Hinter den Kulissen

Linke Spalte

Unter dem Titel „Kulturdialog vor Ort“ fand am 6.2.2019 eine Bustour mit Kultursenator Klaus Lederer zu verschiedenen Kulturinstitutionen im Bezirk Mitte statt. Dabei gewährten die jeweiligen Leiter*innen und Mitarbeiter*innen einen Blick hinter die Kulissen, berichteten davon, was sie machen, was sie herausfordert und was sie gerne ändern würden. Einige Stationen des umfangreichen Programms werden hier vorgestellt:

Die Tour beginnt in der ehemaligen Franziskaner Klosterkirchenruine. In den unbeheizten Räumen fielen die frischen Temperaturen umso mehr auf und der dringende Sanierungsbedarf des  ältesten Baudenkmals Berlins, auf den von Frau Müller-Tischler hingewiesen wurde, wurde unmittelbar nachvollziehbar. Nur ein paar Straßen weiter, in der Wallstraße 42, ist die nächste Station: die Zweigstelle Mitte der Musikschule Fanny Hensel, in der wir von der Leiterin Frau Kaschny und ihrem Team herzlich begrüßt und gleich zum Mitmachen animiert werden. Sofort wird spürbar: Musik verbindet und Musik geht durch den Körper. Es folgt eine kurze Auflistung der vielfältigen Aktivitäten der Musikschule, die von Gesang und Tanz über einzelne Instrumentalkurse bis zur Musikalischen Früherziehung und der Studienvorbereitung reichen. Darüber hinaus gibt es Kooperationen mit Schulen, Bildungs- und Sozialpartnern und den kulturellen Bildungsverbünden. Jährlich finden ca. 250 Veranstaltungen wie Konzerte und Jugend musiziert-Wettbewerbe, die allerdings aufgrund der kleinen Kapazitäten des hiesigen Konzertsaals häufig in anderen Musikschulen aufgeführt werden.

Herr Link, der die Fachgruppe Inklusion leitet, wirft das Stichwort Inklusion in den Raum und ruft die Gruppe dazu auf Begriffe und Assoziationen zu nennen, die damit verbunden sind. Inklusion ist das Thema, das sich die Leiterin, die seit einem Jahr im Amt ist, ganz groß auf die Agenda geschrieben hat. Sie würde gerne die bestehenden Angebote erweitern und sowohl Angebote für Hochaltrige als auch Menschen mit Behinderung anbieten. Doch das Gebäude ist nicht komplett barrierefrei. Die Barrierefreiheit der Gebäude ist jedoch nur ein Teil auf dem Weg zur inklusiven Musikschule. Viele Barrieren bestehen in den Köpfen, bei der Kommunikation (z.B. in Form komplizierter Formulare oder Vertragsbedingungen) oder in der mangelnden Qualifikation auf dem Gebiet der Inklusion. Um dies zu beheben hat die Leiterin zwei Kollegen im Bereich „Musik mit Menschen mit Behinderungen“ fortbilden lassen.

Als in der Ferne Musik erklingt, folgen wir den Klängen in den Ballettsaal. Hier wird davon berichtet, dass die Auslastung des Hauses extrem hoch ist und insbesondere durch die Einführung der Ganztagsschulen der Bedarf an Räumen zur Nachmittagszeit dazu führt, dass nicht so viele Kurse angeboten werden können, wie gewollt. Ein weiteres Problem ist, dass die Räume nicht so gut isoliert sind, wie sie sein sollten, was insbesondere für laute Instrumente schnell zum Problem wird. Unsere letzte Station führt uns deshalb zu den Schlagzeugen, die sich im Keller befinden. Als alle an den Instrumenten verteilt sind, wird mit taktvoller Unterstützung ein letztes Mal die Berlin-Hymne „du bist so wunderbar Berlin“ angestimmt. Wie lautete noch der andere bekannte Berlin-Slogan von Lederers Vorgänger Klaus Wowereit? Berlin sei arm aber sexy. Den Hoffnungen auf höhere Förderungen durch den Senat nimmt Lederer gleich jegliche Hoffnungen, in dem er auf den angespannten Haushalt und den kommenden Brexit verweist. Doch Frau Kaschny geht es nicht ums Geld, ihr ist es ein Anliegen, wenn es eine gemeinsame Servicestelle aller Berliner Musikschulen geben würde, in der überbezirkliche Aufgaben und Themen wie z.B. Datenschutzverordnungen und Vertragsentwürfe bearbeitet werden könnten.

Gedenkort Güterbahnhof Moabit

Der Bus fährt uns über einen Umweg durch den Westhafen in ein etwas unwirtliches Gewerbegebiet, das durch kleinteilige Autowerkstätten und große Baumärkte geprägt ist. Auf den Parkplatz eines Discounters steigen wir aus und laufen einen schmalen Weg (dem sogenannten „Höllenweg“) entlang zu einem historischen Gleis, das von einem Kiefernwäldchen und zwei Informationstafeln flankiert wird. Die Unscheinbarkeit des Ortes steht im Kontrast zu seiner historischen Dimension als einer der drei wichtigsten Deportationsbahnhöfe des Landes Berlin während der Zeit des Nationalsozialismus – von hier wurden über 30.000 Menschen in den Tod geschickt.

Beim Gedenkort Güterbahnhof Moabit handelt es sich um einen der neuesten Standorte auf dieser Tour, obwohl schon seit 1987 über die Errichtung eines Gedenkorts am ehemaligen Standort des Güterbahnhofs Moabit diskutiert wurde. „Der Bahnhof lag auf Reichsbahngelände und konnte somit nicht vom ehemaligen Bezirk Tiergarten gestaltet werden. Als die Mauer fiel wurde das Gebiet nördlich der Quitzowstraße komplett umgestaltet, die Stimmen, die auf die Geschichte des Geländes hinwiesen, wurden übergangen. Seit 2012 wurde erneut die Diskussion über die Gestaltung aufgenommen und noch bestehende Grundstückfragen gelöst. Am 5. Juni 2015 bewilligte der Stiftungsrat der Stiftung Deutsche Klassenlotterie den Antrag des Amtes für Weiterbildung und Kultur des Bezirksamtes Mitte von Berlin über 150.000,00 Euro für die Realisierung eines Gedenk- und Lernorts am historischen Ort der Gleise 69, 81 und 82 des ehemaligen Güterbahnhofs Moabit. Diese Zusage war die Voraussetzung für die Ausschreibung eines Kunstwettbewerbs zur Gestaltung eines Gedenkorts. Aufgrund der gesamtstädtischen Bedeutung dieses künftigen Gedenkorts erfolgte 2016 die Vorbereitung, Durchführung und Finanzierung eines Kunstwettbewerbes durch den Regierenden Bürgermeister von Berlin, Senatskanzlei – Kulturelle Angelegenheiten. Im Juni 2016 wird die Stichstraße sowie die Reste der Rampe unter Denkmalschutz gestellt.“[1] Am 18. August 2016 wird die Arbeit „Hain“ des Künstlerkollektivs raumlabor berlin mit dem 1. Preis ausgezeichnet und die neue Gestaltung im Juni 2017 eingeweiht Die tragende Idee des Konzeptes ist ein Kiefernhain, der durch zwei Informationstafeln aus rostendem Stahl ergänzt wird, die an die Geschichte des Ortes erinnern.

Schon der Entstehungsprozess verrät viel über die Schwierigkeiten der Planung eines Ortes, bei der unterschiedliche Entscheidungs- und Verantwortungsträger involviert sind. Frau Müller-Tischler, Fachbereichsleiterin Kunst und Kultur und Frau Laub, Programmleiterin für Stadtkultur im Fachbereich Kunst und Kultur, weisen darauf hin, dass der Gedenkort heute von zwei unterschiedlichen Behördenstellen verwaltet und betreut wird: so ist das bezirkliche Straßen- und Grünflächenamt für die Pflege der Grünanlage zuständig, während sich die Informationstafeln in der Zuständigkeit der Senatsverwaltung befinden. In ihrem dringenden Appell bitten sie darum, den Gedenkort als einheitliche Gesamtanlage und als integraler Bestandteil der Berliner Erinnerungslandschaft zu denken. Ein gemeinsamer Austausch der entsprechenden Verwaltungen der Senatsverwaltung für Kultur und Europa sowie des Bezirksamts Mitte von Berlin über mögliche Modelle für eine gesamtstädtische Erinnerungskultur wäre wünschenswert.

Bruno-Lösche Bibliothek

In der Bibliothek wird die Gruppe im Eingangsraum vom Fachbereichsleiter Bibliotheken, Herrn Rogge begrüßt, ihm zur Seite steht Herr Dressel, stellvertretender Leiter der Bruno-Lösche-Bibliothek. Wie in der Musikschule wird zunächst auf die vielen Angebote wie Leseförderung aufmerksam gemacht, die hier stattfinden und regen Anklang finden. Aber auch wie in der Musikschule sind die Räumlichkeiten zu eng und denkmalbaulich geschützt, so dass Umbaumaßnahmen nur in begrenzten Rahmen durchgeführt werden können. Als wir im Kinderbereich stehen, wird klar, was damit gemeint ist: Es gibt keine abgetrennten Bereiche oder Extra-Räume, in denen die Angebote durchgeführt werden können, auch für Veranstaltungen müssen die Stühle und Regale zur Seite geräumt werden, um die Sicht auf das Whiteboard freizugeben. Herr Dressel weist zudem daraufhin, dass es im Keller kaum Stauraum gebe und Klopapier und ähnliches daher in den Mitarbeiterbüros untergebracht werden müssten.

Herr Rogge ergänzt, dass es in den letzten Jahren bereits sechs Mal gelungen sei, Mittel über den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) zu beantragen, womit kleinere Maßnahmen finanziert werden konnten. Generell sei es jedoch wünschenswert, wenn es einen neuen Bibliotheksstandort geben würde, weil sich das Gebäude, in dem wir uns gerade befinden, nicht erweitern ließe – auch weil das Grundstück mittlerweile nicht mehr der Stadt gehöre.

Als wir zum Ende in den Krimisalon zu Muffins und Tee geführt werden, der einmalig ist in der Berliner Bibliothekslandschaft, berichtet Herr Rogge von der Verlagskooperation, bei der Verlage eingeladen werden, ihr Programm auf einer extra Fläche vorzustellen. Im Anschluss gingen die Bücher in den Besitz der Bibliothek über – eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten. Um solche kreativen Lösungen im Sinne der Bibliothek zu entwickeln, aber vor allem um sich auf die Zukunft einzustellen, in der es eine steigende Nachfrage nach digitalen Angeboten geben wird und weiterhin einen großen Bedarf an öffentlichen Aufenthaltsräumen, wie er sich bereits an der stetigen Auslastung der Tisch- und Computer-Arbeitsplätzen zeigt, sei jedoch zu wenig Zeit – hier ist die Personaldecke besonders dünn. 

Mitte Museum

Die vorletzte Station führt uns ins Mitte Museum in der Pankstraße im Stadtteil Gesundbrunnen, wo uns Frau Sittner-Hinz, eine der Leiterinnen, begrüßt. Das regionalgeschichtliche Museum wurde im Zuge der Bezirksreform 2001 aus drei Museen zusammengelegt und beherbergt nun die „Geschichte“ von Mitte, Tiergarten und Wedding.

Obwohl das Museum offiziell noch nicht wieder eröffnet ist, dürfen wir vorab die frisch renovierten Räume betreten und bekommen einen Einblick in die Archive, die ähnlich wie in der Bibliothek die Kellerkapazitäten sprengen und daher in den repräsentativen Räumen untergebracht werden müssen. Dort findet sich sowohl ein Fundus von zahlreichen Gemälden, Architekturmodellen und diversen historisch bedeutsamen Objekten wie den Sicherungshaltern aus der Prozellanmanufaktur H. Schomburg & Söhne, die von 1853 bis 1903 in Moabit ansässig war. Doch gerade auch für die Digitalisierung der Angebote wünscht sich das Museum  eine angemessene und auskömmliche Finanzierung. Als wir unsere Köpfe nach oben recken, um das an der Decke befindliche Stadtmodell von Berlin im 19. Jahrhundert anzuschauen, quietschen unter uns die frisch geschliffenen Dielen. Alle staunen – und das Staunen geht weiter, als wir das historische Klassenzimmer betreten, in der Präsenzbibliothek das vielfältige wie spezifische Angebot vorgestellt bekommen und am Ende im großen Saal stehen, der mit restaurierter Wandbemalung und monumentalem Kronleuchter beeindruckt.

Einen Schwerpunkt der Museumsarbeit bilden die Vermittlungsangebote, die glücklicherweise auch während der Zeit des Umbaus durchgeführt werden konnten. Eine Mitarbeiterin zeigt uns im Raum, der für die Bildungsangebote zur Verfügung steht, den „Bollerwagen“ – das mobile Gefährt, mit dem sie in den letzten drei Jahren unterwegs war und präsentiert einen Milchflaschenkasten, den bei der Tour „Mit Bimmel Bolle durch Moabit“ im Einsatz ist. Als wir das Gebäude verlassen, ist spürbar, wie alle der Wiedereröffnung entgegenfiebern, die voraussichtlich im Herbst 2019 stattfinden wird.

Nach acht Stunden endet die  Tour durch den Mittebezirk im Bärenzwinger, der als Ausstellungs-, Lern- und Lehrort im Rahmen des Volontariatprogramms des Fachbereichs Kunst und Kultur weiterentwickelt wird. Schnell finden sich kleine Grüppchen zusammen um  die Gelegenheit des Zusammenkommens für einen Erfahrungsaustausch zu nutzen und die Eindrücke des Tages miteinander zu teilen.
 

[1] https://www.berlin.de/kunst-und-kultur-mitte/stadtkultur/erinnerungskultur/artikel.539167.php

Rechte Spalte

Hinter den Kulissen

Was bewegt die Leiter*innen und Mitarbeiter*innen der bezirklichen Kultureinrichtungen in Mitte?

Von Anna-Lena Wenzel