Marina Naprushkina

Marina Naprushkina, geboren in Minsk/Belarus lebt und arbeitet in Berlin. Sie ist Künstlerin, hat an der Frankfurter Städelschule studiert, unterrichtet an der Weissensee Kunsthochschule/Berlin und stellt international aus. Sie hat verschiedene Initiativen gegründet, wie die Neue Nachbarschaft/Moabit, Refugees Library, oder das Büro für Antipropaganda. Aktuell leitet sie "institutions extended" für den Fachbereich Kunst und Kultur in Mitte.

„Klar fragt jeder nach deinen Erfolgen. Aber Krisen sind viel wichtiger“ Ein Gespräch mit Waltraud Ehrhardt und Peter Obrist

27.04.2021
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Foto © Mizu Sugai
Foto © Mizu Sugai

"Lebt und arbeitet in Berlin" ist unsere neue Reihe, in der Künstler*innen miteinander sprechen. Das Format wechselt zwischen verschiedenen Genres, die die Künstler*innen jeweils wählen. Die Reihe ist Teil des Projekts Institutions Extended. Für diese Ausgabe trafen sich die Künstlerin Marina Naprushkina mit den Autor*innen und Produzent*innen Waltraud Ehrhardt und Peter Obrist.

Marina Naprushkina: Ich erwische euch quasi auf gepackten Koffern auf dem Weg nach Kenia, nachdem ihr pandemiebedingt eine fast einjährige Pause eures Filmprojektes dort einlegen musstet. Ist die Vorfreude groß?

Waltraud Ehrhardt: Wir haben zwar über Zoom Kontakt gehalten, aber es wird jetzt wirklich Zeit, wieder vor Ort loslegen zu können, die Menschen zu versammeln. Wir sind ja nun schon seit 2017 am Pendeln zwischen Moabit und Nairobi, aber das war jetzt doch eine sehr lange ungeplante Pause.

Peter Obrist: Wir haben in diesem Projekt „Country Queen“ rund hundert kenianische Filmschaffende versammelt und nach langer, langer Vorbereitung wird es jetzt ernst: Der Dreh von fünf Folgen steht an, nachdem unser Trailer (aus dem Pilotfilm destilliert) in Kenia zu einem echten Hit geworden ist. Wir sind hier, ausnahmsweise muss man sagen, nicht eigenkreativ, sondern eher so etwas wie die Gründer und Unterstützer des Projektes. Wir sind mit Workshops für Drehbuchautor*innen gestartet, haben vermittelt, wie man Themen findet, Stoffe entwickelt, über mehrere Folgen erzählt. Und haben die gesamte Finanzierung gestemmt, was eine langwierige Angelegenheit war.

Foto © Mizu Sugai

Waltraud: Du erinnerst dich vielleicht noch an 2017, da hatten wir in Deutschland Bundestagswahl. Und danach eine ewige Hängepartie, bis die Regierung gebildet war. Da wir öffentliches Geld im Projekt haben, stand damals alles still. Nur so am Rande: Die Kenianer*innen haben im selben Jahr gewählt, waren aber deutlich schneller mit ihrer Regierungsbildung (lacht).

MN: Ist Drehbücher schreiben eure Profession, aus der heraus ihr euch dann die anderen Filmdisziplinen angeeignet habt?

Peter: So kann man es eigentlich nicht sagen. Ich habe Film studiert und wir haben eine lange Phase Dokumentationen gedreht, rund um die Welt. Die Themen waren jeweils mit den Redaktionen abgesprochen, alles andere haben wir dann selbst erarbeitet und vor Ort entschieden. Das war natürlich ein gewisser Freiheitsgrad. Und fantastische Erlebnisse, zum Beispiel ein mehrwöchiger Dreh im indischen Himalaya  auf über fünftausend Höhenmetern. Da musst du erst über Tage deine Lungen trainieren, um überhaupt laufen zu können.

MN: Einem aufmerksamen Publikum seid ihr als Drehbuchautor*innen von Serien bekannt geworden. Ist das der kommerziellere Teil eurer Arbeit?

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Waltraud: Fernsehen ist ja immer kommerziell, auch wenn es graduelle Unterschiede gibt, denn letztlich ist ja der Auftrag, zumindest im fiktionalen Bereich, dein Publikum zu unterhalten. Wir hatten dann eine Phase, in der wir Drehbücher geschrieben haben, für sehr populäre Serien: Marienhof, In aller Freundschaft. Das war ein Trainingsfeld für uns, da übst du schreiben, schreiben, schreiben. Bei den Daily Soaps hast du 3 Tage für ein komplettes Buch, immer hintereinander weg. Man verliert den Verstand, denkt nur noch in Figuren, Rastern. Das ist schon ein harter Job, aber er wurde eben auch gut bezahlt.

Peter: Die Bezahlung ist eine Droge, weil du gar nicht mehr rauskommst aus der Nummer. Da gibts viele Kolleg*innen, die dann eine Wohnung gekauft haben und dann immer weiter schreiben mussten. Wenn du dich als Autor siehst, musst du den Absprung finden und deine eigenen 90-Minüter machen.

MN: Wie habt ihr dann diesen Absprung geschafft?

Waltraud: Wir wollten wieder eine Stufe weiter kommen und das geht tatsächlich nur, wenn du aus deinem sicheren Schonraum erstmal rausgehst. Das ist finanziell ein ungeheures Risiko, weil du eben nicht weißt, ob Aufträge kommen und du es hinterher nicht bitter bereust, die gutbezahlte Arbeit ohne Not aufgegeben zu haben. Peter ist Schweizer, wir haben dann unsere ersten Bücher für Fernsehspiele in der Schweiz realisiert. Das war eigentlich ein guter Einstieg.


Peter: Man macht sich nicht klar, dass z.B. in den USA 98% der geschriebenen Drehbücher überhaupt nicht verfilmt werden. Ganz so hart ist es in Deutschland nicht, aber von fünf Schweizer Fernsehspiel-Büchern sind bei uns drei verfilmt worden, das ist eine sehr ordentliche Quote. Und damit waren wir dann auch in Deutschland etabliert, haben insgesamt 12 Fernsehspiele realisiert.

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MN: Ihr seid beruflich und privat ein Paar. Was sind da eure Herausforderungen?

Waltraud: Ich hätte ja alleine nie das Schreiben angefangen. Aber wir sind zusammen reingewachsen. Es ist eine Arbeit wie viele andere. Es geht nicht darum, dass du auf den genialen Einfall wartest. Du musst einfach ran, ein Handwerk ausüben. 

Peter: Es gibt ja nicht viele Paare, die zusammen schreiben, da sind wir schon Exoten. Aber für die Gedankenentwicklung ist es toll, du hast ein Gegenüber, mit dem du Ping-Pong spielen kannst. Und dann teilen wir die Arbeit auf, jeder schreibt seinen Teil, nachher wird harmonisiert und abgestimmt. Ich kenne andere Paare, die spielen ihre Dialoge szenisch durch und schreiben sie auf. Das wäre nichts für uns. 

Peter: Wir haben so ziemlich alle Arbeitsbereiche der Fernsehwelt durchschritten, und arbeiten jetzt über 45 Jahre als Paar zusammen. Oft fragen uns die Leute, wie haltet ihr das aus? Über eine solche Zeitspanne? Ich denke, es ist eine Gemütssache. Und wir sind ja sehr glücklich mit dieser Entscheidung, die gemeinsamen Erlebnisse sind für uns wertvoll.

Waltraud: Zu einer Lebenspartnerschaft gehören auch Krisen, und auch wir hatten natürlich Arbeitskrisen. Aber vielleicht war die Arbeit die Klammer, die auch die Liebesbeziehung zusammengehalten hat? Klar, jeder fragt nach den Erfolgen, aber die Krisen sind ja viel wichtiger. Und wir sind oft aus dem Schonraum raus, um bereit für Neues zu sein. Sowas geht nur zu zweit. Beide müssen das mittragen.

MN: Ihr könnt doch eure Träume leben, oder?

Waltraud: Wir sind sehr zufrieden, wenn wir zurückschauen. Auch wenn es schmerzt, wenn man denkt, dass viele Sachen einfach sehr langsam gestartet sind. Wir hätten in der Rückschau mehr machen können. Aber bis du immer deine Ideen realisiert und finanziert kriegst, braucht es oft sehr sehr lange.

MN: Wie findet ihr eure Themen?

Peter: Ich glaube, es ist der falsche Weg, wenn man versucht, etwas einzufangen, was gerade angesagt ist. Du musst bei dir sein, mit Menschen reden, den Zeitgeist in dir tragen. Und du musst schnell sein. Aber oft braucht ein Projekt in der Vorbereitung zu lange, dann ist das Thema nicht mehr aktuell.

Waltraud: Es geht aber gar nicht immer um die Themen, sondern viel mehr auch darum, wie du das Thema aufbereitest, die Geschichte erzählst. Wenn du eine neue Herangehensweise findest, kannst du manchmal den Zeitgeist auf den Punkt treffen. Das ist allerdings ein kleines Zeitfenster. Ich glaube, es gehört viel Zutrauen zu dir selbst dazu, wenn du von einem Stoff überzeugt bist, ihn auch zu bringen und ihn dir nicht zerreden zu lassen. Aber oft hast du das Timing nicht mehr in der Hand.

Peter: Wir hatten ein Projekt, da war die Hauptdarstellerin schwanger und deswegen war ein ungeheurer Zeitdruck drauf. Da hatten wir vom Erstgespräch bis zum Drehbeginn nur vier Monate. Aber auch sowas geht. Es war ein Riesenerfolg, weil wir mit der Idee auf dem Punkt waren. Die Serie läuft seit 15 Jahren. Aber manche Themen tragen wir auch Jahre mit uns rum.

MN: Wechselt ihr gerne die Genres? Macht ihr z.B. immer auch noch Dokus?

Peter: Nebenher geht das nicht. Du musst dich schon entscheiden, ob du Fiktionales oder Doku machst. Wir hatten Abschnitte zu beidem in unserem Leben. Du musst aber auch bedenken, in diesen langen Jahren hat sich wahnsinnig viel verändert, wie Fernsehen produziert wird. Änderungen am Drehbuch zum Beispiel waren früher immer eine große Sache und wurden sehr ungern durchgeführt, weil du die ausgedruckten Seiten zerschneiden und neu zusammenkleben musstest. Das war alles mit Schreibmaschine geschrieben.

Waltraud: Ich erinnere mich noch gut, die ersten Drehbücher haben wir per Endlos-Fax an den Sender geschickt. Das ist ja heute unvorstellbar.

Foto © Mizu Sugai

Peter: Am Anfang gibt es immer zwischen den Redakteurinnen vom Sender und den Autorinnen eine sehr intensive Beziehung, das ist wie eine heiße Affaire. Aber in dem Moment, wo du das Buch abgeliefert hast, bist du raus, dann ist die Regie an deiner Stelle. Bei der Verfilmung ‚stört‘ der Autor nur, zumindest in Europa hat er dann keinen Einfluss mehr.

Waltraud: Wir schauen immer neidisch auf die angelsächsischen Länder. Da ist das total anders. Da sitzen die Autor*innen mit am Set und da darf wirklich kein Komma im Text geändert werden ohne deren Zustimmung. Wir finden das natürlich besser (lacht). Da ist bei uns auch der Wunsch entstanden, mehr zu verantworten und unsere eigenen Dinge zu machen, so wie jetzt in unserem Projekt in Kenia.

Peter: Wir sind immer mal wieder ausgebremst worden, weil die Produzentinnen nicht verstanden, dass wir gerade einen sehr zeitgemäßen Stoff hatten. Deswegen wollten wir mehr selbst in die Hand nehmen, von der Idee bis zur Realisierung alles begleiten und mutigere Stoffe umsetzen. Mit dem Nur-Schreiben sind wir eigentlich durch. Und wir wollen jetzt auch an junge Kolleginnen weitergeben, was wir uns über unser ganzes Arbeitsleben angeeignet haben.

Waltraud Ehrhardt studierte Internationale Beziehungen und Volkswirtschaft (MA), Peter Obrist an der London International Film School. Zusammen produzierten sie Spiel- und Dokumentarfilmen in Europa, Afrika, Asien, dem Pazifik und Nordamerika. Sie kreierten und schrieben zahlreiche erfolgreiche Fernsehspiel- und Seriendrehbücher für deutsche und Schweizer TV-Sender. Heute sind sie vor allem Produzent*innen aktiv (Good Karma Fiction GmbH).

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