Kuratieren im Lockdown

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Screenshot der digitalen Ausstellung Queer as German Folk des Schwulen Museums in Kooperation mit dem Goethe Institut

Der coronabedingte Lockdown brachte alle öffentlichen Veranstaltungen zum Erliegen und führte zur räumlichen Schließung sämtlicher Kulturinstitutionen. Der Verlust des Publikums erforderte ein Umdenken: Wie kann man weiterhin präsent sein, Kontakt zu Besuchenden halten, bestehende Projekte und Ausstellungen sichtbar und zugänglich machen und wenigstens einen kleinen Teil der geplanten Aktivitäten realisieren? Die meistgewählten Lösungen waren digitale Formate und Vermittlungswege wie gefilmte Führungen durch Ausstellungen und Diskussionsveranstaltungen, die live als Instagramstream oder im Radio übertragen wurden. Einige Institutionen – darunter viele Theater, die Berliner Festspiele, das Kino arsenal oder der nbk – öffneten ihre Archive und stellten zeitlich begrenzt alte Vorführungen oder eigens kuratierte Filmprogramme als Stream zur Verfügung. Als sich die Beschränkungen lockerten, konnten Ausstellungshäuser wieder öffnen und einige Aktivitäten ins Freie verlegt werden (wenn das Projekt finanziert war, ein alternativer Spielort gefunden werden konnte und der Lärmschutz es erlaubte). Die meisten Aktivitäten fanden jedoch weiterhin auf den Social Media Kanälen statt – und wahrscheinlich ist, das in Anbracht der unsicheren Aussichten auch zukünftig viele Institutionen auf Hybridformen angewiesen sein werden.

Das Konzipieren von Hybridformen ist neu, der Gedanke Archive zu digitalisieren und zur Verfügung zu stellen sowie die Social Media Kanäle für Kommunikation und Vermittlung intensiver zu nutzen, nicht. Man kann also nicht sagen, dass der Lockdown ein gänzlich neues Rezeptionsverhalten mit sich brachte, aber er hat gewiss bestimmte Entwicklungen beschleunigt. Die digitalen Angebote wurden binnen kurzer Zeit zu Informations-, Kommunikations- und Präsentationsorten. Der Druck präsent zu sein war enorm, davon zeugt das harsche Urteil von Jörg Heiser, der den Museen und Galerien Ende März „Verzweiflungstaten“ in Anbetracht von Diashows und Instagraminterviews unterstellte.[1] Wie schnell und wie professionell Institutionen auf die neue Situation reagierten (oder besser: reagieren konnten), ist jedenfalls sehr unterschiedlich gewesen und kann als Zeichen dafür gewertet werden, ob es auch schon vorher eine Erweiterung des Programms in den digitalen Raum gegeben hat.

Festgehalten werden kann, dass die Zeit sowohl einen überstürzten Aktionismus mit sich brachte, als auch experimentelle Freiräume eröffnete. Zu den positiven Entwicklungen gehörten die vielen Solidaritäts- und Unterstützungsaktionen wie United We Stream, das Teilen von Lese-/Linklisten sowie Umfragen zur Situation der Kulturschaffenden von Berufsverbänden wie dem bbk. Ein weiteres Phänomen der Zeit waren die vielen Austauschformate, die dem starken Bedürfnis Rechnung trugen, sich darüber auszutauschen, wie die Krise wahrgenommen wird, was sie mit einem macht und wie man damit umgehen kann – das zeigen die Gesprächsreihe der Akademie der Künste, in der sich Künstler*innen zu den gesellschaftspolitischen Folgen der Corona-Krise sowie zur Rolle und zum Potential von Kultur in Zeiten des Ausnahmezustands äußern, das Format CC:World HKW, eine Serie digitaler Briefe im Video-, Text- und Audio-Format von Künstler*innen und Forscher*innen aus der ganzen Welt, die Interviews mit Kulturschaffenden in der Reihe Was läuft (nicht) mit Corona im Kultur Mitte Magazin ebenso wie das Programm Openings, not Openings des Bärenzwinger, bei dem Künstler*innen, Kurator*innen, Mitarbeiter*innen und Freund*innen des Bärenzwingers die Möglichkeit bekamen, sich in Form eines Films, Statement, Interview oder Text zur Situation zu äußern. „Wir wollen vorerst nicht unsere Ausstellung und Veranstaltungen als Streaming fortführen, sondern zuerst diese Situation nutzen und den entstehenden Fragen und der damit zusammenhängenden Unsicherheit Raum geben“, heißt es im Statement der Kurator*innen.

Screenshot des Online Formats CC:World des HKW

Programmalternativen = ein Experimentierfeld für neue Formate

Rückblickend erscheint die Zeit wie ein Beschleuniger und Experimentierfeld für die digitalen Angebote der Kulturinstitutionen. Ein Beispiel: das Ensemble LUX:NM arbeitete für das Streaming ihres Konzertes mit Visuals eines Bildenden Künstlers zusammen und das Ergebnis ist überzeugend, weil hier etwas Neues entstanden ist.[2] Einige schnell improvisierte Formate werden jedoch wieder verschwinden, weil sie bemüht und unprofessionell wirkten, andere werden bleiben, weil sie bereits bestehende Aktivitäten ergänzen oder unter Outreach-Gründen interessant sind, weil sie es vermögen neue Besucher*innengruppen anzusprechen.

Jedenfalls wurde intensiv über die Vor- und Nachteile der Digitalisierung diskutiert, zu denen neben der Qualität der Angebote auch die unbezahlte Arbeit steckt, die dafür aufgewendet wurde, als auch die Abhängigkeit von großen Plattformen und Anbietern und die oft mangelnde Sicherheit von Diensten wie Zoom. Ein vorläufiges Fazit zieht Ela Kagel, Mitbetreiberin des Projektraumes Supermarkt in der Berliner Gazette: „Um die Sicherheit und Autonomie von realen Community-Spaces auf digitale Plattformen zu übertragen, ist mehr notwendig als ein Abo bei einem Service-Provider. Gerade auch in Videokonferenzen oder Livestreaming-Umgebungen, die potenziell einem Publikum weltweit zugänglich sind, ist ein Code of Conduct und eine Steuerung der technologischen Standards notwendig.“[3]

Hinzu kommt die Angst, dass die Digitalisierung das Verschwinden von physischen Begegnungs-Räumen noch weiter beschleunigt. Gleichzeitig erreichen die digitalen Formate zum Teil mehr und andere Menschen als vorher, werden sonst nicht-zugängliche Inhalte und (Archiv)Materialien nutzbar, ergeben sich neue Verknüpfungsmöglichkeiten. Es bleibt zu fragen: Wer profitiert davon und wer bleibt auf der Strecke? Wie fühlt es sich für Künstler*innen an, in Form von likes und Streamingzahlen unmittelbar mitverfolgen zu können, wie die Resonanz auf die eigene Arbeit ist?

Screenshot der digitalen Ausstellung Kosmos Heartfield, Akademie der Künste

Corona als Beschleuniger einer langfristigen Verschiebung

Während des Lockdowns zeigte sich, dass einige Institutionen bereits länger mit digitalen Formaten arbeiteten und damit einen Vorsprung hatten. Das Berliner Institute for Cultural Inquiry (ICI) beispielsweise dokumentiert schon seit 2007 (also ein Jahr nach seiner Gründung) seine Vorträge und stellt sie anschließend in bearbeiteter Version ins Netz. Auch der Trend Archive zu digitalisieren und zu öffnen, gibt es schon länger (siehe zum Beispiel den Wissensspeicher der nGbK). Ebenso wird seit einigen Jahren verstärkt über digitale Vermittlungsformate von Ausstellungen nachgedacht. Glück im Unglück hatte demnach die Akademie der Künste, denn sie konnte noch vor Eröffnung der physischen Ausstellung von John Heartfield im Juni eine digitale Version online stellen, die bereits erarbeitet worden war. Begleitend bzw. vorläufig zur Ausstellung John Heartfield – Fotografie plus Dynamit zeigt Kosmos Heartfield in einer virtuellen Präsentation „Fotos, Dokumente und audio-visuelle Zeugnisse aus dem Leben und Wirken John Heartfields, des Pioniers der Fotomontage, die der Auseinandersetzung mit dem politischen Künstler neue Impulse setzt“, wie es im Newsletter vom 14. April heißt. Zusätzliche digitale Angebote sind ein Online-Katalog, der 6.200 Objekte seines grafischen Werkes sowie Originalfotomontagen, Bühnenbilder und seine Materialsammlung enthält. Damit werden Arbeiten zugänglich macht, die in der Ausstellung nicht zu sehen sind. Desweiteren gibt es eine 360°-Panorama-Tour und eine ausführliche Dokumentation des Online-Symposiums „Abschied von der Fotomontage?“, wodurch Inhalte mit einer breiteren Öffentlichkeit geteilt werden können. Gleichzeitig gehen durch die digitalen Angebote die räumliche Erfahrung in der Ausstellung inklusive Gefühl für die Proportionen, sowie im Falle des Symposiums die spontanen Austausch- und Reaktionsmöglichkeiten verloren.

Zu den Formaten, die es bereits vorher gab, die nun aber verstärkt in den Fokus rückten, gehört das Videoarchiv Berliner Zimmer, das die Künstlerin Sonya Schönberger in Kooperation mit dem Stadtmuseum betreibt. Es versammelt auf der gleichnamigen Webseite Interviews mit Berliner*innen zu Themen wie Raumpolitiken und kultureller Arbeit. Während des Lockdowns entstanden einige eindrückliche neue Formate, wie zwei Fahrten mit dem Auto durch die leeren Straßen, die mittlerweile wieder verschwunden sind, weil sie dann doch nicht ins Konzept passten, sowie Zoom-Interviews mit einer Krankenschwester und Künstler*innen, die von den Auswirkungen von Corona auf ihre Arbeits- und Lebenssituation berichten – zum Teil weil sie selber erkrankt waren. Die Künstlerin nutzte den Vorteil des schnellen Reagieren-könnens auf die Situation und nahm in Kauf, dass sich die Ästhetik der Videos ebenso änderte wie die Soundqualität. Aber auch das ist Zeitgeschichte und gehört damit archiviert.

 

 

 

 

Berliner Zimmer: Fahrt von Kreuzberg nach Charlottenburg am 26.03.2020

Am überzeugendsten: wenn etwas Neues entsteht

Neben dem Ausbau und der Aktualisierung bestehender Formate, gab es auch einige, die ganz neu konzipiert wurden und einen Vorgeschmack auf künftige Entwicklungen geben, wie die digitale Version der Ausstellung Queer as German Folk oder das Programm Times in Crisis der Klosterruine, das bereits am 23. März (!) startete, und „sich als unmittelbare Auseinandersetzung mit dem gesellschaftlichen Ausnahmezustand [verstand], der in Reaktion auf die Covid-19 Epidemie verhängt wurde und die alltäglichen Lebens- und Arbeitsbedingungen nachhaltig und radikal verändert.“ Weil die Klosterruine als Ausstellungsraum nicht mehr bespielt werden konnte, initiierte Kurator Christopher Weickenmeier ein Youtube-Film-Programm mit dem zeitgemäßen Titel Times in Crisis. Das Konzept der Gruppenausstellung: über drei Wochen wurden Berliner Künstler*innen eingeladen, kurze Videos (ca. 1 bis 4 Minuten lang) zu drehen, die dann bei youtube hochgeladen wurden, das heißt die Arbeiten entstanden in der Situation und speziell für dieses Format. Der thematische und mediale Rahmens lenkte den Blick auf die feinen Unterschiede: das gewählte Format (hoch oder quer, 4:3 oder 16:9), die Untermalung mit Schrift, Sprache und Musik und den Einbezug von found-footage Material, das Durchziehen eines stringenten Konzepts oder das tägliche Neufinden einer Thematik. So besucht Nina Wiesnagrotzki jeden Tag eine andere Empfangsstation eines Krankenhauses, filmt den Weg dahin, und unterlegt die Bilder mit den Dialogen zwischen Empfangspersonal und Patient*innen. Andere, wie Nick Koppenhagen, kombinieren Aufnahmen der häuslichen Isolation mit abgefilmten Blicken in die Welt in Form von Nachrichten. Die Videos sind damit Zeitdokumente im besten Sinne, denn sie dokumentieren nicht nur den eingeschränkten Bewegungs-und Kontaktradius, sondern bringen auch die Themen aufs Tableau, die die Künstler*innen in dieser Zeit beschäftigt haben. Dabei ist an der Leichtfüßigkeit oder Nebensächlichkeit mit der einige der Videos entstanden sind, ablesbar, dass Weickenmeier eine Generation von Künstler*innen eingeladen hat, für die das Smartphone ein selbstverständliches künstlerisches Werkzeug ist.

Youtube Channel Times in Crisis der Klosterruine

Ähnlich wie das Programm Times in Crisis eine unmittelbare Reaktion auf den Lockdown war, verdankt auch die digitale Version der Ausstellung Queer as German Folk seine Existenz den Corona-Beschränkungen. Die Wanderausstellung, die zum 50. Jahrestag der Stonewall Riots gemeinsam vom Goethe-Institut New York und dem Schwulen Museum Berlin erarbeitet wurde, konnte nicht im geplanten Ausmaß zugänglich gemacht werden, so dass kurzfristig eine digitalisierte Version entwickelt wurde, die über queerexhibition.org abrufbar ist. Sie macht „den aktuellen Stand des Diskurses zur queeren Bewegungsgeschichte in Deutschland für eine weltweite Öffentlichkeit zugänglich“, in dem sie Exponate wie historische Materialien und Fotos versammelt und die Geschichten dahinter erzählt.[4] Die Themen sind vielschichtig und reichen von Feminist Sex Wars (mit einem Exkurs zu Krista Beinstein, der Zeitschrift Nachtexpress, einer Filmbeschreibung von Verführung: Die grausame Frau), über Farbe bekennen (über das Netzwerk Schwarzer Frauen und Women of Color ADEFRA, das 1986 als Verein in Berlin gegründet wurde), bis zu Vor dem Gesetz, wo die Kriminalisierung männlicher Homosexualität thematisiert und anhand von vier Personen konkretisiert wird.

Verloren geht dabei die Konfrontation mit einer raumbestimmenden Ausstellungsarchitektur, die durchaus zu Interaktionen und haptischen Erfahrungen auffordert und zu dem ein oder anderen ungeplanten Gespräch führen kann. Dafür kann man in seiner Zeit und ohne Gefährdung der eigenen Gesundheit die Texte nachlesen und gezielt zu einzelnen Themen recherchieren. Im besten Fall werden die digitalen Angebote als Erweiterung gedacht, denn das die physischen Orte zwar unter Druck geraten, aber nicht ersetzt werden können, darin sind sich alle einig. Bleibt die Frage ist, wer die zusätzliche Arbeit leistet (neben der Herstellung der Inhalte, der Programmierung und Veröffentlichen auch die Klärung von Rechten etc.), wie sie honoriert wird und wer die digitalen Inhalte dauerhaft pflegt.  

 

[1] „Verzweifelt, unausgegoren und sinnlos“, Jörg Heiser im Gespräch, Deutschlandradio Kultur, 26.3.2020, https://www.deutschlandfunkkultur.de/museen-im-internet-verzweifelt-unau...

[2] https://www.youtube.com/watch?v=0NRtDrKWysM

[3] Ela Kagel: Lagerkoller: Warum Berlins ‘Freie Räume’ nicht bedenkenlos ins Netz ausgelagert werden dürfen, auf: Berliner Gazette, 17.06.2020, https://berlinergazette.de/freiraum-berlin-nach-corona/

[4] Die Ausstellung ist unter dem Titel Love at First Fight! noch bis zum 31.12. im Schwulen Museum in Berlin zu sehen.

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Kuratieren im Lockdown

Ein Überblick über virtuelle Ausstellungen und digitale Kommunikationswege

Mit welchen digitalen Formaten reagierten Institutionen auf den Lockdown? Was war neu, was gab es schon vorher, was wird bleiben und was wieder verschwinden? Ein kursorischer Überblick anhand exemplarischer Beispiele von Kultureinrichtungen in Berlin Mitte von Anna-Lena Wenzel