La Dolce Freiheit

Linke Spalte

Der syrische Filmemacher Ammar al-Beik (*1972 in Damaskus) wartet an der geöffneten Tür, in einem schmalen Gang. Bilder, leere Rahmen und Sperrholzplatten lehnen an der Wand, dahinter beginnt das al-Beik-Universum, gelegen in einer kleinen Hinterhauswohnung im Wedding, in der er mich für das Interview empfängt.

Der Raum ist dunkel – ein Filmplakat für Godards „Made in USA“ hängt vor dem Fenster, die einzige Lichtquelle ist eine Schreibtischlampe. Weitere Filmplakate, teilweise übereinandergeschichtet, und Bilder schmücken die Wände, dazwischen Regale, in denen die unterschiedlichsten Gegenstände zu kleinen Ensembles angeordnet sind.

Vor dem Fenster steht ein wuchtiger Schreibtisch, an dem wir für das Gespräch Platz nehmen. Auf einem iPad läuft leise ein Stück von Miles Davis.

Al-Beiks Filme werden seit den frühen 2000er Jahren auf zahlreichen internationalen Filmfestivals sowie in Museen beispielsweise in New York, Paris, Amsterdam und Seoul gezeigt. Ich begegnete ihm das erste Mal auf der Pressekonferenz zu seiner Ausstellung „One To Free“ im Haus am Waldsee, die bis Anfang Mai 2019 lief und einen Überblick über sein bisheriges Schaffen gab. Der Titel ist ein Zitat seiner 2010 in Beirut geborenen Tochter.
2006 veröffentlichten al-Beik und die im Exil lebende syrische Filmemacherin Hala al Abdallah (*1956 in Hama) ihren gemeinsamen Film „I Am The One Who Brings Flowers to Her Grave” (2006), der von drei syrischen Frauen handelt, die aus politischen Gründen inhaftiert wurden. Der Film wurde 2006 als beste Dokumentation beim Filmfestival in Venedig ausgezeichnet und hatte zur Folge, dass al-Beik als kritische Stimme auf den Radar des Regimes geriet.

Nachdem er sich 2011 bei der Präsentation von „The Sun’s Incubator“ (2011), einem Film über die frühe Phase der syrischen Revolution, explizit gegen Präsident Baschar al-Assad aussprach, stand fest, dass eine Rückkehr nach Syrien für ihn und seine Familie keine Option mehr sein würde. Im Exil in Dubai, wo die Familie von Oktober 2011 bis September 2014 lebte, lernte die Tochter auf Englisch zu zählen: One, to, free.

2014 kommt al-Beik in Berlin an, wo er zunächst acht Monate in einem Wohnheim für Geflüchtete lebt. Hier stellt er 2015 seinen Film „La Dolce Siria“ fertig, der noch im selben Jahr beim Forum Expanded der Berlinale gezeigt wird. „La Dolce Siria“ ist eine Hommage an Federico Fellini und eine zu einer scharfen Regimekritik verdichtete Film-Collage: Die einzelnen Ausschnitte zeigen zwei Kleinkinder, die auf einem Balkon mit einer Kamera spielen, während von der Straße immer wieder das Knattern von Raketen herüberdringt. Das Bedrückende der Situation liegt auch in der Normalität, die die lärmenden Raketen für die beiden Jungen zu haben scheinen. Dem gegenüber stehen Aufnahmen junger Männer in einem Kampfflugzeug, die eine Bombe abwerfen und sich dabei köstlich zu amüsieren scheinen. Der Kamerablick verfolgt den Fall des Sprengkörpers in die Tiefe. Immer wieder wechseln Bilder des Krieges mit Momenten aus dem Alltag der beiden kleinen Jungen. Aufnahmen eines Zirkusbesuchs der Kinder werden mit Ausschnitten aus Fellinis Film „Die Clowns“ kombiniert. Al-Beik schreibt in der Synopse zu „La Dolce Siria“:

„Lieber Federico, (…) dieser Zirkus hat nichts mit dem Deiner Kindheit zu tun. Niemand kann den Löwen zähmen in diesem Zelt; er zerstört alles und jeden. (…) Das ist kein Feuerwerk rund um das Zelt, Federico! Keine bezaubernden Farben, wenn die Knaller explodieren und auch kein Geräusch bei der Explosion. Scud-Raketen und Bomben: das ist das Feuerwerk, das wir kennen, mein Freund! Die Farbe, die wir sehen, ist Rot! Und Tag für Tag wird das Wort „Mama“ seltener genutzt; es sterben entweder Kinder oder Mütter.
„Vita“ ist nicht „dolce“ in Syrien, Federico!
Der Zirkus ist öde.
Ich vermisse Dich.
Was ich vorhin vergaß, zu erzählen: ‚Löwe‘ heißt auf Arabisch ‚Al Assad’“

STILLS „La Dolce Siria“

Ferial Nadja Karrasch (FNK): Wie war es für Dich, „La Dolce Siria“ auf der Berlinale zu zeigen?[1]

Ammar al-Beik (AB): Ich erinnere mich noch sehr genau an die acht Monate in dem Heim für Geflüchtete in der Motardstraße. Ich habe mich im Dezember 2014, zwei Monate nachdem ich in der Unterkunft angekommen bin, dazu entschlossen, „La Dolce Siria“ bei der Berlinale einzureichen. Der Wunsch, einmal einen meiner Filme dort zu zeigen, bestand schon lange und ich hatte auch schon zuvor einige Versuche gestartet, aber meine Arbeiten wurden bis dahin nie ausgewählt. Ich war also sehr motiviert, es dieses Mal zu schaffen.

Allerdings war der Film noch nicht fertig und die Deadline für die Einsendung kam immer näher. Es gab da so ein Plakat, das die Berlinale ankündigte, an dem bin ich auf dem Weg zur Unterkunft immer vorbeigelaufen. In meinem 12 Quadratmeter-Zimmer, das ich mir mit einem weiteren Geflüchteten teilte, habe ich „La Dolce Siria“ editiert. In diesem Zimmer gab es zwei Betten und einen kleinen Kühlschrank, das Tischchen neben meinem Bett war mein Arbeitsplatz. Die Geräusche Hunderter Geflüchteter, der Kinder und der Straße mischten sich mit den Geräuschen des Films. Ich war voller Energie, ihn fertigzustellen.

Die Wachmänner haben sich natürlich gewundert: Ein Geflüchteter, der einen Film bei der Berlinale eingereicht hat! Einer von ihnen hat mich sehr freundlich gefragt, ob ich berühmt sei und ob ich auf dem roten Teppich gehen werde.

Meine erste Arbeit über die Proteste in Syrien, „The Sun’s Incubator“, wurde 2011 auf dem Filmfestival in Venedig gezeigt – danach musste ich Syrien verlassen, um nicht eingesperrt zu werden. 2014 habe ich die Revolution von meinem Zimmer im Berliner Wohnheim fortgesetzt. Ein Film führte zum Exil, ein anderer öffnete mir Türen; der eine resultierte in der Gefahr, eingesperrt zu werden und zwang mich, meine Heimat zu verlassen, der andere half mir dabei, in einer neuen Stadt, in Berlin anzukommen.


STILLS „Light Harvest“ und „They Were Here“

Al-Beiks jüngere Filme unterscheiden sich in ihrer künstlerischen Sprache von seinem Frühwerk der 1990er Jahre. Während seine aktuell artikulierte Kritik am Regime eine schnelle, harte Erzählweise aufweist, sind die Anfänge seines Schaffens von ruhigeren Bildkompositionen geprägt, in denen er der Identität der syrischen Gesellschaft nachspürt. Filme wie „Light Harvest“ (1997) und „They Were Here“ (2000) halten Momente des Alltags syrischer Arbeiter fest, der geprägt ist von körperlichen Anstrengungen, Tüchtigkeit, Routine und Gebeten, der aber auch in Mitleidenschaft gezogen wird von andauernder Misswirtschaft und Ausbeutung. In „They Were Here“ klingen in den Bildern einer verlassenen Fabrik, die einst Symbol eines optimistischen Zukunftsglaubens waren, erste regimekritische Untertöne an, die sich in seinen späteren Arbeiten deutlich verschärfen werden.

FNK: Deine frühen Filme ermöglichen einen Blick auf Syrien, der sich von dem unterscheidet, was wir seit Jahren auf unseren Bildschirmen und in unseren Zeitungen sehen. Was bedeuten diese Arbeiten für Dich aus heutiger Perspektive?

AB: „Light Harvest“ und „They Were Here“ beschreiben in meinen Augen die Identität einer Stadt namens Damaskus. Die Filme handeln von dem täglichen Überlebenskampf der Menschen, von ihrer harten Arbeit für die Industrie in einem Land, das seinen Bewohnern das Potential und die Fähigkeiten klaut. In gewisser Weise zeigen diese Filme ebenfalls einen Krieg. Zwar gibt es keine Bilder, auf denen Blut und tote Körper zu sehen sind, aber man kann den harten Kampf der Arbeiterklasse regelrecht spüren. Mir war das zum Zeitpunkt, als ich die Filme drehte, nicht bewusst, aber es sind genau diese Menschen, die einen Teil der syrischen Geschichte verkörpern. Ich widme mich in meiner Arbeit den einfachen Leuten, so wie ich es von den Meistern, wie Robert Bresson und Jean-Luc Godard gelernt habe.

Als meine Ausstellung im Haus am Waldsee lief, sind mir in der Stadt immer wieder die Ausstellungsplakate begegnet, die einen Filmstill aus „Light Harvest“ zeigen – das war jedes Mal ein großer Moment für mich, zu realisieren, dass ich diese Arbeiter hierher nach Berlin bringen konnte.

STILLS Clapper

Für den Film „Clapper“ (2003) begleitete Ammar den italienischen Jesuiten und Islamwissenschaftler Paolo Dall’Oglio in seinem Alltag als Geistlicher. Dall’Oglio gründete in den 1980er Jahren das syrisch-katholische Kloster Dair Mar Musa al-Habashi und setzte sich für den interkulturellen Dialog zwischen Christen und Muslimen ein. Nachdem er das syrische Regime offen für seine Verbrechen gegen die Menschlichkeit kritisierte, wurde er 2011 ausgewiesen. Im Juli 2013 wurde er in Raqqa von Mitgliedern des IS verschleppt – seither fehlt jedes Lebenszeichen von ihm.

FNK: In „Clapper“ fragst Du die Protagonisten immer wieder nach ihren Träumen – was sind Deine Träume?

AB: Ja, in dem Film habe ich die drei Protagonisten nach ihren Träumen gefragt; die Antwort von Paolo Dall’Oglio war zunächst ausweichend, er sagte: „Ich bin doch wach, also träume ich nicht“. Ich stellte die Frage erneut, jedoch ein bisschen abgeändert, woraufhin er antwortete: „Ich hoffe, dass unsere Gebete, unsere Leidenschaften, unser Einsatz, unser Schmerz und unsere Liebe dazu führen werden, Jerusalem und seinem Volk Frieden zu bringen.“ Wenn Du mich fragst, was meine Träume sind, so würde ich Paolos Worte wiederholen. Ich wünsche mir das gleiche für Syrien, für Syriens Kinder, für Paolo und für alle, die gefangen gehalten werden.
Außerdem möchte ich drei, vier Bücher fertigstellen bevor ich 50 werde und eine Werkserie beginnen, eine „La Dolce…“- Serie.

FNK: Fühlst Du Dich wohl im Wedding? Wie nimmst Du diese Gegend wahr?
AB: Ich mag es hier sehr, der Wedding hat eine besondere Energie. Aber nach vier Jahren und vier Monaten hier muss ich sagen, dass ich mich nach einem ruhigeren Ort sehne.

Wenn ich an den Wedding denke, fallen mir die großen Buchstaben des Schriftzugs „Wedding“ in der S-Bahnstation ein, die Bar „Zum Magendoktor“ und der bunte Mix an Nationalitäten: deutsch, türkisch, syrisch, albanisch, italienisch. Ich denke an die Farbe Orange, an den Brunnen „Tanz auf dem Vulkan“ und an die Musik, die das Wasser dort erzeugt, an den Klavierspieler und an die fünf glücklich Tanzenden, die wirken als seien ihre Bewegungen in der Zeit angehalten worden.

Mein Atelier ist in der Nähe der Haltestelle Gesundbrunnen, aber außerhalb des Rings – der Verlauf der Ringbahn ist für mich wie ein Zifferblatt mit einem Zeiger, der mit und einem der gegen den Uhrzeigersinn verläuft. Dieses Zifferblatt umgibt Berlins Innenstadt und stellt somit in gewisser Weise auch eine Grenze dar, eine unsichtbare Grenze zu jenen Stadtteilen, die nicht mehr zum Zentrum gehören.

Zwei für mich wichtiger Orte sind auch der Brunnenplatz mit dem Amtsgericht – ich würde hier sehr gerne mal nachts filmen – und das Jüdische Krankenhaus. Ich war dort schon drei Mal in der Notaufnahme; hier möchte ich nicht unbedingt noch einmal hin…

In der Nähe meiner Wohnung sind die Uferstudios. Ich mag die Energie in den Künstlerateliers, besonders im Nachmittagslicht herrscht hier eine ganz besondere Atmosphäre. Toll finde ich auch den Piano Salon Christophori. Leider wurden die Uferstudios von einem Investor gekauft, der hier ein Einkaufszentrum plant.

Ich würde sagen, dass die Community im Wedding sehr komplex ist – wenn ich die Menschen hier betrachte, ihre Autos, ihre Kleider, ihre Freude, fühle ich mich oft an die Filme von Emir Kusturica oder Tony Gatlif erinnert. Vor allem nachts ist es, als befände man sich in einer surrealen Filmszene. Man hört arabische Musik, ein paar Meter weiter kurdische, dann rumänische, jedoch nie deutsche Musik. Ein interessanter Ort ist auch der Festsaal Maksim, hier werden Hochzeiten und so gefeiert und davor sieht man oft junge Männer in auffälligen Anzügen, die ihre Mercedes-Wagen in einer Weise dekorieren, die der Kunst des Kitschs alle Ehre macht.

Ich liebe die Offenheit der S- und U-Bahnstation Wedding, es ist wunderschön, wenn das Sonnenlicht auf den Bahnsteig fällt. Aber der Wedding ist viel mehr als all das. Manchmal spreche Wedding englisch aus und sage mir selbst, dass diese Gegend und ihre Menschen die Hochzeitsgesellschaft Berlins ist. 

Von dem Moment an, in dem ich meine Wohnung verlasse, ist jeder Augenkontakt wichtig für mich. Manche Augen sind glücklich, manche klug, die meisten sind jedoch müde. 

Irgendwann während unseres Gesprächs schiebt Ammar ein Lineal und einen Kugelschreiber über den Tisch zu mir, ein Mitbringsel aus Tokyo, wo er kürzlich sechs Wochen als Residenzkünstler des Projektes „Goethe-Institut Damaskus im Exil in Tokyo“ verbrachte.

FNK: Das Programm des Goethe-Instituts Damaskus beschäftigt sich mit der Situation von im Exil lebenden syrischen Künstler*innen – wie würdest Du Deine Situation beschreiben?

AB: Wir sollten zunächst den Begriff „Exil“ definieren. In Arabisch, und ich denke, das gilt auch für das Deutsche, versteht man unter Exil einen Aufenthaltsort für eine Person, die gezwungen ist, das eigene Land zu verlassen.

Meine Auffassung von Exil ist, dass wir alle zu einem gewissen Grad im Exil leben: Wenn wir am Bahnhof sind, oder auf dem Spielplatz, selbst dann, wenn wir in unserer eigenen Küche sitzen. Manchmal fühlt man sich fremd, auch in einer vertrauten Umgebung.

Für mich ist Exil immer mit dem Gefühl von Fremdsein verbunden. Es ist ein vorübergehender Zustand, der mit der Möglichkeit des Rückkehrens, des erneuten Zusammenkommens verbunden ist – sei es mit einer Person, einem Ort oder mit dem Gefühl, ganz bei sich zu sein.

Ich kann Exil auch positiv betrachten: Es bedeutet für mich dann die Wahrnehmung des aktuellen Augenblicks in seinem Verhältnis zur vergehenden Zeit.

Während meines Exils in Deutschland kommt mir oft ein Gedanke: Ich lebe in einem 35 Quadratmeter großen Zimmer, für das ich monatlich Miete bezahle, gleichzeitig okkupieren fremde Leute mein eigenes Haus in Damaskus. Mein Zuhause befindet sich also auch im Exil, es wurde von mir, seinem Besitzer, entfernt.

FKN: Welche Auswirkungen hat das Exil auf deine Kunst?

AB: Ich betrachte meine Kunst ebenfalls als Geflüchtete. Sie ist mit mir nach Berlin gekommen und auch für sie gibt es in Hinblick auf die Umsiedlung Bedingungen und Bürokratie. Nach Ablauf der sechs Wochen, die die Ausstellung im Haus am Waldsee dauerte, war es für meine Werke Zeit, aufzubrechen. Der Moment ihres Fortgehens war festgelegt, ihr Ziel allerdings nicht.

In meinem Wohnatelier ist kaum ausreichend Platz für mich, einen Freund oder einen Gast, der mit Fragen kommt. Ich habe hier kein Eltern- oder Großelternhaus und es ist schwierig für mich, Freunde, die mehr Platz haben, um Hilfe zu bitten. Ich möchte andere nicht mit meinen Problemen belästigen. Also habe ich mir ein Lager besorgt. Dort befinden sich meine Arbeiten jetzt im Exil.


FNK: Was bedeutet Freiheit für Dich?

Die Antwort auf diese Frage wird nicht in ein paar Sätzen beantwortet sein; vielmehr dehnt sie sich über eine längere Zeitspanne aus. In der Weise, wie Ammar auf diese Frage antwortet, ist das Assoziative seiner Filme erkennbar. Er wandelt seine unmittelbare Umgebung in einen Denkraum um, in welchem er seine Gedanken fortlaufend in Bilder übersetzt um sie dem Gegenüber zu vermitteln. Er breitet seine Gedanken regelrecht aus, nutzt Zeichnungen, die er in langen Redepausen erstellt, Gegenstände, Handyfotos und -videos, um ihnen eine äußerliche Gestalt zu geben. Während Ammar erzählt, verbindet sich die Welt seiner Gedanken mit jener der ihn umgebenden Dinge zu einem erstaunlichen Komplex, in dem nichts unwichtig und überflüssig erscheint. Immer wieder steht er auf um etwas zu holen, das er in seine Antworten einbaut, gelegentlich hält er mitten im Satz inne und gibt etwas in sein Handy ein. Kurz darauf vervollständigt dann die Google-Translate-Stimme seinen Satz.

Man erkennt in seiner Art ein Gespräch zu führen den Filmemacher, der dokumentarische Elemente mit eigenen Assoziationen mischt, der Skript, Regie, Kamera, Ton und Schnitt selber übernimmt und ganz genau auf die ihn umgebende Welt blickt um schließlich ein Stück dieser Wirklichkeit festzuhalten. In seinen Filmen setzt sich dieses Wirklichkeitsfragment aus Handyaufnahmen, Found Footage, verschiedenen Geräuschen und Musikstücken zusammen, während unseres Gesprächs werden unter anderem ein blaues Spielzeugauto, ein Teeservice, eine kleine Holzleiter, ein Award und verschiedene Instagram-Posts hinzugezogen, um seinen Freiheitsbegriff zu verdeutlichen.

AB: Freiheit bedeutet für mich die Möglichkeit, Menschen zusammenzubringen, Verbindungen herzustellen. (…) Eine Situation, in der ein Mensch oder mehrere Menschen mir zuhören und versuchen, mich zu verstehen, in der man sich austauschen kann, das ist Freiheit für mich. (…) Freiheit erfordert Klugheit, Gerissenheit und Sensibilität, aber auch Stärke und Liebe. Und Philosophie. (…)

2018 hatte ich die Möglichkeit, zusammen mit Mason Juday den #Farbenbekennen-Award zu gestalten. (Die Auszeichnung richtet sich an Geflüchtete, die sich in besonderer Weise für ein friedliches und respektvolles Miteinander einsetzen. Anm. FNK) Ich habe einen kurzen Text geschrieben, der auf dem Award eingraviert ist und den Sawsan Chebli, die Initiatorin, während der Preisverleihung vorlas. Die Tatsache, dass ich, als Geflüchteter, die Möglichkeit bekommen habe, dem Preisträger und dem Publikum hier in Berlin meine Gedanken mitzuteilen, das war ein Moment der Freiheit für mich.

Freiheit hat ihren Preis und der ist unter Umständen sehr hoch. Wenn es zu laut um einen wird, wenn man nicht mehr geradeheraus sagen kann, was man möchte und man stattdessen leise sein muss, dann ist man verloren. Dann muss man gehen. Es ist, als müsste man für seine Freiheit Steuern bezahlen.

 

FNK: Fühlst Du Dich im Moment frei?

AB: Wir sind immer frei.

 

 

 

 

[1] Das Gespräch wurde auf Englisch geführt, die Antworten wurden von der Autorin übersetzt.

Rechte Spalte

La Dolce Freiheit

Ein Gespräch mit dem Filmemacher Ammar al-Beik

von Ferial Nadja Karrasch