Wenn ein Haus anfängt zu erzählen...

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Anfang Dezember im Mitte Museum in der Pankstraße: die Autorin Regina Scheer ist gekommen, um ihr Buch Gott wohnt im Wedding vorzustellen. Wenn Häuser Ausstellungsgegenstände sein könnten, dann wäre das Haus, das in ihrem Buch die Hauptrolle spielt, sicherlich in der aktuellen Ausstellung Wer wird sind und was wir tun zu sehen. Denn das Buch leistet genau das, was sich die Ausstellung auf die Fahne geschrieben hat: „fragend, forschend und humorvoll den Beziehungen zwischen Dingen, Arbeitsfeldern und Menschen nach[zugehen].“

„Ich bin das älteste Haus in der Straße. Irgendwo hinterm Leopoldplatz soll es noch ältere geben, aber das habe ich natürlich nicht gesehen. Ich habe überhaupt nur gehört, was hier auf meinem Hof, zwischen meinen Wänden geredet wurde, und nur gesehen, was da geschehen ist, und das reicht mir auch.“

So spricht das Haus, das altersweise ist und etwas müde. Es steht in der Utrechter Straße im Wedding. Im umliegenden Kiez spielen sich die meisten der Geschichten ab, die im Buch erzählt werden. Regina Scheer gelingt es auf beeindruckend fesselnde Weise verschiedene historische Zeiten und Erzählungen zusammenzubringen: sie erzählt die Geschichte des Wedding anhand des Baus des Hauses, berichtet von den Kämpfen zwischen den „Roten“ und den Nationalsozialisten in den 1930er Jahren, schildert die Verfolgungen von Juden und Roma anhand der Lebensgeschichte von zwei Familien und die Hausbesetzungen in den 1970er Jahren. Doch damit nicht genug: immer wieder wird vom Heute berichtet: davon, unter welchen zum Teil widrigen Bedingungen Romafamilien in Berlin leben und um Anerkennung ihrer Rechte kämpfen, und was passiert wenn Häuser wie das in der Utrechter Straße zu Spekulationsobjekten werden.

Die Utrechter Straße im Wedding, Mittelpunkt des Buches, Foto: Nck Koppenhagen

„Damals war hier ringsum eine einzige Baustelle, das Dorf Wedding, über dem jahrhundertelange die Raben gekreist haben sollen, gab es schon nicht mehr. Die meisten Landwirte hatten nur auf von der Stadt gepachteten Land gewirtschaftet, nach 1830 wurde es Stück für Stück an Baugesellschaften und Maurermeister verkauft. Die Feldwege wurden nummeriert, überall entstanden Mietshäuser, dreistöckig, aus schlechtem Material. Um 1860 ließ sich Berlin widerwillig den Wedding einverleiben, der schien zu nichts zu gebrauchen.“

Regina Scheer ist eine neugierige Person, eine gute Zuhörerin und aufmerksame Beobachterin. Wahrscheinlich ist es diese Mischung, die erklärt, wieso sie so unterschiedliche Geschichten zu erzählen vermag, bei denen man das Gefühl hat, sie seien direkt dem Leben entsprungen. Im Mittelpunkt des Buches stehen mehrere Protagonisten, deren Wege sich immer wieder kreuzen und miteinander verwoben sind durch das Wohnhaus, das sozusagen der Hauptprotagonist des Buches ist, und ab und zu selber zu Wort kommt. Ganz oben wohnt Gertrud Romberg, die in dem Haus geboren wurde, und am Ende fast 100-jährig dort verstirbt. Auch Laila ist Bewohnerin des Haus und besucht regelmäßig die alte Dame. Sie hat ein wenig den Halt im Leben verloren und findet eine neue Aufgabe in der Unterstützung der Roma, die ebenfalls im Haus leben, indem sie ihnen bei Behördengängen und beim Übersetzen hilft. Leo Lehmann wurde ebenfalls im Wedding geboren, kam aber immer nur zu Besuch in die Utrechter Straße. Er lebte während des Nationalsozialismus im Untergrund und fand zusammen mit seinem Freund Manfred ab und zu Unterschlupf bei Getrud, bis sie verraten wurden. Ist Gertrud daran schuld? Diese Frage treibt Leo um, als er zusammen mit seiner Enkelin aus Israel, wohin er 1948 ausgewandert war, nach Berlin zurückkehrt. Sein Blick auf die Stadt ist zugleich die eines Entdeckers und eines alten Bekannten – neugierig und vertraut zugleich. Beständig überlagern Erinnerungsbilder das heutige Berlin und produzieren Brüche:

„Nichts ist so wie es auf den ersten Blick aussieht. Der Grabstein des Philosophen steht nicht da, wo Mendelsohn begraben wurde, die Figurengruppe gilt eigentlich den Frauen aus Ravensbrück und ihren Kindern, die Grabsteine haben nicht die Nazis fortgeschafft. Und an der Ostmauer des alten jüdischen Friedhofs liegen Bombenopfer, die keine Juden waren, zusammen mit Toten aus den Endkämpfen um Berlin.“

Im Gespräch erzählt die Autorin, die in Ost-Berlin geboren wurde und lange in Pankow gelebt hat, dass sie erst seit einigen Jahren im Wedding wohnt. „Am Anfang habe ich mich hier fremd gefühlt, aber dann habe ich mir das Viertel mit seinen Bewohner*innen immer mehr angeeignet.“ Dazu beigetragen haben sicherlich ihre Arbeit im Erzählcafé im Bürgersaal in der Malplaquetstraße und ihre Recherche zur Schrippenkirche in der Ackerstraße, zu deren 125 Jubiläum sie ein Buch über deren Geschichte geschrieben hat mit dem Titel Den Schwächeren helfen stark zu sein. In ihrem Roman Gott wohnt im Wedding kommt sie auf diese Recherche zurück, wenn sie die Sprache der Obdachlosen und Hilfsarbeiter, die beim Bau des Hauses beteiligt waren, beschreibt:

„Sie hatten eine ganz eigene Sprache, die Kundensprache, in der die Wörter verschoben waren. Wenn sie einen nach der Religion fragten, meinten sie den Beruf. Manche hatten Bäcker gelernt, die waren in ihrer Sprache Teufel. Ein Klempner war ein Sonnenschmied oder Blecher, einen Schmied nannten sie Flammer oder Funkenstieber. Knechte, also Arbeitsscheue waren sie nicht.“

Die Autorin Regina Scheer, Foto: Julia Pijagin

Wie kommt die Autorin zu ihren Geschichten? Wo hat sie im Vorfeld recherchiert? Regina Scheer erzählt: „Obwohl es ein fiktiver Roman ist, gibt es für alle Vorgänge reale Vorbilder. Auch das Haus ist nicht existent, aber die Geschichten, die darin spielen, kann man woanders finden. Einige Dinge habe ich recherchiert wie die Wagnitz-Geschichte, aber vieles habe ich selber erlebt bzw. gehört. Ich werde dieses Jahr 70 Jahre alt, da kommt schon eine Menge Lebenserfahrungen zusammen; dieses Wissen fließt in meine Bücher ein. Wenn man schreibt, ist das ganze Leben eine Recherche. Mir werden auch oft Geschichten erzählt, wenn ich mit der S-Bahn fahre oder irgendwo hinkomme, ohne dass ich danach gefragt habe.

Daran wie plastisch die Figuren werden, wie nah man ihnen beim Lesen kommt, spürt man die Präzision und das Einfühlungsvermögen mit denen Regina Scheer ihre Protagonisten entwirft, aber auch das Wissen für historische Vorgänge und deren Wirkungen auf die Menschen. So beschreibt sie die bewegte Stimmung kurz nach dem Mauerfall anhand der Mitschüler*innen von Laila nach der Wende in der August-Bebel-Oberschule in der Zehdenicker Straße: „Sie kamen fast alle aus Ostberlin, sie hatten ihre Stadt nicht verlassen, aber lebten nun doch in einer anderen. Wie in einem Rausch genossen sie die Möglichkeit, alles sagen, alles fragen zu dürfen. Sie bestimmten selbst, wer in der Aula der Schule eingeladen wurde, ein vor kurzem noch verbotener Lyriker trat auf, noch nie öffentliche vorgeführte Dokumentarfilme wurden gezeigt. Sie luden Politiker ein und buhten sie aus, wenn die ihr Gesicht hinter Phrasen verbargen.“

Sie selber sagt über ihr Schreiben: „Wenn man schreibt, muss man die Figuren oder Menschen über die man schreibt, auch irgendwie lieben, selbst die unsympathischen. Man muss versuchen sie zu verstehen und von ihrem inneren Erleben ausgehen. Als jemand, der über jemand anderen schreibt, muss man versuchen dessen Handeln zu verstehen. Wenn über Roma gesprochen und geschrieben wird, vermisse ich das oft. Es wird über sie berichtet, als wäre das ein exotischer, fremder Stamm, der Dreck hinterlässt und kriminell ist. Mich interessierte, woher sie kommen, warum sie hier sind, warum sie so leben.“ Regina Scheer holt tief Luft, um fortzufahren. Man merkt ihr ihre Anteilnahme genauso wie ihre Verärgerung an: „Als ich fertig war mit dem Buch, stand in der Zeitung, dass in der Afrikanischen Straße ein Haus vom Gesundheitsamt gesperrt wurde, weil die Leitungen und Klos der völlig überfüllten Wohnungen kaputt waren. Das waren ganz arme Leute, EU-Flüchtlinge, die zu 30igst auf kleinstem Raum zusammen leben, weil ihnen die Vermieter unmäßig viel Geld abgeknüpft haben für die Bruchbuden. Die Hausbewohner waren hauptsächlich Roma, die wurden dann verjagt. Übrig blieben zwei Jungen, die nur rumänisch sprachen und nicht sagten, wer sie sind. Aus dem Jugendheim, in das sie eingewiesen wurden, sind sie abgehauen. Das hat mich sehr bewegt, weil ich dachte, das ist ja wie in meinem Haus. Es gibt diese Geschichten!“

Regina Scheer: Gott wohnt im Wedding, Penguin Books 2019

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Wenn ein Haus anfängt zu erzählen...

In ihrem Buch Gott wohnt im Wedding hat die Autorin Regina Scheer das bewegende Porträt eines Hauses in der Utrechter Straße geschrieben und erzählt anhand seiner Bewohner*innen zahlreiche Lebensgeschichten von Anfang des 20. Jahrhunderts bis heute. Ein Lektüreeindruck von Anna-Lena Wenzel