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Produktive Nabelschau

13.07.2026
Der Eingang der Sophiensäle

Mitten in Berlin-Mitte erzählen die Sophiensæle nicht nur ihre eigene Geschichte, sondern auch die ihres Kiezes. Zum Abschluss der Jubiläumsspielzeit 2025/26 blickt das Produktionshaus auf historische Schichten, blinde Flecken und politische Brüche zurück und zeigt, wie eng die Geschichte eines Gebäudes mit der Geschichte des Bezirks verwoben ist.

Zum 30-jährigen Jubiläum schauen die Sophiensæle auf die bewegte Geschichte ihres Hauses zurück und stellen Kurzschlüsse zur Gegenwart her.

Mit dem Ende der Spielzeit 2025/26 endet auch das Jubiläumsprogramm zum 30-jährigen Bestehen der Sophiensæle. Die vielfältigen Veranstaltungsformate boten Anlass für eine produktive Rückschau: Statt das Jubiläum lediglich zu feiern, nahm das Haus seine eigene Geschichte und die seiner unmittelbaren Nachbarschaft in den Blick. Welche historischen Schichten haben sich in das Gebäude eingeschrieben? Welche Geschichten wurden bislang übersehen? Und was lässt sich daraus für die Gegenwart lernen?

Mit Performances, ortspezifischen Installationen, Diskussionsabenden und einer dreiteiligen Publikationsreihe wird der Fokus auf die wechselhafte Nutzung des Hauses und dem Wandel seiner Nachbarschaft gelegt. Unter anderem diente das Haus in den 1920er Jahren als Treffpunkt für Veranstaltungen der Arbeiter*innenbewegung und Bühne für jüdische Theatermacher*innen. Während der NS-Zeit wurde es als Unterkunft für Zwangsarbeiter*innen genutzt. Nach der Teilung der Stadt beherbergte es die Werkstätten des Maxim Gorki Theaters. Seit 1996 ist es ein Produktionshaus für die freien darstellenden Künste.

Der Eingang der Sophiensäle
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Sophiensaele©MayraWallraff-10
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Der Eingang der Sophiensäle
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Sophiensaele©MayraWallraff-10
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Was für historische Schichten haben sich in das Haus eingeschrieben?

Die Spuren der Geschichte begegnen einem schon beim Eintreten in die markanten Torbögen zum Hof hin. Linkerhand befindet sich eine Gedenktafel, auf der die Geschichte des „Handwerkervereinshaus mit Sophiensälen“ erzählt wird:

Erbaut 1905 für den 1844 gegründeten Handwerkerverein, einer Keimzelle der Berliner Arbeiterbewegung. / Stätte bedeutender politischer Veranstaltungen, unter anderem rief am 27.10.1918 Karl Liebknecht zum Kampf in der bevorstehenden Revolution auf. / am 14.11.1918 sprach Wilhelm Pieck auf der ersten öffentlichen Versammlung des Spartakusbundes / vom 1.-3.1920 Tagungsort des 5. Parteitages der KPD unter Leitung von Wilhelm Pieck, der die Vereinigung der KPD mit den linken Kräften der USPD beschloß / am 19.10.1928 Gründungsort des Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller / Während des 2. Weltkrieges als Ausbeutungsstätte für ausländische Zwangsarbeiter missbraucht.

Die 1987 aufgehängte Tafel spricht noch im Duktus der DDR und konzentriert sich auf die Ereignisse, die der kommunistischen und die antifaschistischen Tradition bzw. Selbstdarstellung der DDR entsprechen. „Diese Gedenktafel sollte schon längst kontextualisiert und ergänzt werden“, sagt der Mühsam-Experte Erik Natter, bei der Veranstaltung „Erich Mühsam in den Sophiensælen“ am 7. März 2026 und ergänzt, dass es dazu bereits eine Initiative und Gespräche mit dem Bezirksamt Mitte gibt. Natter wurde von dem Regisseur und Radiomacher Noam Brusilovsky eingeladen, gemeinsam sprechen sie über den Schriftsteller und Anarchisten Mühsam, der in den 1920er Jahren auf mehreren Veranstaltungen in den Sophiensælen aufgetreten ist. Mithilfe von Fotos und Flyern von damaligen Veranstaltungen wird sowohl in die Geschichte des Handwerkervereins als auch in die Biografie Mühsams eingeführt, seine Bisexualität und die für ihn eher unbedeutende jüdische Identität thematisiert.

Wir erfahren, dass der bereits 1844 gegründete Berliner Handwerkerverein, der 1905 den Neubau in der Sophienstraße 15 bezog, die fachliche Weiterbildung von Handwerksgesellen, ihre Vorbereitung auf die Meisterprüfung, aber auch kulturelle und politische Weiterbildung zum Zweck hatte. Neben einem Festsaal, der bis zu 3000 Menschen fassen konnte und einem Restaurant, gab es auch eine Kegelbahn und eine Bibliothek. Die Räume wurden an verschiedene Veranstalter*innen verpachtet, die hier populäre Formate wie Ring-Kämpfe und Liederabende und jiddisches Dialekt-Theater anboten. In den 1910er und 1920er Jahren begann dann die Nutzung des Gebäudes als Versammlungsort demokratischer Bewegungen und der revolutionären Linken. Doch statt gemeinsam gegen die aufkommenden Nationalsozialisten zu agieren, zersplitterte die Linke in unzählige Untergruppen (auf einem Mitteilungsblatt vom Mai 1929 der Freien Arbeiter-Union Deutschlands sind als Veranstalter u.a. die Anarchistische Vereinigung Berlins, die Linken Sozialrevolutionäre, der Proletarischen Gesundheitsdienst und der Spartakusbund genannt). Die Folge war das Verbot des Handwerkervereins 1933 nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Erich Mühsam wurde in Plötzensee inhaftiert und ein Jahr später in Oranienburg ermordetet. 

eine historische Aufnahme des alten Saals der Sophiensäle
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zwei Personen besprechen ein an die Wand projoziertes Dokument
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eine historische Aufnahme des alten Saals der Sophiensäle
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zwei Personen besprechen ein an die Wand projoziertes Dokument
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Welche Geschichten sind noch unerzählt?

Brüche und Kontinuitäten heißt die Veranstaltungsreihe in den Sophienaelen, die sich der Zeit seit den 1910/20 bis heute widmet. Darin geht es auch um die Bedeutung des Theaters für das jüdisch geprägte Scheunenviertel, die ein kurzer historisches Text auf dem Programmflyer des Monats März 2026 zusammenfasst: Darauf heißt es, dass die

Sophien-Säle zwischen 1909 und ca. 1914 ein wichtiger Ort für jiddisches Theater in Berlin [waren],geprägt vom lebendigen jiddischen und jüdischen Leben des umliegenden Scheunenviertels und der Spandauer Vorstadt.

Die nächste historische Epoche, der sich zwei Künstlerinnen gewidmet haben, ist die Zeit des Zweiten Weltkrieges, als in den Räumen Zwangsarbeiter*innen untergebracht waren. Lisa Schank und Vanessa Amoah Opoku haben ihre Rechercheergebnisse in Form einer Intervention mit dem Titel Risse als Portale im Foyer zugänglich gemacht. Dort haben sie an einer Wand mit weißem Füllmaterial Risse und Spuren gefüllt und dadurch markiert Mithilfe eines QR-Codes kommt man zu einer Website zum Thema Zwangsarbeit:

Während des Zweiten Weltkriegs wurden Millionen Menschen zur Zwangsarbeit in das Deutsche Reich deportiert. Auch in den Gebäuden der heutigen Sophiensæle befand sich ein Lager für Zwangsarbeiter*innen  – aller Wahrscheinlichkeit nach im großen Saal. […] Eine Liste des Gesundheitsamts Mitte aus dem Jahr 1943 verzeichnet 69 Menschen, die hier untergebracht waren – aus der Sowjetunion, Frankreich, Belgien und den Niederlanden. Die Namen der hier zur Arbeit Gezwungenen kennen wir in den meisten Fällen nicht. Die wenigen überlieferten Dokumente zeigen: Sie waren Männer und Frauen, viele sehr jung – kaum älter als zwanzig. […] Die Zwangsarbeiter*innen mussten in einer Filiale der Papierfabrik Franz Grimm, vermutlich im selben Haus, und in der Karl Jung Maschinenfabrik in der Köpenicker Straße in Kreuzberg arbeiten.[1]

Die beiden Künstlerinnen machen in ihrem Text auch auf die mühsame Recherche aufmerksam, da es kaum Quellen aus dieser Zeit gibt. Zudem verweisen sie in ihrem Text auf die unzureichende Aufarbeitung des Themas und die schleppende (bzw. verschleppte) Zahlung von Entschädigungen:

Zwischen 2001 und 2007 erhielten über 1,6 Millionen Menschen Zahlungen. Doch die allermeisten derjenigen, die als Zwangsarbeiter*innen von deutschen Unternehmen ausgebeutet worden waren, konnten nicht mehr ausfindig gemacht werden oder waren bereits verstorben. Sie erhielten so nie eine Ausgleichszahlung oder öffentliche Anerkennung für ihr Leid.“

Ein lila Foto, auf dem man einen versilberten Riss an einer Wand sieht.
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Eine Frau macht ein Smartphonebild von der Kunstintallation: silberne Risse auf einer Wand
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Ein lila Foto, auf dem man einen versilberten Riss an einer Wand sieht.
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Eine Frau macht ein Smartphonebild von der Kunstintallation: silberne Risse auf einer Wand
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Was lässt sich von der Geschichte lernen?

Als Jens Hillje und Andrea Niederbuchner im Dezember 2023 die künstlerische Leitung des Hauses übernehmen, verweist Hillje in seiner Rede zur Eröffnung der Spielzeit auf die bewegte Geschichte des Hauses. Daraus leitet er seine Vision für die Zukunft ab:

„Was wir uns wünschen für die Zukunft dieses Hauses – unser Team, unsere Künstler*innen, unser Publikum – ist offen zu sein dafür
die eigene Perspektive zu hinterfragen,
die eigene Position zu verändern
das eigene Denken weiterzuentwickeln […]
Denn in jedem Kunstwerk, das sich neu einschreibt
in die Geschichte dieses Hauses
und in die Gegenwart dieser Stadt
liegt immer eine kleine, radikale Hoffnung
auf ein Mehr an Verstehen
und ein Mehr an Offenheit.“[2]

Aufnahme von Andrea Niederbuchner und Jens Hiilje im Treppenhaus der Sophiensäle
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Portraitfoto Andrea Niederbuchner
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Portraitfoto Jens Hillje
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Aufnahme von Andrea Niederbuchner und Jens Hiilje im Treppenhaus der Sophiensäle
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Portraitfoto Andrea Niederbuchner
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Portraitfoto Jens Hillje
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Zwei Jahre später entsteht im Rahmen des Jubiläumsjahres eine Publikationsreihe, die man als Rückgriff auf die Forderungen der Arbeiter*innenbewegung nach gerechten Löhnen lesen kann. Die Performerin Melanie Jame Wolf schreibt in einem beeindruckend persönlichen wie kämpferischen Text die Bedingungen zeitgenössischer Theaterproduktion und kritisiert die diskontinuierliche und schrumpfende Kulturförderung:

In der liberalen westlichen Nachkriegsordnung wurde die Förderung der Künste als ein Zeichen einer blühenden, pluralistischen Gesellschaft verstanden. Sie galt als eine wichtige Aufgabe der Demokratie und als ein nützliches Mittel, um durch kulturellen Austausch soft power auszuüben. Diese Zeiten sind vorbei. In der heutigen neoliberalen westlichen Ordnung sind andere Prioritäten aufgetaucht und Austerität wurde zum Mittel der Wahl. […] Es geht nicht darum, dass kein Geld vorhanden ist, sondern darum, dass ein ideologisches Verlangen vorherrscht, Räume zu beseitigen, in denen kritisches Denken gedeiht und in denen Menschen – queere Menschen, politisch progressive Menschen, People of Color, Menschen mit Behinderung, Menschen aus der Arbeiter*innenklasse – ihre poetische Freiheit nutzen, um sich andere Möglichkeiten des Zusammenlebens vorzustellen und umzusetzen, die nicht der extraktivistischen, rassifizierten Akkumulation von Kapital basieren.[3]


[1] https://779626.cargo.site/, aufgerufen am 18.3.2026.

[2] https://sophiensaele.com/de/seite/ueber-uns, aufgerufen am 18.3.2026.

[3] Melanie Jame Wolf: Kein Ankommen oder goodbye yellow brick road. Über aufstrebende Künstler*innen und das, was danach kommt. In: Sophiensäle Forever 1/3, Tanztage, 2026, S. 25f.

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