Entwürfe für die Sozialistische Moderne - Kunst im Stadtraum Karl-Marx-Allee

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Wettbewerbspräsentation auf der Rückseite des Kino International, Foto: Anne Stephan

 

Läuft man durch das städtebauliche Ensemble rund um den zweiten Bauabschnitt der Karl-Marx-Alle, dann fällt auf, dass es einige Ähnlichkeiten mit dem Hansaviertel aufweist: verdichteter Wohnraum wird durch verkehrsberuhigte Straßen und viele Grünflächen durchzogen, in Pavillonbauten sind Nahversorgungseinrichtungen untergebracht und in architektonisch markanten Gebäude befinden sich Kulturinstitutionen, im Falle der Karl-Marx-Allee das Kino International oder die Kongresshalle neben dem Haus des Lehrers. Beide Gebiete werden zudem durch eine große Magistrale geteilt. Was im Hansaviertel die Altonaerstraße ist, ist im Ostteil der Stadt die Karl-Marx-Allee (bis 1961 Stalinallee), die dem städtebaulichen Ensemble und dem Kunstwettbewerb ausgelobt vom Bezirksamt Mitte in Zusammenarbeit mit der Senatsverwaltung für Kultur und Europa seinen Namen gibt.

Städtebaulich und architektonisch beziehen sich beide Viertel auf die Moderne, mit dem Unterschied, dass die Karl-Marx-Allee der „sozialistischen Moderne“ zugeordnet wird und das Hansaviertel der „Nachkriegsmoderne“. Das Hansaviertel entstand etwas früher (1955 bis 1960) als der zweite Bauabschnitt der Karl-Marx-Allee vom Strausberger Platz bis zum Alexanderplatz (1959-1971). Doch während die Karl-Marx-Allee länger um ihre Anerkennung als denkmalwürdiges Ensemble kämpfen musste, ist das Hansaviertel schon lange in den (westlichen) Architekturkanon aufgenommen.[1]

Blick auf eine Hochhausscheibe an der Karl-Marx-Allee mit Ornamenten und gekachelter Fassade; die an die Originalschrift angelehnte Leuchtschrit gehört zum Outdoor-Geschäft Camp4, Foto: Anna-Lena Wenzel

Die Idee zwei künstlerische Wettbewerbe für Kunst im Stadtraum auszuloben, bietet die Chance, mit ausreichend historischer Distanz ideologiefrei auf diese Gebiete zu schauen und nach Unterschieden und Gemeinsamkeiten zu suchen, ja sich überhaupt erst einmal mit diesem spezifischen Stadtraum auseinanderzusetzen. Für den Auftakt am Hansaplatz wurden fünf künstlerische Projekte ausgewählt, die 2019 für einige Monate im Stadtraum zu sehen waren, unter anderem organisierte die Künstlerin Folke Köbberling eine Schafsdemo durch den Tiergarten, wurde eine Live-Oper aufgeführt und ein künstlicher Berg errichtet. Beim Wettbewerb zur Karl-Marx-Allee wurden vier Positionen ausgewählt, die von Frühjahr bis zum Herbst temporär realisiert werden. Die Entwürfe hierzu werden zusammen mit den 16 weiteren Bewerber*innen noch bis zum 17. Januar auf der Rückseite des Kino International präsentiert.

Die Künstler*innen waren aufgefordert für ihre Bewerbung ein Plakat zu gestalten, auf dem sie ihre Ideen visualisieren; diese Entwürfe sind nun zusammen mit kurzen Statements aus der Jurybegründung ausgestellt und dort 24 Stunden am Tag zugänglich. Die Vielzahl der Zugänge und Ideen ist bestechend – interessant ist nicht nur die Gestaltung der Plakate (die bei den oben hängenden Plakaten zum Teil leider etwas unter der Höhe der Hängung und der mäßigen Belichtung leiden), sondern vor allem, auf was sich die Künstler*innen vor Ort beziehen, wie sie darauf reagieren und auf was für unterschiedliche künstlerische Formate und Ansätze sie dabei zurückgreifen.

Das lässt sich schon anhand der vier ausgewählten Wettbewerbsgewinner*innen verdeutlichen: Anton Steenbock und Peter Behrbohm werden zwei Skulpturen aus dem bekannten DEFA-Film Die Söhne der großen Bärin auf dem Mittelstreifen der Karl-Marx-Allee platzieren. Die Künstlerinnen Michaela Schweiger, Ingeborg Lockemann, Inken Reinert bieten performative Stadtspaziergänge an und Sven Kalden eröffnet eine fiktive Bank, deren Werbung auf den Hochhäusern platziert wird. Mit Simultaneity erweitern Joachim Blank, Karl Heinz Jeron und Robert Sakrowski das Spektrum der künstlerischen Medien um Augmented Reality, um historische Schichten des Gebietes wie abgebaute oder nicht öffentlich zugängliche Kunstwerke und Objekte temporär sichtbar zu machen.

Fassadenausschnit am Kino International

Wie auch schon beim Projekt Kunst im Stadtraum am Hansaplatz sind viele der Entwürfe partizipativ angelegt, das heißt, sie beziehen direkt die Bewohner*innenschaft des Quartiers mit ein. Dies ist auch deshalb auffällig, weil sich die ursprünglich für die Orte konzipierte Kunst im Stadtraum auf im öffentlichen Raum aufgestellte Skulpturen, Fassadengestaltungen und Wandmalereien beschränkte. So zeigen sich in den zeitgenössischen Ansätzen auch die Veränderungen des Kunstverständnisses seit den 1950er und 60er Jahren.

Unter den Einreichungen, die die Bewohnerschaft einbeziehen wollten, befinden sich Ideen für das Anpflanzen eines gemeinsamen Kartoffelackers (Christof Zwiener), für eine Bühne der Enthusiast*innen, die Tanzlustigen eine Bühne zur Verfügung stellen wollte (Marina Naprushkina), für ein mobiles Café, das in den Sommermonaten als Treffpunkt und Kaffeeverpflegungspunkt durch das Gebiet gewandert wäre (Susanne Ahner und Rachel Kohn) und für einen Schnell-Imbiss, bei dem Speisen aus den Ländern der Menschen, die hier wohnen, angeboten worden wären (Beatrice Schütte Moumdijan). Die 10-köpfige Jury aus Fach- und Sachpreisrichter*innen, die durch Sachverständige aus unterschiedlichen Bereichen beraten wurden, hatte demnach keine leichte Aufgabe, zwischen Ortbezogenheit, künstlerischer Qualität, Realisierbarkeit und einer Auswahl möglichst unterschiedlicher künstlerischer Ansätze abzuwägen.

Ein Veranstaltungsprogramm begleitet auch dieses Mal die künstlerischen Projekte. Statt den am Hansaplatz durchgeführten Beteiligungsforen werden zur Karl-Marx-Allee mehrere Radiosendungen produziert, von denen die erste Sendung bereits lief und hier nachgehört werden kann. Zwei weitere Sendungen unter dem Motto „Hören und Spazieren“ werden folgen und ebenfalls bei colaboradio gesendet. Die Auftaktsendung ist eine erste Annäherung an das Gebiet mit dem Kulturwissenschaftler Thomas Flierl und dem Denkmalpfleger Georg Wasmuth. Während Thomas Flierl am Beispiel seiner Wohnung in einem der Turmhochhäuser am Strausberger Platz die architektonischen Raffinessen der von Hermann Henselmann entworfenen Wohnungen aufzeigt und auf die sorgfältig inszenierten Sichtachsen aufmerksam macht[2], lenkt der Denkmalpfleger Georg Wasmuth den Blick auf zahlreiche Details im Außenraum und verweist auf besonders gestaltete Friese, weggelassene Balkone zur Betonung der Attikageschosse und geometrische Strukturwände, wie es sie am Kino International gibt. Weitere Details, auf die er aufmerksam macht, sind die aufwendigen Keramikkacheln und die Werbegestelle auf den Dächern, die noch aus DDR-Zeiten sind und zum Teil noch mit Werbung von damals bestückt sind (z.B. LKW Tatra Motokov). An verschiedenen Beispielen erläutert er (nachteilige und vorteilige) Veränderungen und Umbauten im Gebiet. Zum Beispiel sind die Grünflächen, die früher offen waren, heute durch Zäune unterteilt. Wärmedämmungen und Sanierungen haben zum Teil dazu geführt haben, dass das ursprüngliche Farbkonzept nicht mehr nachvollziehbar ist und Details verschwunden sind. Immerhin wird dafür Sorge getragen, dass die Bänke einheitlich und möglichst original sind. Sowohl bei Flierl als auch bei Wasmuth spürt man die Begeisterung für dieses städtebauliche Großprojekt, vermischen sich Fachwissen und Empathie mit der Verwunderung darüber, dass dieses Ensemble so lange Zeit die Anerkennung verwehrt wurde.

Ensemble unterschiedlicher Zäune und Stadtarchitektur an der Rückseite des Café Moskau

Ergänzt wird das Programm um zwei weitere Angebote: Fotoalbengespräche und Zusammen zeichnen, die die künstlerische Leiterin Susanne Weiß zusammen mit Bettina Klein initiiert hat. Um das Gebiet besser kennenzulernen, ist eine Auseinandersetzung mit Geschichten und Privatfotos aus der Zeit von 1959 bis heute geplant. Diese wird in Kooperation mit dem Fotohistoriker Friedrich Tietjen stattfinden. Das erste Fotoalbengespräch ist für Ende Januar geplant. Wenn Sie persönlich Bilder aus dem Leben im II. Bauabschnitt besitzen und Interesse an der Teilnahme haben, schreiben Sie gerne an info [at] kunst-im-stadtraum.berlin. Das zweite Projekt nennt sich Zusammen zeichnen und bezieht sich auf die in der DDR populären Zeichenzirkel. Im Sommer 2021 wird es eine offene Zeichengruppe geben, die sich, im Stil der traditionellen Pleinairmalerei, den Orten und den neu entstandenen Kunstwerken nähern wird.

P.S. Wer in der Gegend unterwegs ist oder sich thematisch mit postsozialistischen Plattenbausiedlungen beschäftigt, dem sei ein (digitaler) Besuch der Ausstellung Eastern Block Stories im Haus der Statistik empfohlen, die vom 9. Januar bis zum 24. Januar 2021 stattfindet. Sie befasst sich mit sogenannten "Mikrorayons" – Plattenbaulandschaften in den ehemals sozialistischen Staaten, die heute vom Abriss bedroht sind.  

[1] Ein aufschlussreiches Detail, dass die Ungleichbehandlung versinnbildlicht: Gibt man „Kongresshalle“ in die Suchmaske ein, findet sich bei Wikipedia ein Eintrag über die Kongresshalle im Tiergarten unter dem Titel „Kongresshalle (Berlin)“ und ein weiterer Eintrag zu „Kongresshalle am Alexanderplatz“. Die extra Benennung der Ost-Variante markiert hier das „andere“.

[2] Sein Wissen und seine Begeisterung für Gebäude und Gebiet bringt Thomas Flierl in der Hermann-Henselmann-Stiftung ein, deren Vorstandsvorsitzender er ist. Sie setzt sich unter anderem für eine Nominierung der denkmalgeschützten Ensembles Karl-Marx-Allee (1. und 2. Bauabschnitt) und Interbau 1957 (Hansaviertel, Kongresshalle im Tiergarten, Corbusierhaus am Olympiastadion) zur Nominierung für das UNESCO-Welterbe ein.

Am 16.2. um 23 Uhr ist bei coloradio die zweite Radiosendung live zu hören. Zu Gast sind Künstler*innen zweier ausgewählter Projekte!

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Entwürfe für die Sozialistische Moderne - Kunst im Stadtraum Karl-Marx-Allee

Die Ergebnisse des Wettbewerbs zur Kunst im Stadtraum Karl-Marx-Allee sind auf der Rückseite des Kino International ausgestellt.