Mehr als die Hälfte der Berliner Gebäude des 19. Jahrhunderts büßten im 20. Jahrhundert das Ornament ihrer Fassaden ein. Es wurde entfernt und in den allermeisten Fällen nicht ersetzt. Als Schriftstellerin verbringe ich nahezu den ganzen Tag lesend im Home Office. Und auf meinen täglichen Spaziergängen lese ich weiter. Vor vielen Jahren entwickelte ich die Gewohnheit, meinen Blick beim Betrachten von Gebäude auf eine Höhe oberhalb des ersten Stockwerks zu richten, um lesen zu können, was dort geschrieben steht. Der Amerikanerin erscheinen die Straßen der europäischen Städte aus der Zeit vor dem 20. Jahrhundert insgesamt wie eine riesige Bibliothek: Jede Fassade stellt eine neue Seite im Buch der Straße dar. Das ist einer der Gründe, warum ich überhaupt nach Europa gezogen bin – so viele Eindrücke für eine Passantin, die nach dem Laufen genauso süchtig ist wie nach dem Lesen.
Als ich zum ersten Mal in Berlin diese glatten Hausfassaden sah, denen eindeutig etwas fehlte, kamen sie mir wie leere oder zerrissene Seiten vor, die den Fluss der Erzählung der Stadt zum Stillstand brachten. Mit ihren Pokergesichtern hielten sie meine Lektüre auf, und waren doch Teil der Erzählung, Passagen, in denen Geheimnisse bewahrt und Kontinuitäten unterbrochen wurden. Wie der Kritiker Adolf Behne bereits 1927 feststellte, waren es die Proportionen ihrer Fenster und Türen, die auch dann noch das Baujahr der Gebäude im 19. Jahrhundert verrieten, als Berliner Architekten der Avantgarde hier und da begonnen hatten, das viel geschmähte Stuckornament zu entfernen.
Wie Gestalten des 19. Jahrhunderts, die nicht mehr ihre typischen Rüschen und Federhüte trugen, sondern sich auf kühle, anonyme und moderne Weise verkleidet hatten, versuchten die Fassaden, ihre wahre Herkunft zu verbergen. Ironischerweise war ihnen in den 1920er Jahren, als sie noch geschmückt waren, auch „Heuchelei“ vorgeworfen worden – nämlich, dass sie das Elend der ausgebeuteten Arbeiterfamilien verbargen, die in den Hinterhöfen in winzige Wohnungen gestopft lebten.
Die Unverhältnismäßigkeit der glatten Fassaden zu den Proportionen des 19. Jahrhunderts spiegelt das nicht so geheime, diskontinuierliche Herz Berlins wider, das im 20. Jahrhundert voller Brüche war. So sehr ich es liebe, das Ornament zu lesen, und so sehr ich die stille Gesellschaft genieße, die mir die nie blinzelnden Augen von Karyatiden, Kräutern, Löwen und natürlich Bären während meiner Spaziergänge leisten, so sehr habe ich auch die glatten Fassaden als etwas endemisch „Berlinerisches“ liebgewonnen. Nirgendwo sonst, in keiner anderen Stadt der Welt, sehen so viele Gebäude aus wie hier. Ich liebe sie auch deshalb, weil die Kräfte, die versuchen, das Ornament zu unterdrücken (von der Ideologie des Geschmacks über die Ablehnung des Organischen bis hin zur Aufwertung des individuellen „Genies“ gegenüber Jahrtausenden kollektiver Handarbeit anonymer Handwerker*innen) bei ihren Täuschungsbemühungen nie ganz erfolgreich waren.
Das Stuckornament von der Fassade zu entfernen und mit einem neuen Putzanstrich zu überziehen, war eine Sache. Doch das Ersetzen aller Fenster und Türen und der damit verbundenen Sekundärteile eines Gebäudes war eine andere, und es ist erwiesen, dass dieser Umbau, als man den größten Teil des Ornaments in den 1950er und 60er Jahren entfernte, im Großen und Ganzen nicht vollzogen wurde. Wie Hans Georg Hiller von Gaertringen in Schnörkellos, seiner meisterhaften Studie zur Entstuckung, schreibt, sind Fensterrahmen oft der zuverlässigste Indikator für die Herkunft eines Gebäudes. Obwohl der Gesamteindruck dieser Fassade an der Hirtenstraße den Eindruck einer leeren, unverzierten, einheitlichen Masse macht, – –

– – könnten Sie, wenn Sie länger verweilen, um über das, was Ernst Gombrich als den ersten „Brocken“ der Wahrnehmung bezeichnete, hinauszusehen, um sozusagen in eine nähere Lektüre überzugehen, damit beginnen, die Details der zweiten, kleineren, leicht zu übersehenden Brocken zu bemerken, wie z.B. diese Fensterpfosten.

Sehen Sie die kleinen Effloreszenzen am oberen Ende der weißen vertikalen Balken, die die Fensterscheiben trennen? Es handelt sich um korinthische Miniaturkapitelle, die die Pfosten in korinthische Mini-Säulen und das Fenster in ein verkürztes Peristyl verwandeln.
„Spreeathen“ klingt in dieser Spur des Klassizismus durch die Jahrhunderte nach. Wie Unkraut, das unbändig durch die Risse im Beton sprießt, der zur Bezwingung der Natur verlegt wurde, so bleiben diese Ornamente bestehen, und je mehr die Augen nach ihnen suchen, desto stärker vermehren sie sich. Im Umkreis von ein paar Häuserblocks rund um mein Haus habe ich kannelierte Pfosten, Pfosten mit diamantförmiger Rustikalisierung, und mit vertikalen Girlanden drapierte Pfosten gesehen, die alle von dem eintönigen eckigen Gewicht einer entstuckten Fassade umgeben waren.

Menschen wie wir
Natürlich haben Menschen das Ornament an erster Stelle dort angebracht. Frühere Menschen. Menschen, die wie wir waren, aber doch nicht wie wir. Menschen, die sich Mies van der Rohes Seagram Building niemals hätten vorstellen können. Menschen, die nie in einem Flugzeug geflogen sind. Menschen, die dem agrarischen Leben ein paar Schritte näher waren als die meisten heutigen Stadtbewohner*innen. Die Mehrheit der architektonischen Ornamente ist organischer Natur – Blumen, Blätter, Reben, Früchte, Menschen, Tiere – oder organischen Ursprungs. Adolf Loos, der auf die Auswüchse des Jugendstils reagierte, beschuldigte das Ornament des Verbrechens. Walter Benjamin schrieb in seinem Passagen-Werk über den Jugendstil, es sei die letzte Blüte der Blume als „Sinnbild der nackten vegetativen Natur, die der technisch armierten Umwelt entgegentritt.“
Das Ornament in der westlichen Welt hatte im Laufe der Geschichte seine Höhen und Tiefen, aber erst seit Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts ist ein Bauen ohne jegliches Ornament überhaupt denkbar. Ist es ein Zufall, dass das Verschwinden von Darstellungen organischen Lebens aus der Architektur auf der gleichen Zeitachse liegt wie unsere beschleunigte Zerstörung der Natur? Täglich verschwinden 150 Arten. Alle zwei Wochen stirbt eine Sprache. Die Arten verschwinden aus der Landschaft, Sprachen verschwinden aus der Klanglandschaft, Ornamente verschwinden aus dem Stadtbild. Sand, eine endliche Ressource, wird von den Stränden geplündert, um daraus Beton für Gebäude herzustellen, die mit ihren rechten Winkeln und glatten Oberflächen keine Spur unseres organischen Wesens verraten.
Ein weiteres Beispiel für die unbändige Beharrlichkeit des Ornaments sind Türen. Wenn Sie sich die Tür des Gebäudes in der Hirtenstraße ansehen, können Sie sehen, dass auch sie ein Überlebender des Schiffbruchs des Ornaments ist.
Oder schauen Sie sich dieses Tor in der Gormannstraße an:

mit seinem anmutig geschwungenen Oberlichtfenster, seinem aufwendigen Design auf der Vertäfelung, einschließlich Rahmen im Rahmen und verdoppelten porträt-orientierten Kartuschen, die das Mittelstück bilden. Dieses Ornament schöpft aus der anderen Hauptquelle des Ornaments: den geometrischen Motiven. Das Erdgeschoss dieses Gebäudes hat einige Merkmale aus dem 19. Jahrhundert bewahrt, darunter die gebänderte Rustikalisierung und die Fensterleiste. Aber sehen Sie sich das erste Stockwerk an – was auch immer für ein Ornament dort ursprünglich vorhanden war, es ist vollständig geglättet worden. Es wurde verbannt wie das Verbrechen, dessen es Adolf Loos beschuldigte. Als krönender Abschluss dieser Mischung aus Alt und Neu steht die Schinkel-Lampe noch immer wie ein Wächter aus der Vergangenheit Wache. Vielleicht bewahrt sie das verbliebene Ornament vor dem Verbrechen seiner Entfernung.
Die Grammatik des Ornaments
Ich weiß nicht, wie diese Fassade aussah, als das Gebäude ursprünglich erbaut worden war. Vielleicht war sie klassizistisch oder im Jugendstil. Oder ein bisschen von beidem. Die Gewohnheit des späten 19. Jahrhunderts, Ornamente aus jeder Tradition, die ihr vorschwebte, auf ahistorische Weise zu „samplen“ und zu mischen, wobei sich Kataloge von Weltornamenten wie Owen Jones‘ The Grammar of Ornament von 1856 als hilfreich erwiesen, wurde von den meisten Kunsthistorikern jener Zeit abgelehnt. Die Gründe dafür waren vielfältig und reichten von der Schändung der geheiligten klassischen „Orden“, wie sie von den Theoretikern der Renaissance überliefert wurden, bis hin zur Anmaßung der Häuser der Neureichen, die sich mit Ornamenten schmückten, die eher zeremoniellen, institutionellen oder luxuriösen Bauten vorbehalten waren. Ihnen fehlte der „Anstand“, die Idee, die Cicero zuerst propagierte, dass Syntax und Register je nach Anlass variieren und „passen“ sollten. Die verschwenderisch dekorierten Fassaden waren unpassend. Die Architekturhistoriker bezeichneten sie als „Historismus“ und verspotteten sie. John Summerson schrieb, dass die klassischen Ordnungen eine Sprache mit einer Grammatik seien, die der des Lateinischen ähnele. Diese Grammatik wurde wie eine Schachtel voller Spielzeuge aufgegriffen, mit oft erfreulich erfindungsreichen Ergebnissen. Aber die klassischen Ordnungen waren genau das – Ordnungen. Sie waren dazu bestimmt, befolgt zu werden.
Die Grammatik des Ornaments. Die klassische Sprache der Architektur. Ich benutze diese Grammatik und diese Sprache, um die Fassaden zu lesen.
Auch die Fußböden der Eingangsbereiche weisen verräterische ornamentale Spuren auf. Mosaiken, bunt gemusterte Kacheln, die einst Teil eines ornamentalen Ganzen waren, überdauern heute als Überbleibsel, die durch Gebrauch, Zeit und Vernachlässigung langsam abgetragen werden.

Manchmal zeigt sich an den Einfahrten, dass die Schlichtheit der dazugehörigen Fassade neueren Datums ist:

Das Ornament begann man in dem Moment abzulehnen, als es aufgrund der industriellen Produktion im Überfluss vorhanden war. Sobald das Ornament, das bis dahin nur mit großem Aufwand an Zeit, Sorgfalt und Kosten herstellbar war, allgemein zugänglich war, wurde ein Jahrtausende altes Paradigma der Aufmerksamkeit, des Wertes und der Wertschätzung auf den Kopf gestellt. In Berlin wurden Ornamente an Wohnhausfassaden der wilhelminischen Epoche unter anderem dazu verwendet, den Aufstieg einer neuen bürgerlichen Klasse zu signalisieren, Gebäude für spekulative Zwecke aufzuwerten und das Elend in den Hinterhöfen der Mietskasernen zu verstecken. Doch das Ornament selbst hatte kein Verbrechen begangen.
Goethe soll gesagt haben, Architektur sei gefrorene Musik. Das Ornament, mehr noch, ist durchdrungen von musikalischen Eigenschaften, von Thema und Variation, Kontrapunkt, betonten und unbetonten Takten, Arabesken und perkussiven Elementen, die die Wiederkehr seiner Bestandteile organisieren. Diese musikalischen Elemente liegen auch der Poesie zugrunde. Das ist wahrscheinlich der Grund, warum ich, eine Dichterin, so süchtig nach ihrer Lektüre bin.
Ich schätze das Ornament und seine Spuren, die Berlin geblieben sind. Wäre jede Fassade in der Stadt ein Bauernopfer des „Fortschritts“ gewesen, müsste ich stattdessen vielleicht zu Hause bleiben, mir Bücher anschauen und im Internet Archive alter Fotos von Gebäuden durchstöbern, die noch immer diese visuelle Poetik ausstrahlen.
alle Fotos: Donna Stonecipher
Donna Stonecipher (*1969 Seattle, USA) veröffentlichte fünf Gedichtbände, zuletzt Transaction Histories (2018), von der New York Times als einer der 10 besten Gedichtbände des Jahres 2018 ausgezeichnet. Ihr Prosa-Buch Prose Poetry and the City erschien 2018. Sie erhielt zahlreiche Arbeits- und Aufenthaltsstipendien, darunter ein Arbeitsstipendium vom Berliner Senat. Ihre Übersetzung von Friederike Mayröckers études, für die sie 2015 einen Förderpreis der NEA gewann, erschien 2020. Sie lebt seit vielen Jahren in Berlin.
Monika Rinck lebt und arbeitet in Berlin. Seit 1989 diverse Veröffentlichungen in vielen Verlagen. 2012 erschien ihr Lyrikband HONIGPROTOKOLLE bei kookbooks, 2015 folgte RISIKO UND IDIOTIE im selben Verlag. Vor kurzem wurde ihr der Roswitha-Preis verliehen. Sie übersetzt mit Orsolya Kalász aus dem Ungarischen, kooperiert mit Musikern und Komponisten, und lehrt von Zeit zu Zeit. Im Jahr 2019 erschienen ALLE TÜREN (Gedichte) bei kookbooks, CHAMPAGNER FÜR DIE PFERDE (Lesebuch) im Fischer Verlag, WIRKSAME FIKTIONEN (Vorlesungen) im Wallstein Verlag.
