(Klosterruine, Buchpremiere, 15. Juni 2026)
Was mich gleich fasziniert hat an der Idee, die Geschichte dieser nicht allzu spektakulären Mauern zu schreiben, dieser Klosterruine der Franziskaner, die kaum ein Berliner kennt, obwohl sie gleich neben dem Alexanderplatz liegt – was mich also sofort dafür eingenommen hat, war die Gelegenheit, ganze Jahrhunderte anhand eines einzigen Hauses zu erzählen und dabei bis an die Anfänge der Stadt zurückgehen zu können. Ich hoffe, Sie sind auf eine Überdosis Vergangenheit gefasst. Und am Ende werden trotzdem noch 600 Jahre fehlen.
Die Anfänge der Stadt? Vergegenwärtigen wir kurz uns die Relationen: Im Jahr 248 beging Rom mit großen Spielen sein 1000jähriges Bestehen, und noch 1000 Jahre später hat man in Europa von einer Stadt namens Berlin kaum etwas gehört. 1248 waren die Franziskaner aber schon an der Spree, das wissen wir, weil ein „frater Hermannus“ als Begleiter der Markgrafen Johann I. und Otto III. in Zehdenick bezeugt ist. Die drei mussten dort das „Blutwunder von Zehdenick“ begutachten, das war eine blutende Abendmahlshostie, ich sage dazu jetzt nichts, das müssen sie selbst nachlesen.
Die Askanier Johann I. und Otto III. dürfen als die eigentlichen Väter – oder sagen wir besser: Schutzmächte, Förderer – der schon existierenden Handelsfurt von Berlin-Cölln gelten, sie sind die Urenkel Albrechts des Bären und frater Hermannus war höchstwahrscheinlich der Beichtvater der beiden jungen Männer, schon als sie noch in Magdeburg unter der Lehnsvormundschaft des dortigen Erzbischofs standen. Nun könnte man sagen, wer einen Erzbischof als Lehnsvater hatte, braucht nun wirklich keinen extra Beichtvater, in diesem Fall aber doch, denn die beiden Prinzen führten bald Krieg gegen ihren früheren Lehnsvormund. Und Krieg führend, oder sagen wir besser: fliehend vor den Truppen des Erzbischofs, kamen sie erst bis nach Spandau, und dann nach Cölln-Berlin. Und gründeten genau hier – schauen Sie auf die Grunerstraße und auf die Rathauspassagen gegenüber ihren Stadthof, also das erste Regierungsviertel von Berlin, das war früher die Klosterstraße 76. Und zumindest ihre Nachfolger, die Ururenkel Albrecht des Bären (Otto IV. und Albrecht III.) machten die Franziskaner zu ihren direkten Nachbarn, indem sie ihnen einen Teil ihres Besitzes überließen.
Den Alexanderplatz können Sie vergessen, denn gleich hinter dem Kloster verlief schon die Stadtmauer – hier noch immer etwas sichtbar -, da war Berlin also schon zu Ende, auf dem heutigen Alexanderplatz lag der Rabenstein, der Richtplatz also. Die Stätten der Henker befinden sich meistens außerhalb der Stadt und – nicht ganz unwichtig – Franziskanerklöster immer am Stadtrand, nie im Zentrum.
Was Berlin heißt, wissen Sie sicherlich, es hat mit Bären als den Ureinwohnern dieses Urstromtals nichts zu tun, sondern kommt wohl vom slawischen B-r-l-o, und das bezeichnet die trockene Stelle in einem Sumpf.
Slawisch, ganz genau. Denn bis 1147 war ganz Brandenburg slawisches Gebiet, recht dünn besiedelt von Stämmen, die vom Christentum nicht viel wussten und auch nichts wissen wollten. Aber das Schicksal dieser Gegenden, die Osterweiterung des christlichen Abendlandes war da schon längst beschlossen. 1147 begann der Wendenkreuzzug, ein Anführer war der Askanier Albrecht der Bär, von Magdeburg aus. Magdeburg war der Vorposten der westlichen Zivilisation gen Osten. Ein wirklicher Erfolg war dieser Kreuzzug nicht, das war kaum einer, aber die Slawen zwischen Elbe und Oder hatten auf Dauer keine Chance. Wenn Sie im Sommer an die Ostsee fahren und bei dieser Gelegenheit das Grab des letzten Slawenfürsten Pribislaw besuchen wollen: Es befindet sich im Münster von Bad Doberan. Es überrascht doch immer wieder, wenn man legendären Personen in der Wirklichkeit begegnet, uns sei es nur ihren Gräbern.
Wir befinden uns hier in einer offenbar gotischen Kirche, es ist der erste Backsteinbau Berlins. Fällt Ihnen etwas auf? Dort vorn, der Chorabschluss, das ist offenkundig Hochgotik, da ist der Ehrgeiz spürbar, alle Wände in Licht aufzulösen und – was man nicht mehr sieht – den Himmel über uns noch einmal zu erschaffen. Aber das Kirchenschiff mitsamt des Langchors? Da ist der Haupteindruck: Alles Wand, und die Spitzbögen, ohne eigenen Ehrgeiz viel niedriger, scheinen gleichsam wie eine widerwillige Konzession der Wand an das Licht, viel mehr nicht. Also früher gebaut, und der Chor kam später? Die neuesten wissenschaftlichen Untersuchungen haben gezeigt, dass die Kirche in einem Zug gebaut wurde, und zwar von Osten nach Westen, also gewissermaßen von der Hochgotik zurück zur Fast-noch-Romanik. Ist das denkbar? Wir heben uns die Frage auf für das gleich folgende Gespräch.
Nicht erst 1147, als die spätere Mark Brandenburg noch gar nichts vom Christentum wusste, sondern bereits rund zehn Jahre zuvor hatte der Abt von Saint Denis bei Paris eine Lichtvision: Statt aus Stein müssen Kirchen aus Licht gebaut werden. Diesem Vorsatz sind natürlich gewisse irdische Grenzen gesetzt, aber man kann sich dem Ideal der Lichtarchitektur nähern. Der Abt Suger von Saint Denis berief sich dabei auf Saint Denis selbst, den Schutzheiligen Frankreichs, wahrscheinlich zu Unrecht, weil er da Denis mit Dionysos Areopagita verwechselte, aber das ändert gar nichts am metaphysischen Rang des Lichts im Mittelalter. Das Licht allein weist den Weg zur Erkenntnis Gottes, des Herrn des Lichts, und das Licht allein schafft Orientierung in seiner Welt, die Finsternis gehört schon dem Widersacher und Sie dürfen raten, auf welcher Seite der Beleuchtungsverhältnisse man damals die Frau verortet. Thomas von Aquin, bis heute der größte Kirchenlehrer des Katholizismus, vermutete, die Gerechten im Reich Gottes leuchten siebenmal so hell wie die Sonne. Der ehrgeizige Umbau von Saint Denis durch den Abt Suger war die Geburtsstunde der Gotik. Und die Faszination des Lichts schloss alles ein, was leuchtet: Glasfenster in allen Farben, Edelsteine, Juwelen, Gold. Sie ahnen schon: Franziskanisch ist das nicht.
Ernst Barlach nannte diesen Baustil eine erhabene Hysterie. Und sein Entstehen fügt sich ein in eine ungeheure Dynamik, wie wir uns überhaupt von der Vorstellung verabschieden sollten, das Mittelalter sei eine statische Epoche gewesen, da bewegte sich nicht viel. Falsch! Der Mönch Rodulfus Glaber bemerkte bereits im Jahr 3 nach der Jahrtausendwende eine enorme Bautätigkeit.[1] Überall in Europa würden Kirchen errichtet oder die alten renoviert. Begonnen hatte das schon vorher: Das Querschiff und das Westwerk mit seinen Türmen und Portalen entstanden kurz vor der Jahrtausendwende, aber jetzt brach das los. Mag sein, die europäischen Baumeister wollten sich beim Bauherrn der Welt für sein Ausbleiben bedanken – Europa hatte sich vor dem Jahr 1000 sehr gefürchtet: Wann, wenn nicht jetzt würde Jesus Christus wiederkommen und endlich das Jüngste Gericht halten? Sie wissen, das Christentum war ursprünglich nichts anderes als eine akute Wartegemeinschaft auf das nahe Weltende gewesen, und nun wartete man schon ganze 999 Jahre.
Mag sein, Europas Bauleute wollten dem Herrn demonstrieren, dass seine Rückkehr auch weiterhin nicht nötig sei: Man hat gesagt, dass allein in Frankreich von 1050 bis 1350 „einige Millionen Tonnen Stein zum Bau von 80 Kathedralen, 500 großen Kirchen und mehreren zehntausend Pfarrkirchen aus den Bergen“ geschlagen wurden. Das stellte selbst den architektonischen Ehrgeiz des alten Ägypten in den Schatten, und die Rede ist nur von Frankreich. Lauter Himmelstore entstanden da. Lauter betürmte Botschaften aus Stein nach ganz oben: Kein Grund zur Wiederkehr! Wir denken nur an dich, wir bauen nur für dich, wir kommen klar. Aber erst die Gotik erfüllte wirklich den Tatbestand des Himmelstors.
Die Stadtväter (oder richtiger: die ersten Schirmherren) Berlins Johann und Otto erlebten wohl als Kinder in Magdeburg, dem letzten Vorposten der christlich-europäischen Zivilisation gen Osten, den Bau des ersten gotischen Doms in ganz Deutschland, begonnen bereits 1209. Er ist das Urbild für alles, was dann jenseits der Elbe gebaut wird. Und in diesem Jahr 1209 stand auch der unmögliche Kaufmannssohn Francesco Bernadone aus Assisi zum ersten Mal mit seinen zwölf ersten Gefährten vor dem Papst Innocenz III. und bat als Laie um eine Predigterlaubnis. Vor kurzem hatten die Bürger Assisis den verrückt gewordenen Sohn des reichen Kaufmanns Pietro Bernadone noch mit Steinen beworfen.
Dies ist eine Franziskanerkirche, also müssen wir über diesen Mann reden. Zumal in diesem Jahr. Das Buch, um das es heute geht, ist, um es vorsichtig zu sagen, etwas verzögert erschienen – aber vielleicht war das ja auch weise Voraussicht. Denn eben in diesem Oktober begehen wir den 800. Todestag Franz von Assisis. Und wir haben Grund, uns an ihn zu erinnern. Denn wenn einer in der damaligen tief kriegerischen Zeit begabt war für den Frieden, auch und gerade mit den Muslimen, dann war er das. Und das erste, sagen wir, ökologische Gedicht der Welt, ist auch von ihm, der Sonnengesang, im italienischen Original viel treffender: Il Cantico delle creature. Gesang der Geschöpfe.
Und wieder möchte ich etwas ausholen: Prägend für das Mittelalter ist nicht nur die Kirche, sondern ebenso das Mönchtum. Wir machen uns gar keinen Begriff mehr davon, wie viele Klöster es gab. Wo eines aus dem Blick geriet, war das nächste schon Sicht. Woher kam diese organisierte Weltflucht? Das Mönchtum zog in den ersten Jahrhunderten aus dem Ausbleiben Christi eine andere Lehre als die Kirche, und die frühen Wüsteneremiten natürlich noch viel radikaler als das spätere, sagen wir, verbürgerlichte Mönchtum des Abendlands. Sie erkannten: Wenn Christus nicht zu uns kommt, müssen wir ihm wohl entgegengehen, müssen wir selbst christusförmig werden. Das Mönchtum geht aus der Welt, denn alles, worauf es ankommt, ist: Nichts soll mehr sein zwischen Ich und Seele, dem Einfallstor Gottes, also weg mit der Welt. Man hat gesagt, im Westen habe dieses Christus-Entgegengehen unter Nicht-Wüstenbedingungen nur einer in aller Konsequenz wiederholt, eben Franz von Assisi.
Also hat, wer so leben will, Sie ahnen es, von vornherein ein schwieriges Verhältnis zur Architektur, zumal Architektur immer Innenraumschöpfung ist. Wir sind alle Höhlenbewohner, wir sind da nie ganz ausgezogen und noch eine gotische Kirche ist eine Höhle mit anderen Mitteln und ein Loft über Fabriketagen, direkt ins Licht gebaut, ebenso. Doch wer sich frei an die Wurzeln des Himmels hängt, wählt das Gegenteil eines Innen. Er wählt das Außen. Daraus folgt für Franz: Die heilsgeschichtlich vollkommene Immobilie ist der Stall. Scheunen taugen auch. Als er einmal zu Brüdern kommt, die ihre Unterkunft mit Ziegeln gedeckt haben, reißt er sie eigenhändig wieder ab. Die haben nichts verstanden. Kann sein, es zieht und es regnet rein, aber das ist der Wind und die Nässe des Herrn. Das sind Bruder Wind und Schwester Wasser.
Und das Besondere dabei ist: in der Stadt! Bisher gab es keine Klöster in der Stadt. Nirgends ist mehr Welt als in einer Stadt, also gerade das, was das Mönchtum vermeiden will. Städte sind gewissermaßen Unabhängigkeitserklärungen von der Natur.
Francescos Leben war eine frühe Variation auf die Einsicht: Es gibt kein richtiges Leben im falschen! Francescos Vater war der reiche Tuchhändler Pietro Bernadone. Der Franziskus-Forscher Paul Sabatier nannte die Tuchhändler die eigentlichen Herren der Städte im Mittelalter. Wer die Stoffe hat, hat die Macht! Zumindest machten sie diese jedermann unmittelbar anschaulich. Und Pietro Bernardones Sohn schien ganz nach dem Vater zu geraten, er war der Anführer der Jeunesse doree Assisis, keine Ausschweifung war ihm zu viel, er zahlte für alle.
Die große Erschütterung kommt wohl mit dem Krieg der Bürger von Assisi gegen Perugia. Der bedeutete ein Jahr Kerkerhaft für Francesco, aber auch das nur, weil er ein Pferd besaß. Man hielt ihn also für einen Adligen, den seine Familie vielleicht freikaufen würde. Wer bloß zu Fuß kam, wurde vom siegreichen Perugia an Ort und Stelle umgebracht. Im Jahr im Kerker von Perugia spielte Francesco die Rolle des obersten Spaßmachers weiter, die Erschütterung kam zeitversetzt, das Bewusstsein also, dass er sein Leben lediglich einer Verwechslung verdankte. Die Inkubationszeit des Weltenwechslers beträgt mehrere Jahre; 1206 wirft er vor der Kirche San Rufino seinem Vater seine Kleider vor die Füße, und damit alles, was er von ihm hat, um fortan nur noch einen Vater zu kennen: Gott allein. Gott ist hier zuletzt nur ein anderer Name für die theatralische Unabhängigkeitserklärung eines jungen Mannes, die alles entscheidende Botschaft lautet: Autonomie ist möglich. Freiheit ist möglich. Und: Wer sich ganz schutzlos – also nackt – macht, wird Schutz finden. Es kommt demnach darauf an, schutzlos zu bleiben. Das Entscheidende an dieser spektakulären Entkleidungsszene ist eben nicht, dass Franz, die Kleider seines Vaters ablegend, eine neue Hülle im Mantel des Bischofs findet. Sondern es ist der Zustand zwischen beiden Konfektionierungen, um es mit dem schönen Wort von Peter Sloterdijk zu sagen: sich unmittelbar „an die Wurzeln des Himmels zu hängen“[2]. Himmelsakrobatik fortan als Lebensform! Heißt: vorsätzliche Unbehaustheit!
Und jetzt muss man noch eines sagen: Die franziskanische Bewegung ist ursprünglich kein Aufstand der Erniedrigten und Beleidigten, es ist eine Revolte von oben – die ersten Gefährten sind Kaufleute, Notare, selbst Adlige – eine Revolte von oben also mit beachtlichem Ehrgeiz nach unten. Und das Erstaunliche war: Die allermeisten hielten diese denkbar ungewohnte, unkomfortable Lebensform durch!
Ich hatte behauptet, dass das Hochmittelalter eine sehr dynamische Zeit war. Franz war keineswegs der erste und erst recht nicht der Einzige, dem auffiel, dass die Kirche seiner Zeit nicht mehr viel mit dem Mann zu tun hatte, auf den sie sich berief. Überall meldeten sich Laien zu Wort, um die Nachfolge Christi anzutreten. Und sie durften sich der unerbittlichen Feindschaft des Heiligen Stuhls sicher sein. Dass die Franziskaner dieses Schicksal nicht traf, hat mehrere Gründe, nicht der Geringste unter ihnen war wohl die Gunst der historischen Stunde. Aber wer in Franz nur den Heiligen der katholischen Kirche sieht, liegt wohl falsch: Heiliger und Ketzer in Personalunion trifft es besser.
Wir sprachen also von der Dynamik des Hochmittelalters. Die franziskanische Gemeinschaft wuchs explosionsartig, schon rund zehn Jahre nach Franz‘ Entkleidung vor San Rufino zog eine Brüderschar über die Alpen, der erste Versuch misslang, aber der zweite kurz darauf hatte Erfolg. Und in Magdeburg fanden die Franziskaner und die künftigen Markgrafen von Brandenburg zueinander, spätestens in Ziesar. Noch eine sehr problematische Konstellation, denn irdische Macht war für Franziskus der Inbegriff der nichtigen Eitelkeit der Welt, jede Nähe also vollkommen unzulässig.
Die Zeit der Askanier endete sehr abrupt. Kloster Lehnin, die Grablege des ottonischen Zweigs der Familie war fertig, und nun auch Chorin, gewissermaßen die Schwesterkirche der Klosterkirche, als sehr plötzlich und unerwartet die beiden letzten Askanier starben: Waldemar, der eben noch das Herzogtum Danzig an den Deutschen Orden verkauft und Dresden besetzt hatte und kurz darauf ein Kleinkind, das war nun wirklich der letzte Askanier.
Die Mark Brandenburg war nunmehr herrenloses Land und die alten Interessenten meldeten sich im Schutz ihrer Truppen wieder von allen Grenzen. Da ergriff der Wittelsbacher Ludwig das Wort, soeben deutscher König geworden – und zwar alleiniger deutscher König, bis eben gab es zwei -, und Ludwig rief: Halt! Und zog die Mark Brandenburg als „erledigtes Lehen“ ein, um es seinem minderjährigen Sohn zu geben! – Halt! rief auch Papst Johannes XXII. im Exil in Avignon und setzte Ludwig als König umgehend wieder ab. Und dieses Ereignis wird Berliner und franziskanische Geschichte schreiben.
Vor der Marienkirche steht noch immer ein steinernes Kreuz. Das ist ein Sühnekreuz. Es erinnert daran, dass Propst Nikolaus aus Bernau 1324 in der Marienkirche eine Predigt hielt, die er nicht überlebte. Die Berliner haben den Propst einfach erschlagen, wohl weil sie nicht einverstanden waren mit dem Inhalt seiner Predigt. Die richtete sich gegen Ludwig von Bayern und stimmte für den Papst. Anschließend wurde der Propst auch noch draußen auf dem Neuen Markt verbrannt.
Ludwig der Bayer hatte neben den Berlinern vor allem einen Hauptverbündeten, und das waren die Franziskaner. Deren Generalkapitel in Perugia hatte soeben seine Überzeugung kundgetan, dass Jesus Christus keinerlei irdischen Besitz gehabt habe, also absolut arm gewesen sei. Johannes XXII. verdammte diese Auffassung als Häresie. Gemeinsam mit den Franziskanern schrieb Ludwig der Bayer nun europäische Geschichte. Mit Hilfe der Franziskaner bezichtigte er seinerseits den Papst der Häresie. Sie können das auch nachlesen in Umberto Ecos Bestseller „Der Name der Rose“. Abgesehen davon, dass da auch ein paar Tote vorkommen, ist es doch vor allem die Geschichte des franziskanischen Geistes. Und der Held des Romans ist Bruder William, Eco hat dabei der Franziskaner William von Occam vor Augen gestanden. Man darf sagen, die franziskanischen Gelehrten dieses Typs bereiteten das Zeitalter der Renaissance bereits vor, so wie in der Kunst die Bilder Giottos mit den Szenen aus dem Leben des Franziskus in der Franziskus-Kirche von Assisi.
Für Berlin bedeutete die mörderische antipäpstliche Stellungnahme aus der Marienkirche den Kirchenbann, und das war die größtmögliche Katastrophe: Wie sollten die Berliner (und Cöllner) nun ihre Toten begraben, ihre Kinder taufen, Mann und Frau werden? Die Kirchen blieben geschlossen, nur eine war offen, volle 24 Jahre lang: diese Klosterkirche.
1347 stirbt Ludwig, der Bann fällt, aber da steht die nächste Prüfung schon vor der Tür: In diesem Jahr erreicht die Pest Europa und drei oder vier Jahre später auch Berlin. Wir dürfen davon ausgehen, dass sich die Franziskaner auch diesmal bewährten, denn sie betrieben bereits Spitäler für Aussätzige. Die Aussätzigen waren die Ausgestoßenen der mittelalterlichen Gesellschaft schlechthin, die Unberührbaren im unmittelbarsten Wortsinn. Und Franz hatte einem von ihnen den Bruderkuss gegeben.
Die Geschichte des Klosters geht noch 600 Jahre weiter, bald unter anderen Vorzeichen, eigentlich währt sie sogar bis heute. Ich zähle nur kurz auf, wer alles noch fehlt, nur die bekannteren Namen:
der Nachfolger der Brüder Leonard Thurneysser zum Turn, ein Renaissancemensch, ein Selfmademan, ein Doktor Faustus, wie er im Buche steht, der aus dem Kloster ein Großunternehmen macht mit Druckerei, Alchimistenküche, Apotheke und Tierpark. Ab 1574 muss er sich das Kloster mit dem ersten und über die Jahrhunderte maßgeblichen Gymnasium Berlins teilen, dem bald so genannten Berlinischen Gymnasium zum Grauen Kloster, dessen Lehrer und Schüler – nicht wenige von ihnen – bald selbst Geschichte schrieben, ich nenne nur Schinkel, Schadow, Friedrich Ludwig Jahn und Bismarck natürlich.
Und nebenbei wurde die Klosterkirche über die Jahrhunderte hinweg auch zum Denkmal der Denkmalpflege.
Das Buch „Das Graue Kloster von Berlin“ von Kerstin Decker kann unter anderem über die Internetseite des Verlags erworben werden.
[1] Le Goff, Die Geburt Europas, S. 64.
[2] Sloterdijk, Den Himmel zum Sprechen bringen, S.32.