Hallo und auf Wiedersehen! - 100 Jahre Bauhaus

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Im Jahr 2019 jährt sich die Gründung des Bauhauses zum hundertsten Mal und dieses Jubiläum wird groß gefeiert – nicht nur in Dessau und Weimar, sondern auch in Berlin mit einer Vielzahl von Veranstaltungen und Ausstellungen. Im Bezirk Mitte gibt es gleich mehrere Institutionen, die sich dem Thema widmen: Zu Beginn des Jahres lockte die Akademie der Künste mit einem Eröffnungsfestival. Es folgte die Eröffnung der sehenswerten Ausstellung bauhaus imaginista im Haus der Kulturen der Welt und drei weitere im April: im Museum für Fotografie, im Deutschen Historischen Museum und im Mies van der Rohe Haus, die sich je (Haus-)spezifischen Themen widmen. Im August wird es mit der bauhauswoche berlin noch mal eine Bündelung diverser Aktivitäten geben.

Während es in den meisten Fällen darum geht, den Geist des Bauhauses wiederzubeleben oder dessen Geschichte zu beleuchten, setzt das projekt bauhaus einen anderen Schwerpunkt. Am 29. Mai wurde im Grünen Salon der Volksbühne zur Veranstaltung Ciao Bauhaus! eingeladen, um das Begräbnis des Bauhauses zu begehen. Aber warum soll das Bauhaus tot sein, wenn es gleichzeitig zu seinem 100-jährigen Jubiläum gerade überall seine Wiederauferstehung feiert und in aller Munde ist? Die These der Veranstalter ist, dass der Erfolg des Bauhauses quasi zu dessen Verhängnis geworden ist, denn der Begriff Bauhaus ist „zu einer leeren Worthülse verkommen […], in die fast alles hineinprojiziert werden kann“, wie es im Flyer zur Veranstaltung heißt. Aus diesem Grund ist das projekt bauhaus angetreten, um die heutige gesellschaftliche Relevanz des Bauhauses zu eruieren und zu diskutieren. Aber wer sind sie überhaupt? Das Team vom projekt bauhaus besteht aus mehreren Personen, die schon lange miteinander und zum Bauhaus arbeiten, wie Philipp Oswalt, von 2009 bis 2014 Direktor der Stiftung Bauhaus Dessau, Anh-Linh Ngo, Herausgeber der Architekturzeitschrift Arch+ und Christian Hiller, Assistenzkurator der Ausstellung bauhaus imaginista. Das Zielt lautet, „in einem auf fünf Jahre angelegten Arbeitsprozess eine kritische Inventur der Bauhausideen vorzunehmen und den utopischen Überschuss des Bauhauses für die Gegenwart fruchtbar zu machen.“[1] Fruchtbarmachen und Inventarisieren klingt jetzt erst mal nicht nach Begraben, aber genau das ist notwendig, „denn das Bauhaus war ein vorausschauendes Projekt, und dennoch in seiner Zeit verhaftet. Es hat vor dem Hintergrund der Industrialisierung und Modernisierung einen anthropozentrischen Gestaltungsbegriff geprägt, der von dem positivistischen Glauben an den Fortschritt, an eine bessere Zukunft, an das emanzipative Potential von Wissenschaft und Technik und an Verbesserung durch Erneuerung durchdrungen war. Doch das Neue hat seine Unschuld verloren.“ Es sei zu einem „Zombiemuseum“ mutiert, heißt es an anderer Stelle.

Beim „Begräbnis“ im Grünen Salon war eine illustre Runde eingeladen, in zehn Kurzvorträgen den Bogen von den „Bauhaus Grabstätten“ über den „Bauhaus Virus“ zu den „Bauhaus Perversions“ zu schlagen. So schnell wie die Inhalte wechselten, wechselte auch der Ton – von unterhaltsam über informativ zu ironisch und kämpferisch. Wies Peter Richter auf die Historie des Materials des Stahlrohrs hin, das zum Beispiel in den Stühlen von Marcel Breuer verwendet wurde, lieferte Antje Stahl ein Paar Zahlen zum Verhältnis von Frauen und Männern im Bauhaus. Sowohl Theo Deutlinger als auch Mark Wigley machten auf den bahnbrechenden wie fragwürdigen Erfolg des Bauhauses aufmerksam, in dem sie aus dem aktuellen Ikea-Katalog zitierten (als der neuen Bauhaus-Schule) oder auf das iPhone verwiesen, das die Gestaltungskriterien des Bauhauses quasi inhaliert hat. Eine weitere, fragwürdige Aktualisierung wurde von Tatiana Efrussi vorgestellt, die in ihrem Vortrag einen Brief einer russischen Immobilienfirma vorgelesen hat, in dem diese das Bauhaus preist, aber offensichtlich gegen dessen Prinzipien verstößt. Ein bisschen Huldigung an das Bauhaus ist auch dabei – in Alexander Kluges kurzweiligen Filmbeitrag, der mit „Hommage für das Bauhaus“ betitelt war.

Bei dieser wilden Mischung von Positionen und Perspektiven auf das Bauhaus wird klar, dass der Titel auf jene Ambivalenz anspricht, die in der Veranstaltung und dem ganzen Projekt angelegt ist: „Ciao“ kann sowohl „Tschüß“ als auch „Hallo“ heißen. Dazu passt, dass obwohl hier mit einer Art Begräbnis vom Bauhaus Abschied genommen werden sollte, es 4,5 Stunden um nichts anderes als das Bauhaus ging. Man spürte, dass es den Veranstaltern weniger um einen Abgesang ging, als darum, ihre liebevolle wie kritische Perspektive auf das Bauhaus mit (den Gästen) zu teilen.

Schorsch Kamerun, Foto: : ARCH+ / david baltzer

Es ist nur konsequent, dass das Begräbnis nicht die letzte Veranstaltung des projekt bauhauses war, sondern der Auftakt, denn der Abend endete mit dem Auftritt von Schorsch Kamerun, der einen Vorgeschmack auf sein Stück Das Bauhaus – Ein rettendes Requiem lieferte, das vom 20. bis 22. Juni in der Volksbühne zu sehen sein wird. Es war ein Lied folgenden Inhalts:

„Meinen Sie, dass andere Nasen schwierig sind? Meinen Sie das damit?

Was meinen Sie damit, dass sie das Volk sind? Meinen Sie damit, dass sie besondere Musik hören als wie das Volk und nur diese, ihre Musik hören wollen? Was meinen Sie damit?

Oder meinen Sie, dass sie besondere Autos fahren? Nur die Autos fahren, die sie fahren wollen? Andere Autos finden sie nicht gut zum Autofahren. Meinen Sie das damit?

Meinen Sie, dass sie nur Schweine essen wollen? Immer nur Schweine essen. Was meinen Sie damit?

Ihren Weg gehen wollen. Wie wollen Sie gehen? Meinen Sie damit, dass sie nicht anders gehen können?“

Das Requiem wird also hoffentlich für die dringend notwendige Aktualisierung sorgen – oder endlich den erfrischend anderen Weg einschlagen. Denn zu erwarten ist, dass Kameruns unkonventioneller, querschießender und dabei höchst politischer Ansatz sich ganz frei machen wird vom akademischen Diskurs über das Bauhaus und dessen musealen Huldigung, wie sie sonst geboten wird.

[1] https://www.projekt-bauhaus.de/service/ueber-uns

Das Stück Das Bauhaus – Ein rettendes Requiem von Schorsch Kamerun wird vom 20. bis zum 22. Juni 2019 in der Volksbühne aufgeführt.

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Hallo und auf Wiedersehen! - 100 Jahre Bauhaus

Zum 100-jährigen Jubiläum widmen sich zahlreiche Veranstaltungen und Ausstellungen in Berlin dem Bahaus, wobei das projekt bauhaus einen etwas anderen Weg einschlägt: erst wird sich mit einer Veranstaltung in der Volksbühne vom Bauhaus veranschiedet, um dann am selben Ort ein rettendes Requiem zu inszenieren.

Von Anna-Lena Wenzel