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Aufstand der Einkaufswagen

24.02.2026
Menschen rennen in unterschiedliche Richtungen mit Einkaufswagen
Im wahrsten Sinne "Rollende Positionen": Aktion von Karstadt Einzüge. Foto: Johannes Rau

Seit nunmehr zwei Jahren steht das Karstadtgebäude am Leopoldplatz leer – und die vom Bezirk gewünschte Zwischennutzung konnte bisher nicht realisiert werden. Ein Zusammenschluss von Initiativen will sich damit nicht abfinden und setzt sich mit performativen Mitteln und Aktionen im öffentlichen Raum für ein transparentes Verfahren und eine gemeinwohlorientierte Nutzung ein.

Samstag, 31. Januar 2026: Es ist ein frostig-kalter Januarnachmittag, an dem ein Netzwerk verschiedener Initiativen auf das Parkdeck des Karstadtgebäudes am Leopoldplatz eingeladen hat. Eine kleine Gruppe Interessierter hat sich um zwei Einkaufswagen platziert, als vom oberen Parkdeck eine Gruppe mit weiteren Warenkörben heruntergefahren kommt und begleitet von Musik eine eindrucksvolle Performance bietet: Zunächst inszenieren sie in einer langen Reihe einen Einkauf, um dann immer dynamischer den Raum zu durchqueren, den Aufstand zu wagen, um am Ende ineinander zu crashen und sinnbildlich den Prozess an die Wand zu fahren. Karstadt Einzüge heißt die Gruppe, die mit Rollende Positionen zum zweiten Mal[1] eine performative Aktion durchführt, um auf die stockenden Entwicklungspläne des Karstadtgebäudes hinzuweisen. „Rollende Positionen begreifen den ehemaligen Karstadt nicht als leeres Gebäude, sondern als politisches Kampffeld. Die Performance unterbricht die Logik des Konsums und ersetzt sie durch Nutzung, Präsenz und kollektive Aushandlung. Körper und Einkaufswagen werden zu Werkzeugen, um sichtbar zu machen, wie Zugang, Beteiligung und Macht rund um privates Eigentum verteilt – und verwehrt – werden“, heißt es im Flyer, bzw. dem „Opernbuch zur Performance“, das auf dem Dach verteilt wird.

Menschen mit schwarzen Jacken schieben Einkaufswägen durch ein Parkdeck
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Viel Dynamik im statischen Parkdeck: Die Gruppe Karstadt Einzüge mit ihrer Performance „Rollende Positionen“. Foto: Johannes Rau
Zwei Menschen mit schwarzen Jacken stehen auf Einkaufswägen
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Foto: Johannes Rau
Menschen mit schwarzen Jacken schieben Einkaufswägen durch ein Parkdeck
Viel Dynamik im statischen Parkdeck: Die Gruppe Karstadt Einzüge mit ihrer Performance „Rollende Positionen“. Foto: Johannes Rau
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Zwei Menschen mit schwarzen Jacken stehen auf Einkaufswägen
Foto: Johannes Rau
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Damit sind wir mittendrin in der umkämpften Zukunft des Karstadtgebäudes. Doch um vorauszuschauen, lohnt sich zunächst ein Blick zurück:

Es beginnt 1978 mit der Eröffnung der Filiale an der Müllerstraße 25, die sich trotz nüchterner Betonfassade rasch zu einem Kiezkaufhaus entwickelt. Durch seine zentrale Lage wird es zu einem identitätsstiftenden Ort. 2014 übernimmt die SIGNA Holding von René Benko den gesamten Karstadt-Konzern vom Investor Nicolas Berggruen. Als das Immobilien- und Handelskonglomerat im Herbst 2023 pleite ist, geht das Grundstück zu hundert Prozent in den Besitz der Versicherungskammer Bayern über. Schon vorher war klar geworden, dass es das Warenhaus Karstadt in seiner bisherigen Form nicht länger geben würde. Noch unter Benko wurde ein Architektur-Wettbewerb ausgerufen und im Mai 2023 ein Gewinner bekannt gegeben. In einem Bericht über den Siegerentwurf heißt es: „Das Haus an der Müllerstrasse 25 wird von seiner heute monofunktionalen Nutzung in ein mit unterschiedlichsten Nutzungen bespieltes Gebäude umgewandelt. Ein Haus für alle (sic!) muss flexibel auf die Anforderungen seiner Nutzer reagieren: Nutzungen des Gemeinwohls, Büroflächen, Wohnungen, Kaufhaus, Einzelhandel und Gastronomie finden unter einem Dach Platz.“[2]

Parallel dazu findet eine Bürgerbeteiligung statt, initiiert von Signa zusammen mit dem Bezirksamt Mitte. In einem Schaufenster des seit Januar 2024 leerstehenden Gebäudes gibt es Informationsschilder und einen QR-Code mit der Aufforderung, sich an den Zukunftsplänen zu beteiligen und die Frage „Was möchtest du hier in Zukunft erleben?“ zu beantworten. Mögliche Antworten bzw. konkrete Pläne werden ebenfalls bekannt gegeben: Aus dem ehemaligen Karstadt soll ein „lebendiges, innovatives, nachhaltiges und nachbarschaftliches Kiezkaufhaus“ werden, das Dienstleistungen, Restaurants, Wohnungen und Angebote für alle rund um den Leopoldplatz bereithält. Zur nachhaltigen architektonischen Umgestaltung gehören auch Dachflächen zur Nutzung durch die Öffentlichkeit.[3]  

Großes Gebäude mit Aufschrift
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Nüchterne Betonfassade: Der ehemalige Karstadt am Leopoldplatz. Foto: Andrzej Raszyk
Theke mit Aufschrift
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Kein Tee und auch kein Kaffee mehr: Die leerstehenden Karstadträumlichkeiten. Foto: Andrzej Raszyk
Leere Bänke auf großer Verkaufsfläche
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Foto: Andrzej Raszyk
Karstadt_Raszyk_2025_WEB (21)
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Foto: Andrzej Raszyk
Rolltreppen
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Foto: Andrzej Raszyk
Großes Gebäude mit Aufschrift
Nüchterne Betonfassade: Der ehemalige Karstadt am Leopoldplatz. Foto: Andrzej Raszyk
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Theke mit Aufschrift
Kein Tee und auch kein Kaffee mehr: Die leerstehenden Karstadträumlichkeiten. Foto: Andrzej Raszyk
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Leere Bänke auf großer Verkaufsfläche
Foto: Andrzej Raszyk
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Karstadt_Raszyk_2025_WEB (21)
Foto: Andrzej Raszyk
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Rolltreppen
Foto: Andrzej Raszyk
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Die angegebene Website: www.entwicklung-muellerstraße25.berlin ist aber nicht mehr online – und die gemeinwohlorientierte Nutzung scheint immer unwahrscheinlicher zu werden. Das liegt vor allem daran, dass sich Bezirk und Eigentümer, die Versicherungskammer Bayern (VKB), nicht über Finanzierungs- und Sanierungsfragen einig werden. Zwar wünsche sich der Bezirk eine Entwicklung, die stärker auf den Kiez ausgerichtet ist und zusätzliche öffentliche Nutzungen ermöglicht, doch bleibe unklar, wer die Mittel für die Kosten aufbringt, die eine Machbarkeitsstudie auf rund 1,6 Millionen Euro für die Einrichtung der Kulturetage sowie jährliche Betriebskosten von über einer Million Euro berechnet hatte.[4] Laut Toja Guralstoße „die angestrebte kulturelle Nutzung […] beim Eigentümer auf deutliche Vorbehalte“[5], so dass das Kulturkonzept im Ex-Karstadt ausgebremst werde.

Derweil ist im April 2025 im Erdgeschoß eine Lidl-Filiale als Zwischenmieter eingezogen und belebt den Ort, auch die Aufzüge und oberen Parkdecks sind wieder benutzbar. Am Samstag herrscht reger Betrieb im Supermarkt, auf den Parkdecks ist dagegen wenig los. Dennoch sind einige Polizist*innen vor Ort und verfolgen aufmerksam die Zusammenkunft des Karstadt Netzwerk am Leo. Nach der Performance gibt es eine kurze Ansprache und Informationen zum Stand der Dinge. Sprecher*innen von Mastul e. V., Deutsche Wohnen & Co. Enteignen – Kiezteam Wedding-Reinickendorf und Operation Himmelblick / stadtgewitter e.V., die im Juni 2025 das Netzwerk Karstadt am Leo mitgegründet haben, stellen sich und ihre Anliegen vor. Dafür haben die Aktivist*innen Pappkartons an verschiedenen Orten verteilt, an denen sie die einzelnen Punkte ihres Positionspapiers vorstellen. Neben allgemeineren Forderungen, die den hohen Gewerbeleerstand in der Stadt und die zunehmende Kommerzialisierung und Verdrängung kritisieren[6], werden folgende Aspekte stark gemacht: Mitbestimmung, ein transparentes Verfahren, Räume für Sorgeinfrastruktur und Kultur, eine Orientierung an den Bedarfen der Nachbarschaft und die Planung eines Ortes, „der gemeinnützige Angebote schafft und ein Treffpunkt für verschiedene Generationen wird.“[7]

Menschen in weißen Shirts mit Pappkartons vor sich stehen auf einem Parkhausdach
Über den Dächern: Performance bei den Karstadtaktionstagen 2025. Foto: Johannes Rau
Menschen in weißen Shirts mit Pappkartons vor sich stehen auf einem Parkhausdach
Über den Dächern: Performance bei den Karstadtaktionstagen 2025. Foto: Johannes Rau

Im Anschluss zieht die Gruppe weiter aufs Dach vom Cittipoint, einem Einkaufszentrum und Parkhaus in der Müllerstraße. Dort hat die Initiative Operation Himmelblick im vergangenen Sommer bereits zum dritten Mal ein Kulturprogramm organisiert, nun gibt es Glühwein zum Aufwärmen. In weiteren Gesprächen wird noch mal das Anliegen der Aktion bekräftigt, die Nachbarschaft und Initiativen in den weiteren Prozess einzubeziehen. „Generell haben wir bisher wenig Zugang zu Informationen und sind nicht auf dem aktuellen Stand der Dinge. Wir erfahren Informationen über die Presse, obwohl wir immer wieder um Treffen gebeten haben“, sagt Jakob Margit Wirth und lädt zum nächsten Netzwerk-Treffen am 27. Februar auf dem Cittipoint Dach in der Müllerstraße 141 ein.


[1] Die erste performative Parade fand im August 2025 statt und war Teil der Karstadt-Aktionstage „False Promises brought us here“, die den Wandel leerstehender Kaufhäuser thematisierten.

[2] O. A.: Baumschlager Eberle gewinnen Wettbewerb für SIGNA-Projekt in Berlin, Deal Magazin, 11.05.2023 (aufgerufen am 3.2.2026)

[3] Informationen im Erdgeschoss-Schaufenster von Karstadt, fotografiert im August 2024, in leicht modifizierter Form nachzulesen auf: https://mittemachen-berlin.de/beteiligungsverfahren/warenhaus-muellerstrasse-karstadt-am-leopoldplatz/

[4] Vgl. Toja Gural: Karstadt am Leopoldplatz: Warum die Zukunft des Gebäudes weiterhin offen bleibt, 5.12.2025 https://www.entwicklungsstadt.de/karstadt-am-leopoldplatz-warum-die-zukunft-des-gebaeudes-weiterhin-offen-bleibt/ (aufgerufen am 3.2.2026).

[5] Ebd.

[6] Ein markantes Beispiel ist das Unternehmen Village M, das in der Nazarethkirchstraße 51, also genau gegenüber vom Karstadtgebäude, möblierte WG-Zimmer zum Preis von 640 € für 6 qm bis 1120 € für 25 qm an junge Erwachsene vermietet. https://village-m.de/de/ (aufgerufen am 3.2.2026)

[7] Aus dem Positionspapier. Dass der ehemalige Karstadt ein kommerzieller Ort und ein Begegnungsort war, an dem die Nachbarschaft zusammengekommen ist, belegen die eindrücklichen Porträts ehemaliger Mitarbeiter*innen, die der Weddingweiser im März 2025 veröffentlicht hat. https://weddingweiser.de/sie-waren-karstadt-portraits-ehemaliger-mitarbeitender/


 

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