Nobel, arty, trashig und versifft: die Kurfürstenstraße

Linke Spalte

Blickt man aus dem Gleisdreieckpark auf die Kurfürstenstraße, wirkt sie fast ein wenig verschlafen: die Kopfsteinpflasterstraße wird zu beiden Seiten von einem recht breiten Fußgängerweg flankiert, die von einem bunten Mix aus Häusern aus der Gründerzeit bis heute gerahmt werden. Nur wenige Menschen sind unterwegs und die Aktivitäten verstecken sich in den Hinterhöfen. So wie in der Nummer 15/16. Hier befinden sich diverse Kleinbetriebe wie der Jovis Verlag, die Musikschule Q15, DieKurfürsten – Agenturen für Design + Werbung, die agentur literatur Gudrun Hebel, das Architekturbüro Michael J. Schädler, COXORANGE Kreative Gesellschaft, 44FLAVOURS, pok Büroartikel GmbH und die Berliner Schulpaten GmbH.

Ein Stück weiter wird es etwas schicker, auf beiden Seiten hat die Tanya Leighton Galerie repräsentative Räume. Es gibt hier eine kleine Kunst-Verdichtung, die eigentlich schon mit der Nummer 12 beginnt, denn hier befand sich lange Zeit die Galerie von Gitti Nourbakhsch. In einem Neubau in der 13 haben der Fotokünstler Thomas Demand, der Kurator Kaspar König und der Designer Konstantin Grcic ihre Arbeitsräume. Daneben geht es auf einen Innenhof, dessen eine Wand mit dem Schriftzug „Coming together“ versehen ist. Kunst? Wahrscheinlich. Früher war hier die Galerie Sommer & Kohl, heute ist hier ein Showroom von Timorous Beasties, die Stoffe und Tapeten und noch viel mehr designen. Den Raum im Erdgeschoss hat der Hopscotch Reading Room bezogen, der von Siddhartha Lokanandi betrieben wird. Es ist kein konventioneller Buchladen, sondern eher ein Veranstaltungsort, in dem es auch Bücher mit einen post-kolonialen Schwerpunkt gibt. An der Kurfürstenstraße lässt sich exemplarisch ablesen, wie schnell sich die Kunstszene verändert – das Verschwinden der Projekträume Supportico Lopez, E X I L E und reception, die sich alle in unmittelbarer Nähe befanden, zeugen davon.

Folgt man der Kurfürstenstraße über die Potsdamer Straße beginnt ein anderer Abschnitt, denn dieser Teil ist als Straßenstrich berühmt-berüchtigt. Es beginnt schon mit dem Eckgebäude, von dem in rosa Neonlettern der Schriftzug LSD leuchtet – und Love, Sex, Dreams verspricht. In seinem preisgekrönten Radiofeature Die K. – Szenen eines Drogenstrichs hat Jens Jarisch diesem Abschnitt 2005 ein Denkmal gesetzt. Es macht auf fesselnde Weise die Komplexität des Straßenstrichs greifbar. Hier ein Auszug aus dem Manuskript:

Sprecherin:            Für die einen ist die K einfach eine langweilige, leere und trostlose Straße. Auf andere übt sie eine ungeheure Anziehung aus. Und alle fragen sich, warum. Warum, warum, warum, warum? Doch das zu verstehen gibt die Straße nicht her.

[Ladentürglocke]

Hannelore:             Wie jung die Mädchen sind… und welche großen Autos halten… um, um dann Partner zu werden.

Sprecherin:            Aus dem Schaufenster ihres Matratzenladens beobachtet Hannelore seit über zwanzig Jahren schon…

Hannelore:             Das beobachtet man schon …

Sprecherin:            … wie junge Mädchen und große Autos miteinander Partner werden.

Hannelore:             Es ist sehr unangenehm. Es wird auch Rauschgift gehandelt. Wir haben aber dann auch des Öfteren die Polizei auf dem Hof.

Harry:                    So, und dann haben wir hier einen Matratzenladen, und da gehen wir mal auf den Hof beziehungsweise in die Tiefgarage. Diese wird nämlich sehr häufig von Prostituierten, die mit ihren Freiern einen Platz suchen, um die vereinbarten Dienstleistungen zu erbringen, aufgesucht… Hier müssen wir rechts. Man kriegt schon den Eindruck: benutzte Kondome, Verpackungsmaterial von Einwegspritzen, ähm, diverse Tempotaschentücher, äh, ne Büchse… [Blechklappern] … die als Drogenkocher benutzt wird – da wird Flüssigkeit mit der Droge vermischt, und dann wird die ganze Sache aus-, aufgekocht, indem man mit dem Feuerzeug dieses Aluminium von unten ähm…

Sprecherin:            Erhitzt.

Harry:                    … erhitzt und dann, die fertige Rezeptur wird dann aufgezogen und gespritzt. [1]

Einrichtungen wie der Frauentreff Olga (ein Schutzraum für Frauen und Trans*frauen, die sich im Cafébereich bedingungslos und anonym aufhalten, essen und sich ausruhen können, ohne von Freiern oder anderen Personen belästigt zu werden [2]) oder kirchliche Einrichtungen wie das Kontakt- und Beratungscafé Neustart direkt nebenan und die Mittwochs-Initiative e.V. der Zwölf Apostel Kirchengemeinde zeugen von den Bemühungen, den Frauen zu helfen. Es gibt zudem einen Spritzenautomaten und seit 2018 eine Komposttoilette nur für Frauen. Wie sich das Gebiet verändern wird, ist offen: Während einige der alten Gebäude leer stehen, wie das LSD-Haus und eine Ladenzeile an der Ecke Frobenstraße, werden gleichzeitig neue höherpreisige Wohnhauskomplexe errichtet, wodurch der Druck auf die Politik etwas an der Situation zu ändern, wachsen wird. 

Der Anblick der Kurfürstenstraße ist an diesem Abschnitt jedenfalls besonders heterogen: neben verkommenen Ecken und frisch leuchtenden Graffiti-Wänden, gibt es mit der Nummer 141 ein besonders imposantes Gebäude, das zur Straße mit massiven Säulen aufwartet und an dessen Brandwand der Aufruf hängt: Studiere Zukunft! Es handelt sich um den Fachbereich Augenoptik/ Optometrie der Beuth Hochschule.  Ein Stück weiter befindet sich der Gemeindesaal der Zwölf Apostel Kirche, der 1965 und 1967 gebaut und mit modernistisch-brutalistischen Betonvorhangelementen versehen ist. An der anderen Ecke des Platzes vor der Kirche steht ein massiver weißer Neubau: ein Neo-Gründerzeitblock. Ob er sich farblich an sein Gegenüber anpasst? Auf der anderen Straßenseite befindet sich jedenfalls ein Haus aus den 1980er Jahren mit weißen Fassadenelementen, dessen Erdgeschoss einen Getränke-Hoffmann-Laden beherbergt. Ein Stück weiter: ein neu gestalteter Spielplatz neben dem futuristisch anmutenden Holzbau der französischsprachigen Grundschule Ecole Voltaire.

Im nächsten Abschnitt wird es etwas vornehmer, hier befinden sich mehrere Villen: in der Nummer 57 die Villa Schwatlo, benannt nach dem Architekten Carl Schwatlo, der das Haus 1879 erbaut hat. Hier haben die Produktionsfirma X Filme Creative Pool sowie der X-Verleih ihren Sitz, die Stefan Arndt gemeinsam mit den Regisseuren Wolfgang Becker, Dani Levy und Tom Tykwer 1994 gegründet hat. Sie haben Publikums- und Kritikererfolge wie Lola rennt, Alles auf Zucker oder Good Bye, Lenin! produziert und gedreht. Daneben befindet sich in der Villa Rossmann das Stammhaus des legendären Café Einstein, das Berliner Kaffeehauskultur mit Wiener Kaffeehausstimmung kombiniert und laut Selbstbeschreibung die „perfekte Symbiose von Apfelstrudel und Avantgarde“ anbietet.

Überquert man die Karl-Heinrich-Ulrich-Straße wird alles größer: neben einem Wohnhauskomplex aus den 1970er Jahren ragen mehrere Hotels in die Höhe wie das Holiday Inn und der Sylter Hof. Diverse Restaurants bieten für alle Geschmäcker etwas an: Ambrosius –Deutsche Küche, Swadishta – authentische indische Küche, Persepolis – persische Spezialitäten, Sorriso Ristorante, KiMoko Sushi Bar, Rainbowl – Superfood, Lieu –Vietnamesische Küche, Xiang Shan – Chinesisches Restaurant, Rivado Steakhouse, Syriana –Shisha Lounge & Bar, Café Belmont Pub & Diner.

Diese Vielfalt ist exemplarisch für den letzten Teil der Kurfürstenstraße, denn hier trifft alt auf neu, Armut auf Reichtum, Tourist*innen auf Berliner*innen: Es gibt Wettbüros und Thai-Massagen neben Rechtsanwaltsbüros und Dachverbänden wie dem Sitz der Deutschen Bauindustrie. In einer Bushaltestelle hat sich ein Obdachloser eingerichtet und macht sich etwas Warmes auf seinem mobilen Kocher, die gegenüberliegende Bushaltestelle wurde um ein Mahnmal ergänzt, das an die Dienststelle des Reichssicherheitshauptamtes, in der die Deportation der europäischen Juden in die Vernichtungslager organisiert wurden, erinnert. Direkt daneben: eine Burlesquebar. Kurz vor dem Eingang zum Zoo ist noch eine Rarität zu entdecken: „Auf dem Eckgrundstück Burggrafenstraße/ Kurfürstenstraße 87 schuf Heinrich Straumer für den Baukonzern Lenz & Co. 1928-29 eines der ersten Hochhäuser Berlins. Als Hochhaus galten damals alle Gebäude, die die zulässige Geschossanzahl der Bauordnung überschritten. Das 1925 entworfene Lenzhaus sollte acht Geschosse erreichen, drei mehr, als die Bauordnung erlaubte, sodass zuerst eine Ausnahmegenehmigung zu erwirken war, bevor 1928 mit den Bauarbeiten begonnen werden konnte. Die gotisierende Vertikalität der Travertinfassade mit Doppelpfeilern, die vom Erdgeschoss bis zum flachen Dach durchlaufen, erinnert an den Art-Déco-Stil amerikanischer Hochhäuser der 1920er Jahre.“ [3] Heute allerdings sind die umliegenden Gebäude längst viel höher, und das Hochhaus von damals muss man gezielt suchen. Bei all diesen verschiedenen Gesichtern der Kurfürstenstraße ist klar: Wenn man seinen Lebensabend im Ruhesitz am Zoo verbringt, wird einem garantiert nicht langweilig.

[1] https://www.deutschlandfunkkultur.de/politisches-feature-ortserkundungen...

[2] Auf der Webseite findet sich die lesenswerte Dokumentation des Projektes Photovoice mit Berichten von Frauen, die auf der Kurfürstenstraße arbeiten: https://drogennotdienst.de/wp-content/uploads/2018/09/20141126_Photovoic...

[3] http://www.stadtentwicklung.berlin.de/denkmal/liste_karte_datenbank/de/d...

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Nobel, arty, trashig und versifft: die Kurfürstenstraße

Ein Straßenporträt

von Anna-Lena Wenzel