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Nazanin Noori: Zwischen Minimalismus und maximaler Intensität

25.08.2026
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Die Künstlerin Nazanin Noori in der Klosterruine Berlin vor ihrer Intervention „BEHOLD GOD IN ALL THAT EXISTS IN HIS NAME“, 14.05.2026-25.04.2027. © Peter Oliver Wolff

Was auf den ersten Blick reduziert erscheint, entfaltet in den Arbeiten von Nazanin Noori eine überraschende Intensität. Mit klaren Formen, monumentalen Schriftzügen, Klang und Sprache entwickelt die Künstlerin interdisziplinäre Arbeiten, in denen unterschiedliche Medien einander durchdringen und miteinander in Beziehung treten. Zwischen minimalistischer Formensprache und maximaler Wirkung entstehen Installationen, Performances und Kompositionen, die gewohnte Zusammenhänge aufbrechen und neue Perspektiven eröffnen.

Schon als Kind verbrachte Nazanin Noori viel Zeit in Bibliotheken und vertiefte sich in Gedichte. Als Jugendliche entdeckte sie ihre Begeisterung für experimentelle Theaterformen, die anders als klassische Theaterstücke keiner linearen Erzählung folgen, sondern Atmosphäre, Rhythmus und Raum in den Vordergrund setzen. Diese frühen Interessen wirken bis heute in ihrer künstlerischen Praxis nach. Von ihrem Studio in Berlin-Kreuzberg aus entwickelt die 1991 in Wiesbaden geborene Künstlerin Arbeiten an der Schnittstelle von Installation, Klangkunst, Technik Komposition, Live- und Lecture-Performance, Regie und Text. Bekannt wurde sie zunächst mit ihren dichten Klangarbeiten, die sie selbst als „Ambient Hardcore“ bezeichnet: eine Verbindung aus hypnotischen Klanglandschaften, rhythmischer Verdichtung und emotionaler Intensität. Ihre Arbeiten wurden unter anderem im Haus der Kulturen der Welt, in der Akademie der Künste, im ICA London, im Martin-Gropius-Bau, im Berghain sowie im Rahmen der Transmediale gezeigt. 2026 wurde sie mit dem ars viva-Preis für Bildende Kunst ausgezeichnet.

So unterschiedlich die Medien sind, mit denen Noori arbeitet, so eng greifen sie in ihrer Praxis ineinander. Dabei interessiert sie besonders das Zusammenspiel von Gegensätzen. Klare Linien, monochrome Farbwelten und reduzierte Formen treffen auf raumgreifende Installationen und dichte Klanglandschaften. Das Große und Überwältigende entsteht dabei oft gerade aus wenigen, klar gesetzten Elementen.

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Nazanin Noori am historischen Zaun der Klosterruine Berlin am Tag der Ausstellungseröffnung, 13. Mai 2026. © Piotr Pietrus
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Nazanin Noori am historischen Zaun der Klosterruine Berlin am Tag der Ausstellungseröffnung, 13. Mai 2026. © Piotr Pietrus

„Ich hatte schon immer eine Faszination für monochrome Farbräume, Schilder oder große Buchstaben, die einen fast erschlagen. Ein Schild ist für mich wie die comicartige Übertreibung eines Gedankens.“

Schrift wird bei Noori damit nicht nur zum Träger von Sprache, sondern selbst zu einer visuellen Form. Größe, Farbe und Platzierung bestimmen ihre Wirkung im Raum. Ein ähnliches Prinzip prägt ihre Klangarbeiten, in denen dichte, komplexe Soundlandschaften von leisen Passagen und feinen Melodien durchbrochen werden.

„Am Ende ist es eine Balance zwischen etwas Einfachem und etwas sehr Großem, Komplexem – und darum, eine Erzählweise dazwischen zu finden.“

Die Vielschichtigkeit ihrer Formensprache setzt sich auch inhaltlich fort. Im Zentrum stehen dabei die Ambivalenzen gesellschaftlicher, politischer und religiöser Ordnungen. Nooris Arbeiten kreisen um Fragen nach Macht, Spiritualität, Sprache, Hierarchien und Ungleichheit. Dabei geht es ihr weniger darum, eindeutige Positionen zu formulieren, als unterschiedliche Perspektiven nebeneinanderzustellen und Spannungen sichtbar zu machen.

„Ich versuche nicht, eine ultimative Antwort auf ein bestehendes Problem zu geben. Mich interessiert die ambivalente Struktur der Dinge: Widersprüche offenzulegen und einen Diskurs anzuregen, statt einen politischen Kommentar zu formulieren.“

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Besucher*innen betrachten die Lichtinstallation während der Ausstellungseröffnung am 13. Mai 2026. © Piotr Pietrus
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Eindrücke von der Eröffnung von „BEHOLD GOD IN ALL THAT EXISTS IN HIS NAME“ in der Klosterruine Berlin, 13. Mai 2026. © Piotr Pietrus
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Begegnungen am Eröffnungsabend: Nazanin Noori mit Besucher*innen vor ihrer Lichtinstallation in der Klosterruine Berlin, 13. Mai 2026. © Piotr Pietrus
Nazanin Noori spricht zur Eröffnung von „BEHOLD GOD IN ALL THAT EXISTS IN HIS NAME“ in der Klosterruine Berlin, 13. Mai 2026. © Piotr Pietrus
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Nazanin Noori spricht zur Eröffnung von „BEHOLD GOD IN ALL THAT EXISTS IN HIS NAME“ in der Klosterruine Berlin, 13. Mai 2026. © Piotr Pietrus
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Bei Tageslicht: Die zwölf Meter lange Lichtinstallation im Zusammenspiel mit der historischen Architektur der Klosterruine Berlin. © Piotr Pietrus
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Besucher*innen betrachten die Lichtinstallation während der Ausstellungseröffnung am 13. Mai 2026. © Piotr Pietrus
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Eindrücke von der Eröffnung von „BEHOLD GOD IN ALL THAT EXISTS IN HIS NAME“ in der Klosterruine Berlin, 13. Mai 2026. © Piotr Pietrus
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Begegnungen am Eröffnungsabend: Nazanin Noori mit Besucher*innen vor ihrer Lichtinstallation in der Klosterruine Berlin, 13. Mai 2026. © Piotr Pietrus
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Nazanin Noori spricht zur Eröffnung von „BEHOLD GOD IN ALL THAT EXISTS IN HIS NAME“ in der Klosterruine Berlin, 13. Mai 2026. © Piotr Pietrus
Nazanin Noori spricht zur Eröffnung von „BEHOLD GOD IN ALL THAT EXISTS IN HIS NAME“ in der Klosterruine Berlin, 13. Mai 2026. © Piotr Pietrus
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Bei Tageslicht: Die zwölf Meter lange Lichtinstallation im Zusammenspiel mit der historischen Architektur der Klosterruine Berlin. © Piotr Pietrus
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Viele ihrer Installationen entstehen für den White Cube, einen neutralen Ausstellungsraum, den Noori mit Licht, Klang, Text und Architektur verändern kann. Die Arbeit für die Klosterruine Berlin stellt sie dagegen vor eine andere Ausgangssituation. Hier trifft sie auf einen Ort, dessen Geschichte, Architektur und Atmosphäre den Raum bereits prägen.  

„Dieser Ort ist etwas Besonderes: Auf der einen Seite der Alexanderplatz, auf der anderen das Gericht und dazwischen die Ruine der Klosterkirche. Allein ihr Anblick und diese fast unheimliche Ruhe mitten in Berlin sind unglaublich ausdrucksstark. Der Ort bringt bereits so viel Geschichte mit.“

Die ehemalige Franziskaner Klosterkirche zählt zu den ältesten erhaltenen Bauwerken Berlins. Über die Jahrhunderte wurde sie als Kloster, Druckerei und Gymnasium genutzt, bevor sie im Zweiten Weltkrieg weitgehend zerstört wurde und als Ruine erhalten blieb.[1]Für Noori ist jedoch nicht nur die Historie des Ortes von Bedeutung. Die Klosterruine bildet heute einen ungewöhnlich ruhigen Ort in unmittelbarer Nähe des belebten Alexanderplatzes. Direkt gegenüber befinden sich die Gerichtsgebäude in der Littenstraße, in denen täglich über Recht, Schuld und gesellschaftliche Ordnung verhandelt wird. So begegnen sich auf engstem Raum Religion und Rechtsprechung, Vergangenheit und Gegenwart sowie unterschiedliche Formen institutioneller Autorität.

Für Noori bedeutet die Arbeit an einem solchen Ort auch, sich gegenüber dem bereits Vorhandenen zurückzunehmen. Anders als im White Cube wollte sie der Klosterruine keine neue Atmosphäre auferlegen oder ihre Geschichte durch eine zusätzliche Ebene überformen. Gerade deshalb entschied sie sich gegen ein Medium, das sonst eine zentrale Rolle in ihrer Arbeit spielt: den Klang.

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Porträt von Nazanin Noori vor einem Teil ihrer zwölf Meter langen Lichtinstallation. © Piotr Pietrus
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Porträt von Nazanin Noori vor einem Teil ihrer zwölf Meter langen Lichtinstallation. © Piotr Pietrus

„Ich möchte den Blick der Besucher*innen auf die Historie nicht verfremden, indem ich einen Soundtrack dazu gebe. In einem White Cube bestimme ich, was aus dem weißen Raum wird. Die Klosterruine ist schon etwas. Hier wollte ich subtil einen Kommentar setzen und die Perspektive lediglich minimal verschieben.“

Aus dieser Haltung heraus entstand Nooris Installation BEHOLD GOD IN ALL THAT EXISTS IN HIS NAME (2026). Vier leuchtende Rollwegweiser fügen sich zu einer zwölf Meter langen Lichtskulptur, auf der sich der titelgebende Satz durch den Raum zieht. Die aus der Luftfahrt bekannten Leitsysteme verlieren dabei ihre ursprüngliche Funktion und werden zu Trägern einer Aussage, die Fragen nach Religion, Gleichheit und Autorität aufwirft.

Der Schriftzug verweist auf die pantheistische Vorstellung eines Göttlichen, das allem innewohnt. Für Noori liegt darin zugleich eine grundlegende Ambivalenz: Religion kann für Nächstenliebe, Gemeinschaft und Gleichheit stehen, aber ebenso Abgrenzung, Hierarchien und Vorstellungen von Überlegenheit hervorbringen. Die Arbeit bringt diese gegensätzlichen Bedeutungen zusammen, ohne sie aufzulösen. Was zunächst wie eine klare Botschaft erscheint, lässt bei näherer Betrachtung unterschiedliche Lesarten zu. Die reduzierte Form steht damit im Kontrast zur Vielschichtigkeit des Inhalts.

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Gesamtansicht von Nazanin Nooris Lichtinstallation „BEHOLD GOD IN ALL THAT EXISTS IN HIS NAME“ bei Abendlicht in der Klosterruine Berlin. © Peter Oliver Wolff
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Seitliche Ansicht der leuchtenden Installation im abendlichen Innenraum der Klosterruine Berlin. © Peter Oliver Wolff
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Blick auf die Rückseite der leuchtenden Rollwegweiser und ihre Konstruktion. © Peter Oliver Wolff
acksteinarchitektur der Klosterruine Berlin. © Peter Oliver Wolff
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Die leuchtenden Rollwegweiser von „BEHOLD GOD IN ALL THAT EXISTS IN HIS NAME“ in der Dämmerung der Klosterruine Berlin. © Peter Oliver Wolff
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Gesamtansicht von Nazanin Nooris Lichtinstallation „BEHOLD GOD IN ALL THAT EXISTS IN HIS NAME“ bei Abendlicht in der Klosterruine Berlin. © Peter Oliver Wolff
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Seitliche Ansicht der leuchtenden Installation im abendlichen Innenraum der Klosterruine Berlin. © Peter Oliver Wolff
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Blick auf die Rückseite der leuchtenden Rollwegweiser und ihre Konstruktion. © Peter Oliver Wolff
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acksteinarchitektur der Klosterruine Berlin. © Peter Oliver Wolff
Die leuchtenden Rollwegweiser von „BEHOLD GOD IN ALL THAT EXISTS IN HIS NAME“ in der Dämmerung der Klosterruine Berlin. © Peter Oliver Wolff
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Mit Einbruch der Dunkelheit verändert sich schließlich auch die Wahrnehmung der Installation. Während die Mauern der Klosterruine langsam im Schatten verschwinden, tritt die Lichtskulptur immer deutlicher hervor. Was tagsüber als klar gesetztes Objekt in der historischen Architektur erscheint, entwickelt in der Dunkelheit eine beinahe szenische Wirkung.

„Sobald die Sonne untergeht, entsteht ein sehr theatraler Moment. Die Mauern verdunkeln sich und gleichzeitig leuchtet das Objekt immer heller. Wenn die Sonne ganz untergegangen ist, steht das Objekt fast allein da.“

In diesem Moment verdichtet sich vieles, was Nooris Arbeiten auszeichnet: das Verhältnis von Reduktion und Überwältigung, von klarer Form und offener Bedeutung. Ihre Intervention versucht nicht, den geschichtsträchtigen Ort zu erklären oder ihm eine neue Erzählung überzustülpen. Sie verschiebt für einen Moment die Perspektive auf das, was bereits da ist. Ausgerechnet die Wegweiser, die sonst Orientierung versprechen, lassen die Richtung hier offen.

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Nazanin Noori vor der historischen Backsteinpolygon der Klosterruine Berlin. © Peter Oliver Wolff
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Nazanin Noori vor der historischen Backsteinpolygon der Klosterruine Berlin. © Peter Oliver Wolff

Die Zitate und inhaltlichen Einblicke in Nazanin Nooris künstlerische Praxis basieren auf einem Interview, das Nicola Reißer am 22. Mai 2026 mit der Künstlerin führte.


[1] Vgl. URL: https://klosterruine.berlin/de/geschichte (Letzter Aufruf: 10.08.2026)

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