„Aber lustig und glamourös, bitte schön“

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Schreibtischansicht von Manuel Bonik, Foto: Anna-Lena Wenzel

Anna-Lena Wenzel: Nachdem ich mich beim Verteiler von Morgenvogel Real Estate angemeldet hatte, über den du Wohnungsangebote rumschickst und weiterleitest, bekam ich regelmäßig deinen Newsletter und auf diese Weise einen Eindruck deiner vielseitigen Aktivitäten: Du nimmst an Ausstellungen und Konzerten teil, organisierst selber Veranstaltungen und betreibst mit deiner Partnerin Maria-Leena Räihälä das Projekt Morgenvogel Real Estate. Was verbirgt sich dahinter?

Manuel Bonik: Bei Morgenvogel Real Estate geht es im Allgemeinen um Fliegendes wie Vögel und Raketen und allerlei Kunst zu dieser Thematik, im Speziellen um Produktion und Vertrieb von Vogelhäusern, von denen wir inzwischen rund fünfhundert vor allem in Berlin, aber etwa auch in Zürich hängen haben. Berlin ist ja ein einmalig vielfältiges Biotop, gerade auch für Vögel, aber durch Fassadenrenovierungen und das Verschwinden unbebauter Flächen wird ihnen zunehmend der Lebensraum genommen. Da wollen wir ganz pragmatisch Ersatz schaffen, uns aber auch als Künstler nicht verleugnen, und so entstehen immer wieder die lustigsten Spin-offs. Angefangen haben wir mit einem Kunstraum in der Brunnenstraße, dann haben wir zum Beispiel ein Festival in der Zionskirche veranstaltet. Letztes Jahr haben wir an der vielbeachteten Ausstellung „Tiny Houses“ im Bauhaus-Archiv teilgenommen, und jetzt hängen unsere Häuser da immer noch. Zu Silvester haben wir den character BIG SISTER lanciert, von dem man noch hören und sehen wird. Bei Morgenvogel Real Estate liegt das Visuelle in der Regel bei Maria und das Textliche bei mir, seit einem Dutzend Jahren. Vor zwei Jahren haben wir auch den gemeinnützigen Verein Aamulintu (für Naturschutz und Kunst) gegründet, der das Ganze unterstützt; Aamulintu ist Finnisch für Morgenvogel.

Und was machst du sonst so?

Als Journalist ausgebildet, hat auch meine Arbeit als bildender Künstler meistens einen Textbezug, wie zum Beispiel die diversen Künstlerzeitschriften, die ich gemacht habe, insbesondere schrift – für künstliche und künstlerische intelligenz und 01. Man kann mit Text in der bildenden Kunst viel machen, etwa ins Malerische oder Skulpturale gehen.

Wichtig sind mir auch die musikalischen Sachen. Musik hat ja doch noch mal einen anderen emotionalen Wumms. Das können „richtige“ Kompositionen wie Soundtracks sein oder ein Konzert für vier Betonmischer, oder Improvisiertes wie The Birds, Too. Aktuell haben wir eine Formation namens The R. Wir arbeiten seit einer Weile in der Rheinsberger Straße in unserem Wohnzimmerstudio, geben inzwischen aber auch Konzerte, wie beim Kunstpunkt Berlin oder im Stützpunkt Teufelsberg. Für mich selbst betrachte ich das eher als Hobby, aber es sind auch schwerkalibrige Profis dabei wie zum Beispiel John Farah. The R ist ziemlich schräges Zeug, so irgendwo zwischen Free Jazz, Neuer Musik, Performance, Blues und Psychedelic, und es wundert mich, aber wir kriegen viel positives Feedback.

Nicht zuletzt habe ich einen IT-Hintergrund. Das ging mit Dingen los wie dem Buch Eine elementare Einführung in die Theorie der Turing-Maschinen von Oswald Wiener, Robert Hödicke und mir (Wien/New York: Springer 1998), das auch nach zwanzig Jahren sehr hilfreich ist, wenn man verstehen will, was Computer eigentlich sind und was sie so treiben. Seit etlichen Jahren geht es mir spezieller um das Thema E-Books und Internetpiraterie, etwa als Dienstleister für die Stiftung Warentest oder als Autor von Fachartikeln. Man macht sich mit dieser Thematik nirgendwo beliebt – Abmahnanwälte etwa hassen mich –, aber sie ist heiß und wird jeden Tag heißer. Bildende Kunst ist bislang von Piraterie wenig betroffen, aber auch hier schreitet die Digitalisierung ja voran.

Manuel Bonik fotografiert von Maria-Leena Räihälä

Was beschäftigt dich zurzeit?

Die Implosion von Autoritäten in Zeiten des Internets. Ich schau mir Webseiten an und amüsiere mich darüber, wenn sie genau ihr größtes Versprechen nicht halten können. Mein Lieblingsbeispiel ist duden.de, wo sie auf jeder Seite immer an prominenter Stelle eine Schreibung haben, die den eigenen Regeln widerspricht. Ich gehöre ja zu den Nervensägen, die mal nachfragen, aber auch nach rund zwei Jahren haben sie das Problem nicht gelöst. Es muss ja nicht jede Website durch Rechtschreibung glänzen, da kann sich jeder Schwächen erlauben, aber der DUDEN?

Ahem – hatte ich erwähnt, dass ich mein Geld nicht unwesentlich als Lektor und Korrektor von Katalogen und Dissertationen verdiene? Aber ich rede zu viel von Geld. Es muss damit zu tun habe, dass ich es ab einem bestimmten Punkt in der Wirtschaft cooler fand als in der Kunst, um dann nach ein paar Jahren festzustellen, dass der Kunstmarkt dem restlichen Markt überlegen ist. Sammelt man das Richtige zum richtigen Zeitpunkt, hat man bessere Renditen als mit Aktien.

Wie gehen deine verschiedenen Aktivitäten für dich zusammen? Was liegt dem für ein Kunstverständnis zugrunde?

Ich bin durch sehr unterschiedliche Phasen gegangen. Als ich vor knapp dreißig Jahren nach Berlin kam, war das einerseits als Kunstkritiker für VOGUE, SPIEGEL Online, Flash Art und sonst was, andererseits als Herausgeber (mit meinem damaligen Partner Fred Jaeger, der 1996 leider gestorben ist) einer mutigen Künstlerzeitschrift namens schrift – für künstliche und künstlerische intelligenz. Da gab es Beiträge von berühmten Künstlern und Künstlerinnen wie Martin Kippenberger oder Dieter Roth, Sarah Lucas oder Valie Export, und Jaeger und ich haben die dann aber vor der Veröffentlichung immer noch ziemlich frech überarbeitet. Das fand damals nicht jeder lustig (wir schon!), und diese Hybridität macht den Kunstmarkt-Experten und ihren Kolleginnen bis heute Probleme: kein klares, cleanes Produkt, das sich einfach nach Sotheby`s-Kriterien verklopfen lässt. Finanziell ist das, vorläufig, schade, intellektuell von nicht zu bezahlender Nachhaltigkeit.

Was das Inhaltliche angeht, waren unsere großen Helden damals – Ende der Achziger-, in den Neunzigerjahren – Oswald Wiener und Friedrich Kittler, also gewichtige Denker, die darauf hinwiesen, dass Menschen, kulturelle Hervorbringungen, und letztlich auch Kunst, weit mehr mit Computern und anderen Medien zu tun haben, als man so meinte. Das war damals noch exotisch und passte so gar nicht zum Kunstmarkt-Klischee vom einsamen Künstler als Genie, das freie, unergründliche Entscheidungen traf. Da war man noch im Malerschweinezyklus, und Beamer, die gerade erst aufgekommen waren, waren in Galerien verpönt. Ich lief damals unter anderem auch als Vertreter einer Firma herum, die Galerien zu erklären versuchte, dass es sinnvoll sein könnte, sich eine Homepage und eine E-Mail-Adresse zuzulegen, aber – man kann es sich heute kaum noch vorstellen! – das stieß auf größtes Unverständnis. Heutzutage ist Künstliche Intelligenz ein Buzzword von vielen, und damit schlaumeiern jetzt viele herum, aber die Thematik ist ja schon gut 80 Jahre alt, wenn man mal Alan Turings Aufsatz „On Computable Numbers, with an Application to the Entscheidungsproblem“ von 1937 als entscheidende Wegmarke nimmt.

Gleichzeitig war Berlin sehr nett zu mir (ich rede von den Neunzigern): Ich habe viele sehr interessante Leute in der Paris Bar kennengelernt. Künstler und Galeristen waren nett zu einem Kunstkritiker, der zudem noch Künstlerzeitschriften machte. Sammler waren mithin überfordert, aber das kann ja auch ein Kriterium für eine Sammlung sein. Ich war damals auch viel in der Schweiz, um mit Dieter Roth zu arbeiten oder durch die wichtigen Galerien zu schweifen. Das war die High-end-Kunstszene, und die Haltung war ungefähr: Der Wert von Kunst entscheidet sich über ihren Marktwert. Wer nicht verkauft, ist halt kein richtiger Künstler.

Man muss auch daran denken, dass nach dem Mauerfall, während hier weggezogen wurde, Tausende nach Berlin wollten, um hier Kunst oder „irgendwas mit Medien“ zu machen. Da tauchte einfach eine vergessene Metropole mitten in Mitteleuropa auf, die Mieten waren günstig, und anscheinend interessierte man sich dort für Kunst. Sammler gab es in Berlin eher nicht, viel war ja auch „nur“ Underground, aber es war doch interessant genug, dass sie jetzt auch aus dem Rheinland oder aus Paris angefahren kamen, um mal zu schauen, was da los ist.

Foto: Anna-Lena Wenzel

Wie hast du dich da positioniert?

Das mit den Künstlerzeitschriften hatte natürlich seine Grenzen. Im Betrieb der Galerien und Museen interessiert sowas nur selten, da ist letztlich vor allem Flachware gefragt. Hab ich dann auch bedient, mit Konzeptkunst, Collagen, Malerei, Fotografie. Da ging auch immer ein bisschen was. Erst neulich habe ich wieder ein Bild an eine Privatsammlung in Houston, Texas verkauft, irgendwas mit Öl. Aber jenseits des Geschäftlichen kann die Kunstszene auch nerven: Versteh mich nicht falsch, die bildet ein wunderbares Biotop mit vielen sympathischen Leuten, aber es ist halt sehr abgeschirmt vom Rest der Welt. Drinnen gibt es reichlich Egomonster, die sich mit heißer Luft aufblasen, und ich lass die Luft dann lieber raus. Es gibt da so viele Kaiser und Kaiserinnen, aber die meisten sind nackt.

Ich tat mir immer schwer mit metaphysischen und quasi-religiösen Auffassungen von Kunst. Da war es interessanter mit dem Codelab im Podewil, dem Bootlab, dem Travellab, also Gruppen von Medienkünstlern und -künstlerinnen, die für Netzwerke und Technik und Recherche und kollektives und – wenn ich mal so sagen darf – agiles Arbeiten standen. Das war weit weg von irgendwelchen Malerfürsten. Fürstinnen gibt es da eher nicht.

Heute – mit meiner Partnerin Maria-Leena Räihälä und unserem Projekt Morgenvogel Real Estate – stehe ich vielleicht für „Öko-Kunst“, aber bitte schön für eine, die lustig und glamourös ist und nicht verklemmt oder verbissen. Wir wollen effektiv was für Natur und Artenschutz tun, aber auch niemanden langweilen.

Ich betrachte Kunst jetzt mit hin- und hergerissener Distanz: Da sind die Künstler mit ihren Eitelkeiten, die sich um einen begrenzten Markt bewerben; da ist ein sehr reich gewordener Kunstmarkt, dem Inhalte ziemlich egal geworden sind. Er dient jetzt eher einer globalen Party derer, die sie sich leisten können, und bedient Distinktionsgewinne von Reichen, die mit Trophy-wife und Yacht nicht mehr punkten können (haben die anderen Reichen ja auch) und darum Kunst kaufen, um ihren Nachbarn in den Gated communities zu imponieren. Da ist man dann zurück im Mittelalter, wo der Materialwert eines Kunstwerks eine große Rolle für den Kunstwert spielte; besetzt man halt jetzt Totenschädel mit Diamanten, als wäre das mehr als ein Ausdruck von Dekadenz. Die kann Spaß machen, aber so interessant ist das auch wieder nicht, zumal, wenn Kunst nicht die mindeste sonstige gesellschaftliche Relevanz hat. Dann doch lieber „Öko-Kunst“.

Ein bisschen mehr inhaltlichen Drive verspreche ich mir zurzeit (mal wieder oder immer noch) von Literatur, weswegen ich gerade an einem Roman dran bin. Aber das ist noch nicht spruchreif.

Kannst du noch mal erklären, wie das mit deiner Wohnungsliste entstanden ist? Und wie meldet man sich da an?

Ich war schon immer sehr fleißig im Sammeln von Adressen und habe seit rund 30 Jahren E-Mail. Es gab dann mal eine Anfrage, wo eine Künstlerin eine Wohnung anzubieten hatte und ob ich das nicht über meinen Verteiler leiten könne, und am selben Tag eine Anfrage, wo ein Künstler eine Wohnung suchte. Da ich nicht spammen wollte, habe ich die in eine E-Mail zusammengepackt. Seither ist kaum ein Tag vergangen, ohne dass ich eine Anfrage der einen oder anderen Art erhalten habe. Das ist ein Selbstläufer, und ich lasse ihn halt laufen. Ich müsste eigentlich ein Start-up daraus machen, aber hatte bislang keine Lust dazu. Mit fatalen Folgen: Es gibt keine Website, und die Liste hat, rund zehn Jahre und zehntausend Abonnenten später, immer noch keinen Namen. Das läuft eigentlich nur über Mund- bzw. E-Mail-Propaganda, wobei E-Mails an manuel [at] morgenvogel.net helfen sollen. Die Liste macht uns nicht reich, vielleicht ein Zwanni im Monat, aber sie verschafft uns enorme Reichweite und sie passt natürlich gut zu einem Konzept wie Morgenvogel Real Estate. Es sollen ja nicht nur Vögel Probleme mit dem wachsenden Mangel an Wohnraum haben.

Was sind die Veränderungen, die du in den letzten Jahren in deinem Kiez in Mitte beobachtest?

Ich laufe immer noch gerne über die Kastanienallee: Schöne, junge Touristinnen und Touristen tun dem Auge wohl und machen gute Laune. Aber die Gegend baut auch ab: Wenn Lebensmittelläden und Drogerien durch Boutiquen und Schuhgeschäfte ersetzt werden, habe ich als Anwohner wenig davon. Und die Bevölkerung hier wird homogener: weiß und reich. Es gibt vielleicht türkische Bäcker oder vietnamesische Restaurants, aber etwa Schwarze sieht man kaum. Stattdessen Leute, die sich beschweren, wenn man 22.05 Uhr noch etwas lautere Musik laufen lässt. Früher nannte man sowas mal „spießig“, aber ich weiß nicht, ob der Begriff noch im Gebrauch ist.

Äußerlich gibt es viele Unterschiede: kaum eine Fassade, die nicht renoviert wäre (und dadurch Vögeln Lebensraum nimmt). Es ist slick geworden in „Upper Mitte“, wie wir den Begriff mal geprägt haben. Street Art sieht man kaum noch, und auch die Graffitis waren schon mal origineller. Früher gab es hier seltsame Freaks wie Christoph Schlingensief oder die unvergessenen Goethe/Sottile, die sogar mich für eine Weile zum Theaterfan machen konnten. Nun ja, niemand hat erwartet, dass hier für ewig die „Bohemian Rhapsody“ spielt.

Das klingt bitter.

Nein, ich bin mit der Welt und im Speziellen mit Berlin-Mitte im Reinen. Ich halte das immer noch für einen der liberalsten und angenehmsten Orte der Welt, an dem es viele tolle Projekte zu entdecken gibt. Man muss halt gelegentlich die Augen vom Smart Phone weg- und der Umgebung zuwenden. Erst heute habe ich eine berühmte Schauspielerin kennengelernt, weil wir beide mit Hunden unterwegs waren. In der Ackerhalle grüßt man dann einen von den Einstürzenden Neubauten oder eine nicht ganz unbekannte englische Künstlerin. Und das sind ja auch nur – sehr umgänglich gebliebene – Promis. Es gibt viele Unbekannte, die hier noch oder schon ihr Ding durchziehen. Aber es muss jeder für sich selbst sehen, wo er/sie interessiert oder interessant sein möchte.

Hast du Lieblingsorte oder Orte, an denen du dich gerne aufhältst?

Zugegebenermaßen gehe ich kaum noch aus und kann nicht wirklich mit Szenetipps dienen. Und gewisse Tipps möchte ich nicht geben, weil die exklusiven Orte exklusiv bleiben sollten; sonst sind die schnell kaputt. Hier um den Zionskirchplatz sind Kneipen wie die Roberta Bar, das Suzie Mambo, das Macke Prinz oder das Dave Lombardo immer noch sehr angenehm; oder hybride Orte wie das Institut für Alles Mögliche in der Ackerstraße oder die Freie Internationale Tankstelle in der Schwedter Straße, wo ich gelegentlich djaye und zum Beispiel jeden Sonntag Sauna ist. Bestes Restaurant auf der Kastanienallee ist zurzeit das KYO, ein japanischer Grill; auch das libanesische Babel ist weiterhin zu empfehlen. Für Vegetarier eher die Weinerei oder der Imbiss von Gordon W. Sonntagstipp auch – vor oder nach dem Mauerpark –: auf den Kirchturm der Zionskirche! Sehr gut für die Horizonterweiterung!

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„Aber lustig und glamourös, bitte schön“

Zu Besuch bei dem Künstler, Autor, Musiker und Betreiber der Morgenvogel Real Estate Wohnungsliste Manuel Bonik am Zionskirchplatz.

Von Anna-Lena Wenzel