Julia Boek

Ausstellung: Berlin-Wedding

22.06.2017
Ausstellungsansicht Berlin-Wedding

Eine Gruppenausstellung der Agentur Ostkreuz und anderer Fotograf*innen in der Galerie Wedding – Raum für zeitgenössische Kunst zeigt den Stadtteil in 16 fotografischen Positionen. Von Julia Boek

Sozialer Brennpunkt, Hipster-Viertel, Melting Pot, Altes Westberlin – der Wedding ist ein Abbild der Welt, aber in Miniatur. Menschen unterschiedlichster sozialer und kultureller Milieus treffen hier aufeinander. Sie alle geben dem Stadtteil seinen eigentümlichen Charakter und machen ihn zu einem Ort gelebter Vielfalt und Gegensätze. Und dabei heißt es doch immer, dass das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft, Milieus und Religionen hierzulande erst noch erprobt werden muss. In Wedding findet all das längst statt, und so lassen sich am Beispiel des Stadtteils im Nordwesten von Berlin die großen gesellschaftlichen Themen Deutschlands und Europas erörtern. Etwa um Migration und Integration, Gentrifizierung bzw. den Wettbewerb um Wohnraum, um den demografischen Wandel und das wachsende Arm-Reich-Gefälle – also um die Kernfrage, wie wir in Zukunft miteinander leben wollen.

Von diesen Phänomenen, Menschen und Räumen erzählen die Arbeiten aus 16 Fotoserien, die in Zusammenarbeit mit der Journalistin Julia Boek und dem Art Director Axel Völcker vom Büro Redaktion & Gestaltung und der international renommierten Fotografenagentur Ostkreuz und anderen Fotografen im letzten Jahr entstanden sind.

Realisierten Julia Boek und Axel Völcker in der Vergangenheit erfolgreich das deutschlandweit einzige Magazin für Alltagskultur »Der Wedding«,das sich mit den Geschichten und Sensationen des Großstadtalltags beschäftigt, nähern sie sich dem Stadtteil nun erstmalig auf eine rein fotografische Erzählweise an. Fotografisch wie publizistisch treten sie damit in die Tradition eines der bedeutendsten Fotokünstler der Nachkriegszeit, so fotografierte Michael Schmidt im Auftrag des Bezirksamtes Wedding von 1976 bis 1978 seine mittlerweile berühmten Straßenansichten und Porträts in Wedding. Der aktuelle 200 Seiten starke Bildband »Berlin-Wedding – Das Fotobuch« erscheint zur Finissage der Ausstellung.

Gewonnen haben Boek und Völcker 16 Fotografen*innen, die der in Weißensee ansässigen Ostkreuz – Agentur der Fotografen nahestehen. Einige von ihnen sind dort Mitgesellschafter, andere lassen sich mit ihren Arbeiten durch die Agentur vertreten. 1990 von sieben Ostberliner*innen darunter Sibylle Bergemann, Ute und Werner Mahler und Harald Hauswald gegründet, ist Ostkreuz heute die erfolgreichste von Fotograf*innen geführte Agentur in Deutschland. Ihre Mitglieder begreifen sich als Autorenfotograf*innen. Trotz unterschiedlicher Arbeitsweisen eint sie eine soziale Verantwortung, wonach der Mensch und das Menschliche im Mittelpunkt ihrer Fotografie stehen. Heute zählt die Ostkreuz Agentur 22 Fotograf*innen, unter den jüngeren befinden sich jene, die eine Ausbildung an der seit 2005 bestehenden Ostkreuzschule absolviert haben.

Die Fotografien der Ausstellung sind fein beobachtete, zeitlose wie sozialkritische Reportagen, Essays und Porträts, die sich multiperspektivisch mit den unterschiedlichen Aspekten des Weddings beschäftigen. So etwa die schwarz-weiß-fotografierten Kneipenszenen der Serie »Last Days of Disco«, für die sich Annette Hauschild in die proletarischen Wohnzimmer des legendären ehemaligen Arbeiterviertels begab. Im Café Morena und im Kugelblitz schloss sie Bekanntschaft mit Stammgästen, die das Selbstbewusstsein einer vergangenen Arbeiterkultur noch immer vor sich hertragen. Dass auch ihr Refugium vom Schwund betroffen ist, wissen sie. Annette Hauschilds Arbeit dokumentiert diesen Veränderungsprozess, an dem auch Künstler*innen maßgeblich beteiligt sind.

Denn, dass das Leben hier im Vergleich zu anderen Stadtteilen wie Kreuzberg oder Prenzlauer Berg noch immer wenig kostest, wissen auch sie zu schätzen. Erstaunt über die hohe Atelierdichte in Wedding, beschloss Thomas Meyer einige von ihnen zu porträtieren: darunter den Performancekünstler Johan Lorbeer, die Malerin Tanja Rochelmeyer oder den Holzbildhauer Peter Rintsch. War es für Meyer besonders herausfordernd, sich auf die unterschiedlichen Orte, die Charaktere der Künstler und deren Kunst einzulassen und trotzdem seine eigene Bildsprache durchzuhalten, lesen sich seine Porträts wie ein spannender Balanceakt zwischen Künstler, Raum und Fotograf.

Auf der Suche nach einem Ort, an dem über Integration nicht nur geredet wird sondern sie auch stattfindet, ging Dorothee Deiss in eine Kinderarztpraxis. In einem Wartezimmer baute sie ein kleines Studio auf und fotografierte für die Serie »Weddings Kinder« Familien und Kinder unterschiedlichster Herkunft und Milieus Gelebte Vielfalt, die auch Espen Eichhöfer in seiner Serie »Black Wedding« im Blick hatte. Mit über 5.000 Einwohnern ist die afrikanische Community Weddings berlinweit die größte, wobei die meisten der hier lebenden Afrikaner aus Ägypten, Kamerun und Nigeria stammen. Eichhöfer begleitete sie zum Sonntagsgebet in die Evangelische Freikirchliche Gemeinde und auf einen Hinterhof für Autoexport, wo eine Gruppe Kameruner Pkws, vollgepackt mit Stereoanlagen, Kühlschränken und Baumaterialien, nach Afrika verschifft. Ein Glückversprechen dieser Tage konservierte Andreas Muhs. Er fotografierte Spielhallen in Wedding, die hier in beträchtlicher Zahl an S-Bahnhöfen, zwischen Gemüseläden, neben Handyshops und Nagelstudios liegen. Seine frontal- und bei diffusem Licht fotografierte Serie »Las Wedding« reiht die Schaufenster großer Kasinoketten neben kleine Spielotheken mit individuell beklebten Scheiben. Heinrich Völkel hingegen suchte für seine Fotografie seltene Momente der Ruhe. Er fotografierte nachts wenn keine Menschen anzutreffen sind, keine Autos, Lieferwagen und Busse fahren. Mit seinen Langzeitbelichtungen und in strengem Schwarzweiß legte Völkel das frei, was den Stadtteil in seiner baulichen Wirklichkeit ausmacht: eine Architektur des Wohnens und Arbeitens, Jugendstil neben Nachkriegsmoderne, Ensemble neben Solitär, viel Geschichte und auch ein wenig Zukunft. Alles zusammen ein buntes Konglomerat verschiedener Lebensstile. So wie die 16 fotografischen Positionen der Ausstellung: Präsentiert jede einzelne eine überraschende und dabei alltägliche Facette des Weddings, so entwerfen alle zusammen das Bild gelebter, gesellschaftlicher Diversität.

Mit Arbeiten von Dorothee Deiss, Espen Eichhöfer, Annette Hauschild, Heinrich Holtgreve, Tobias Kruse, Hendrik Lietmann, Julius Matuschik, Dawin Meckel, Thomas Meyer, Andreas Muhs, Frank Schirrmeister, Jordis Antonia Schlösser, Ina Schoenenburg, Linn Schröder, Heinrich Völkel und Maurice Weiss.

Kuratiert von Ina Schoenenburg, Linn Schröderund Axel Völcker

Ausstellung in der Galerie Wedding – Raum für zeitgenössische Kunst vom 17.06.2017 bis 30.06.2017

Begleitprogramm: Symposium zu den Citizen Art Days »Initialzündung: Community Building durch Kunst«, kuratiert von Oscar Ardila, Stefan Krüskemper und Kerstin Polzin am Samstag, den 17.06.2017, um 14 Uhr
Finissage mit Buchveröffentlichung von »Berlin-Wedding – Das Fotobuch« am Freitag, den 30.06.2017 um 18 Uhr

Mit freundlicher Unterstützung der Senatsverwaltung für Kultur und Europa, des Ausstellungsfonds und der Ausstellungsvergütung für Kommunale Galerien. Für die Förderung von Citizen Art Days Dank an das Goethe-Institut.

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