„Und dann versuche ich, Bilder aufzunehmen, zu machen.“

Linke Spalte

Menschen fahren mit der Rolltreppe nach oben, die Kamera folgt ihnen aufs U-Bahn-Gleis, dort steht der Fotograf Akinbode Akinbiyi und schaut dem großstädtischen Treiben zu. Er ist Teil des Geschehens und wirkt gleichzeitig wie entrückt, wenn er mit langsamem Blick das Geschehen verfolgt. Es ist eine Szene aus dem Kurzfilm „I wonder as I wander“ des Künstlers und Schriftstellers Emeka Okereke über Akinbode Akinbiyi, der in der Ausstellung „Six Songs, Swirling Gracefully in the Taut Air“ zu sehen ist. In einer nächsten Szene sieht man ihn mit seiner Kamera in die U-Bahn einsteigen. Er hat eine alte Rolleiflex in der Hand, mit der er eindringliche quadratische Schwarz-Weiß-Aufnahmen macht, die in der Ausstellung zu sehen sind. In der nächsten Szene ändert sich das Szenario: im Hintergrund ist nicht mehr Berlin zu sehen, sondern Bamako, die Hauptstadt Malis. Der Fotograf steht an einer Straße und schaut – auch hier ein Moment der Verlangsamung: während die Autos vorbeibrausen steht Akinbiyi still, nur seine Augen gucken aufmerksam durch die Gegend, bleiben an Personen, Plakaten und Schriftzügen hängen.

Akinbode Akinbiyi lebt seit 30 Jahren in Berlin. Er wurde 1946 im englischen Oxford geboren und zog in den 1960er Jahren zum Studium ins nigerianische Ibadan und in den 1970er Jahren nach Heidelberg, bevor er nach Westberlin kam. Im Rahmen der Berliner Festspiele widmet ihm der Martin-Gropius-Bau nun erstmals eine Einzelausstellung.

Ausstellungsansicht des Films mit Akinbode Akinbiyi, Foto: Anna-Lena Wenzel

Zu sehen sind mehrere Serien, die Akinbiyi zum Teil seit den Achtzigerjahren verfolgt. Sie sind in verschiedenen Städten weltweit entstanden; neben Fotografien aus Berlin sind zwei Serien aus Lagos (Lagos: All roads) und Johannesburg (Adama in Wonderland) Teil der Ausstellung. Immer geht es um das dichte Leben der Großstädte, wobei man nicht immer sofort erahnen kann man, um welche Stadt es sich handelt. Das gilt besonders für den ersten Raum, in dem sich die Motive und die Kontexte vermischen. Eine Fotoautomaten-Box aus Berlin hängt neben einem Haus, das den Schriftzug „Studio Photo Togo“ trägt und wohl auch in Togo aufgenommen wurde. Daneben sind vier Fotos als Quadrat nebeneinander gehängt. Auf einem befindet sich ein Werbeplakat der Welthungerhilfe, auf die jemand „fuck your money“ geschrieben hat. Darunter ist ein vergitterter Kiosk, auf dem „Horizon Coiffure“ geschrieben steht. Bei diesen assoziativen Zusammenstellungen erkennt man Akinbiyi`s Faible für Sprache – und die Geschichte des Mediums Fotografie.

Der nächste Raum ist dem Afrikanischen Viertel im Wedding gewidmet. Auf den Fotos finden sich viele Straßenschilder: Afrikanische Straße, Ugandastraße, Martin-Luther-King-Weg und Usambarastraße, ein weiteres Straßenschild ist überklebt und verweist damit auf die Diskussionen um die Straßenumbenennungen, die schon länger im Viertel schwelen und die die kolonialistischen Zusammenhänge, auf die die Straßennamen verweisen, problematisieren. Ergänzt werden sie von Fotografien, auf denen Akinbiyi weitere zeitgenössische Spuren festhält, die auf Afrika verweisen: historische Darstellungen wie eine Karte von Afrika in einem Ladenlokal, zwei Giraffen in einem Schaufenster und Werbeplakate mit BPoC (Black People and People of Colour).

Akinbode Akinbiyi: Bamako, 2005 © der Künstler

„Ich wandere, wandere, wandere durch die Straßen der Stadt“, sagt er im Film, und man glaubt sofort, dass dieses Umherstreifen eine der zentralen Voraussetzungen ist, um Aufnahmen wie diese zu machen, die durch ihre Schwarz-Weiß-Ästhetik etwas zeitloses haben und angenehm unaufgeregt daherkommen, obwohl sie komplexe Anblicke und Geschichten erzählen. Ergänzt werden die Fotografien durch gedichtartige Wandtexte des nigerianischen Autors Christopher Okigbo. In den Räumen stehen zudem Sitzbänke, an deren Seite sich Kontaktabzüge finden, die einen weiteren Einblick in die präzise Auswahl der Motive geben. Durch die Entscheidung mit einer analogen Kamera zu arbeiten, reduziert sich nicht nur die Geschwindigkeit, sondern auch die Anzahl der gemachten Fotografien. Auf den Kontaktabzügen ist ein Motiv selten mehrmals abgebildet, vielmehr kann man dem Fotografen bei seinen Streifzügen durch die Städte folgen und bekommt ein Gefühl für Motive, Blickwinkel und Aspekte der urbanen Räume, die ihn interessieren.

Weil sein Blick auf Berlin durch seine Aufenthalte in Metropolen auf der ganzen Welt geprägt ist, empfindet er Berlin als klein– im Verhältnis zu Lagos, São Paolo oder Istanbul, wo über 20 Millionen Menschen wohnen. „Berlin hat etwa 3,5 Millionen und ist eine sehr grüne und ziemlich sichere Stadt. Es gibt im Vergleich zu anderen Großstädten auf der Welt wenig Kriminalität und Armut. Ich fühle mich hier sehr wohl und die Menschen haben sich über die Jahrzehnte immer weiter und weiter geöffnet, sind lockerer geworden.“ [1] 

Weil das Museum aufgrund der Corona-Krise schließen musste, hat es seine Online-Angebote ausgebaut. Es gibt Ausstellungsansichten und man kann die Texte nachlesen, ergänzt wir das Angebot durch einen längeren einführenden Text der Kuratorin Natasha Ginwala. Leider ist der informative und eindrückliche Film nicht online verfügbar, stattdessen gibt es einen link zu einem englischsprachigen Gespräch mit dem Regisseur Emeka Okereke, das als Ausgangspunkt für den Film diente.

[1] https://www.deutschlandfunk.de/fotograf-akinbode-akinbiyi-wanderer-durch...

Rechte Spalte

„Und dann versuche ich, Bilder aufzunehmen, zu machen.“

Die Ausstellung Six Songs, Swirling Gracefully in the Taut Air im Martin-Gropius Bau widmet sich dem in Berlin lebenden Fotografen Akinbode Akinbiyi. Eine Besprechung von Anna-Lena Wenzel

Die Ausstellung läuft bis 17. Mai 2020.

Martin-Gropius-Bau

Niederkirchenstraße 7

10963 Berlin