Kunst am Hansaplatz

Linke Spalte

Auf dem Weg von Kreuzberg nach Moabit einmal quer durch die Stadt, kommt man an vielen Plätzen vorbei: Zunächst umrundet man den Kreisverkehr am quirligen Kottbusser Tor, um das herum sich zahlreiche Restaurants, Einkaufsmöglichkeiten und Bars befinden; rund um die Uhr ist hier was los. Der nächste Platz ist der achteckige Oranienplatz, an dessen Straßenseiten sich Rasenflächen und Bänke befinden, die zum Verweilen einladen. Am Checkpoint Charlie an der Ecke Friedrichstraße/ Zimmerstraße gibt es offiziell keinen Platz, aber es drängen sich Touristen und Geschichtsinteressierte um Infotafeln, parken Busse und werden DDR-Devotionalien verkauft. Hier ist es immer wuselig, ähnlich wie am Pariser Platz. Dort ist man umgeben von repräsentativen Gebäuden und dem imposanten Brandenburger Tor. Es ist kein Ort, an dem man verweilt, sondern staunt – oder Botschaften versendet. Oft finden hier Demonstrationen oder Veranstaltungen statt. Auch am Potsdamer Platz schüchtert die umgebende Hochhaus-Glasarchitektur ein, hier dominiert allerdings der Verkehr das Platzgefühl. Und zu jeder Saison finden Events statt, stehen Buden herum und im Winter eine Rodelbahn. Radelt man weiter durch den grünen Tiergarten, kommt man ins Hansaviertel, das durch eine lockere Bebauung mit Hochhäusern und Grünflächen charakterisiert ist. Der Hansaplatz ist so etwas wie das Zentrum, doch im Vergleich zu den vorherigen Plätzen kommt einem dieser beschaulich und aufgeräumt vor. Der Platz wird durch die Kreuzung von Altonaer Straße und Bartningallee/ Klopstockstraße in vier Platzsegmente unterteilt, wobei auf der Seite des nördlichen U-Bahnausgangs und den sie umgebenden Pavillonbauten am meisten los ist. Es gibt Restaurants und Einkaufsmöglichkeiten und hier ist auch das GRIPS Theater, das allabendlich Besucher*innen anzieht. Doch was auf den ersten Blick so aufgeräumt aussieht, hat mehrere Gesichter: Die Architektur schafft verwinkelte Räume, die relativ dunkel sind. Es gibt Obdachlose, die sich hier aufhalten und sich eine Schlafgelegenheit einrichten. Es gibt eine Drogenszene, die in den benachbarten Grünflächen konsumiert, so dass sich an einigen Stellen Spritzen finden. Und gleichzeitig wird die Anwohnerschaft immer älter (wobei sich der Trend in den letzten Jahren gewandelt hat und wieder mehr junge Familien in das Viertel ziehen).

Als der Hansaplatz 1957 im Rahmen der Internationalen Bauausstellung (Interbau) entstand, war er Teil einer Mustersiedlung. Damals verströmte diese die Vision einer „Stadt von morgen“. Doch wie viel ist davon heute noch übrig – in Anbetracht größer werdender sozialer Unterschiede und Tendenz der Segregation? Die Tatsache, dass das ganze Areal denkmalgeschützt ist und bald zum Weltkulturerbe ernannt werden könnte, macht die zeitgemäße Anpassung der Architektur zu einem Spießrutenlauf.

Was kann Kunst in so einer Situation bewirken? Der Fachbereich Kunst, Kultur und Geschichte des Bezirksamts Mitte von Berlin hat, um dieser Frage nachzugehen, auf Empfehlung des Beratungsausschusses Kunst der Senatsverwaltung für Kultur und Europa (BAK), das Projekt Kunst im Stadtraum… entwickelt und setzt dieses beispielhaft am Hansaplatz um.

Am 14. und 15. September findet dort das Kick Off Wochenende statt, das mit vielen Veranstaltungen lockt. Die künstlerische Projektleitung hat Elke Falat inne. Im Gespräch berichtet sie von ihrer Annäherung an den Platz und erläutert ihre Ideen für das Programm, das am 12. Juli 2018 mit einem ersten Forum begonnen hat, zu dem Anrainer*innen, Nutzer*innen des Platzes sowie Interessierte eingeladen waren, um das Projekt und das Verfahren des Kunstwettbewerbes vorzustellen. Ihre Grundidee war, künstlerische Positionen einzuladen, die sich mit dem Ort, seiner Geschichte und seinen Anwohner*innen und Nutzer*innen beschäftigen.

Flyer mit einem Motiv der Schafsdemonstration von Folke Köbberling, © Sarah Lamparter und Holger Herschel

Anna-Lena Wenzel: Wie hast du dich dem Ort angenähert? Was macht den Ort so besonders? Was charakterisiert ihn?

Elke Falat: Ich habe zunächst viele Einzelgespräche mit Menschen geführt, die auf dem Hansaplatz präsent sind, wie zum Beispiel dem Leiter der Hansabibliothek, dem Pfarrer der katholischen Gemeinde, dem Leiter des Präventionsrat, Vertreter*innen des Bürgervereins Hansaviertel und Anwohner*innen. Ich habe an Architekturführungen teilgenommen und insgesamt ziemlich viel Zeit an dem Ort verbracht. Was den Hansaplatz charakterisiert jenseits der architektonischen Setzungen? Schwer zu sagen. Vielleicht seine Flüchtigkeit. Er ist ja kein richtiger Platz, sondern vielmehr eine Kreuzung. Und das im verkehrstechnischen und metaphorischen Sinn. Die euphorischen Utopien der Interbau und ihre modernistische Reinheit, trifft auf prekäre Lebensrealitäten. „Früher hatten wir Butter Lindner und heute ist da der Späti mit den ganzen Obdachlosen“, sagte einer der alten Bewohner zu mir. Das ist sehr zugespitzt formuliert, aber es schwingt darin eine Empfindung der Veränderungen und dem möglichen Verlust an Renommee mit, wie sie hier wahrgenommen werden.

Ein weiterer Punkt ist, dass in der Konzeption des Hansaviertels Kunst von Anfang an mitgedacht und realisiert wurde. So begegnet man herausragenden Arbeiten von Henry Moore bis Hans Uhlmann bei einem Spaziergang durch das Hansaviertel, die auch nach Jahrzehnten nichts von ihrer Kraft eingebüßt haben. Wie kann man daran anknüpfen, da sich die Kunst seit den 1950er Jahren natürlich verändert und sich das Spektrum der Formate, in dem sich die Kunst im Stadtraum artikuliert, erweitert hat? Und auch der öffentliche Raum und die Gesellschaft haben sich verändert und damit auch die Fragestellungen der Kunst. Esra Ersen und Boris Borowski haben vier archetypischen Architekturen aus Kiefernholz am Hansaplatz aufgestellt (Haus, Boot, Kanzel und Turm) und thematisieren anhand dieser Objekte den gesellschaftlichen Epochenwechsel und die Umbrüche in ihrer Arbeit. Sozialer Wohnungsbau und Gemeinschaft waren das Credo der Interbau. Was ist davon übrig? Ulf Aminde und Christoph Grund reagieren in ihrer Filmoper auf Verdrängung und steigende Mieten, wovon leider immer mehr Menschen betroffen sind. Kristina Leko und David Smithson begeben sich auf die Suche nach den Vorstellungen und Wünschen an das gute Leben im Hansaviertel, um diese in einem Manifest zu festzuhalten. Folke Köbberling wirft die Frage auf, wie die „Stadt von morgen“ heute aussieht - in Hinblick auf Klimawandel und den damit einhergehende städtebaulichen Veränderungen und einer ökologischer Nutzung der Städte.

Es gab im Vorfeld insgesamt zwei Foren, zu denen die Bewohner*innen eingeladen waren. Wie sind die abgelaufen? Wer ist gekommen? Wer war da, wer war nicht da?

Zu den Foren wurde offiziell über Pressemitteilungen eingeladen und informell über Handzettel, die wir in der Bibliothek und in Läden ausgelegt hatten. Stattgefunden haben die Foren im Gemeindesaal der St. Laurentius Gemeinde direkt am Hansaplatz. Ziel des ersten Forums war es zum einen über das Projekt Kunst im Stadtraum am Hansaplatz frühzeitig zu informieren und auch Themen für die Ausschreibung des Wettbewerbs zu finden. Das Forum wurde von Cathy Narrimann moderiert und die Ergebnisse in einem graphic recording dokumentiert, was auch Teil der Ausschreibung wurde. Es wurde sehr intensiv diskutiert. Im zweiten Forum sollte ein*e Repräsentant*in des Hansaplatzes für das Preisgericht gefunden werden. Das Verfahren für die Wahl legte die Gruppe selbst fest. Auch das war moderiert. Gekommen sind Anwohner*innen, die am Hansaplatz wohnen sowie weitere Beteiligte am Verfahren wie beispielsweise Vertreter*innen des BAK und der Senatsverwaltung für Kultur und Europa. Im Anschluss an den Wettbewerb wurden in einem dritten Forum alle eingereichten Entwürfe in Anwesenheit der Künstler*innen vorgestellt.

In der Ausschreibung wurde auf „Teilhabe und chancengleicher Zugang“ Wert gelegt. Gab es noch weitere Formate oder Ansätze, bei denen es um „Teilhabe“ ging?

Im Prinzip liegen allen ausgewählten künstlerischen Entwürfen Ideen von Partizipation und Teilhabe zugrunde. Kristina Leko und David Smithson führen Gespräche und generieren daraus mit den Anwohner*innen ein Manifest. Folke Köbberling hat Pat*innen für die Schafe am Hansaplatz gefunden, die sich um die Tiere kümmern und führt darüber hinaus Workshops durch. Ulf Aminde hat in Zusammenarbeit mit dem Musiker und Komponisten Christoph Grund ebenfalls Interviews mit Anwohner*innen und Akteuren aus dem Hansaviertel und der Karl-Marx Allee geführt und daraus eben eine filmische Oper entwickelt. Bei der Aufführung am 14. September werden die befragten Akteur*innen auch live mitwirken. Esra Ersen und Boris Borowski laden an den vier Objekten zu einer Vortragsreihe mit Expert*innen ein. Jan Köchermann will mit Anwohner*innen eine Höhlenzeitung verfassen, in denen diese ihre Geschichten aus den Bergen beitragen können.

Mit Ulf Aminde, Esra Ersen, Folke Köbberling, Jan Köchermann und Kristina Leko & David Smithson wurden fünf künstlerische Positionen ausgewählt, die sehr unterschiedliche Konzepte für den Ort entwickelt haben: es gibt eine Schafsherde, die vom Haus der Kulturen der Welt bis zum Hansaplatz demonstrieren wird, einen Berg, der im dazugehörigen Souvenir-Shop Unterschlupf findet, eine Filmoper, die einen Bogen spannt zwischen Hansaviertel und Karl-Marx-Allee, und ein Manifest vom guten Leben im Hansaviertel. Es sind vor allem performative und temporäre Eingriffe und Veranstaltungen. Was wird am Ende bleiben?

Das Projekt war von Anfang so geplant, dass die künstlerischen Arbeiten temporär sind. Entsprechend sind die Formate auch flüchtig. Kristina Leko und David Smithson haben bereits im Mai 2018 mit den Interviews angefangen und sind seitdem regelmäßig vor Ort. Im Mai 2020 wird mit der Arbeit Horu von Jan Köchermann die letzte Arbeit auf dem Hansaplatz zu sehen sein. Was bleibt ist schwer zu sagen. Im Idealfall bleiben viele neue Perspektiven auf den Hansaplatz. Und gute Geschichten.

Es gibt Bemühungen, den Platz als bald zu „revitalisieren“. Weißt du, was hier gemeint ist bzw. welche bauliche Maßnahmen geplant sind?

Bauliche Maßnahmen vermutlich nicht, da ja alles unter Denkmalschutz steht und es diesbezüglich Einschränkungen geben wird. Bei so revitalisierenden Maßnahmen fällt mir eher sowas wie der Ökomarkt ein, der jeden Freitag stattfindet und den Platz belebt.

Im Ausschreibungstext steht, dass das Pilotprojekt für das Land Berlin Modellcharakter entwickeln soll. Heißt es, es wird weitergehen?

Die Idee des Fachbereichs Kunst, Kultur und Geschichte des Bezirksamts Mitte war, dass Kunst im Stadtraum… nach dem Hansaplatz auf einem anderen Platz in Berlin eine Fortsetzung erfährt. Entsprechend wurde auch eine Corporate Identity entwickelt. Ob es aber tatsächlich eine Fortsetzung geben wird, das weiß ich nicht.

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Kunst am Hansaplatz

Am 14. und 15. September findet am Hansaplatz das Kick Off Wochenende des Projektes Kunst im Stadtraum – Hansaplatz statt, das mit vielen Veranstaltungen lockt. Die künstlerische Projektleitung hat Elke Falat inne. Im Gespräch berichtet sie Anna-Lena Wenzel von ihrer Annäherung an den Platz und erläutert ihre Ideen für das Programm, das am 12. Juli 2018 mit einem ersten Forum begonnen hat.

Programm:

·  14.09.2019, 12:30 Uhr Wie der Hansaplatz zum Berg kam. Eine Einführung zu »Horu« mit Jan Köchermann

·  14.09.2019, 13:30 Uhr Rundgang zu den Objekten von Zahiri und Batini mit Esra Ersen und Boris Borowski

·  14.09.2019, 18:00 Uhr Lesung des Manifests vom guten Leben am Hansaplatz mit Kristina Leko & David Smithson

·  14.09.2019, 20:30 Uhr Filmoper: deutsche wohnen (was singen die diven). Uraufführung mit live set von Ulf Aminde

·  15.09.2019, 14:00 Uhr Nachbarn auf Zeit: Schafsdemonstration.Treffpunkt: Wiese auf der Westseite vom Haus der Kulturen der Welt in Zusammenarbeit mit Christoph Grund

·  14.09.–28.09.2019 Vortragsprogramm Zahiri und Batini. Entlang von vier archetypischen Objekten, die an unterschiedlichen Stellen auf dem Hansaplatz platziert sind, berichten vier Wissenschaftler*innen von ihrer Forschung zu historischen, sozialen und technischen Epochenwechseln und (Um-)Brüchen.

·  17.09.–02.10.2019 Workshopprogramm zur Wollverarbeitung mit Folke Köbberling und Gästen. Bitte Eimer mitbringen! Anmeldung erforderlich: info [at] kunst-im-stadtraum.berlin