Freiräume für Künstler*innen in Gefahr

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Jörg Heitmann und Julie Gayard im Gespräch, Foto: Anna-Lena Wenzel

Das Acud Macht Neu und das silent green Kulturquartier verbindet, dass beide ein breites Spektrum von Kulturveranstaltungen organisieren von Ausstellungen, Diskussionsveranstaltungen über Konzerte und Lesungen. Die Betreiber*innen sind Programm-Kurator*innen als auch Leiter*innen eines „Mehrspartenhauses“ bzw. einer Mieter*innengemeinschaft, da beide weitere Kulturorganisationen (wie das Musicboard Berlin, das Büro Form und Konzept, das Arsenal Institut für Film- und Videokunst und das Harun Farocki Institut im Falle des silent green und ein Kino, ein Theater und u.a. den Radiosender reboot.fm beim Acud) beherbergen. Einnahmen werden über die Vermietung der Räumlichkeiten und die Gastronomie generiert, sind jedoch äußerst knapp kalkuliert.

Beide Orte werden zudem von Teams geleitet: Johannes Braun und Julie Gayard sind General Manager und Art-Direktorin von Acud Macht Neu, während das silent green von Jörg Heitmann als Geschäftsführer und seiner Partnerin Bettina Ellerkamp geleitet wird. Sowohl Heitmann als auch Gayard arbeiten parallel noch in ihren Jobs als Projektentwickler und Grafikerin, um ihre Lebenshaltungskosten bzw. die Aktivitäten ihrer Veranstaltungsorte querzufinanzieren.

Trotz dieser vielen Gemeinsamkeiten, gab es bisher nur wenige Gelegenheiten sich auszutauschen. Nach der Begrüßung wird aber doch eine gemeinsame Veranstaltung ausgemacht: Heitmann war 2016 zu Acud unter dem Titel BACK TO THE FUTURE eingeladen über die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft freier Kunst- und Kulturräume in Berlin-Mitte zu diskutieren.

Im Laufe des Gesprächs wird oft der Satz fallen: „das ist bei uns genauso“ und am Ende der Beschluss gefasst in Zukunft den Austausch fortzusetzen um sich fortan gemeinsam für eine langfristige strukturelle Förderung von Veranstaltungsorten und Kulturinstitutionen einzusetzen.

Bevor wir über die aktuelle Situation und die unmittelbare Zukunft sprechen, blicken wir zurück zu den Anfängen in den 1990er Jahren: Heitmann erzählt von seinen selbstorganisierten Anfängen mit Botschaft e.V., einem 1990 gegründeten Produktions- und Ausstellungskollektiv, das er mitinitiiert hat und das in Mitte verortet war und sich 1996 auflöste. Gayard erzählt von den Anfängen des Acud, das ebenfalls 1991 von einer Gruppe von Künstler*innen in einem leerstehenden Mietshaus in der Veteranenstraße am Weinbergspark in Berlin-Mitte gegründet wurde. Gayard selber stieg 2014 ein, als sie zusammen mit Johannes Braun, ihrem Cousin, das Haus kauften und somit vor der Zwangsversteigerung retteten. Das silent green, das sich in einem ehemaligen Krematorium in der Gerichtstraße in Berlin-Wedding befindet, wurde 2013 von Heitmann und Co übernommen und sofort mit der Ausstellung des Forum Expanded der Berlinale eröffnet, wobei am Anfang und zwischendurch immer wieder Renovierungs- und Neubaumaßnahmen nötig waren und die Programmmöglichkeiten einschränkten.

Der Hof des silent green zu Corona-Zeiten, Foto: Anna-Lena Wenzel

Mit Hilfe von Krediten und einer Heldin Freiräume erhalten

Anna-Lena Wenzel: Wie seid ihr zu euren Räumen gekommen?

Julie Gayard: Wir wollten das Acud sichern, damit nicht noch ein weiterer Ort in Mitte verschwindet.

Jörg Heitmann: Bei uns war es genauso. Weil wir beobachteten, wie immer mehr Kulturorte in Berlin verschwanden, haben wir 2011 gesagt, dass wir gerne dauerhaft etwas machen würden. Und dann kam dieses Gelände zu uns, das wir für relativ wenig Geld kaufen konnten, wir mussten damals 750.000 € für das ganze Gelände zahlen.

JG: Ein Jahr später, 2014, haben wir das Acud übernommen.

JH: Wir hingen früher ja alle ab von dem Engel aus Berlin...

JG: ... Jutta Weitz

JH: Ja, genau. Das ist die totale Heldin, die unbedingt eine Ehrenbürgerschaft verdient hätte. Weil die ganze Kulturszene, die in Mitte in den 90er aufgebaut wurde, von ihr als Sachbearbeiterin bei der WBM mit Räumen versorgt wurde.

JG: Sie hat so viel Kreativität ermöglicht!

JH: Du bist da in den Flur gekommen in der Diercksenstraße und sie sagte, „Jörg, komm mal her, ich hab hier einen Schlüssel“, dabei sprach sie leise und drehte sich um, dass auch ja keiner zuhörte, „das kostet ´ne Mark.“ Wohl bemerkt: Sie hat durch Ihr Handeln der WBM nicht geschadet – im Gegenteil: die Stadt hat dadurch sehr viel gewonnen.

JG: Als wir BACK TO THE FUTURE organisiert haben, wo du ja auch eingeladen warst, kam sie auch, auch wenn sie nicht aufs Podium wollte ...

JH: ... das ist typisch Jutta; sie hat sich nie in den Vordergrund gespielt.

JG: Bei uns war der Deal, dass Kino und Theater drin bleiben und die alten Akteure weitermachen. Wir haben Galerie, Club und das Studio, die leer standen, übernommen und haben das erst Mal mit Freund*innen angeschoben. Es gab dann eine erste Förderung vom Musicboard, um das überhaupt erst mal publik zu machen. Als wir auf dem Zug drauf waren, sind wir immer weiter gefahren.

"Eine halbe Million Stornos"

ALW: Wie hat sich Corona bei euch bemerkbar gemacht?

JH: Es wurde wahnsinnig viel abgesagt. Im März haben wir innerhalb weniger Tage eine knappe Million Stornos bekommen. Wir konnten zwar Soforthilfe 4 beantragen, steckten aber anfangs in einer Förderfalle, weil wir mehr als zehn sozialversicherungspflichtige Mitarbeiter*innen haben. Aus diesem Grund galten wir als Mittelständler und wären lediglich mit Krediten unterstützt worden. Das macht für uns aber keinen Sinn. Auch die aktuelle Förderung des Bundes wird nicht ausgezahlt, wenn du auch Eigentümer des Gebäudes bist. Das ist nachvollziehbar, aber unsere Struktur funktioniert anders. Wir haben die GmbH, der die Immobilie gehört, nur für die Bank so konstruiert...

JG: Das war bei uns auch so … Aber wir haben unter 10 Mitarbeiter*innen …

JH: … dann hattet ihr es leichter für bestimmte Überbrückungszuschüsse. In einigen Tagen wird das Soforthilfe Programm 4 verlängert und nach unten hin geöffnet, um Räume wie das Acud zu unterstützen, die unter 10 Mitarbeiter*innen haben. Der jetzige Kultursenat bemüht sich wirklich, aber es sind diese strukturellen Feinheiten, die das alles verkomplizieren. Wir haben drei verschiedene Konstellationen: GmbH für die Immobilie, eine GmbH und CoKG für den normalen Betrieb wie die Gastronomie und gGmbH silent green Film Feld Forschung für gemeinnützige Förderung ... Mit dieser Klaviatur musst du spielen, um verschiedene Fördertöpfe „anzuzapfen“.

JG: Ja, wir haben am Anfang eine Projektförderung für ein Jahr bekommen, aber im nächsten Jahr ging dann alles wieder von vorne los und die Anschlussförderung hat nicht geklappt.

Momentan sind das Programm und die Bar total runtergefahren, bis auf einige geförderte Projekte, die in modifizierter und angepasster Form stattfinden. Wir haben unser Team in Kurzarbeit geschickt oder haben ihnen geholfen Hartz 4 zu beantragen. Nur diejenigen, die für unsere geförderten Projekte Amplify Berlin und Collective Practices arbeiten, konnten regulär weiterarbeiten. Unsere Kredite haben wir für ein halbes Jahr ausgesetzt. Wir sind auf die Einnahmen durch Veranstaltungen angewiesen, doch es ist nicht absehbar, dass diese bald wieder steigen. Da waren die 14.000 € Soforthilfe schon sehr hilfreich.

JH: Für uns war es am Anfang der Coronakrise schwierig, weil wir keinen Cent bekommen haben, sondern erst in der zweiten Förderrunde unterstützt wurden, dann allerdings mit 120.000 €. Das hilft natürlich sehr. Wir haben die Gastronomie wieder geöffnet, doch die Veranstaltungen fehlen weiterhin. Wir haben überlegt, ob wir das Gastro-Team überhaupt aus der Kurzarbeit rausholen sollen, weil es so grenzwertig ist – obwohl Sommer ist und wir draußen viel Fläche haben. Aber ich habe Angst vor dem Winter.

Der Hinterhof des Acud Macht Neu, Foto: Acud

JG: Wie viele Gäste dürfen hier rein?

JH: Normalerweise oben 400 und unten 1000. Jetzt sind es 60 bis 80 und 150 bis 170 Leute.

JG: Bei uns passen normalerweise 140, jetzt sind es 20! Das geht hinten und vorne nicht, oder nur, wenn alle umsonst arbeiten – auch die Künstler*innen.

JH: Wir machen jetzt vier Wiesenkonzerte mit Kopfhörern. Wir probieren das mal und schauen, wie das läuft. Das muss wegen Lärmschutz aber spätestens um halb zehn zu Ende sein. Das machst du jetzt vier Mal, aber du kannst damit nicht den Sommer gestalten und schon gar nicht vergleichbare Einnahmen generieren.

JG: Wir machen das seit sechs Jahren ohne strukturelle Förderung und kommen jeden Monat nur ganz knapp über die Runden, das ist schon sehr anstrengend insgesamt.

JH: Ich sage auch oft, dass ich zehn Jahre zu alt bin, um so einen Laden zu machen. Das geht an die Substanz.

JG: Du musst 200 % dabei sein, Tag und Nacht.

JH: Da haben wir es ein bisschen einfacher, weil wir größer sind. Ich schätze an Klaus Lederer, dass er für uns ansprechbar ist und auch die Grundproblematik von Räumen wie unseren verstanden hat, das Problem ist das Danach. Die strukturelle Frage nach einer dauerhaften Basisförderung ist unbeantwortet. Das muss keine Dauerförderung sein, sondern sollte alle paar Jahre evaluiert werden, aber es geht darum, die sozio-kulturelle Infrastruktur zu unterstützen und zu erhalten.

Ruf nach Strukturförderung

JG: Es fehlt eine strukturelle Förderung, mit der man 2, 3 Leute anstellen könnte, die Vollzeit hier arbeiten und den Laden schmeißen. Doch es ist schwierig, wenn man sich, wie wir, nicht auf ein Genre konzentrieren will. Es gibt wenige Fördertöpfe für diese interdisziplinäre Struktur, wie wir sie haben.

JH: Hinzukommt, dass wir uns eben selber finanzieren müssen. Dadurch fallen wir ein bisschen durchs schwarz/weiß-Raster, weil wir einerseits kommerziell arbeiten müssen, gleichzeitig aber auch gemeinnützig sind und uns zur freien Szene zählen. Die Verluste, die wir hier machen, gleich ich durch mein Zweitleben und den Verzicht auf ein eigenes Gehalt aus. Wir machen das ja nicht, um Geld zu verdienen, sondern weil wir glauben, dass die Stadt das braucht. Durch relativ wenige Förder-Gelder als Sockelförderung könnte man viel bewirken, weil wir dann viel mehr Kultur machen …

JG: … und mehr Freiräume für Künstler*innen bereitstellen könnten.

JH: Aber diese Strukturförderung ist erst mal in weite Ferne gerückt. Ich bin da ziemlich pessimistisch. Doch wir stellen die freie, alternative Infrastruktur! Wenn sie weg ist, ist sie weg oder besteht aus schicken Edelclubs in die Peripherie. Dann ist es hier wie in Paris oder London. dann fehlen die sozialen Räume.

JG: Ja, es fühlt sich mühsam an. Ich wollte nie eine Eventbude machen, aber um das Kulturprogramm und das Team zu finanzieren, müssen wir regelmäßig privat vermieten oder Clubabende veranstalten, um einen hohen Barumsatz zu erreichen – wobei selbst das nicht so erträglich ist wie man denkt bei unseren kleinen Räumen.

JH: Der Umsatz ist sehr schwer zu kalkulieren. Und es gibt auf Entscheidungträgerebene eine falsche Einschätzung von Gastronomie. Das wird immer mit Geldverdienen zusammengebracht, doch diese Rechnung geht nicht auf. Geld verdienst du erst in der Masse, kleine Veranstaltungen tragen sich gerade so.

JG: Ja, es ist wahnsinnig viel Aufwand. Aber es ist nicht alles so schwarz. Wir haben an unser Team kommuniziert, dass sie, wenn sie Ideen für diese Zeit haben, gerne auf uns zukommen und die leeren Räumen nutzen können – auch wenn wir nichts zahlen können. Daraus sind ganz spannende Geschichten entstanden wie die Ausstellungsreihe Do Not Touch. Es gab auch eine solidarische Eigendynamik innerhalb des Teams und Unterstützung innerhalb der Community.

JH: Hast du mitbekommen, dass DIE ÄRZTE für Berliner Livekonzert-Clubs aus FILs Comics „Didi & Stulle“ lesen und damit Geld für coronabedingt geschlossene Bühnen sammeln?

JG: Nein, aber wir haben bei der Plakataktion 2020Solidarity von between bridges mitgemacht, und unsere eigene Crowdfunding Kampagne hat uns sehr geholfen, mit den Geldern haben wir die ersten zwei Monate Gehälter des Kernteams weiterbezahlt und diejenigen unterstützt, die keine Soforthilfe bekommen haben.

JH: Lass uns auf jeden Fall im Austausch bleiben und gemeinsam für die Strukturförderung kämpfen!

JG: Ja, unbedingt!

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Freiräume für Künstler*innen in Gefahr

Ort

Für Veranstaltungsorte wie das Acud Macht Neu und das silent green Kulturquartier bedeuten die anhaltenden Coronamaßnahmen massive Beschränkungen ihrer Arbeit und gehen an ihre finanzielle Substanz. Im vierten Teil der Reihe „Wie läuft es (nicht) mit Corona“ berichten Julie Gayard und Jörg Heitmann Anna-Lena Wenzel von der aktuellen Situation.