Die Grenze verläuft nicht ...

Linke Spalte

Blickt man vom Koppenplatz in Mitte auf die Ackerstraße, sieht man eine aufgeräumte Straße, strahlend sanierte Häuser in gleichmäßiger Höhe und zahlreiche Läden und Gastronomien mit Schaufenstern zur Straße hin wie Kopps – Vegan Restaurant, Rosa Canina – Organic Ice Cream, Röststätte – roastery and brew lab und auf der anderen Seite ein Geschäft mit dem Namen Fundamental – a German manufacturer of Furniture & design.

Im Vergleich zur trubeligen Brunnenstraße geht es hier recht beschaulich zu. Nur ein Plattenbau an der Ecke verweist darauf, dass man sich im ehemaligen Ostteil der Stadt befindet. Überquert man die Torstraße setzt sich das Bild fort, nur dass das trendige Kleingewerbe von Überresten aus den Neunziger und Nuller Jahren unterbrochen wird, als die Straße Refugium von Hausbesetzer*innen und Künstler*innen war. Davon künden sowohl der alternative Kultur- und Veranstaltungsort Schokoladen (eines der wenigen nicht-sanierten Häuser), der auch den Club der polnischen Versager beherbergt, als auch das vollgestopfte unterwegs Antiquariat, die Töpferei Jutta Alternstein, das Künstlerhaus am Acker! oder die in kleine Parks umgewandelten Brachflächen.

Die anderen Läden bieten exquisites Interior Design, Wellbeing-, Beratungs- und Serviceangebote: Ralf Pawlitzky – Modellbau, Eva Niemand – Schmuck, abvcarius+ burns architecture design, minimaldesign – Light Solutions, Analog PhotographieJochen Rohner, Yours Loving Nature, shukarie Kosmetik, Sieben Schwestern – Elemente, Michael Reiß Berlin – Galerie, dixit algorizmi, fine & dandy – The Beauty Dept., HIT BLN – High Intensity Training, nextbike, redsofa – we find people jobs in start-ups, tech & creative agencies, exxeta – Consulting and Technologies.

Zur Invalidenstraße hin gibt es vermehrt Lebensmittelläden und Restaurants, die internationale Spezialitäten anbieten wie fior di pane – salumeria, Simply Keto – lecker, leicht, low carb, Goldacker – Schokoladen und Torten, krohan bress – Cigarren, Kaffee & Whisky Contor, oukan Tea, Bio Deli.

Ackerhalle

Hier befindet sich auch die Ackerhalle, die die Autorin Ulrike Steglich in ihrem Buch Universum Ackerstraße liebevoll anhand ihrer Besucher*innen charakterisiert und dabei präzise die subtilen Veränderungen der Straße seit der Wendezeit einfängt:

„Die Ackerhalle war früher eine klassische Berliner Markthalle. Etwas von diesem Charakter war noch zu DDR-Zeiten spürbar, auch wenn schon eine Kaufhalle eingebaut war. Drum herum gab es noch diverse Stände: Fisch, Eis, Obst und Gemüse, Kurzwaren, Handwerkerbedarf …

Die seltsam zwittrige Ausstrahlung zwischen Trübsinn und Vertrautheit änderte sich auch nicht, als über Nacht Westwaren die Regale füllten. Erst mit dem Umbau 1991 hatte die Ackerhalle ihre Wende. Zur Bolle-Eröffnung gab es Bratwurstdunst, Blasmusik und eine lange Schlange, die Neugierigen rammten sich die überdimensionierten Einkaufsgefährte in die Hacken. Der Denkmalschutz sorgte für die allerletzte Erinnerung an eine Markthalle: Geht der Blick nach oben, kann man sich mit etwas Fantasie das frühere Treiben unter den eisernen Säulen- und Trägerkonstruktionen zwischen den Backsteinfassaden und dem durch das Glas fallenden Licht noch vorstellen. Sieht man frühere Markthallen als Konsum- und kommunikative Orte gleichermaßen, so sind die Funktionen jetzt getrennt.

Der eingebaute Supermarkt ist eine schlichte Versorgungseinrichtung, in der man zwar Bekannten begegnet, aber ansonsten das Notwendige besorgt und basta. Ab und an bestaunt man flüchtig eine skurrile Werbeaktion, etwa eine Kabeltrommel mit aufgerollten Würsten.

Wie platt gepresst vom sich breitmachenden Hier-gibt-es-fast-alles-Land findet sich am Rand hinter den Kassen ein Mischmasch ergänzenden Handels: Zwei Vietnamesen verkaufen Klamotten, Schlüsselservice und Waschmaschinen, Groschenromane, Dessous und Pantoffeln, daneben ein Gemischtwarenladen, dessen Sortiment vom Sofabezug bis zu Batterien reicht. Der obligatorische Bäcker, Flaschenannahme, Lotto und Zeitungen. Die Kommunikation ist mittlerweile an die Peripherie gezogen.“[1]

 

Überquert man die Invalidenstraße, wird die Ackerstraße zu beiden Seiten von Friedhöfen und ihren Backsteinmauern flankiert. Kurz vor der Bernauer Straße ist auf dem Bürgersteig ein erster runder Gedenkstein eingelassen: 30.11.1974, B 375, Festnahme Werner U. steht darauf; hinter einer flachen, aber monumentalen, rostigen Stahlwand taucht ein ehemaliger Grenzturm auf. Entlang der Bernauer Straße verläuft die Gedenkstätte Berliner Mauer, inkl. Dokumentationszentrum, Informationsstelen und einem Wandbild mit einem Foto der Straße von 1961. Die Texte der Stelen informieren über die Ackerstraße im geteilten Berlin und veranschaulichen mit Hilfe von Fotografien, wie die Mauer die Ackerstraße von einer Verbindungslinie zu Sackgassen machte:

„Nach dem Mauerbau versperrte die Volkspolizei die zur Bernauer Straße führenden Haustüren. Da viele Bewohner danach durch die Fenster flohen, wurden diese nach und nach vermauert. Im September wurden die meisten Bewohner zwangsweise umgesiedelt. Ende 1965 rissen Bautrupps das Eckhaus und das Gebäude Ackerstraße 42 für den entstehenden Grenzstreifen ab. Im Zuge der Bereinigung wurden 1984/85 auch das Haus Nr. 41 und die Seitenflügel der Nachbarhäuser in der Ackerstraße abgerissen.

Obwohl die SED durch den Mauerbau die Fluchtbewegung deutlich eindämmen konnte, versuchten weiterhin Menschen, die Sperranlagen nach West-Berlin zu überwinden. Deshalb wurden die Grenzanlagen unablässig ausgebaut und verstärkt, bis auch an der Ackerstraße aus der Mauer ein mit vielen Sperranlagen versehener Grenzstreifen geworden war.

Die Ackerstraße war einer der ersten Orte, an denen nach der Grenzschließung im August 1961 Mauern errichtet wurden. An derselben Stelle begann am 13. Juni 1990 der systematische Abbau der Berliner Mauer.“

Der nun beginnende Weddinger-Teil der Ackerstraße ist verkehrsberuhigt, das heißt, er ist weder von der Bernauer Straße noch vom oberen Ende einfahrbar. Links und rechts befinden sich die 1953-1955 errichtete Ernst-Reuter-Siedlung und Häuserblocks, die durch das Aufbauprogramm 1958 finanziert wurden, wie ein Schild an einer Fassade verrät. Andere Gebäudekomplexe sind später entstanden, unter anderem nachdem der berühmt-berüchtigte Meyers Hof 1972 gesprengt wurde.[2]

Ein schönes Beispiel für die bewegte Geschichte der Straße zwischen Abriss und Neubauten ist die Schrippenkirche, an die eine Erinnerungsstele vor der gleichnamigen Wohnstätte und eine Gedenktafel am ehemaligen Standort der Kirche erinnern.

Schrippenkirche

„Im Herbst 1882 gründen einige christlich denkende Handwerker zusammen mit dem Journalisten Konstantin Liebich den Verein ‚Dienst an Arbeitslosen‘. Sie veranstalten für die Obdachlosen Berlins sonntägliche Gottesdienste. Vor dem Gottesdienst wird ein einfaches Frühstück gereicht: Kaffee und zwei Schrippen. So nennt der Volksmund den Verein bald die Schrippenkirche. Doch Brot und geistliches Wort allein genügen nicht den wachsenden Anforderungen. Die Menschen brauchen Unterkunft und Arbeit.

Ein Jugendheim zur vorübergehenden Unterbringung jugendlicher Obdachloser wird geschaffen. Eine Arbeitsstätte entsteht, in der gesammelter Trödel, ‚Brocken‘ genannt, wieder aufgearbeitet und weiterverkauft wird. Jedem, der um Kleidung, Essen oder andere Unterstützung bittet, wird die Möglichkeit gegeben, in den verschiedenen Arbeitsbereichen stunden- oder tageweise zu arbeiten. Ein ‚Adressenbüro‘ wird zur Arbeitsvermittlung gegründet. Der Verein erfüllt seine Aufgaben auch in den 1920er und frühen 1930er Jahren. In der Zeit des Nationalsozialismus sind die Dienste des Vereins nicht mehr gefragt. Neue Hilfebedarfe sind zu befriedigen.

Nach 1945 gilt die Sorge vor allem den Kriegswaisen und älteren Frauen, in den folgenden Jahrzehnten wird die Schrippenkirche Träger eines Altenheimes und einer Wohnstätte für Menschen mit Behinderungen“ sowie des Inklusionshotels Grenzfall.[3]

Ein kleiner Markplatz unterbricht die Wohnstille. Hier befinden sich Nahversorgungseinrichtungen wie nah und gut, eine Bäckerei, eine Apotheke und ein Paketshop, hier treffen sich die Leute auf der Straße, um zu trinken und zu klönen. Eine zur Bücherbox Ackerplatz umfunktionierte Telefonkabine und kostenlose Nachhilfe künden von der Arbeit des Quartiersmanagments. Ein Stück weiter – gegenüber der katholischen Kirche St. Sebastian sticht ein frisch restaurierter Backsteinbau mit seiner blendenden roten Fassade hervor. Hier befand sich früher die AEG, dessen Geschichte zu erzählen ich Aro Kuhrt überlasse, der ebenfalls ein Buch über die Straße geschrieben hat mit dem Titel Eine Reise durch die Ackerstraße:

Die AEG

„Die hundertjährige Geschichte der ‚Allgemeinen Electricitäts-Gesellschaft‘ (AEG) ist eng mit der Ackerstraße verbunden. Denn schon ein Jahr nach ihrer Gründung siedelte die AEG hier an. Sie kaufte die Werkzeugfabrik von W. Wedding in der Ackerstraße 71-76, die den gesamten Block zwischen der Ackerstraße, Feldstraße, Hussitenstraße und Hermsdorfer Straße (heute Max-Urich-Straße) umfasst und genau am Gartenplatz gegenüber der Kirche liegt. 1888 begann die AEG mit der Neubebauung des Blocks, um dort die Apparatefabrik (später Zählerfabrik) unterzubringen.

Auf der Weltausstellung 1900 in Paris präsentierte die AEG ihre Fabrikanlagen in zahlreichen Fotografien und selbst die englische Konkurrenz sprach bei den Fabrikationsstätten der AEG von dem ‚größten, besteingerichteten und wissenschaftlich am vorzüglichsten organisierten Werke‘. Dies lag auch mit daran, dass 1889 in der Apparatefabrik in der Ackerstraße der erste Drehstrommotor erfunden wurde.
Im Krieg wurde der Komplex der Apparatefabrik beschädigt, vor allem das an der Hussitenstraße gelegene Gebäude wurde zerstört und später abgerissen. Wie viele andere Firmen hatte auch die AEG ihren Hauptsitz nach 1945 aus Berlin ausgelagert, und die Produktion wurde immer weiter zurückgefahren. Zwischen 1945 und dem Ende der Apparatefabrik 1978 ist die Belegschaft an der Ackerstraße von ehemals 4.000 Arbeitern glatt halbiert worden. 1983 traf es dann auch den Rest der Beschäftigten zwischen der Brunnen- und Hussitenstraße: 3.000 Menschen wurden entlassen, es begann der Abriss eines Großteils der Gebäude.[4]“ Heute wird das Gelände von der Technischen Universität sowie der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft genutzt und beherbergt eine bilinguale Schule und Kindergarten.

Der oberste Teil der Straße franst ein bisschen aus, hier existieren Neubauten, Wohnblöcke, Gewerbefläche und Altbauten nebeneinander. An der Ecke zur Max-Urich-Straße entsteht ein moderner Glasbau unter dem Titel Enter Berlin des Immobilien-Entwicklers Townscape, ein Stück weiter baut der Internationale Buddhistische Kulturverein e.V. Berlin Deutschland einen wuchtigen Neubau. Daneben finden sich: Grünberg Kunststoffe (Halbzeuge-Fertigteile, Dreh- u. Frästeile, Verformungen), East West Hostel und die Kfz Werkstatt – Stiller.

Das tote Ende der Ackerstraße gibt den Blick auf die Liesenbrücken frei, einst „Ausdruck der hoch entwickelten Ingenieurbaukunst im wilhelminischen Deutschland“[54], heute – bis auf ein Gleis – rostige Ruinen. Ein Sinnbild für die Straße, bei der Glanz und Elend so nah beieinander liegen.

 

[1] Ulrike Steglich: Universum Ackerstraße, basisdruck, Berlin 2011, S. 26f.

[2] Laut Aro Kuhrt, der Meyers Hof gleich mehrere Kapitel in seinem Buch Eine Reise durch die Ackerstraße widmet, war dieser „Ende der 20er und Anfang der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts […] im ganzen Land bekannt als besonders abscheuliches Beispiel von Ausbeutung der Menschen ohne jede Rücksicht auf deren Bedürfnisse, Gesundheit oder Leben. Bis zu 2.000 Menschen lebten zeitweise in diesem Komplex Ackerstraße 132/133.“ https://www.berlinstreet.de/ackerstrasse/acker35

[2] http://schrippenkirche.eu/geschichte. Die Autorin Regina Scheer hat ein Buch zur Schrippenkirche geschrieben: Den Schwächeren helfen, stark zu sein. Die Schrippenkirche im Berliner Wedding 1882 – 2007, Hentrich und Hentrich Verlag, Berlin 2007.

[3] Aro Kuhrt: Eine Reise durch die Ackerstraße, Selbstverlag 1997.

[4] https://www.stadtentwicklung.berlin.de/denkmal/liste_karte_datenbank/de/denkmaldatenbank/daobj.php?obj_dok_nr=09030292

 

Rechte Spalte

Die Grenze verläuft nicht ...

Ein Ackerstraßen-Porträt von Anna-Lena Wenzel

Die Ackerstraße war während der Teilung der Stadt durch die Mauer getrennt. Obwohl seit der Wiedervereinigung 30 Jahre vergangen sind, sieht man die Spuren der Teilung noch heute – und zwar unter umgekehrten Vorzeichen: Während das ehemals Ost-Berliner Stadtgebiet mit Plattenbausiedlungen durchzogen ist, wird West-Berlin eher mit Altbauten assoziiert, doch hier ist es genau umgekehrt, denn der „arme“, nördliche Weddinger West-Teil ist durch Wohnsiedlungen und einen Trinkertreff geprägt, während sich im unteren „hippen“ Mitte-Teil zahlreiche Kreativunternehmen und Ladenlokale in hübschen Altbauen befinden.