Anna-Lena Wenzel

Dr. Anna-Lena Wenzel* ist Autorin und Künstlerin. Nach ihrem Studium der Angewandten Kulturwissenschaften in Lüneburg promovierte sie über „Grenzüberschreitungen in der Gegenwartskunst“. Sie betreibt das Online-Magazin 99 % Urban und den Radiosalon für Alltägliches und ist in unterschiedlichen kollektiven Zusammenhängen unterwegs.

Leidenschaftliche Buchmacher*innen III

24.11.2020
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Screenshot des digitalen Gesprächs mit Doris Kleilein und Philipp Meuser

Die Verlage Jovis und DOM publishers teilen sich einen thematischen Schwerpunkt auf Architektur und Stadtplanung. Als mittelgroße Verlage haben sie zudem eine ähnliche Anzahl an Mitarbeitenden (ca. 10) und veröffentlichten Büchern pro Jahr (ca. 50). Doch obwohl sie Kollegen sind, gab es bisher kaum Gelegenheiten miteinander ins Gespräch zu kommen. Anlass genug für ein „Gipfeltreffen“ zwischen Doris Kleilein und Philipp Meuser, die sich über Learning-by-doing, die Zukunft von Büchermessen und die Sahnehäubchen des Geschäfts unterhalten.

Weil der zweite Lockdown gerade begonnen hat, treffen wir uns digital– Herr Meuser sitzt am Küchentisch seines Wohn- und Arbeitshauses in Mitte und auch Frau Kleilein hat sich von zu Hause dazugeschaltet.

Anna-Lena Wenzel: Ich würde Sie zunächst gerne fragen, wie Sie zu Ihrem Verlag gekommen sind und was Sie für einen Hintergrund haben.

Philipp Meuser: DOM publishers ist aus einem Architekturbüro heraus entstanden. Unsere erste Publikation war über Leit- und Orientierungssysteme. Wir hatten einen Auftrag in Rheinland-Pfalz, für den wir viel recherchiert haben, wobei uns auffiel, dass es dazu kaum deutschsprachige Literatur gab. Wir haben als Architekten ein Buch gesucht, das es so noch nicht gab und haben es dann selber gemacht. Dann haben wir uns gefragt, warum wir das nicht als Anlass nehmen einen eigenen Verlag zu gründen und so haben wir es gemacht. Wir haben weiterhin viele Überschneidungen mit den Architekturprojekten, die wir häufig im Ausland realisieren. Die Tatsache, dass sich einige Bücher mit der Geschichte der ehemaligen Sowjetrepubliken befassen, hat auch damit zu tun, dass wir als Architekten lange Zeit in Kasachstan und Russland gearbeitet haben.

Doris Kleilein: Ich habe da eine etwas andere Geschichte. Der Jovis Verlagwurde 1995 von Jochen Visscher gegründet, das war eine klassische Gründung der 1990er Jahre, einer Zeit, in der hier in Berlin wahnsinnig viel los war. Es entstanden viele Bücher, die sich mit der Stadt im Umbau beschäftigt haben. Seit den 1990er Jahren hat sich der Verlag schrittweise zu Architektur und Stadtthemen sowie zu Landschaft entwickelt. 2017 habe ich die Leitung des Verlages von Herrn Visscher übernommen. Ich bin Architektin und habe vorher vor allem journalistisch gearbeitet, unter anderem als Redakteurin bei der Bauwelt. Ich bin also mit den Themen vertraut.

Wo liegen ihre jeweiligen Schwerpunkte?

DK: Ganz klar in Urbanismus und Architektur. Wir gehen sehr individuell an jedes Buch. Es gibt einige Reihen, die im Laufe der Jahre entstanden sind, aber das Credo ist, dass wir individuelle Formate entwickeln.

PM: Wir haben am Anfang für ca. fünf Jahre, ich sag mal, einen Gemischtwarenladen gemacht. Aber weil die Bücher in der schieren Menge an Publikationen, die jedes Jahr veröffentlicht werden, untergangen sind, haben wir die Reihen zu denen die Architekturführer, aber auch die Reihe Handbuch und Planungshilfe gehören, entwickelt. Diese Reihen sind auch eine Überlebensstrategie, um überhaupt sichtbar zu werden.

Wie sind Sie zum Verleger bzw. Verlegerin geworden? Was ist ihr verlegerisches Selbstverständnis?

DK: Es gibt da kein Rezept, aber wie man bei uns beiden sehen kann, haben wir, obwohl wir beide aus der Architektur kommen, unterschiedliche Zugänge. Da ich selber Autorin bin, habe ich eine große Nähe zu allen anderen Autor*innen, die ich treffen und verlegen kann. Da ist es im Idealfall so, dass man sich auf Augenhöhe begegnet und einen gemeinsamen Enthusiasmus teilt für bestimmte Themen. Am schönsten ist die Arbeit, wenn Leute mit Ideen kommen und man die Bücher gemeinsam im Dialog entwickelt, aber es gibt die unterschiedlichsten Konstellationen. Es kommt auch vor, dass die Autor*innen oder Herausgeber*innen mit fast fertigen Büchern kommen.

PM: Als Architekt ist man eine Art Generalist – und im Grunde genommen ist es auch im Verlagswesen so, dass man von allem etwas kann. Dazu gehört auch, dass wir alle Fehler gemacht haben, die man so machen kann. Es ist tatsächlich ein Learning-by-doing gewesen. Aber diese Erfahrung hat uns auch zusammengeschweißt, wir sind ein sehr eingespieltes Team. Verlagsarbeit ist ja nicht nur das Komponieren eines Programms, sondern auch sehr viel Organisation vom Vertrieb über die Logistik hin zur Pressearbeit.

Was treibt Sie an oder motiviert Sie?

PM: Meine Motivation ist es, etwas zur Diskussion über Architektur beizutragen. Es ist ein großer Ansporn für uns, dass ein Buch als relevanter Beitrag zu einem Thema wahrgenommen wird, sei es in der Fachöffentlichkeit oder einer breiten Öffentlichkeit, wobei klar ist, dass wir die Bücher auch verkaufen müssen, so dass es auch einen wirtschaftlichen Gewinn geben muss. Im Vergleich zum Bauen ist das, was wir im Verlag machen dürfen, wirklich die Kirsche oben auf der Sahnehaube.

DK: Ich muss sagen, dass ich das Büchermachen auch schon immer als Privileg empfunden habe. Dass man nicht diese jahrelangen Planungs- und Bauphasen mitmacht, sondern dass man immer dann kommt, wenn es fertig ist, und man anfängt über das Gebaute zu reflektieren. Mir haben Architekt*innen schon öfter gesagt, dass diese Publikationsarbeit eine ganz wichtige Reflexionsarbeit ist, weil das der Moment ist, in dem man auf das, was seit Jahren in der Welt ist, noch mal draufschaut.

Eine zusätzliche Motivation ist, mit dem Jovis-Verlag über die Fachwelt hinauszuwirken. Gerade in diesen Zeiten werden Themen, die mit dem großen Feld der Stadtentwicklung zu tun haben, wie Klimawandel und Mobilität, mehr denn je breit diskutiert. Themen, die vorher in der Nische waren, wie Partizipation oder Gemeinwohl, werden zu Kernthemen. Es ist für mich eine große Motivation, ein breites Publikum anzusprechen. Wir machen relativ viele Veranstaltungen, bei der man Teil eines Diskurses wird und diesen mitgestaltet. Es ist ein toller Moment, wenn man merkt, dass man mit einem Buch auch etwas bewirken kann, auch oder gerade, weil wir mit kleinen Auflagen agieren im Vergleich zu den großen Publikumsverlagen.

PM: Ja, wenn ich auf Reisen junge Student*innen an Themen heranführen kann, zu denen sie sonst keinen Zugang haben, denke ich, ich mache genau das Richtige. Ich habe, wenn ich unterwegs war, jedes Freigepäck-Kilo für Bücher genutzt, die ich dann verschenkt habe. Ich war viel in Regionen unterwegs, wo erstens das Verlegersein staatlich kontrolliert oder reglementiert ist und wo zweitens der Besitz eines Buches nicht alltäglich ist. Man muss bedenken, dass es nicht überall so einfach ist einen Verlag zu gründen wie hier.

Wie hat sich die Corona-Krise auf Sie ausgewirkt?           

PM: Es ist eine ambivalente Situation. Wirtschaftlich ist es eine absolute Katastrophe, aber wir haben endlich einige Titel auf den Weg bringen können, die zum Teil seit Jahren hier herumlagen.

Bei mir hat sich vor allem der Bewegungsradius verkleinert. Bin ich sonst mehr unterwegs gewesen als zu Hause, hat sich das nun umgekehrt. Gleichzeitig kann ich weiterhin in verschiedenen Konstellationen zusammenkommen. Manche Dinge haben sich durch die Digitalisierung auch vereinfacht, weil ich nun nicht vier einzelne Treffen, sprich Reisen machen muss, sondern meine Gesprächspartner*innen digital an einen Tisch bekomme.

DK: Ich würde ebenfalls eine gemischte Bilanz ziehen: Für mich bedeutet die Corona-Pandemie ein vollkommenes Umdenken, weil ich eigentlich im März als Thomas Mann Fellow mehrere Monate in Los Angeles verbringen wollte, aber dann nach drei Wochen wieder abreisen musste.

Auch was die Veranstaltungen angeht, war es ein herber Einschnitt, obwohl sie sich nun schrittweise ins Digitale verlagern. Diese Formate funktionieren dann gut, wenn etwas Eigenes entwickelt wird, wie bei der Veranstaltung Reading Architecture vom DAM (Deutsches Architekturmuseum) in Frankfurt aus Anlass der abgesagten Buchmesse. Es war eine schöne Erfahrung zu sehen, was entstehen kann, wenn man gemeinsam an einem Strang zieht. Aber es ist schon ein Polylemma, wenn ich das mal so sagen kann. Das ist der Titel des neuen Buches von raumlabor, das wir aktuell machen, und dieser Titel ist einer der schönsten Begriffe, die mir als Beschreibung des letzten halben Jahres untergekommen ist, weil er gut beschreibt, dass man das Gefühl hat, die Situation einigermaßen im Griff zu haben und dann kommt wieder etwas Neues, was den Alltag oder die Kommunikation verändert.

Flyer der digitalen Veranstaltung des Deutschen Architektur Museums

Die wirtschaftlichen Folgen sind jetzt noch nicht so stark zu spüren, was auch daran liegt, dass Projekte erstmal weiter liefen, aber je länger die Krise andauert, desto mehr werden gecancelt werden. Gleichzeitig haben einige Autor*innen durch die Situation mehr Zeit zum Schreiben gehabt. Ich bin gespannt, wie es nächstes Jahr wird.

PM: Ich frage mich, ob sich Formate wie die riesigen Büchermessen halten werden, wenn die Situation immer angespannter wird. Wir müssen schon ziemlich spitz rechnen und Messen kosten Geld, auch wenn sie natürlich eine Form der Wertschätzung für Bücher und Autor*innen darstellen. Keine Frage, Veranstaltungen bleiben wichtig, vor allem auch als Barometer, wie bestimmte Themen ankommen, aber dennoch ist es gut, bestimmte Formate zu hinterfragen.

DK: Das ist interessant, weil wir, seitdem ich im Verlag bin, die Diskussion haben, ob man die Buchmessen noch braucht. Weil der Aufwand sehr hoch ist im Verhältnis zur Aufmerksamkeit, die man dort generiert und bekommt. Bei uns geht die Diskussion dahin, Buchmessen als nicht mehr zeitgemäß zu betrachten, weil sich die Vertriebswege verändert haben und das Geschäft mittlerweile im Netz oder im Alltag stattfindet. Der Marktplatzgedanke hat sich verändert. Aber etwas wegzulassen ohne eine Alternative zu haben, fühlt sich nicht gut an. Von daher ist es ein guter Aspekt der Corona-Pandemie, dass sie uns gezwungen hat, neue Formate zu entwickeln – auch im Sinne der Klimafreundlichkeit.

Wie hat sich die Art der Kommunikation verändert?

PM: Wir machen zum Beispiel unsere Redaktionssitzungen nur noch digital, und auch wenn es anstrengend ist, in diesem Format zu sprechen, finde ich es eine stressfreiere Kommunikation. Es ist eine konzentrierte Atmosphäre mit einer höheren Verbindlichkeit.

DK: Ich finde mit Corona auch, dass die Kommunikation ein bisschen direkter geworden ist. Ich habe sehr viele Menschen in diversesten Konstellationen gesprochen. Man findet sich schneller zusammen ohne großen Aufwand. So langsam haben sich alle damit angefreundet, dass es jetzt anders ist. Ich glaube, man wird vielleicht einen Teil davon beibehalten – auch weil man Menschen, die am anderen Ende der Welt sind, problemlos dazu schalten kann.

Hat sich ihr Blick auf die Stadt gewandelt?

DK: Man macht, was Stadt angeht, ganz andere Erfahrungen. Ich fand Mitte ohne die ganzen Touristen fantastisch. Das hatte etwas von einem autofreien Sonntag.

PM: Das kann ich bestätigen. Die Stadt ohne Menschen zu erleben, das war faszinierend und unheimlich zugleich. Zu den neuen Qualitäten, die ich entdeckt habe, gehört, dass ich jetzt fast nur noch mit dem Fahrrad unterwegs bin und auf diesem Wege Mitte neu erkundschaftet habe.

DK: Ich muss sagen, dass es so in Phasen verlaufen ist. Nachdem ich es erst interessant fand, wie sich der Radius verkleinert hat, habe ich mittlerweile öfter wieder Fernweh. Aus einer übergeordneten Perspektive habe ich die Zeit als Bestätigung für die Entwicklung „anderer“ Stadtentwicklungsansätze wahrgenommen. Was wäre gewesen, wenn es Orte wie den Gleisdreieckpark oder das Tempelhofer Feld nicht gegeben hätte? 

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