Kunst in historischer Verantwortung – eine Erinnerung an Henrike Naumann

16.02.2026
Henrike Naumann in der Galerie Wedding. © Galerie Wedding
Henrike Naumann in der Galerie Wedding. © Galerie Wedding

Henrike Naumann (1984–2026) hat in nur wenigen Jahren ein Werk geschaffen, das die deutsche Gegenwartskunst nachhaltig verändert hat – ihr früher Tod am 14. Februar 2026 in Berlin hinterlässt eine schmerzhafte Lücke, menschlich wie künstlerisch. Im Sommer hätte sie gemeinsam mit Sung Tieu den Deutschen Pavillon der 61. Kunstbiennale in Venedig gestalten sollen – ein Ort, an dem sie ihre Fragen nach historischer Verantwortung, individueller und kollektiver Agency in neuer Radikalität in den internationalen Raum getragen hätte.

Für Kultur Mitte prägte Henrike Naumanns mit ihrer ersten Soloschau „Aufbau Ost“ (April bis Mai 2016) das Ausstellungsprofil der Galerie Wedding als politischen Diskursraum mit. Den Ausstellungsraum verwandelte sie in ein vollgestopftes Jugendzimmer voller Second-Hand-Möbel, Grid-artiger Einrichtung und texturierter Tapeten, das die post-ostdeutsche „Otherness“ thematisierte. Die Ausstellung, kuratiert von Solvej Helweg Ovesen und Bonaventure Soh Bejeng Ndikung im Rahmen von „Post-Ost/West-Otherness“, lud damals Publikum ein, sich durch den Raum zu bewegen, Möbel umzustellen und so die Rezeption individuell mitzugestalten. Henrike Naumann schuf auf diese Weise einen interaktiven Raum, der Diskussionen über Integration, Radikalisierung und die deutsche Nachwende direkt am Werk entfachte.

Räume der deutschen Geschichte

Naumann verstand es wie kaum jemand ihrer Generation, die scheinbar harmlose Welt der Wohnzimmer, Jugendzimmer und Einrichtungsdiscounter in dichte, begehbare Erzählungen zu verwandeln, in denen sich rechte Ideologien, deutsche Vergangenheiten und die Bruchlinien der Nachwendezeit materialisierten. In Installationen wie „Das Reich“, die 2017 im Kronprinzenpalais im Rahmen des Berliner Herbstsalons die historische Aufladung des Ortes – vom Einigungsvertrag 1990 bis zur Reichsbürgerideologie – in ein verschobenes Stonehenge aus Schrankwänden übersetzte, verband sie Architekturgeschichte, politisches Denken und Alltagsdesign zu einem unheimlich vertrauten Bildraum. Als einen „Ort zwischen kommissarischer Reichsregierung und völkischer Kultstätte“, beschrieb sie in der Zeit diesen Raum, der „die verschiedenen Ebenen deutscher Geschichte […] zu einem verschrobenen, und doch für manche tröstlichen Bild zusammenfügt“.

Im Vordergrund auf einem Holztisch ein halbfertiges Puzzle, dahinter ein grünes Sofa mit Kissen und Plüschtier.
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„Aufbau Ost“ in der Galerie Wedding 2016. Foto: Holger Herschel
Blick auf die Ecke eines Zimmers, eine Sitzgruppe mit zwei braunbezogenen Sesseln und einem Stuhl gleicher Farbe, sowie einem Glastisch, an die Wand lehnt sich ein treppenförmiges Regalelement.
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Für die Ausstellung arrangierte Naumann Albträume aus dem Möbelhaus. Foto: Holger Herschel
Aufbau Ost_Holger Herschel4
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Noch irritierender aber sind die Botschaften auf Wandtattoos und Kissen. Foto: Holger Herschel
Im Vordergrund auf einem Holztisch ein halbfertiges Puzzle, dahinter ein grünes Sofa mit Kissen und Plüschtier.
„Aufbau Ost“ in der Galerie Wedding 2016. Foto: Holger Herschel
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Blick auf die Ecke eines Zimmers, eine Sitzgruppe mit zwei braunbezogenen Sesseln und einem Stuhl gleicher Farbe, sowie einem Glastisch, an die Wand lehnt sich ein treppenförmiges Regalelement.
Für die Ausstellung arrangierte Naumann Albträume aus dem Möbelhaus. Foto: Holger Herschel
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Aufbau Ost_Holger Herschel4
Noch irritierender aber sind die Botschaften auf Wandtattoos und Kissen. Foto: Holger Herschel
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Persönliche und politische Verstrickung

Ihre künstlerische Biografie war eng mit ostdeutschen Erfahrungen verbunden: In „Triangular Stories“ reagierte sie auf die Enttarnung des NSU – eine Zäsur, die sie als in Zwickau aufgewachsene Künstlerin persönlich getroffen hat – und suchte eine Form, um über Rechtsterrorismus auf einer alltäglichen, intimen Ebene zu sprechen: „Das war eine Initialzündung für mich, ich wusste, dass ich mit meiner Diplomarbeit das Erlebte verarbeiten und eine künstlerische Form dafür finden muss.“

Auf die Frage der Zeitschrift Theater der Zeit nach einer ästhetischen Anziehungskraft jenseits des „gut bürgerlichen Geschmacks“ konterte sie: „Ich möchte die Grenzen verschwimmen lassen und verdeutlichen, wie komplex und verwoben gesellschaftliche Entwicklungen und Bruchlinien sein können. Und dass jede Radikalisierung inmitten unserer Gesellschaft auch etwas mit Dir und mir zu tun hat.“

Trash, Pop, postmoderne-Zitate und billige Möbel waren für sie keine dekorativen Versatzstücke, sondern Werkzeug einer ästhetischen Forschung: „Die Auflösung von Genre- und Geschmacksgrenzen treibt mich an, meine Arbeit zu machen.“

Vier Personen mit Mikrofonen sitzen auf zwei Sofas an einem Tisch.
Naumann (2. v. l.) im Gespräch mit den Kurator*innen der Ausstellung, Solvej Helweg Ovesen und Bonaventure Soh Bejeng Ndikung. © Galerie Wedding
Vier Personen mit Mikrofonen sitzen auf zwei Sofas an einem Tisch.
Naumann (2. v. l.) im Gespräch mit den Kurator*innen der Ausstellung, Solvej Helweg Ovesen und Bonaventure Soh Bejeng Ndikung. © Galerie Wedding

Als ausgebildete Bühnenbildnerin dachte Henrike Naumann konsequent szenisch, entschied sich aber bewusst für die bildende Kunst, wie sie im Gespräch mit der Zeit erklärte: „Nur im Kunstraum kann ich alles machen, was ich will. […] Im Ausstellungsraum bleibt das Licht immer an, und die Besucher*innen haben eine gemeinsame Erfahrung, die direkt besprochen werden kann. So kommen die Diskussionen zustande, die mir wichtig sind.“

Mit Henrike Naumann verliert die Kunstwelt eine Künstlerin, die die deutsche Geschichte nach 1945, nach 1989 und bis in die Gegenwart hinein in einer eigenen Formensprache sichtbar gemacht hat – eine Stimme, die die Komplexität von Biografien, Räumen und Dingen offenlegte und zugleich Abgründe schonungslos ansprach.

Wir vermissen mit ihrem Tod ihre hoch intelligente und begabte Persönlichkeit und Weggefährtin, die in ihren Gesprächen so klar und positioniert war wie in ihren Räumen. Ihr Werk bleibt: in den Möbeln, die sie neu gelesen hat, in den Räumen, die sie gebaut hat, und in den Diskussionen, die sie angestoßen hat. In Gedenken an Henrike!

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