Gastautor*in

Das Kultur Mitte Magazin widmet sich der öffentlichen Stadtkultur und allen Formaten der Gegenwartskunst. Wir informieren hier regelmäßig über aktuelle Ausstellungen und die Arbeit und Lage der freien Szene, berichten über unsere Kooperationspartner*innen sowie über Leute im Bezirk, die etwas auf die Beine stellen. In wöchentlichen Beiträgen werden sowohl zeithistorische Hintergründe beleuchtet als auch aktuelle Einblicke in die diverse und dynamische Stadtkultur von Berlin-Mitte gegeben. Wir stellen Netzwerke und Orte vor, in denen Neues ausprobiert wird und wo kulturelle Transformation stattfindet. Im Mittelpunkt von kurzen Essays und Gesprächen stehen stadträumliche und soziale Rahmenbedingungen von Kunst und Kultur sowie Arbeitsweisen und künstlerische Handschriften. Unsere Serien Was läuft … oder Stadt im Kopf wie auch regelmäßige Porträts, beispielsweise von Plätzen und Straßen, verdichten Themenschwerpunkte und profilieren das Magazin über die Jahre zu einem Archiv der Stadtkultur in Berlin-Mitte. Autorinnen: Ferial Nadja Karrasch, Marina Naprushkina, Monika Rinck, Dr. Anna-Lena Wenzel; Redaktion: Katja Kynast, Judith Laub und Dr. Ute Müller-Tischler.

Die herausfordernde Ausnahme von der gebauten Regel

19.07.2022
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Am 24. Mai 2022 trafen sich der Künstler Heimo Lattner und der Architekt Zvi Hecker zu einem Gespräch in dessen Büro in Berlin-Mitte.

© Anette Kolarski, 2021

Zvi Hecker (*31. Mai 1931) versteht sich als Künstler, dessen Medium bzw. Gestaltungselement die Architektur ist. Er wurde in Krakau geboren und floh mit seiner Familie im Alter von acht Jahren vor dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen über Sibirien nach Usbekistan. Nach Kriegsende emigrierte er nach einem kurzen Zwischenstopp in seiner Geburtsstadt nach Israel. Dort studierte er Architektur am Technion in Haifa und Malerei in Tel Aviv.

Zu seinen Bauprojekten zählen die Bat Yam City Hall (1961–63) und das Dubiner Apartment House (1961–63), die er gemeinsam mit Alfred Neumann und Eldar Sharon entworfen hat. Es folgten u.a. eine Militärakademie in der Negev-Wüste, Israel (1963–69), das Ramot-Housing-Projekt in Jerusalem, Israel (1971-1975), das legendäre Spiral Apartment House in Ramat Gan, Israel (1984-1989), das Palmach Museum of History in Tel-Aviv, Israel (1993-1998) zusammen mit Rafi Segal sowie das Jüdische Gemeindezentrum in Duisburg, Deutschland (1996-2009). In Berlin wurden von ihm die Heinz-Galinski-Schule, in Charlottenburg (1991-1995) und in Zusammenarbeit mit Micha Ullman und Eyal Weizman Page (1997), ein Gedenkort für die Synagoge in der Lindestraße, realisiert. Zvi Hecker wohnt im Ortsteil Moabit und betreibt ein Architekturbüro in Alt-Mitte.

www.zvihecker.com

City Hall of Bat Yam, Bat Yam, Israel, 1961-1963; © Zvi Hecker Architect; Foto: Zeev Herz
Dubiner Apartment House, Ramat Gan, Israel, 1961-1963; © Zvi Hecker Architect
Military Academy, Negev Desert, Israel, 1963 – 1967; © Zvi Hecker Architect
Ramot Housing, Jerusalem, Israel, 1971-1975; © Zvi Hecker Architect
Spiral Apartment House, Ramat Gan, Israel, 1984 – 1989; © Zvi Hecker Architect
Palmach Museum of History, Tel Aviv, Israel, 1993-1998;  © Zvi Hecker Architect; Foto: Michael Krüger

Zvi Hecker hat sich an vier der zweifellos prestigeträchtigsten Architektur- und Gestaltungswettbewerben für die neue Bundeshauptstadt beteiligt: Heinz-Galinski-Schule der Jüdischen Gemeinde, Platz der Republik, Denkmal für die ermordeten Juden Europas und Freiheits- und Einheitsdenkmal auf der Schlossfreiheit. Das fünfte, der im Folgenden besprochenen Projekte – an einem nicht minder repräsentativen Ort: dem Brandenburger Tor – erfolgte gewissermaßen selbstbeauftragt. Nur eines davon wurde realisiert: die Heinz-Galinski-Schule.

Heckers Architekturen entstehen vor dem Hintergrund einer tiefgründigen Auseinandersetzung mit der Geschichte des Ortes wie der Architektur selbst. Seine Bauten repräsentierten nicht, sie sind fundamental humanistische Lösungsvorschläge. Hecker ist ein Architekten-Architekt. Ein Baukünstler, der keine Skulpturen schafft. Im Zentrum seines Denkens steht der Mensch und folglich sieht er die Aufgabe des Architekten darin, Schutz für Menschen zu schaffen. Ganz gleich, ob vor Bomben, der Sonne oder dem Regen. Hecker ist ein konservativer Architekt insofern, als er immer wieder die mittelalterliche Idee der Piazza, des Marktplatzes aufgreift. Ein Ort der Versammlung, des regen Austausches und des Handels. Des Verhandelns! So stellt Hecker etwa Fragen nach Autorität: Wer verfügt über die Autorität, Straßen zu sperren? Und er geht soweit, auch nach der Autorität von Jurys zu fragen, die Entscheidungen trifft.

Das vorliegende Gespräch ist kein Rückblick, sondern ein Reality Check, eine Überprüfung der gebauten Realität anhand Zvi Heckers Entwürfe.

Heimo Lattner: Es ist kaum zu glauben, dass der erste Neubau einer jüdischen Schule in Deutschland nach dem Holocaust von Anfang der 1990er Jahre stammt. Den Architekturwettbewerb dafür, die Heinz-Galinski-Schule in Charlottenburg, hast du 1991 gewonnen. Nachdem sich Prüfingenieur und Bauherrin einig waren, dass deine Idee nicht realisierbar sei, bist du nach Berlin gezogen.

Zvi Hecker: Ein Projekt, das nicht den gewohnten Standards folgt, stößt nicht nur auf Freunde, sondern oft auch auf Gegner. Es ist ihnen aber nicht gelungen, es zu torpedieren. Mit dem Bausenator Wolfgang Nagel hatte es einen wichtigen Unterstützer. Der eigentliche Engel war aber der Hochbau-Chef des Senats Ulrich Stange. Er machte auch die Zusammenarbeit mit Inken Baller als Kontaktarchitektin möglich. Und die Schule wurde letztlich ohne Kompromisse gebaut.

Heinz-Galinski-Schule, Berlin-Charlottenburg, 1991-1995; © Michael Krüger
Heinz-Galinski-Schule, Berlin-Charlottenburg; Fotos: Stephanie Kloss, 2022

HL: Die Galinski-Schule ist das einzige Gebäude von dir in Berlin. Es gab aber noch andere Wettbewerbe, an denen du dich beteiligt hast, die aber nicht realisiert wurden. Lass uns doch darüber sprechen.

ZH: Ja. Zum Beispiel mein Vorschlag für das Denkmal für die ermordeten Juden Europas blieb auf dem Papier.

HL: Dein Entwurf folgt der Idee eines Buches, das nie wieder gelesen werden kann, weil Seiten daraus entfernt wurden.

ZH: Die Wände der Gedenkstätte sind Seiten eines Buches. Die fehlenden Seiten hingegen sind fragmentarisch. Fundamente, von Gras überwucherte Bänke, ein Wüstenfriedhof. Sie symbolisieren die Seiten aus dem Buch der jüdischen Geschichte, die aus einer tausend Jahre alten Kultur brutal herausgerissen wurden. In die Wände sind Tore eingelassen. Es sind die Türen, durch die die Menschen deportiert wurden. Ich hatte vorgeschlagen, dass der Ort von den Besucher*innen selbst gebaut wird. Also nicht eine Baufirma errichtet das Mahnmal, sondern alle Bürger*innen der Stadt, Europas, der ganzen Welt. Ein Baumeister wäre den Leuten dabei behilflich, die Ziegel zu verlegen. Das würde zwar Jahre dauern, aber alle Menschen könnten daran teilhaben.

Pages of the Book – Holocaust Memorial, Berlin, Germany, 1997; © Zvi Hecker Architect

Diese Übersetzung, dieser kreative Prozess, das Unvorstellbare in eine neue Form zu überführen, eine Form, die ihr eigenes Leben hat, wäre ein bleibender Beweis dafür, dass wir die Shoa überlebt haben.

HL: Ein anderer Ort, zu dem du dir Gedanken gemacht hast, ist der Platz der Republik vor dem Reichstagsgebäude. Der Platz wurde im Lauf der Geschichte mehrfach umbenannt, von Königsplatz in Platz der Republik, dann wieder in Königsplatz, unter den Nationalsozialisten. Seit 1945 heißt er wieder Platz der Republik. Nach der Teilung der Stadt 1961 lag er abgeschieden an der Mauer. Erst nach dem 9. November 1989 verlor er seine Randlage wieder. 1992 fand im Zuge des geplanten Umzugs der Bundesregierung von Bonn nach Berlin ein Wettbewerb für dessen Wiederbelebung statt. Also nachdem man sich entschieden hatte, das Reichstagsgebäude als Sitz des Deutschen Bundestages zu sanieren. Du hast dich an diesem Wettbewerb beteiligt.

ZH: Ich sehe keinen Grund, warum man die ursprüngliche Planung des Platzes deformieren musste. Es gab bis zum Krieg zwei Brunnen und Sichtachsen zur Spree hin, diese Verbindung war sehr zentral und wichtig. Die Überreste der Brunnen wurden aber beseitigt und stattdessen ein Aquädukt gebaut, das von nirgendwo zu kommen scheint und nirgendwo hinführt. Es schneidet jetzt den Platz vom Fluss ab.

 Platz der Republik, Berlin, Germany, 1993; © Zvi Hecker Architect

Mein Vorschlag sieht exakt das gleiche Bauvolumen vor, aber die einzelnen Gebäude sind so ausgerichtet, dass die Verbindung zum Fluss hin erhalten bleibt. Vor dem Reichstagsgebäude öffnet sich ein Platz mit den beiden Brunnen.

Platz der Republik, Berlin, Germany, 1993; © Zvi Hecker Architect

Es war mir wichtig, dass sich der Entwurf in das bestehende Stadtgefüge integriert. Aufgrund der großen Vielfalt benachbarter Gebäude in unterschiedlichen Maßstäben und Formen scheint es klug, die Masse des Projekts zu reduzieren. Das bedeutet ein einzelnes großes Gebäude zu vermeiden und stattdessen eher kleinere in horizontalen Schichten zu je zwei Stockwerken um Höfe herum anzuordnen.

Napoleon hat den Markusplatz in Venedig einmal als den schönsten Salon Europas bezeichnet. Der Platz der Republik könnte heute der Salon Berlins sein mit Blick auf den Fluss, auf Europa. Stattdessen cuts, cuts, cuts. Mir erschließt sich die Idee des realisierten Entwurfs nicht.

Hans Stimmann (Anm.: Standbaudirektor a.D.) war in der Jury. Unglücklicherweise hat James Stirlig abgesagt. Ich glaube, er wäre mit der Situation anders umgegangen. Aber wer weiß das schon? Jedenfalls ist es fast immer so, dass gute Architektur nur dort entsteht, wo auch gute Architekt*innen in der Jury sitzen. Nimm das Opernhaus in Sydney zum Bespiel: Jorn Utzon war schon aus dem Wettbewerb, dann kam Eero Saarinnen, er hatte sich verspätet. Er hat sich alle Entwürfe nochmal zeigen lassen. Und nur deshalb wurde Utzons Idee gebaut. Ähnlich lief es bei der City Hall in Toronto. Viljo Revell war eigentlich aus dem Rennen und Saarinnen hat ihn wieder reingeholt.

HL: Berlins Oberbürgermeister Ernst Reuter hat am Platz der Republik am 9. September 1948 vor 300.000 Menschen in die Mikrophone gerufen: „Ihr Völker der Welt, (…) schaut auf diese Stadt.“

ZH: Solange Berlin eine Insel war, musste man sich der Welt im Bewusstsein halten. Das beförderte eine Offenheit gegenüber Bauprojekten, die unter anderen Umständen sicher nicht realisiert worden wären. Als sich die Stadt zu öffnen begann, verschloss sie sich auch wieder. Mit der politischen Wende wurde Berlin zur Hauptstadt einer Supermacht und musste seine Einzigartigkeit nicht länger beweisen: Think what you like, we do what we want! Wir müssen niemanden beeindrucken. Wenn es tatsächlich auch so gemeint ist, kann das durchaus positiv sein. Der Ehrgeiz jedenfalls, sich über Architektur der Welt im Bewusstsein zu halten, war schnell verschwunden. Die Möglichkeit für interessante Architektur, die die Wunden der Geschichte nicht retuschiert, sondern zeigt, gab es. Stattdessen hat man sich entschieden, soviel wie möglich abzureißen. Man sollte aber etwas nur zerstören, wenn man eine bessere Idee hat. Einfach etwas zu eliminieren, ist keine gute Idee.

HL: Ich weiß nicht mehr, wer den Schlossneubau als ein „Enttäuschungsmanifest der Moderne“ bezeichnete. Ich finde das zutreffend, denn das Fortschrittsnarrativ der Moderne verspricht ja, dass die Zukunft besser sein wird als die Gegenwart. Und diese ist wiederum schon besser als die Vergangenheit. Das Schloss, in seiner pathetischen Sehnsucht nach dem 19. Jahrhundert, passt somit gar nicht in das Modell des Fortschritts. Hat man dich zu dem Wettbewerb eingeladen?

ZH: Nein. Aber schau dir Florenz an, es wurde von guten Architekten und Bildhauern gebaut. Vielleicht gab es für das Schloss auch einen Michelangelo, und Stimmann und die Jury hat ihn einfach übersehen. Deshalb ist das Resultat leider auch so banal. Das politische Establishment besetzt Jurys immer so banal wie möglich, um sicher zu gehen, dass auch das Resultat banal bleibt.

HL: Mit dem Banalen meinst du die Mittelmäßigkeit, von der keine Gefahr ausgeht, dass sich beispielsweise eine breite Öffentlichkeit darüber aufregen könnte.

ZH: Ja. Das Schloss sieht aus wie ein ganz gewöhnlicher Supermarkt oder wie Gefängnisarchitektur, in die sich sehr einfach Shops oder Cafés integrieren lassen. Man sollte es zerschneiden und neu zusammensetzen, sodass es sich nach außen hin öffnet. Das ist keine Frage des Stils, sondern der Haltung.

Zvi Hecker’s Zeichnung  auf einem Foto des Humboldt Forums, enstanden während des Gesprächs.

HL: Gibt es noch andere Projekte, die du für Berlin-Mitte entwickelt hast?

ZH: Alle meine unrealisierten Projekte sind in Mitte (lacht). Zum Beispiel die Gestaltung des Schlossplatzes. Aber die ist bis heute nicht entschieden.

HL: Doch, da kommt diese „Einheitswippe“ hin. Die Planer sprechen von einer Sozialen Plastik, schlicht und ergreifend, weil man sie benutzen kann. Die Soziale Plastik aber steht eigentlich für eine Kunst, die auf die Gesellschaft gestaltend einwirkt. Sie erhebt, spätestens mit Beuys, einen Anspruch auf individuelle Freiheit, nämlich als einzelner innerhalb der Gesellschaft handlungsmächtig zu bleiben. Ich habe die Firma mal gegoogelt. Da steht auf deren Webseite wörtlich: „Milla & Partner verbindet Menschen mit Menschen, Marken, Produkten und Themen. Durch Erlebnisräume. Wir sind spezialisiert auf Experience Design. (…) Wir machen Marken und Themen erlebbar, anfassbar, lebendig und aktivieren ihre Adressaten.“ Wow! Ein harter Aufschlag für mich als Künstler in der Realität.

ZH: Shit! Die Wiedervereinigung Deutschlands gab Millionen von Menschen die Idee der Freiheit wieder und eröffnete neue Perspektiven. Wir haben damals eine begehbare Rampe vorgeschlagen. Sie sollte die noch vorhandene architektonische Situation des Ortes aufgreifen und weiterführen. Keine Skulptur also, die vom Himmel gefallen ist. Sie wächst aus den architektonischen Überresten der Geschichte. Sie wächst und wird zugleich etwas Anderes: ein Tor zum Beispiel. Man kann sich unterstellen oder hochgehen. Die Leute würden dort verweilen, spielen, es gäbe vielleicht Konzerte, was auch immer. Man könnte den Ort spontan und individuell nützen und vom ansteigenden Boden des Hofes aus ließe sich das Treiben beobachten. Es spielt eigentlich auch keine Rolle, wie man ihn sich letztlich aneignet. Ein Ort für Menschen eben.

Freiheits- und Einheitsdenkmal, Berlin, Germany, 2010; © Zvi Hecker Architect

Die Frage ist doch, was die Architektur und die Kunst für die Menschen tun können? Die Schlossarchitektur macht nichts für sie und diese bewegliche Skulptur tut es auch nicht.

HL: Zitat Hecker: „Architektur als Skulptur führt zu freistehenden Objekten, um die man herumgeht. Architektur als Architektur schafft keine Sehenswürdigkeiten, sondern Raum zum Betreten.“

ZH: Ich bin Architekt und mein Beruf ist es, etwas für Menschen zu schaffen. Meine Entwürfe folgen immer einem Nachdenken über die Menschen. Die Grundidee meiner Architektur ist, den Menschen Schutz zu bieten. Ganz gleich ob vor Regen oder vor Bomben. Der Mensch steht im Zentrum und die Architektur entsteht um ihn herum. Das etwas am Ende schön aussieht und sich dabei als gelungen erweist, ist natürlich erstrebenswert.

HL: Hier steht noch ein Modell vom Brandenburger Tor auf dem Tisch. Gab es dafür einen Wettbewerb?

Ein neuer Platz am Brandenburger Tor, Berlin, Germany, 2010; © Zvi Hecker Architect

ZH: Leider noch nicht. Ich habe einmal auf dem Pariser Platz eine japanische Reisegruppe beobachtet. Einige von ihnen sind durch das Tor gegangen. Sie sind kurz stehen geblieben und sind sofort wieder umgekehrt. Vermutlich hatten sie auf der anderen Seite des Tors etwas Spektakuläres erwartet. Dort ist aber nicht viel zu sehen, außer Autos und Straßenverkehr. Da wäre ein Platz doch fantastisch. Mir erscheint ein Platz an dieser Stelle sogar sehr natürlich. Für den Verkehr lässt sich eine Lösung finden, man könnte ihn anders leiten. Der Ort wird doch heute schon für Events genutzt. Man müsste dann nicht mehr Straßen absperren, um einen Platz zu schaffen oder um das Equipment zu liefern. Das könnte zum Teil auch in die Architektur integriert werden. Wer hat denn die Autorität Straßen abzusperren? Das ist eine politische Frage. Ich bin mir sicher, dass jemand eines Tages diese Idee aufgreifen wird.

HL: Hast du das Projekt jemals vorgestellt?

ZH: Es gab eine Ausstellung dazu in der Aedes Galerie. Regula Lüscher, die ehemalige Senatsbaudirektorin war auch da. Aber sie hat danach nicht weiter etwas dafür getan. Man muss auch sagen, dass das Projekt sehr konservativ ist. Es folgt im Grunde einer mittelalterlichen Idee. Eine Piazza, einen Marktplatz zu schaffen, ist nun mal konservativ. Das hat nichts Revolutionäres.

HL: Du würdest also auf der Westseite des Brandenburger Tors, zum Stern hin, einen Platz schaffen mit einer Art Arkadengang.

Ein neuer Platz am Brandenburger Tor, Berlin, Germany, 2010; © Zvi Hecker Architect

ZH: Das Brandenburger Tor hat zwei Seiten und sollte somit eigentlich zwei Räume miteinander verbinden. Es öffnet sich aber nur zu einer Seite, zum Pariser Platz hin. Aber es ist nun einmal eine Türe, die sich zwischen etwas und etwas anderem öffnet. Der Pariser Platz ist sehr hermetisch und billiger Kommerz. Schau dir die Kolonnaden in Turin an. Die Menschen flanieren dort und es gibt elegante Geschäfte. Aber hier ist nichts. Säulen lassen sich außerdem sehr einfach und kostengünstig herstellen. Napoleon hatte Recht, der Markusplatz in Venedig ist der eleganteste Salon Europas. Der war nicht dumm (lacht)! Ich habe einmal in Kanada unterrichtet und ich wollte in die Achitectural Association aufgenommen werden. Dafür musste ich einige Prüfungen ablegen. Ich behauptete damals Napoleon wäre ein Architekt gewesen.

HL: Ok, ein bisschen Napoleon hat Paris gut getan, zu viel davon hätte es vermutlich zerstört. Er wollte ja aus Paris etwas Monumentales machen, ein zweites antikes Rom.

ZH: Genau genommen hat mich interessiert, wie er die Aufgabe von Architekten definierte. Ich erinnere mich aber nicht mehr, was er gesagt hat. Aber jede Kunst entwickelt eine Wirkung, wenn es ihr um den Menschen geht. Picasso hat bei Guernica ja auch nicht nur graphische Übungen vollbracht.

Städte sollten Jahrhunderte überdauern und wir bauen auf dem auf, was andere in der Vergangenheit an Positivem geschaffen haben. Ob Berlin heute genug dafür tut, kann ich nicht sagen. Ich habe jedenfalls einige Male versucht, mich an einigen der wichtigsten Orten der Stadt mit meinen Ideen einzubringen.

HL: Wollen wir zum Schluss kommen?

ZH: Ja, lass uns aufhören. Das wird gerade zu monumental hier. Aber stelle dir nur nochmal vor: am Mahnmal für die ermordeten Juden stünde ein Maurermeister anstelle eines Polizisten. Es gibt zwei Möglichkeiten an etwas zu erinnern: Da ist die Strafe. Aber du kannst die Schuldigen nicht mehr bestrafen. Die andere ist die Großzügigkeit, die auch eine Form der Bestrafung sein kann.

Heimo Lattner ist freischaffender Künstler und Mitherausgeber der Verlagsreihe Berliner Hefte zu Geschichte und Gegenwart der Stadt. Er ist co-Autor und co-Herausgeber von u.a.: Die Mauerpark-Affäre; Wiedersehn in Tunix! – ein Handbuch zur Berliner Projektekultur; Never Mind the Nineties – eine Medienarchäologie und Neuverhandlungen von Kunst – Diskurse und Praktiken seit 1990 am Beispiel Berlin. Projekte und Ausstellungen u.a.: ICA London, PS1/MoMa New York, Wexner Center Columbus/Ohio, Sharjah Biennale, Belvedere Museum für zeitgenössische Kunst Wien, Steirischer Herbst Graz, Akademie der Künste und Hebbel am Ufer Berlin.

www.heimolattner.com

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