Pilze für die Zukunft

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Anfang September hat in der Nähe des Hauptbahnhofs ein neues Museum eröffnet: Das Futurium. Es ist ein „Haus der Zukünfte“, in dem sich alles um die Frage dreht: Wie wollen wir leben? Schon das Haus an sich scheint mit seiner Gebäudehülle aus Glas, die in verschiedenen Farben leuchten kann, aus einer anderen Zeit zu kommen. Betritt man das helle und geräumige Foyer, hat man die Wahl zwischen einer großflächigen Ausstellung im ersten Stock und dem Futurium Lab im Keller. Letzteres versteht sich als Ort zum Ausprobieren. Hier gibt es eine Mitmachwerkstatt mit 3D-Druckern und Lasercuttern, die man in einem der zahlreichen Workshops benutzen und ausprobieren kann. Auf dem Rest der Fläche stellen in drei Kapiteln Zukunftsmacher*innen ihre Projekte und Ideen vor: Zukunft der Architektur, Bio-Design und Künstliche Intelligenz lauten die Überthemen. „Angesichts drohender Klimakrise, Umweltverschmutzung und Ressourcenmangel sind neuartige Ansätze dringend gefragt“, heißt es in dem vor Ort ausliegenden Heft. Spekulatives oder kritisches Design hat laut den Kurator*innen des Futuriums das Potential „wichtige Diskussionen um ein mögliches Miteinander zwischen Umwelt, Technologie und uns Menschen“ anzuregen und „die Konsequenzen unseres Handelns fassbar zu machen.“ Aus diesem Grund werden Projekte ausgewählt, die im besten Fall „Future Thinking, Grundlagenforschung, künstlerische Kreativität und Citizen Science miteinander verknüpfen, erläutert David Weigend im Gespräch. Er leitet den Bereich Bildung und Partizipation und ist mitverantwortlich für das Lab. „Wir möchten hier den neugierigen Blick des Wissenschaftlers mit den kreativen Ansätzen von technologieaffinen Künstler*innen und dem Do-it-Yourself Gedanken der Maker kombinieren.“ Es geht um Forschung ebenso wie um das Anregen von gesellschaftlichen Auseinandersetzungen. Aus diesem Grund umfasst die Zusammenarbeit nicht nur die Präsentation im Lab, sondern auch Workshops und Veranstaltungen.

Die eingeladenen Projekte können Einzelpersonen sein oder Kooperationsprojekte, wie Mind the Fungi – ein kollaboratives Forschungsprojekt zwischen dem Art Laboratory Berlin (ALB) und dem Institut für Biotechnologie der TU Berlin (TUB). Es widmet sich lokalen Baumpilzen und erforscht ihre Tauglichkeit als nachhaltiger Rohstoff für die Zukunft.

Auf einem kleinen Podest befindet sich ein Birkenstamm, auf dem einige der Pilze zu sehen sind, wie man sie in der Natur finden kann. Die meisten Pilz-Ausstellungsstücke in den Vitrinen sind jedoch künstlich hergestellt. Es sind als Pilzwurzeln, sogenannte Myzelien. Es gibt sie in unterschiedlichen Varianten: als Myzel in einer Petrischale, als mit Myzel bewachsene Textilfasern oder als Boxen aus Myzel. Letztere werden von der US-amerikanischen Firma Ecovative Design Bausteine hergestellt, in der Hoffnung damit Styropor ersetzen zu können. In einer weiteren Vitrine befinden sich unter dem Titel „Fiber Fungi“ ein Topfhandschuh und eine vergrößerte teppichartige Struktur, die aus Hanf und Baumwolle bestehen, die mit Myzel bewachsen sind. Hierbei handelt es sich um eine Kooperation des Instituts für Biotechnologie der TU Berlin und der Kunsthochschule Weißensee Berlin, Bereich Textil- und Oberflächendesign.

Einige der Materialien kann man anfassen – und es ist erstaunlich, wie geschmeidig beziehungsweise wie fest sich das Material anfühlt! Ein Stoffmuster ist aus Pilzleder, die Designerin Nina Fabert hat es hergestellt. Sie verarbeitet Baumpilze wie den Zunderschwamm zu veganem Lederersatz. Dabei ist zwar ihre Methode innovativ, die Idee den Zunderschwamm als Bau- und Kleidungsmaterial zu verwenden, ist jedoch schon alt: Bereits im Mittelalter stellten Menschen in Südosteuropa aus dem leichten und stabilen Material Hüte her.

Im Vitrinentext wird das Projekt erklärt: „Wir lassen verschiedene Baumpilze aus Berlin und Brandenburg auf unterschiedlichen pflanzlichen Rohstoffen wachsen (z.B. auf Holzspänen). Dabei können wir Biomaterialien in verschiedenen Formen, Strukturen und Qualitäten herstellen. Einige aktuelle Beispiele reichen von Myzel-Backstein bis hin zu veganem Leder.“

Die Kombination unterschiedlicher Disziplinen ist die Spezialität von Art Laboratory Berlin. Regine Rapp und Christian de Lutz leiten das Projekt und gehören zum Gründungsteam der Plattform, die 2006 als Kunstverein gegründet wurde. „Das Hauptinteresse gilt dabei der Präsentation und Vermittlung zeitgenössischer Kunst an der Schnittstelle von Kunst, Wissenschaft und Technologie. In den letzten Jahren hat sich ALB verstärkt auf den Bereich der Lebenswissenschaften und künstlerischen Forschung konzentriert“, heißt es auf ihrer Webseite. In dem Projekt Mind the Fungi arbeiten Forscher*innen, Künstler*innen und Designer*innen zusammen. In einem Film, der neben den Vitrinen zu sehen ist, stellen sich die Beteiligten des Projektes vor und geben einen tieferen Einblick in ihre Arbeitsprozesse. Interessant dabei: fast alle Beteiligten werden bei ihrer Arbeit im Labor der TU gefilmt und tragen weiße Kittel. Offenbar arbeiten Wissenschaftler*innen und Künstler*innen tatsächlich gleichberechtigt miteinander.

Geht man zwei Stockwerke höher, in den großflächigen Ausstellungsraum des Futuriums wird das Thema noch einmal aufgegriffen – dort wo es um nachhaltige Bausteine geht. Neben Bambus sind Pilze ein möglicher nachwachsender Rohstoff, der in Zukunft für nachhaltiges Bauen verwendet werden könnte.

Wer das Futurium besucht, darf sich über freien Eintritt freuen, und sollte unbedingt zum Skywalk auf das Dach. Dort hat man nicht nur einen weiten Blick auf das Spreebogen und das Kanzleramt, sondern sieht auch anhand der Photovoltaikfelder und Solarthermieanlagen, dass das Futurium die Zukunftsfrage auch beim eigenen Bau berücksichtigt hat.

Jeden Samstag ab 12 Uhr ist die Werkstatt im Lab geöffnet, jeweils Donnerstags um 17 Uhr findet der Open Lab Abend statt.

Parallel zur Präsentation im Futurium werden im Projektraum des Art Laboratory, der sich in der Prinzenalle 34 im Wedding befindet, Ausstellungen gezeigt. Aktuell ist dort die Ausstellung Invisible Forces mit Erich Berger, Mari Keto und Martin Howse zu sehen (bis 8.12.2019). Sie widmet sich Fragen nach toxischen und radioaktiven Abfällen in unserer heutigen Welt.

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Pilze für die Zukunft

Art Laboratory goes Futurium
Ort

Futrurium, Alexanderufer 2, 10117 Berlin

 

Im Futurium Lab des neu eröffneten Futuriums widmet sich die Ausstellung Mind the Fungi - eine Kooperation mit dem Art Laboratory und dem Institut für Biotechnologie der TU Berlin - lokalen Baumpilzen und erforscht ihre Tauglichkeit als nachhaltiger Rohstoff für die Zukunft.

Ausstellungszeit: 5. September 2019 – 30. April 2020

Ein Bericht von Anna-Lena Wenzel