wird damit sowohl an die rege Bautätigkeit, die auf die 1990er–Jahre folgte, als auch an das zu dieser Zeit allgegenwärtige Gefühl, in einem fragilen Provisorium zu leben.



Fokus auf einzelne Biografien
Das Kurator*innenduo aus Florian Wüst und Suy Lan Hopmann hat selten gezeigte Filme ausgewählt, die den Fokus auf einzelne Biografien und persönliche Auseinandersetzungen richten. Dadurch werden die großen historischen Ereignisse anschaulich und in ihrer Vielschichtigkeit erfahrbar. Da ist zum Beispiel Stummel, ein Ost-Berliner Punk, der 1988 verkündet, dass er das Land unbedingt verlassen muss, weil er es dort nicht mehr aushält. Während er das sagt, hält er seine Tochter in den Armen. Die schmerzliche Unvereinbarkeit des Wunsches, Vater zu sein und des Drangs, das Land zu verlassen, überträgt sich eindringlich auf die Zuschauer*innen. In ihrem Film Die Männer der „Vereinten Kraft“ (1989) porträtiert Kerstin Bastian, im Gegensatz zur Verweigerungshaltung von Stummel, Arbeiter des Heizkraftwerks Mitte – darunter Männer, die weniger wütend als nachdenklich wirken und ihr Anderssein durch lange Haare zum Ausdruck bringen. Tamara Trampe wiederum interviewt im darauffolgenden Jahr einen Mitarbeiter der Staatssicherheit und konfrontiert ihn mit ihrem persönlichen Unverständnis und ihrer Enttäuschung darüber, dass das Handeln der DDR-Funktionäre dazu geführt hat, dass „es die Utopie kaputtgemacht hat für mindestens 100 Jahre in Europa.“[1] Jochen Girke, Oberstleutnant und Dozent für „Operative Psychologie“ an der Hochschule des Geheimdienstes, antwortet ihr ausweichend und verklausuliert, noch mittendrin im Verwaltungssprech der Stasi. Erst als Trampe wissen will, wie die Wende für ihn war, taut er etwas auf und wird persönlicher, wenn er erzählt, wie enttäuscht er von der damaligen Parteiführung war.

Das Ende des Schreckens ist auch das Ende einer Utopie
Kamen mit dem Ende der DDR die Erlösung von Stasi-Überwachung und lang ersehnte Freiheiten, so brachte die Wiedervereinigung gleichzeitig neue Enttäuschungen für die Menschen in Ost-Berlin mit sich, wie verschiedene Filme darlegen. Aufschlussreich ist etwa die Auswahl eines Live-Mitschnitts der ersten Abgeordnetenversammlung in der Nikolaikirche, die Wüst in der zur Ausstellung entstandenen und von der Kunsthistorikerin Elke Neumann herausgegebenen Publikation so kommentiert: „Schon in der ersten Sitzung trat deutlich zutage, wie groß das Machtgefälle zwischen den Stadtverordneten aus West und Ost war“. Weiter heißt es: „Die große Koalition aus CDU und SPD entzog den vier Abgeordneten von Neues Forum / Bürgerbewegung per Geschäftsordnungsänderung den Fraktionsstatus und damit wichtige parlamentarische Rechte für die restliche Legislatur. […] Eine bittere Lektion in Sachen repräsentativer Demokratie für die Neuen im Parlament.“[2]

Nachdenklich stimmen auch die Antworten der Schüler*innen in West- und Ostberlin sowie anderen Städten, die im Oktober 1990 gefragt werden, ob sie sich über die Wiedervereinigung freuen. Sie fallen verhaltener aus, als man erwarten könnte, denn die Angst vor Arbeitslosigkeit ist ebenso präsent wie die Angst vor Ausländern und vor den Drogen, die angeblich mit ihnen kommen. Schon in diesen Aussagen schwingen rassistische Vorurteile mit. Umso wichtiger, dass die oft marginalisierten migrantischen Perspektiven einen eigenen Fokus in der Ausstellung bilden. Darunter der Film Bruderland ist abgebrannt von Angelika Ngyuen über die Situation der vietnamesischen Vertragsarbeiter*innen, The Homes We Carry (Brenda Akele Jorde, 2022) über Familien- und Arbeitsbeziehungen zwischen der DDR und Mosambik sowie die beeindruckende Fotorecherche Gurbet is a home now (2020/21) von Pinar Öğrenci über die Wohnverhältnisse der türkisch-kurdischen Community Kreuzbergs in den 1980er Jahren.

Über die 1990er und Ost-Berlin hinaus
In der Ausstellung entsteht durch die ausgewählten Filme, die zeitlich vor und zurück greifen, ein dichtes wie vielschichtiges Bild der Wendezeit, in dem Zweifel und Ängste zur Sprache kommen und West-Berlin weniger als attraktiver „place to be“ erscheint, denn als Ort heruntergekommener Wohnverhältnisse wie bei Öğrenci und einer undurchsichtigen Immobilienpolitik, die Kerstin Honeit am Beispiel des Steglitzer Kreisels im ihrem Fim This is poor! (2024) herausarbeitet. Riki Kalbes Film Bodenproben (1987) erinnert wiederum daran, dass die Aufarbeitung der NS-Geschichte des Prinz-Albrecht-Geländes, dort, wo sich heute das Dokumentationszentrum Topografie des Terrors befindet, lange auf sich warten ließ. Insgesamt ist es eine beeindruckende Filmauswahl, die ein mutig kontroverses Bild der frühen 1990er Jahre entwirft.

Fürs Nachlesen und Vertiefen empfiehlt sich die Begleitpublikation mit ausführlichen Beschreibungen der Filmauswahl, die mit Archivmaterial und künstlerischen Positionen ergänzt werden. Ein Gespräch zwischen den drei Kurator*innen, das ebenso persönlich ist, wie die in der Ausstellung gezeigten Biografien, öffnet auf anregende Weise den Raum für eigene Erinnerungen.
PS: Zwar hat das Kurator*innen-Team versucht, durch die Verwendung von Ausschnitten das umfangreiche Material zusammenzufassen, doch es sind immer noch über sechs Stunden Filmmaterial. Bitte Zeit mitbringen!
[1] Elke Neumann (Hg.): Heute noch, morgen schon, Ausstellungskatalog, Stiftung Stadtmuseum, Berlin 2025, S. 71. Die Publikation ist auch als download erhältlich.
[2] Elke Neumann (Hg.): Heute noch, morgen schon, Ausstellungskatalog, Stiftung Stadtmuseum, Berlin 2025, S. 34.
Heute noch, morgen schon. Filmische Perspektiven auf Berlin um 1990
Museum Nikolaikirche
Öffnungszeiten: täglich 10-18 Uhr
02.10.2025-06.04.2026
https://www.stadtmuseum.de/ausstellung/heute-noch-morgen-schon
