Fotograf des Alltäglichen

Linke Spalte

Im Jahr 1976 erarbeitete der Fotograf Michael Schmidt für das Bezirksamt Wedding ein konkretes Projektvorhaben, mit dem er ein „wahrheitsgetreues und ehrliches Bild“ des Kiezes zeigen wollte, das aus Stadtlandschaften und Porträts bestehen sollte.[1] Das Ergebnis, die Serie Berlin Wedding, 1976-78, ist nun in einer großen Retrospektive im Hamburger Bahnhof zu sehen. Neben Straßenszenen aus der Seestraße, der Malplaquet- oder Chausseestraße enthält sie fünf Doppelporträts von Personen aus dem Wedding, die er jeweils an ihrem Arbeitsplatz und zu Hause fotografiert hat. Schmidt hat die Fotografien in zwei Reihen angeordnet und ermöglicht so einen vergleichenden Blick auf die Personen, die er sowohl dokumentiert als auch inszeniert hat. Seine große Kunst besteht darin, mit unscheinbaren Motiven höchst eindringliche Fotografien zu schaffen, die es vermögen, nicht nur konkrete Lebensrealitäten, sondern auch Atmosphären und historische Verschiebungen zu vermitteln. Oft haftet den Fotografien eine Schwere an, die jedoch nie reißerisch oder – die Gefahr bestünde vor allem im Falle der Porträts – entblößend ist.

Vitrine mit Publikationen von Michael Schmidt, Foto: Anna-Lena Wenzel

Dahin, wo es weh tut

Die Schwere hat mit den Motiven zu tun, für die sich Schmidt entscheidet: Benachteiligt heißt eine Serie, andere Waffenruhe oder Ein-heit, Schmidt hält mit ihnen das fest, was weh tut: die Lebensrealität von kranken Menschen, die Zerstörungen der Stadt, die der Krieg hinterlassen hat, die Folgen des Mauerbaus und die ausbeuterischen Zustände der heutigen Lebensmittelproduktion. Trotz dieser heavy Themen bleibt Schmidt sachlich nüchtern und polemisiert nicht, wozu auch seine Entscheidung beiträgt, in schwarzweiß zu fotografieren, von der er erst mit der Lebensmittel-Serie aus den Jahren 2006-2010 abweicht. Zudem hat er sich für eine serielle Arbeitsweise entschieden, die er in thematisch abgesteckten Publikationen versammelt. Ein schönes Beispiel: seine Arbeit Die berufstätige Frau in Kreuzberg, 1975. Sie besteht aus zwei Fotoserien mit je 15 Bildern, die in der Ausstellung untereinander gehängt sind: oben sieht man den Alltag einer Arbeiterin, unten den Alltag einer Ärztin. Im Vergleich werden die unterschiedlichen Wohn- und Arbeitsverhältnisse umso deutlicher.

Ein weiteres Beispiel für seine Fähigkeit gesellschaftlich brisante Themen aufzugreifen, ohne plakativ zu werden, ist die Serie Frauen, die zwischen 1996 und 1999 entstanden ist. Sie zeigt Frauen, angezogen oder nackt, zum Teil als Fragment, oft ist nur der Rumpf ohne Kopf zu sehen. Es geht um Nacktheit in seiner Ambivalenz von Verletzlichkeit und Erotik wobei die Fotografien mit dem kunsthistorisch traditionell männlichen, begehrlichen Blick spielen, ihn aber nicht reproduzieren. Indem die Fotos der nackten Körper mit angezogenen Frauen und abweisenden Gesten kombiniert werden, verwahren sie sich vor einem einseitig voyeurisistischen Blick.

Ausstellungsansicht, Foto: Matthias Völzke

Die Arbeit in Serien ermöglicht ihm, verschiedene Motive nebeneinanderzustellen und dadurch ein Thema in unterschiedliche Richtungen auszuarbeiten. Das gelingt ihm besonders eindrücklich bei der Serie Ein-heit, für die er eigene Fotografien mit Motiven (Personen, Architektur und Texte), kombiniert, die er aus Zeitschriften oder Publikationen abfotografierte, so dass ein Konglomerat deutscher Geschichte entsteht, in dem NS-Zeit mit RAF und DDR verbunden sind.

„Grau ist für mich eine Farbe der Differenzierung“

Schmidts Vermögen, Spannungsfelder zu erzeugen, zeigt sich zudem in seiner Vorliebe für die Farbe Grau. Statt mit harten Kontrasten zu arbeiten, die durch Sonnenlicht entstehen, differenziert er die Farbe Grau so aus, dass der Eindruck hochverdichteter Bilder entsteht und sich der Blick für die feinen Nuancen schärft. Janos Frecot spricht in seinem Katalogbeitrag von einer Hinwendung Schmidts zu Grau als zentralem Farbaspekt und zitiert ihn mit den Worten: „Grau ist für mich eigentlich eine Farbe, und ich bin auf diese Position des Grau erstmals 1976 bei der Serie Berlin-Wedding gekommen. Es war ein ganz bewusster Schritt, die Bilder noch extremer ins unermeßliche Grau zu treiben, so dass Schwarz und Weiß eigentlich gar nicht mehr vorkommen. Grau ist für mich eigentlich eine Farbe der Differenzierung, so komisch das klingt. Schwarz und Weiß sind ja zwei feste Standpunkte rechts und links. Und ich dachte, daß die Welt sich nicht klar definiert, sondern sich in vielen Nuancen darstellt.“ [2]

Späte Würdigung in den letzten Jahren

Die Ausstellung wirbt damit, die erste Überblicksausstellung des Künstlers seit 25 Jahren zu zeigen, was stimmt und wiederum auch nicht stimmt, denn in den letzten zehn Jahren gab es mit der Ausstellung Lebensmittel im Martin-Gropius-Bau (2013) und der Ausstellung Kreuzberg – Amerika, die sich seiner Werkstatt für Photographie 1976 – 1986 widmete und 2016 in Berlin bei C/O gezeigt wurde, sowie der Teilnahme Schmidts bei der Berlin Biennale 2010, als seine Serie Frauen im öffentlichen Raum plakatiert wurde, mehrere umfangreiche Ausstellungen, die sein Oeuvre gewürdigt haben. Dennoch leistet sie Pionierarbeit, wenn sie Schmidts Werk von den Anfängen 1965 bis zu seinem Tod 2014 zusammenbringt. Mit dem Fotografieren begonnen hatte Schmidt mit 20 Jahren als er bei der Berliner Bereitschaftspolizei arbeitete. Er war ein Autodidakt, der jedoch schon nach wenigen Jahren selber Volkshochschul-Kurse gab und 1976 die Werkstatt für Photographie gründete. Im Ausstellungstext von C/O hieß es damals über sie: „Ihre programmatische Ausrichtung mit dem Fokus auf einer inhaltlichen Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Fotografie war einzigartig und führte bereits zu einem frühen Zeitpunkt zu einem tiefgehenden Verständnis des Mediums als eigenständige Kunstform. Die Werkstatt für Photographie erlangte mit intensiver Vermittlungsarbeit durch Ausstellungen, Workshops, Vorträge, Bildbesprechungen, Diskussionen und spezialisierten Kursen allerhöchstes internationales Niveau.“ [3] Schmidt holte für die Werkstatt nicht nur renommierte, internationale Fotograf*innen nach Kreuzberg, er wurde selber zu einem wichtigen Lehrenden in Sachen Fotografie.

Selbstporträt des Künstlers

Unterschiedliche Formate, eigensinnige Rahmen, selbstgestaltete Publikationen

Das Tolle der Ausstellung im Hamburger Bahnhof ist, dass man sie mehrmals unter unterschiedlichen Aspekten anschauen kann. Neben den Fotos selber, ihren Motiven und ihren Formaten sowie den ausgestellten Archivmaterialien, kann man sich auch auf die Rahmen konzentrieren. Unter ihnen befinden sich ungewöhnliche Alurahmen oder spezielle Konstruktionen aus Glas und Stahl. Interessant ist auch, die Art, wie Schmidt die Fotos rahmt: manchmal mit einem weißen Rand, aber so, dass das Format der Fotografie nicht dem Format des Rahmens entspricht, manchmal gibt es gar keinen Rand, so dass das Bild direkt in den Rahmen überzugehen scheint. Mit der Serie Frauen gibt es zudem Fotografien, die direkt auf die Wand plakatiert sind und ganz ohne Rahmen nur mit einem weißen Rand auskommen.

In der Ausstellung wird ein Künstler gewürdigt, der mit viel Eigensinn, kritischem Gegenwartsverständnis, Mut und Präzision seinem Beruf nachgegangen ist. Dass seine Arbeit in diesem Umfang gewürdigt werden kann, ist auch seiner umsichtigen Entscheidung zu verdanken noch zu Lebzeiten eine Stiftung einzurichten (die Stiftung für Fotografie und Medienkunst mit Archiv Michael Schmidt), die heute seinen Nachlass verwaltet und mit Thomas Weski einen engagierten und gut vernetzen Kurator an seiner Spitze hat. Damit zeigt sich einmal mehr, dass Schmidt nicht nur ein sehr guter Fotograf war, sondern auch ein umtriebiger Vermittler seiner eigenen Kunst.

[1] So ungewöhnlich es aus heutiger Zeit klingen mag, dass sich ein Künstler mit einem konkreten Projekt an den Bezirk wendet, so ist es für Schmidt typisch, denn er schrieb bereits 1969 den Bezirksbürgermeister in Kreuzberg an, den er aus seiner SPD-Mitgliedschaft kannte, und erhielt im Anschluss den Auftrag einen Bildband zu erstellen, der das Viertel fotografisch dokumentiert. Der Band erschien 1973 und war schnell vergriffen, so dass bereits ein Jahr später eine zweite Auflage in den Druck ging. Schmidts Anfrage an den Bezirksbürgermeister von Neukölln, dem er dasselbe Projekt anbot, wurde jedoch 1971 abgelehnt. 1975 probierte er es erneut beim Senator für Soziales und Gesundheit mit der Serie Berufstätige Frauen und erhielt den Auftrag. Es folgte ein Jahr später der Auftrag im Wedding, für den er jede Straße und ihre Bebauung anhand der Bezirkskarte mindestens zweimal in beide Richtungen abgefahren ist, weil „sich durch die praktische Auseinandersetzung (der Dinge und ihrer Verhältnisse) die Summe der Sachkenntnisse und der Einsicht über den Bezirk vertieft.“ Michael Schmidt. Fotografien 1965-2014, hrsg.v. Stiftung für Fotografie und Medienkunst mit Archiv Michael Schmidt, London, 2020, S. 32.

[2] Janos Frecot: Michael Schmidts Berlin zwischen Mauerbau und Mauerfall, in: Michael Schmidt. Fotografien 1965-2014, S. 42.

[3] https://www.co-berlin.org/kreuzberg-amerika-ausstellung-berlin. Die Ausstellung war Teil eines dreiteiligen Projektes von C/O Berlin, dem Museum Folkwang Essen und dem Sprengel Museum Hannover. Zeitgleich präsentieren die drei Häuser die Geschichte, Einflüsse und Auswirkungen der Berliner Fotografie-Institution und ihrer Akteur*innen.

Rechte Spalte

Fotograf des Alltäglichen

Eine Retrospektive im Hamburger Bahnhof würdigt den Fotografen Michael Schmidt
Ort

Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart

Michael Schmidt – Retrospektive. Fotografien 1965—2014

23.08.2020 bis 17.01.2021

Von Anna-Lena Wenzel