Im Bahnhof Alexanderplatz stehen viele Geschäfte leer, denn bereits Anfang des Jahres sollte mit der umfangreichen vierjährigen Sanierung des Bahnhofs begonnen werden. Während die meisten Passanten also schnellstmöglich den Raum durchqueren, um ihren Anschluss zu bekommen, sticht eine Ladenzeile heraus: In einem hell erleuchteten Raum stehen Menschen zusammen, gucken sich Kunstwerke an und unterhalten sich. An einer Fensterfront ist ein DJ-Set aufgebaut und sorgt für eine clubbige Atmosphäre. Für zwei Tage haben sich vier Künstler*innen zusammengetan, um eine Ausstellung zu realisieren. Es dominieren kraftvolle und großformatige Malereien, vor denen die Künstler*innen stehen und in Gespräche vertieft sind. Auf einem Hocker liegen ein Text und ein Flyer mit QR-Codes zu ihren Instagramaccounts aus. Von außen verweist ein Logo auf Culterim Spaces, die Agentur, die diese Räume an die Künstler*innen untervermietet. Sie hat einen Zwischennutzungsvertrag mit der Bahn geschlossen und kann die Räume bis zum tatsächlichen Beginn des Umbaus zu fairen Konditionen mieten, was bedeutet, dass die Mieter*innen lediglich die anfallenden Nebenkosten zahlen müssen. Culterim hat sich auf Immobilien für Künstler*innen spezialisiert und bietet neben Ausstellungsflächen und Ateliers auch Künstlerwohnungen und Locations für Filmdrehs an, die man für wenige Tage oder langfristig mieten kann. In Berlin-Mitte gibt es neben drei Ausstellungsflächen in einem Einkaufsgebäude neben dem Bahnhof Gesundbrunnen auch Atelierhäuser am Rosa-Luxemburg-Platz und in der Köpenicker Straße.



Eine aus der Notwendigkeit gewachsene Idee
Um mehr über die Aktivitäten von Culterim zu erfahren, bin ich mit Dennis Gegenfurtner in seinem Büro in der Galerie Gegen & Lücke am Rosa-Luxemburg-Platz verabredet. Er erzählt, dass die Idee zu Culterim entstanden sei, als er und neun weiteren Künstler*innen den Kunstverein Studio Hütte in Berlin gründeten und feststellen mussten, wie schwierig es ist, Ausstellungsflächen zu bekommen. Als Musiker, Labelbetreiber und Volkswirt kennt er die Künstlerperspektive und ist zugleich mit wirtschaftlichem Denken vertraut: Die perfekte Mischung, um als Mediator zwischen den sich oft antagonistisch gegenüber stehenden Sphären zu agieren und den Bedarf an Räumen zu einem Geschäftsmodell zu erklären. Die Idee für Culterim ist geboren und 2021 eine GmbH gegründet und ein Kredit aufgenommen. „Eines war von vornerein klar: Wir wollen unabhängig von Fördergeldern agieren. Die erste Zeit war hart“, erzählt er, „weil ich super viel Kaltakquise gemacht habe.“ Dann sei das Unternehmen aber stetig organisch gewachsen und nun kämen Immobilienbesitzer sogar auf ihn zu. Mittlerweile bietet Culterim neben sieben Ausstellungsflächen in Berlin über 400 Ateliers in Berlin, Köln, Hamburg und Leipzig an – und haben zudem ein Residencyprogramm und eine Independent-Class im Angebot. „Von den fünf Säulen sind drei non-profit und zwei profit Bereiche, die sich gegenseitig finanzieren. Die Residency zum Bespiel wird durch die Studios querfinanziert. Diesen Sommer bieten wir eine in Bad Gastein an – wir stellen die Räume zur Verfügung, die Reise-, Transport- und Lebenserhaltungskosten müssen die Künstler*innen allerdings selber übernehmen.“ Ich hake nach, was die Ateliers kosten. „Die Preise der Ateliers variieren sehr je nach Standort. Während wir in Lichtenberg 4 Euro pro qm nehmen, kosten die Ateliers hier in Mitte das Dreifache. Aber die Nachfrage ist riesig. Wir haben Wartelisten. Auch die Preise für die Ausstellungsflächen sind sehr unterschiedlich – am Alexanderplatz sind es nur 20 Euro pro Tag plus Nebenkosten und eine Pauschale von 100 Euro für die Übergabe und 20 Euro Materialkosten.“ Auf der Website sind die Preise transparent aufgelistet; als ich mich dort umschaue, lese ich, dass Culterim auch „Community-building für Kunst- und Kulturschaffende und Kunstvermittlungsformate“ anbietet, und frage nach, was damit gemeint ist. Gegenfurtner erzählt von Artist-Talks mit Professoren und Galeristinnen, die sie für die Atelier-Nutzer*innen organisieren würden, geplanten kostenfreien Carreer-building Workshops und der einmal jährlich stattfindenden Studioshow für alle Künstler*innen.


Breites Netzwerk und Gruppenausstellungen
Erold Sommer ist einer der Künstler, die bei Culterim in der Karl-Liebknecht-Straße ein Atelier gemietet haben. Als ich ihn anrufe, erzählt er, dass er Dennis Gegenfurtner schon seit 2022 kennt. Damals hätte er ein erstes Atelier in einem Keller am Kaiserdamm über Culterim gemietet, war 2023 Teilnehmer der Sommerresidenz in Biesenthal und nutzt seit Sommer 2024 ein Atelier in Mitte. Er schätze besonders die zusätzlichen Aktivitäten, die Culterim anbietet und das breite Netzwerk, das er darüber kennengelernt hat. 2025 hat er zum ersten Mal bei der Ausstellung aller Studiokünstler*innen im Cank in Neukölln mitgemacht und fand das ein tolles Event. Dafür und für die zentrale Lage in Mitte findet er den Preis von 450 Euro für sein 18 m² großes Atelier angemessen.
Ausstellungen in Bahnhöfen und Einkaufszentren
Im Einkaufszentrum am Gesundbrunnen ist derweil eine Gruppe Studierender der UdK dabei, konzentriert die nächste Ausstellung vorzubereiten. Sie öffnen die Deckenverschalung, um Kabel zu verlegen und bringen Buchstaben an der Fensterfront an. Anders als am Alexanderplatz kommen hier keine Passant*innen vorbei, bis auf die Kund*innen des Kaufland. Es ist ein semi-öffentlichen urbaner Ort, was der Nachfrage keinen Abbruch tut. Schließlich bieten die Räume für viele Künstler*innen eine willkommene Chance, selbstinitiiert und -kuratiert auszustellen – bis das Gebäude abgerissen oder umgebaut wird und irgendwo anders Räume genutzt werden können. Ab April voraussichtlich am Ostbahnhof, wie Dennis Gegenfurtner am Ende unseres Gesprächs berichtet. Er ist optimistisch, dass es weitergeht und neue Flächen dazukommen: „Der Immobilienmarkt ist so beweglich in Berlin. Es steht so unglaublich viel leer. Da werden sich neue Flächen finden. Aber wir brechen Gespräche auch ab, wenn die Forderungen zu hoch sind.“ Zum Abschluss frage ich ihn, ob er auch Kontakt zum Raumprogramm vom bbk hat und er nickt mit Nachdruck. „Klar, wir sind in regelmäßigem Austausch. Auch wenn wir unterschiedlich agieren, haben wir doch dasselbe Ziel – den Künstler*innen bezahlbare Räume zur Verfügung zu stellen.“


