Anna-Lena Wenzel

Dr. Anna-Lena Wenzel* ist Autorin und Künstlerin. Nach ihrem Studium der Angewandten Kulturwissenschaften in Lüneburg promovierte sie über „Grenzüberschreitungen in der Gegenwartskunst“. Sie betreibt das Online-Magazin 99 % Urban und den Radiosalon für Alltägliches und ist in unterschiedlichen kollektiven Zusammenhängen unterwegs.

Leipziger Straße

02.11.2021
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Prägen den östlichen teil der Leipzigerstraße: die 23- bis 25-geschossigen Wohnhochhäuser, die zwischen 1969 und 1982 errichtet wurden. Fotos: ALW
Prägen den östlichen teil der Leipzigerstraße: die 23- bis 25-geschossigen Wohnhochhäuser, die zwischen 1969 und 1982 errichtet wurden. Fotos: ALW

Starten wir am Leipziger Platz, der vor zwanzig Jahren noch Leere war, mit seiner charakteristischen oktogonalen Form und den blendenden Neubaufassaden. Dahinter setzt sich auf der einen Straßenseite die Mall of Berlin den Block entlang fort, während auf der anderen Seite hinter einem Zaun und einer kleinen Grünfläche der Bundesrat seinen Sitz hat.

Auf der Seite der Mall spaziert man unter einem Säulengang an leerstehenden Geschäften vorbei, in denen entweder nackte Schaufensterpuppen stehen oder Plakate verkünden, dass hier demnächst ein neues Modegeschäft eröffnet. Neben dem Bundesrat befindet sich eine Baulücke, auf der Straße steht ein Luftmessgerät der Firma Breitfuss.

Gegenüber hat das Ministerium für Justiz und Verbraucherschutz einen Sitz, neben dem Motel One, einem leerstehenden Eat happy-Fusion Restaurant und Büros der Vogel Communication Group, Huawei und Wisag. Es folgen mit Ligne Roset und Vitra zwei Designermöbelläden, die die Wilhelmstraße flankieren.

Gegenüber befindet sich mit dem Platz des Volksaufstandes von 1953 ein historisch bedeutsamer Ort. Hier erinnern mehrere Denkmäler an die blutig niedergeschlagenen Demonstrationen: Ein in den Boden gelassenen „Bassin“ von Wolfgang Rüppel aus dem Jahr 2000 mit groben Fotos in schwarz und grün und ein Bronze-Schild, das direkt in die Fassade eingelassen ist und auf dem zu lesen ist: „An dieser Stelle, vor dem ‚Haus der Ministerien‘ der DDR forderten am 16. Juni 1953 die Bauarbeiter der Stalinallee im Bezirk Friedrichshain die Sendung der Arbeitsnormen, den Rücktrott der Regierung, die Freilassung aller politischer Gefangenen sowie freie und geheime Wahlen. Diese Protestveranstaltung war Ausgangspunkt des Volksaufstandes am 17. Juni 1953. Wir gedenken der Opfer, 17. Juni 1993.“ Das Schild befindet sich an der Fassade des heutigen Ministeriums für Finanzen, das im dritten Reich das Reichsluftfahrtministerium beherbergte. Nach dem Krieg war das Gebäude Tagungsort des Deutschen Volksrats, der am 7. Oktober 1949 durch Inkraftsetzung der Verfassung im großen Festsaal die DDR gründete und sich dort als provisorische Volkskammer konstituierte. Ein meterlanges Wandbild in warmen Farben und figürlichen Darstellungen im Stile des sozialistischen Realismus erinnert an diesen Teil der Geschichte. Es wurde 1952 von der Staatlichen Porzellan-Manufaktur Meißen nach einem Entwurf von Max Lingner in 6 Monaten ausgeführt wurde, wie man rechts unten lesen kann.

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Ein paar Meter weiter thront ein weiteres Denkmal auf einem schwarzen Sockel: Eine gelbe Telefonzelle, sie gehört zum Museum für Kommunikation, das hier einen Außenposten und am Zaun im Hintergrund zwei Infotexte aufgehängt hat, auf denen man etwas über den „Saal für Postkutschen“ und „Selfies mit Mauritius“ lesen kann.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite verändert sich das Straßenbild durch weiße Plattenbauten, die etwas zurückgesetzt zur Straße stehen. Hier befindet sich die Pension Varna, benannt nach einer Stadt in Bulgarien, ein erster Hinweis auf weitere bulgarische Einrichtungen in unmittelbarer Nähe wie die bulgarische Botschaft, das bulgarische Kulturzentrum und das Reisebüro Bulgarian Air. 

In den Plattenbauten gibt es einen wilden Mix an Nutzer*innen: den Chess Boxing Club Berlin, das Büro des Verbandes Kinderfreundliche Kommunen, Coworking spaces neben Büros des Karriere Haus und der Firma BioTech USA. Es folgt ein Schild von ProVentus. Unbeschwert Leben und ein Schaufenster des StudioSchwitalla.org mit einem Architekturmodell in dessen Mitte ein Weihnachtsbaum steht. Ein paar Eingänge weiter werden in den Häusern, die zur WBM gehören, Übersetzungen chinesisch-deutsch angeboten. Dann hat das Deutsche Kinderhilfswerk mehrere Büroräume dort, neben der Berliner Kinder- und Familienzeitung. 

Auf der gegenüberliegenden Seite befindet sich hinter einem Zaun ein neugebautes Holzhaus, das sich als Fröbel-Kindergarten entpuppt, „Hier spielt unsere Zukunft“ heißt es auf einem Banner von Max Holzbau. Geht man weiter, kündigt sich das Museum für Kommunikation durch kleine unscheinbare Hörstationen an, die sich direkt an der Fassade befinden und fast nicht zu hören sind, weil der Straßenlärm so laut ist. Noch etwas anderes verweist auf die Existenz des Museums im repräsentativen Gebäude mit dem großen Eingangsportal an der Ecke: die vielen bunten Aufkleber an der Fußgängerampel, die die Besucher*innen hier hinterlassen haben.

Überquert man die Mauerstraße zieht eine Skulptur die Blicke auf sich: „Mauern durchbrechen“ heißt sie, vom Künstler Tchapp aus dem Jahr 2006. Sie steht vor der Botschaft der Republik Bulgarien, deren Fassade durch einen riesigen Werbebanner verhängt ist, auf dem Leni Klum für irgendwas wirbt, wodurch die typisch braunen Sichtfenster verhängt sind.

Es folgen Hotels auf beiden Seiten, eine Bank und ein Hinweisschild auf das Geschäftshaus F.J. Schröder Juweliere, das zwischen 1906 und 1908 durch den Architekten Georg Rathenau errichtet wurde. Ein paar Schritte weiter findet sich eine weitere in Stein gemeißelte Inschrift, auf der es heißt: Erbaut 1935 / Architekt Jürgen Bachmann.

Weitere Restaurants, Hotels und Läden folgen auf beiden Seiten: Bei Otito gibt es vietnamesische Küche, bei La Donna Eis, bei Dan Nails kann man sich die Nägel machen lassen – nachdem oder bevor man bei der Ziraat Bank war?

Zur Straße hin fordert ein Schild Tempo 30 zur Luftreinhaltung und ein weiteres informiert darüber, dass hier (in Form zweier Kameras) eine Verkehrserhebung vorgenommen wird, bei der die Fahrzeugflotten analysiert und die Kennzeichen erfasst werden.

Direkt daneben gibt es einen offenen Durchgang zum Innenhof, in dem ein altertümliches Klettergerüst in einem leeren Sandkasten steht und darauf verweist, dass es sich bei diesem Block um ein Wohnhaus aus DDR-Zeiten handelt. Zurück auf der Straße verkündet ein blau beklebtes Schaufenster, dass ab Frühjahr 2022 der Humanistische Verband Deutschlands Begleitung bei den wichtigen Übergängen des Lebens anbieten wird. Gegenüber locken Rewe und notebooksbilliger.de mit Angeboten.

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Ab hier verändert sich das Gesicht der Leipziger Straße massiv, denn zu beiden Seiten der ab hier vierspurigen Straße stehen Wohnblöcke, die zwischen 1969 bis 1982 errichtet wurden. Während die Nordseite mit 14-geschossigen Gebäuderiegeln entlang der Straße bebaut wurde, sind zur Südseite die 23- bis 25-geschossige Wohnhochhäuser quer zur Straße hin ausgerichtet. Auf beiden Seiten gibt es in den „Funktionsunterlagerungen“ Geschäfte wie Mc Paper, Lidl und Tedi, Friseursalons, Thai-Massagen und alteingesessene Institutionen wie die Tiroler Stube, das Restaurant China City oder Vistel’s CelloMusikSalon. Zu ihnen gesellen sich in letzter Zeit vermehrt Coworkings-Spaces und Kunstorte wie Cee Cee Creative – a multidisciplinary agency with a focus an consulting, design, content and events, das Designlabel Mykilos, das sich auf Küchen, Möbel und Wohnaccessoires spezialisiert hat, die Projekräume Fragile (im ersten Stock der Nr. 63) und Scherben, in dem gerade eine Ausstellung von Markues und Michaela Meise mit dem Titel „Your horizon has limits even holes“ eröffnet hat. Direkt daneben in einem schmalen Raum, der früher zum Foyer der „striking GDR architecture“, wie es auf seiner Webseite heißt, gehörte, macht der Projektraum ITALIC an der Schnittstelle von Kunst und Musik schon länger Programm. Auch der Kunstverein Ost auf der anderen Seite bezieht sich in seinem Programm auf die DDR und ihre spezifische Architekur. Die Galerie Sweetwater, im April 2021 vom Kottbusser Damm hierhergezogen, ist dagegen vor allem wegen der hohen, betonrauen Räume und der kunstaffinen Nachbarschaft hier. Dazu gehört auch die Julia Stoschek Collection, die seit 2016 Ausstellungen mit zeitgenössischer Kunst zeigt. Sie kann damit fast als Pionierin gelten – und eine der ersten sein, die der von ihr mit angetriebenen Aufwertung der Leipziger Straße zum Opfer fällt. Die Sammlerin hat in Aussicht gestellt, den Standort Ende 2022, wenn der Mietvertrag mit der BIM – Bundesanstalt für Immobilienaufgaben ausläuft, zu verlassen – unter anderem wegen einer ihrer Verständnis nach unverhältnismäßigen Mieterhöhung.[1]

Auf der gegenüberliegenden Seite fallen die wuchtigen Spittelkolonnaden aus der Zeit. Das spätbarocke Schmuckbauwerk wurde 1776 errichtet und 1979 unter Verwendung alter Bauteile rekonstruiert, wobei auch ein Obelisk mit der Inschrift „historische Meilensäule von 1730“ wieder aufgestellt wurde. Es befindet sich auf dem heutigen Marion-Gräfin Dönhoff-Platz, der erst 2010 seinen Namen erhielt: „Die Bezirksverordnetenversammlung Mitte von Berlin beschloss 2010, den seit 1975 namenlosen Platz Marion-Gräfin-Dönhoff-Platz zu nennen. Mit der Umbenennung ist daher aus einem Exerzierplatz im Königreich Preußen ein ziviler Erinnerungsort des vereinigten Deutschlands geworden“, heißt es auf einem Infoschild.

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Am Ende der Straße, vor einem Neubau, das ein weiteres Motel One beherbergt, ziehen die charakteristischen DDR-Betonformsteine am „Sockel“ des Wohnblockes meine Blicke auf sich, die von Karl-Heinz Adler (1927–2018) und Friedrich Kracht (1925–2007) entworfen wurden. Ich bin damit nicht die einzige, denn neben mir findet gerade ein Fotoshooting statt und ich muss an die zwei Jugendlichen denken, die in den Spittelkolonnaden ein Tanzvideo gedreht haben. Es scheint, die Leipziger ist wieder zum urbanen Hotspot geworden, dabei hatte sich noch 2007 eine Interessengemeinschaft Leipziger Straße gegründet, die sich für „Erhalt und die Weiterentwicklung der Grünanlagen, die Beseitigung der Straßen- und Gehwegschäden wie auch die sichere Über- bzw. Unterquerung der Leipziger Straße“ einsetzt, und „den Leerstand, insbesondere auf der nördlichen Seite der Leipziger Straße, […] beendet wissen [will], um die Wohn- und Lebensqualität des Quartiers zu verbessern“.[2] So schnell (oder langsam) kann es gehen mit der Umwertung – mit all ihren Vor- und Nachteilen.

[1] Ingeborg Ruthe: Sammlerin Julia Stoschek will Berlin verlassen, https://www.berliner-zeitung.de/kultur-vergnuegen/sammlerin-julia-stoschek-will-berlin-verlassen-li.83263
[2] http://leipzigerstrasse.info/ueber-uns

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