Ferial Nadja Karrasch

Immer wieder Neues zu lernen, die Welt für einen Augenblick mit den Augen einer fremden Person sehen, sich auf die unterschiedlichsten Perspektiven einlassen – das sind nur einige Aspekte, die Ferial Nadja Karrasch an ihrer Tätigkeit als Kunstjournalistin so schätzt. Sie lebt in Berlin und schreibt für verschiedene digitale und analoge Formate über Kunst und Kultur. Studiert hat sie Kunstwissenschaft, Philosophie und Ausstellungspraxis an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe, an der Universiteit van Amsterdam sowie an der Universität der Künste Berlin.

„Wir wollen keine Abhängigkeiten, Anzeigen sind verboten, es gibt kein Geld“. Von hundert im Portrait.

11.05.2021
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Redaktionssitzung im Büro in der Steinstraße 27 mit Barbara Buchmaier, Peter K. Koch, Andreas Koch, Janine Sack, Foto: Christina Zück (2015)

Die von hundert ist eine unabhängige Kunstzeitschrift, die seit 2006 zwei bis drei Mal im Jahr erscheint und sich neben einem immer wechselnden Spezialthema dem Berliner Kunstgeschehen in all seinen Facetten widmet. Für die Serie „Starke Stimmen“ tauschte sich Ferial Nadja Karrasch per Email mit den leitenden Redakteur*innen Andreas Koch und Barbara Buchmaier aus.

Die erste Ausgabe, die 001/100, erschien im Dezember 2016, die Gründungsredaktion bestand aus Emilie Bujes, Andreas Koch, Kito Nedo, Henrikke Nielsen und Raimar Stange. Was war damals der Antrieb, aus welcher Idee heraus entstand die von hundert und wie sollte sie bestehende Formate ergänzen?

Andreas Koch (AK): Eigentlich gab es mehrere Begebenheiten, die schließlich zur Gründung der von hundert führten. Kito Nedo war für kurze Zeit Teil meiner Bürogemeinschaft, in der ich, wie heute auch, hauptsächlich Kunstbücher gestaltete. Kito als Autor brachte eine andere diskursive Qualität in den eher langweiligen Grafikdesigner-Alltag. Gleichzeitig hatte ich nach Schließung meiner Galerie Koch und Kesslau Ende 2004 mehr Zeit und auch das Bedürfnis wieder ein Werkzeug zu haben, das mich zwang, mich mit Kunst auseinanderzusetzen, jenseits meiner eigenen Arbeit als Künstler oder als Buchgestalter. Ich schrieb auch schon hier und da Texte, etwa für die Obdachlosenzeitung motz oder die Kunstzeitschrift spike

Raimar Stange wiederum gab nach zehn Ausgaben seine Neue Review auf, da sein Partner Dave Allen irgendwo hinzog und keine Zeit mehr hatte. Da kam die Idee auf, gemeinsam eine neue Zeitschrift zu gründen und Raimar ließ nicht mehr locker. Während die Neue Review eher das Format „Freunde schreiben über Freunde“ hatte, wollten wir dann eine kritischere Zeitung gründen.

Was gab es damals an anderen Heften, Barbara, monopol und Texte zur Kunst (TZK)?

Barbara Buchmaier: Ich habe die von hundert damals gleich wahrgenommen, eigentlich schon bevor die erste Ausgabe rauskam, u.a. über einen Bekannten, der wiederum jemanden aus der Gründungsredaktion kannte. Und ich erinnere mich auch an eine zufällige Begegnung damals mit Andreas im Pro qm (einer Buchhandlung mit den Themenschwerpunkten Stadt, Politik, Pop, Ökonomiekritik, Architektur, Design, Kunst und Theorie. Pro qm wurde 1999 in der Alten Schönhauser Straße eröffnet und befindet sich seit 2007 in der Almstadtstraße in Berlin-Mitte, Anm. FNK). Wir haben kurz über den Namen der Zeitschrift gesprochen, der ja etwas Editionsartiges andeutet. Bereits im zweiten Heft (April 2007) erschien dann mein erster Artikel: „Branding Baselitz“, über die erste Ausstellung von Georg Baselitz bei Contemporary Fine Arts (CFA) – mit seinen Remix-Arbeiten. Damals trug Baselitz plötzlich auch so eine Adidas-Trainingsjacke wie man sie von Jonathan Meese kannte … Der Artikel kam in der Redaktion gut an, soweit ich mich erinnere. Ich hatte damals sehr viel Spaß mit etwas freieren, lustvoll-spielerisch angegangenen Artikeln und die von hundert war dafür genau richtig. Klar gab es noch andere Zeitschriften, ich hatte ab und zu mit TZK und spike zu tun, aber das war etwas anderes. Nicht besser oder schlechter, sondern einfach anders. So passen auch die dialogischen Texte, die Christine Woditschka und ich seit Langem gemeinsam schreiben, richtig gut rein. Und, ja, monopol und frieze gab es damals auch, aber in diese Richtung hatte ich weniger Ambitionen. Das ist bis heute so.

Was ist das Selbstverständnis der von hundert? Hat sich das Selbstverständnis über die Zeit gewandelt?

AK: Nach wie vor sind wir ein so freies Medium, dass wir in dieser Freiheit immer wieder drohen, unterzugehen. Wir wollen keine Abhängigkeiten, Anzeigen sind verboten, es gibt kein Geld, wir schreiben nicht für jemanden, freundschaftliche Zusammenhänge gibt es zwar manchmal, aber diese werden kritisch geprüft, wir bilden keine Clique, wir können herauskommen, wann wir wollen.

Das schafft natürlich auch Probleme, die mal größer mal kleiner werden. Das heißt, unsere Aufmerksamkeitsökonomie schwankt. Da wir keine Macht ausüben wollen, ist unser Einfluss auch gering. Wir können hier und da etwas sticheln, aber wie ernst wir genommen werden, können wir gar nicht sagen. Das kann schon manchmal demotivierend sein, viel Arbeit, kein Geld und dann weiß man nicht mal, ob und wie man wahrgenommen wird. Oder ist das jetzt zu negativ, Barbara?

BB: Ich denke, es kommt immer auf den Kontext der Betrachtung an und natürlich auch auf die Energie, die reinfließt. Aber das stimmt schon, es ist total schwer einzuschätzen, wer das Heft liest. Die letzte richtig emotionale Reaktion haben wir auf unsere Roundtable-Gespräche über Kunstzeitschriften bekommen, die ich selbst bis heute super und richtig cool finde (Heft 026/100, November 2015). Damals gab es online eine ziemlich „laute“, in sich aber ambivalente Reaktion von spike unter dem Titel „»Überbietungswettbewerb der Geschmacklosigkeit« Spike wird kritisiert in der Rubrik „Things we like“. Da wurden vor allem Zitate von uns über spike wiedergegeben. Wobei diese mal so und mal so ausfielen, also zum Beispiel „Spike hat mit Kunstkritik am wenigsten zu tun, eher mit der proklamierten Liebe zur Kunst“, aber eben auch „Spike ist cool“ und „Man braucht dafür ein spezielles Wissen“. Ambivalent. Seitdem haben wir uns nie wieder so richtig hervorgewagt oder provoziert, oder? Wie erinnerst du das, Andreas?

AK: Ja, war das wirklich unser letzter richtiger Knaller? Das Immobilien-Spezial (Heft 032/100, Dezember 2018) hätte auch noch ein paar mehr emotionale Reaktionen bekommen können, aber da haben wir nicht tief genug gegraben. Ich erinnere mich noch an die Artikel über Index und über die Messe art forum berlin beide mit vielen bisher nicht veröffentlichten Hintergrundinformationen, da wurden wir sogar von anderen Medien für Statements angefragt.

Das Tagebuch-Format „Einer von hundert“ bietet aber auch noch eine kleine Bühne für kurze Texte, die kritisch auf Begebenheiten aufmerksam machen, ohne gleich ganze Artikel sein zu wollen. 

2010, also ein paar Jahre vor den Roundtable-Gesprächen über Kunstzeitschriften, habt ihr eine Veranstaltung zum Thema „Kunstkritik“ durchgeführt, bei der Euch vorgeworfen wurde, Euren Beitragenden mangele es an Expertise. Dabei muss man sagen, dass einige Eurer Autor*innen spätere Preisträger*innen des Preises für Kunstkritik der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Kunstvereine (ADKV) sind: Barbara, du hast den Preis 2014 zusammen mit von hundert-Autorin Christine Woditschka erhalten, zu dem Zeitpunkt habt ihr schon einige Jahre für die von hundert geschrieben. Weitere Preisträger, die auch für die von hundert schrieben, sind Kito Nedo, der ja auch Gründungsmitglied ist und Kolja Reichert. Aber auch andere Namen sind keine Unbekannten: Raimar Stange, Estelle Blaschke, Doreen Mende, Thomas Wulffen etc. 

Welcher Wind weht euch aktuell entgegen? Wie werdet ihr von der Konkurrenz wahrgenommen? 

BB: Man kann schon sagen, dass von hundert vielen Autor*innen als Sprungbrett gedient hat. Ist ja auch schön. Es gibt eine Liste aller bisherigen Autor*innen, die Andreas 2017, zu unserem 10-jährigen Jubiläum, erstellte. Aber nur wenige der oben Genannten sind dem Heft bis heute als Autor*innen treu geblieben. Das ist schade, aber wir nehmen es nicht persönlich. Und über die Gründe können wir nur spekulieren. Sicher ist unsere Entscheidung, die Unabhängigkeit beizubehalten, nicht kommerziell zu werden und damit auch eine weitere „Professionalisierung“ quasi zu unterbinden mit ein Grund dafür. Vor Corona hatten wir mal überlegt, so eine Art Kritiker*innen-Stammtisch einzuführen, um wieder zusammenzukommen … daraus wurde bisher leider nichts.

AK: Der beste Satz auf besagter Veranstaltung kam von Astrid Mania: „Ich habe mir auch einmal die Hände schmutzig gemacht“. Damit meinte sie einen Text, den sie für uns geschrieben hatte. Es gibt eine Front von Autor*innen gegen uns, die die mangelnde Finanzierung anprangern –  sie werfen uns vor, die Preise kaputt zu machen. Dafür halte ich uns aber für viel zu unbedeutend. Wenn diese Autor*innen nicht für uns schreiben wollen, ist es doch in Ordnung. 

Im Moment denke ich, sind wir wieder etwas unter dem Radar. Das geht aber womöglich der ganzen Kunstszene so. Man trifft sich nicht mehr auf Eröffnungen, sieht kaum noch Ausstellungen. Wenig Kunst, kaum Kritik …  Die Verlagerung der Aufmerksamkeit in die sozialen Netzwerke ist für uns als gedrucktes Kunstmagazin, mit lediglich einer archivierenden Website, auch nicht so gut.

Im Zusammenhang mit der Kritik-Debatte habt ihr geschrieben: „Von hundert bietet kein Modell für Kritik im gesamten Betrieb, sondern besetzt eine Nische und dies notwendigerweise. Hier erscheinen Texte, die sonst nirgends erscheinen würden. Nicht weil sie zu schlecht sind, sondern weil sie nicht passen.“ Könnt ihr das bitte erläutern.

AK: Ich glaube, das wurde in meinen vorherigen Antworten schon klar. Man könnte unsere Herangehensweise mit der von Künstler*innen vergleichen, die wir zum großen Teil übrigens auch sind. Wir haben genau wie 90 Prozent aller bildenden Künstler*innen keinen Markt. Trotzdem finden wir es wichtig, was wir machen.

BB: Ich denke, die zitierte Formulierung spitzt etwas zu, das nicht unbedingt für das gesamte Heft, also für alle Texte oder die gesamte Autor*innenschaft gilt. Bei uns gibt es immer auch Beiträge, die durchaus in anderen Heftkonzepten möglich wären. Aber eine Tendenz wird damit schon verdeutlicht. Ich würde sagen, unsere Nische definiert sich durch das oft sehr Subjektive, durch den persönlichen, tendenziell biografisch „ungefilterten“ Zugang und Austausch zu kritischen/prekären Themen. Das finde ich durchaus politisch und sehr wertvoll. Solche Texte, oft auch in Gesprächs- oder Interviewform, – die gleichzeitig auch perspektivisch gegen den Mainstream arbeiten – mag ich besonders. Das gilt auch für die eher investigativen Ansätze.

Barbara, Du bist seit der Ausgabe 011/100 (Februar 2010) mit in der Redaktion, zunächst im Dreigespann mit Andreas und Melanie Franke, seit Ausgabe 016/100 (Dezember 2011) seid ihr beide das leitende Redakteur*innen-Team. Die Redaktionstreffen finden aber in größerer Runde statt. Wie kommt es zu der Zusammenarbeit mit den anderen Redaktionsmitgliedern?

BB: Soweit ich mich erinnere, gab es diese Art der offenen, größeren Redaktionstreffen bereits, als ich nur Autorin war: das war immer sehr lebendig. Aber wie es dazu kam bzw. die Entscheidung, so etwas einzuführen, geht nicht auf mich zurück. Auf jeden Fall habe ich dann später Christine Woditschka, mit der ich ja regelmäßig gemeinsam schreibe, in diese Runde eingebracht, in der u.a. über vergangene Hefte diskutiert wird und Ideen für die kommende Ausgabe gesammelt werden, abgesehen von allem anderen Klatsch und Tratsch, über den man sich austauscht. 

Hat die Redaktion einen festen Sitz? 

AK: Das ist nach wie vor das Gemeinschaftsbüro in der Steinstraße 27 in Berlin-Mitte. Ich bin der Einzige des von hundert-Teams, der hier sitzt. Barbara arbeitet von zu Hause aus. Trotzdem laufen hier die Fäden zusammen, die Redaktionstreffen finden hier statt, einmal pro Ausgabe bei Bier und Knabbereien. Mit Barbara treffe ich mich öfter, nicht zuletzt zum Korrekturen eingeben.

Kommen wir nochmal zum Finanziellen zurück: Wie finanziert sich die von hundert?

AK: Sie ist unterfinanziert, macht pro Ausgabe 200, 300 Euro Verlust. Der Druck kostet 900 Euro, über Abos, Buchhandlungen und Releases verkaufen wir vielleicht 150 Ausgaben und bekommen dafür maximal 750 Euro, eher weniger …

Man kann die von hundert kaufen, sie kostet 6€ – oder man lädt sie auf der Homepage als kostenloses PDF herunter. Wieso habt ihr Euch für diese zusätzliche Möglichkeit entschieden?

AK: Uns ist es wichtig, gelesen zu werden, der Verkauf ist zweitrangig. Die Online-Ausgabe kommt aber erst zwei Monate später ins Netz, um der gedruckten Ausgabe eine Chance zu geben.

BB: Mit der Online-Ausgabe haben wir ja auch ein super Archiv (mit Volltextsuche).

Die Beitragenden erhalten kein Honorar für ihre Texte – was, glaubt ihr, ist die Motivation der Autor*innen für umsonst zu arbeiten? Immerhin habt ihr viele, zum Teil auch sehr renommierte Autor*innen, die regelmäßig und über Jahre hinweg für Euch schreiben.

AK: Wir erteilen ja keine Aufträge, jede*r darf schreiben, was er oder sie will. Ich glaube darin besteht der Reiz. Wenn man für Geld schreibt, ruft einen meist ein*e Redakteur*in oder Künstler*in an und beauftragt einen für einen Zeitschriften- oder Katalogtext. Man kann zwar auch den Redaktionen etwas vorschlagen, steht aber immer in einer viel größeren Abhängigkeit. Bei uns erscheinen die Texte, die die Autoren schreiben wollen, und die vielleicht woanders nicht gefragt sind.  

BB: Ich schließe mich dieser Erklärung an. Es gab u.a. in den Redaktionssitzungen schon öfter Diskussionen darüber. Dabei kam auch die Frage auf, ob ein kleines Honorar von z.B. 100 Euro wirklich so viel brächte bzw. was damit dann für Zwänge entständen. Einmal haben wir (also Andreas) es mit einer Edition versucht …
Das Plädoyer für größtmögliche Unabhängigkeit und damit auch Entscheidungsfreiheit, was und wie wir veröffentlichen, vereint Andreas und mich, wir sehen das beide so. 

Strebt ihr es an, etwas an eurem Finanzierungsmodell zu ändern? 

AK: Irgendwie nicht, wir haben uns zwar schon ein paar Mal für den Projektraumpreis beim Senat beworben und wurden abgelehnt. Jetzt hat ja vor einem Jahr mit Arts of the Working Class erstmalseine Zeitschrift den Preis erhalten und damit könnte der Weg zumindest offener sein, auch an einer Förderung zu partizipieren. Aber ich habe auch Angst davor, regelmäßig Geld zu bekommen, da man dann die ganze Struktur danach ausrichtet. Es würde zwangsläufig hierarchischer werden, zwischen Redaktion und Autor*in, aber auch intern. Und wenn das Geld dann wieder ausbleibt, kann man das Heft gleich einstellen.

Wie kommt ihr zu euren Autor*innen? Kommen sie auf euch zu, oder sprecht ihr auch Einladungen an besonders interessante Positionen aus?

AK: Wir haben einen größeren Autor*innenverteiler, darin stehen alle ehemaligen, aktuellen aber auch potenziellen Autor*innen drin. Wir schreiben eine Rundmail mit dem nächsten Thema und dem Redaktionsschluss und dann warten wir. Von den ungefähr 140 Schreiber*innen melden sich dann so um die 15, und dann gibt ja noch die regelmäßigen Kolumnen. Für Interviews sprechen wir natürlich Leute an, für Texte aber nicht. Es gibt ja keinen finanziellen Anreiz …

BB: Ich biete das Heft auch manchmal Studierenden aus meinem Seminar als Forum an. Das hat für beide Seiten immer tolle Ergebnisse gebracht.

Anhand welcher Kriterien trefft ihr eine Auswahl der Beiträge? Lehnt ihr auch Vorschläge ab?

AK: Wir lehnen sehr selten ab, lieber arbeiten wir mit den Autor*innen an besseren Fassungen. 

BB: Dem kann ich mich anschließen, wobei man natürlich manchmal auch etwas strenger sein könnte, also mehr ablehnen.

In Heft 026/100 (November 2015) habe ich folgenden Satz entdeckt: „Schreiben ist für mich die beste Möglichkeit, meine Meinung ungefiltert zu sagen. Ich will nicht auf redaktionelle Haltung angeglichen werden. von hundert ist da unorthodox. Das interessiert mich.“ Gehen Euch Textinhalte manchmal auch so gegen den Strich, dass ihr den Text lieber nicht bringt?

AK: Natürlich haben die Texte manchmal andere Positionen, aber sie deshalb nicht zu drucken, das geht nicht. Wenn sie allerdings gegen einen bestimmten, von uns nicht näher definierten Codex, verstoßen würden, müsste man das diskutieren. Das kam bis jetzt aber noch nicht vor, oder habe ich was vergessen?

BB: Gerade kann ich mich auch nicht an einen groben Verstoß erinnern. Nicht zu vergessen sind in diesem Kontext aber auch unsere anonymen Formate wie das Tagebuch „Einer von hundert“, in dem die Autor*innen der Einträge nicht mit Namen genannt werden. Wir hatten auch mal eine ganze anonyme Ausgabe (Juni 2010, Heft 12/100). Es wurde nur gelistet, wer geschrieben hat, aber die Artikel waren nicht zugeordnet. Das war ein ziemlich spannendes Experiment, das damals auch einiges an Reaktion erzeugte. Mindestens eine*r unserer Autor*innen schreibt zudem unter Pseudonym. 

Seit der Ausgabe 013/100 (November 2010) gibt es immer ein „Spezial“ innerhalb des Heftes, das Beiträge zu bestimmten Themen versammelt, Beispiele sind Kritik, Erfolg, Netzwerk, Inklusion/Exklusion, Immobilien, Berlin Biennale – wie findet ihr die Spezial-Themen? Welche Rolle spielt Berlin bei der Themenfindung?

BB: Berlin, oder das, was in Berlin gerade los ist, was (uns) passiert, kann, muss aber kein Grund für die Themenwahl sein. Vielmehr sind es immer Interessensgebiete oder Anlässe, die uns auch ganz persönlich angehen, also uns auch aus subjektiver Perspektive am Herzen liegen und die bei uns, aus welchem Grund auch immer, eine gewisse Recherchelust auslösen.

AK: Manchmal sind es auch Themen, über die man nicht so gerne spricht und die gerade in Zusammenhang mit Kunst noch mal interessanter werden. Also zum Beispiel Alter, Immobilien oder Geld. Da nehmen wir uns immer viel vor, scheitern aber auch manchmal an der Größe und Komplexität des Themas. Das, was rauskommt, ist dann meist aber immer noch spannend genug.

Die Gestaltung der von hundert ist eher schlicht und über die Jahre gleichbleibend, in den neueren Ausgaben fällt die Cover-Gestaltung etwas anders aus als früher, aber im Grunde bleibt ihr eurer Grafik treu. Was steckt hinter dieser Kontinuität und Schlichtheit?

AK: Schlicht? Na ja … sagen wir lieber textbasiert. Ich versuche gut lesbar und auf die Texte fokussiert zu gestalten. Bilder sehen wir ja jeden Tag genug und immer mehr. Auch finde ich Redesigns meistens überflüssig und oft nicht besser. Das einzige Redesign, das wir hatten, musste ich dann wegen dem Wegfall einer Druckmöglichkeit vornehmen. Mittlerweile bin ich aber glücklich darüber und freue mich über das etwas frischere Cover.

BB: Bisher haben wir es immer noch nicht geschafft, unsere Website auszubauen bzw. diese flexibler und offener für aktuelle Beiträge zu machen – zusätzlich zu den Archivartikeln und dem aktuellen Heft. Das ist ein wirkliches Anliegen, das wir angehen müssen.

Man kann die von hundert durchaus als Reflexionsmedium des Kunststandorts Berlin bezeichnen, hier werden über die Jahre Entwicklungen dokumentiert und kommentiert. Was ist eure Wahrnehmung vom Status quo des Kunststandorts Berlin? Wie hat sich Euer unmittelbares Umfeld in Mitte in den letzten Jahren verändert?

BB: Unter dem Aspekt von Gentrifizierung und auch von Corona hat sich vor allem mein städtisches Umfeld geändert: Fast alle Brachen sind zugebaut, ganze Büro- und Neubausiedlungen sind in und am nördlichen Rand von Mitte entstanden, z.B. hinter dem BND Richtung Hauptbahnhof, aber eben auch in der Umgebung des Nordbahnhofs. Gleichzeitig kriege ich mit, wie Restaurants und andere Kleingewerbe wegen Corona in meiner Nachbarschaft mit dem Überleben kämpfen oder schon zugemacht haben. Und in dieser Hinsicht wird sicher – auch im Kunstkontext – noch einiges überraschend Negatives auf uns zukommen. In meinem persönlichen Umfeld hat sich tatsächlich nicht so viel verändert, ich schlage mich weiterhin als Selbstständige durch und komme mit Schreiben, Lektorieren, Unterrichten und jetzt auch der künstlerischen Leitung von RL16 (der „Raum zur Präsentation und Diskussion zeitgenössischer Kunst und ihrer gesellschaftlichen Implikationen“ wurde im März 2021 eröffnet und befindet sich in der Rosa-Luxemburg-Straße 16 in Berlin-Mitte, Anm. Fnk)  ganz gut durch. 

AK: Na klar hat sich viel verändert und wir versuchen das immer wieder, teils in ganzen Spezial-Heften zu beschreiben und zu begleiten. Die Neunziger-, die Nuller- und die Zehner-Jahre kommen in unseren Analysen immer wieder als Hilfskonstruktionen vor, um unsere Zeit zu fassen. Man könnte denken, dass hier in Mitte die Gentrifizierung durch ist, aber es gibt noch viele Inseln, die aus den Neunziger Jahren oder zumindest aus deren Geist heraus weiter existieren und nun doch allmählich verschwinden. Hoffen wir, dass Corona das nicht alles noch beschleunigen wird.

Eure Auflage ist immer relativ klein, immer so um die 120 bis 140 rum, plus Belegexemplare und „café proofs“. Was hat es mit den „café proofs“ auf sich, warum die niedrige Auflage und kommt es vor, dass ihr nachdrucken müsst aufgrund der Nachfrage?

AK: Das war die Grundidee. Nach einer oberflächlichen Analyse zum Beispiel bei der 2006 eingestellten Neuen Review, erkannte ich nur einen Bedarf von maximal 150 Heften. Die Neue Review druckte über 300 und ich sah die unverkauften Exemplare bei Pro qm. Durch die Digitaldrucktechnik kann man beliebig viele verschiedene Titel drucken und ich dachte, dann machen wir eben eine Fake-Edition und nennen das Ganze „von hundert“. Die Editionsnummer ist der Titel. Da die 100 nummerierten Exemplare nicht reichen, wird es offensichtlich absurd und es gibt Nummern wie 136/100. Wenn wir nachdrucken, was aber bisher nur zweimal passierte, zählen wir einfach weiter. 

Jedenfalls sind wir meistens einigermaßen ausverkauft und von den 200 gedruckten Ausgaben inklusive Café-Proofs (die wir in verschiedenen Cafés umsonst auslegen) und APs (Autoren-Proofs) bleiben nicht viele übrig, zwischen fünf und 30 Heften pro Ausgabe lagern dann im Archiv.

BB: Und irgendwann bringen wir dann eine Gesamtausgabe raus! Und machen eine Ausstellung mit allen Heften …

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