Pop brutal auf der Schleuseninsel

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Blick auf den Umlauftank aus dem Süden nach der Sanierung. Foto: Philipp Lohöfener, 2017, Copyright: Wüstenrot Stiftung, Ludwigsburg / Philipp Lohöfener, Berlin

So intensiv wie Gregor Harbusch haben sich wohl nur wenige mit dem Umlauftank auseinandergesetzt. Der markante Bau auf der Schleuseninsel, im hintersten Zipfel des Tiergartens gelegen, ist ein Architekturdenkmal, das Kultstatus erreicht hat und aufgrund der freistehenden rosafarbenen Röhre, die aus einem blauen Kubus herausragt, umgangssprachlich liebevoll „Rosa Röhre“ genannt wird. Das Gebäude fasziniert nicht nur aufgrund seiner ungewohnten Form und unklaren Funktion, sondern auch weil es einerseits exponiert auf einer Insel steht und von allen Seiten sichtbar, andererseits aber nicht öffentlich zugänglich ist und dadurch merkwürdig entrückt wirkt. „Es ist super zentral und abseits zugleich“, bemerkt Harbusch als wir in der Müller-Breslau-Straße 15 vor der Fußgängerbrücke stehen, die auf die Schleuseninsel führt. Von hier aus sieht man auf einen langgezogenen Backsteinbau. Ein Schild verweist auf die Abteilung Numerische Fluiddynamik des Instituts für Strömungsmechanik und Technische Akustik, ein weiteres Schild auf das Büro von Stefanie Bürkle, Professorin im Fachgebiet Kunst der TU. Harbusch fängt an zu erzählen:

Seit dem Wilhelminismus befindet sich hier ein Institut für Schiffsbau, das über zwei mehrere hundert Meter lange Schlepprinnen verfügte, in denen Experimente durchgeführt wurden. Nach dem Krieg wurde das Institut in Versuchsanstalt für Wasserbau und Schiffbau (VWS) umbenannt. Diese wuchs sukzessive. 1974 wurde sie durch die Versuchsanlage von Wasserbauingenieur Christian Böes und Architekt Ludwig Leo ergänzt.

In der rosa Röhre befindet sich eine Teststrecke, die mit Wasser gefüllt ist – daher der Ausdruck Tank. Die Röhre ist insgesamt 120 Meter lang, und enthält 3500 Kubikmeter Wasser. Das Wasser fließt im Kreis und oben in der blauen Halle gibt es eine elf Meter lange, fünf Meter breite und drei Meter tiefe Teststrecke, in der das Verhalten von Schiffsmodellen im Wasser untersucht wird. Da man von Wasser auch auf Wind umrechnen kann, lassen sich hier aber auch andere Sache testen. Außerdem kann man sogenannte Kavitationsexperimente durchführen. Mit diesen Experimenten hängt die Form des Gebäudes entscheidend zusammen. Die Anlage ist die größte ihrer Art weltweit – seit ihrer Eröffnung bis heute. Letztlich ist dieser Bau nur die Verkleidung einer Maschine, trotzdem ist große Baukunst daraus entstanden, die sehr simpel und pur daherkommt und bei dem frühe brutalistische Materialehrlichkeit mit einer Pop-Farbigkeit übersteigert wird.

Schematischer Schnitt durch den Umlauftank 2, Copyright: Fachgebiet Dynamik Maritimer Systeme der TU Berlin / Bestände der ehemaligen VWS

Leo hat das als Schiff ausformuliert, als Anleihe an die Schiffe, die innen drin getestet werden. Das Schiffsthema ist ein wunderschönes narratives Setting – und hat den Schiffbauern gut gefallen. Siehst Du, wie der Sockelbereich wie ein Schiffsrumpf geformt ist, vorne mit einem Bug und hinten mit einem Achterkastell? Auch Innen sieht es aus wie in einem Maschinenraum eines großen Container- oder Kreuzfahrtschiffs; dazu passt, dass die Plattformen, die sich oben in der blau verkleideten Laborhalle befinden, als Decks bezeichnet werden. Hinter der grünen Tür ist der Maschinenraum, da ist auch die Antriebsanlage. Das Wasser wird dann nach rechts und oben gepumpt, wo sich der runde Querschnitt zu einem eckigen Becken verengt, von dort fließt es durch die Auslaufstrecke wieder runter.  

Blick von Nordwesten, Januar 1977, Foto: Wilfried Roder-Humpert

Was ist das grüne Element, das aussieht wie ein Baum?

Das ist das Fluchttreppenhaus. Das rosa Rohr ist übrigens so verkleidet, damit das Wasser eine konstante Temperatur hat, denn für die Experimente darf sich das Wasser nicht aufheizen oder abkühlen. Interessant ist, dass Christian Boës das Ganze etwas niedriger geplant hat und es mehr im Boden verankern wollte. Er hatte ein transparentes, recht freies Konstrukt entwickelt, mit dem Ziel, dass das Mysterium der Wissenschaft aufgebrochen und die Passantinnen beim Vorbeigehen sehen können, was da drin passiert. Boës wollte also die Konstruktion sichtbar machen, während Leo das Narrative reinbringt. Das kann man an ein paar Details veranschaulichen: Siehst du die Schräge auf der einen Seite des Daches? Die hat keine Funktion! Wir wissen nicht, warum es sie gibt. Es ist knallhart ein gestalterisches Element. Am Anfang war sie an beiden Seiten vorgesehen, dann wäre das Dach aus der Schmalansicht symmetrisch gewesen. Doch in der Überarbeitung verschwindet eine Schräge, was dazu führt, dass es aussieht, als wenn das Gebäude in eine Richtung schaut. Oder diese seltsame blaue Box mit den kleinen Fenstern, die unregelmäßig verteilt sind. Aus der Entfernung hat das etwas bunkermäßiges. Was hat er sich dabei gedacht? Leos narrative Ebene bringt eine Unklarheit mit sich, die das Gebäude trotz seiner Funktionalität zu einem Mysterium der Technik oder Baukunst macht.

Stand der Stahlbauarbeiten im September 1971, Copyright: Fachgebiet Dynamik Maritimer Systeme der TU Berlin / Bestände der ehemaligen VWS

Wie ist es überhaupt zu dieser Zusammenarbeit von Boës und Leo gekommen?

Als Hans Christian Müller 1967 Senatsbaudirektor geworden ist, hat er einen informellen Wettbewerb unter drei Architekten veranstaltet, mit dem Ziel, die künstlerische Oberleitung für die Versuchsanstalt zu finden. Leo hat den Wettbewerb für sich entscheiden können und dann ging es wahnsinnig schnell: kurz nach der Entscheidung wurde bereits der Bauvorbescheid eingereicht. Dazu kann man hinzufügen, dass sich Müller und Leo aus dem Studienkontext an der Kunsthochschule hier in Berlin kannten und bereits zusammen gearbeitet hatten. In einem Interview mit H.C. Müller hat er mir gesagt, dass es für ihn eine wichtige Leistung war, dass er für Bauten wie den Umlauftank, die DLRG-Zentrale in Spandau, die ebenfalls von Leo gebaut wurde, die Autobahnüberbauung an der Schlangenbader Straße und den Bierpinsel Pate stand. Dass er diese wirklich gewagten architektonischen Projekte, diese Hightech- und Poparchitekturen, umgesetzt hat. Dazu gehört natürlich ein spezifischer, fast bizarr zu nennender zeithistorischer Kontext – Stichworte: Westberlin, Subventionen, Prestigebauten und Wettbewerb mit dem Osten.

Aber zurück zu Leo und Boës: Leo wurde Boës also vor die Nase gesetzt, glücklicherweise konnten aber beide was miteinander anfangen. Das waren Freigeister, die Dinge hinterfragt und Neues gewagt haben. Im Endeffekt wurde die Anlage zu 90 Prozent im Büro von Boës gemacht. Bei den gestalterischen Fragen wie Farbe und Hülle ist Leo hinzugezogen worden. Es ist wichtig hervorzuheben, dass Leo „nur“ die technische Oberleitung hatte, weil das oft etwas verzerrt wahrgenommen wird. Dennoch hat er innerhalb der Beschränkung der künstlerischen Oberleitung, dem spezifischen Funktionszusammenhang plus den herausfordernden technischen Gegebenheiten ein Maximum an architektonischem Mehrwert geschaffen. Im Vergleich zu Boës hat er keine Ingenieurarchitektur, sondern einen frühen postmodernen Bau geschaffen. Leo wusste immer, was architekturtheoretisch läuft und griff deutlich ästhetische Strategien der Pop-Art auf, wie Überhöhung. Er spielt mit Maßstäben, Farbe, Plakativität …

Ich finde es abgefahren, wie sich die Perspektive auf das Gebäude je nach Standposition verändert. Von der Seite der Straße des 17. Juni wirkt das Gebäude offen und luftig, während es von der anderen Seite kompakt und geschlossen wirkt. Es hat tatsächlich etwas Konstruktivistisches und Brutalistisches…

Ja, es spielt ganz viel damit. Man kann einen ganzen Referenzreigen eröffnen mit dem russischen Konstruktivismus, der in den 1960er Jahren in eine technikästhetische Architektur übersetzt wurde. Dann spielt der Rationalismus eines Oswald Mathias Ungers aus den 1960er Jahren rein, der mit abstrahierten Idealformen arbeitete, sowie der frühe Brutalismus, also die Ehrlichkeit des Materials.

Wie ist Leo auf die Farben gekommen?

Das Dunkelgrün der Stützen und Träger soll der Farbe russischer Lokomotiven nachgeahmt sein. Das wird jedenfalls so kolportiert. Danach kamen die blauen Platten und die rosa Röhre. Warum es letztlich rosa wurde, kann ich abschließend nicht sicher beantworten. Auf jeden Fall geht es um Kontrast, um Pop und um eine ungewöhnliche Farbe für das damals neue Material Polyurethanschaum, das zur Isolation aufgesprüht wurde. Klar ist aber: Die Farbe war von Anfang an ein klares Gestaltungsmerkmal.

Blick in den Innenraum und die Messstrecke. Foto: Philipp Lohöfener, 2011, Copyright: Wüstenrot Stiftung, Ludwigsburg / Philipp Lohöfener, Berlin

Wer hat die Anlage genutzt und nutzt sie heute?

Die VWS war nach dem Krieg ein landeseigener Betrieb, der dem Senat für Wissenschaft unterstellt war und 1994 abgewickelt wurde. Der Umlauftank wurde nicht so viel genutzt, auch weil man irgendwann nicht mehr so sehr auf experimentelle Forschung gesetzt hat. Zwar schreit die Anlage danach, dass hier militärische Versuche durchgeführt werden, doch das ging nicht, weil in West-Berlin im Kalten Krieg keine militärische Forschung betrieben werden durfte. Heute wird sie unter anderem genutzt, um Yachtmodelle oder Supertanker zu testen.


Wir gehen am Landwehrkanal entlang Richtung Westen und bekommen die Landzunge besser in den Blick, an deren Spitze sich ein flacher, runder Klinkerbau mit umlaufendem Fensterband befindet, der rechts vom Umlauftank steht. An der gegenüberliegenden Uferseite befinden sich mehrere Hausboote und ein Restaurant, es sieht idyllisch aus. Ich bemerke, dass das Gebäude frisch rosa-blau strahlt und erinnere mich, wie vor einigen Jahren die Farben noch verblichen waren und an einigen Stellen Bäumchen auf der rosa Röhre wuchsen ...

Blick von Südosten vor der Sanierung. Foto: Philipp Lohöfener, 2011, Copyright: Wüstenrot Stiftung, Ludwigsburg / Philipp Lohöfener, Berlin

Ja, das ist das Ergebnis der denkmalgerechten Sanierung der Wüstenrotstiftung. Die Farben sind alle sehr aufwändig rekonstruiert, das ist die Originalfarbigkeit. Die denkmalgerechte Instandsetzung hat 3,8 Millionen Euro gekostet, wobei die höchsten Kosten das Gerüst und die Einhausung verursacht haben, weil man eine super komplexe Gerüststruktur um das Gebäude bauen musste. 2017 wurde sie offiziell abgeschlossen, allerdings steht die Sanierung der Maschinenanlage durch die TU noch aus.

Bei der Sanierung gab es zwei große Herausforderungen: Das Gebäude ist ein Leichtbau und besteht aus Stahlträgern, Stahlplatten und Polyurethanschaum. Das Blaue sind Sandwichpaneele, der Firma Hoesch, die so immer noch produziert werden, so dass sie ersetzt werden konnten. Die Röhre ist mit Polyurethanschaum verkleidet, der händisch aufgespritzt und gestrichen wurde. Bei der Sanierung entschied man sich gegen eine komplette Erneuerung und für eine gezielte händische Ausbesserung der Fehlstellen. Innen hat man lediglich eine denkmalgerechte Grundreinigung durchgeführt, auch weil sich durch eine überschaubare Anzahl an Nutzer*innen und eine geringe Auslastung alles in einem recht guten Zustand befand. So wurden neue Wasser- und Elektroleitungen verlegt und neue Toiletten eingebaut, aber äußerlich blieb fast alles beim Alten.

Wie alt war Leo, als er das gebaut hat?

Er ist Jahrgang 1924, also war er 43 Jahre alt, als er das Gebäude entworfen hat.

Das ist relativ jung?!

Ja, und er hat auch jung seine Karriere beendet, mit Anfang 50. Nach der DRLG-Zentrale, die fast gleichzeitig entstand, kam nichts mehr. Das ist sein „Summer of 67“, danach war Schluss.

Wie bist Du auf Leo gekommen?

Als ich bei der Architekturzeitschrift Arch+ ein Praktikum gemacht habe, das ist schon lange her, hatte er seinen 80sten und wir haben über ihn und seine Architektur gesprochen. Zu der Zeit habe ich ein Thema für meine Magisterarbeit gesucht und so kam eins zum anderen. Für die Dissertation habe ich noch mal eine Menge Zeitzeugengespräche, auch mit Leo, geführt und sehr viel Zeit in Archiven verbracht.

Harbusch hat aus aktuellem Anlass zur Führung eingeladen, denn am 24. September wird die Ausstellung Architektur als Experiment. Ludwig Leos Umlauftank eröffnet, die er zusammen mit dem Berliner Büro BARarchitekten kuratiert hat. Die Ausstellung und die begleitende, sorgfältig gestaltete und fundierte Publikation Ludwig Leo: Umlauftank 2 erschienen bei Spector Books, sind im Auftrag der Wüstenrot Stiftung entstanden, die die aufwändige Sanierung des denkmalgeschützten Umlauftanks finanziert hat.

Ausstellung Architektur als Experiment. Ludwig Leos Umlauftank

25. September bis 25. Oktober 2020

Eröffnung am Donnerstag, 24. September 2020 um 18.30 Uhr – Anmeldung notwendig unter features [at] archplus.net

BHR OX bauhaus reuse, Temporärer Pavillon auf der Mittelinsel des Ernst-Reuter-Platzes, 10587 Berlin

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Pop brutal auf der Schleuseninsel

Ludwig Leos Umlauftank

Auf der Schleusensinsel im Tiergarten befindet sich mit dem Umlauftank von Ludwig Leo eine Ikone des experimentellen Entwerfens, die brutalistische Materialehrlichkeit mit Pop-Farbigkeit verbindet. Auf einem Rundgang mit dem Leo-Experten Gregor Harbusch

Von Anna-Lena Wenzel