Marina Naprushkina

Marina Naprushkina, geboren in Minsk/Belarus lebt und arbeitet in Berlin. Sie ist Künstlerin, hat an der Frankfurter Städelschule studiert, unterrichtet an der Weissensee Kunsthochschule/Berlin und stellt international aus. Sie hat verschiedene Initiativen gegründet, wie die Neue Nachbarschaft/Moabit, Refugees Library, oder das Büro für Antipropaganda. Aktuell leitet sie "institutions extended" für den Fachbereich Kunst und Kultur in Mitte.

„Nur die Verrückten glauben an ihre eigene geistige Gesundheit“

09.02.2021
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„Nur die Verrückten glauben an ihre eigene geistige Gesundheit“

"Lebt und arbeitet in Berlin" ist unsere neue Reihe, in der Künstler*innen miteinander sprechen. Das Format wechselt zwischen verschiedenen Genres, die die Künstler*innen jeweils wählen. Die Reihe ist Teil des Projekts Institutions Extended. Für diese Ausgabe trafen sich die Künstlerin Marina Naprushkina mit dem Dichter Christian Filips im Keller der Initiative "Neue Nachbarschaft/Moabit".

Marina Naprushkina: Anna-Liisa Seifart hat mal zu mir gesagt, wenn man dir auf der Bühne zuschaut, fragt man sich, ob es überhaupt irgendwas gibt, was du nicht kannst. Du schreibst, übersetzt aus allen möglichen Sprachen, machst Bühne und Regie, du spielst selber, singst und arbeitest mit Chören. Das wäre vielleicht nur halb so schlimm. Aber wie schaffst du es, das alles auch ineinander zu verzahnen und brandaktuell darzustellen?

Christian Filips: Aus der Innensicht stellt sich das alles natürlich ein bisschen anders dar. Ich starre wie alle auf die Defizite – und habe das Diktat zum Selbstoptimieren im Ohr. Aber wenn sie diese Fähigkeiten bei mir sieht (also da, wo ich sie nicht sehe), dann sieht sie darin doch vor allem auch ihre eigenen Potentiale. Hätte sie die Fähigkeiten nicht gesehen, wären sie wohl gar nicht da, also bei mir? Das ist das Schönste, wenn der Bühnenraum sich im wechselseitigen Hin- und Herschauen als ein potentiell unbegrenzter Raum von Projektionen erweist. Außerdem: Ich mache das alles ja nie alleine, sondern in Zusammenarbeit, im Moment gerade im Rosa Kollektiv, sonst aber auch mit der Schreibwerkstatt Wiese, mit der Unsichtbaren Stadt, mit anderen Übersetzer:innen. Antworten weiß man nicht, man macht sie…

Rosa Luxemburg hat mal geschrieben, Selbstkritik sei Frischluft. Aber richtigen Durchzug gibt es erst, wenn die Kritik durch die anderen einsetzt. Und auch Lob scheint mir irgendwie eine seltsam vergiftete Form von Kritik, weißt Du? Man lobt auch, damit die anderen für einen die Arbeit machen…„Oh, du machst das so toll!“ Kann ich weiterschlafen? Mich beruhigt das auch immer ungemein, wenn andere was Gutes machen und ich schlafen gehen kann.

MN: Deine aktuelle Produktion hat im Dezember 2020 begonnen, elf Folgen sollen es werden, gewidmet Rosa Luxemburg, zu ihrem 150. Geburtstag. Die Produktion sollte in der Volksbühne stattfinden. Jetzt sind es Filme, die wöchentlich online gehen. Die Folgen werden vom Rosa Kollektiv produziert, unter deiner Regie. Für die, die schnell einsteigen wollen, was soll man tun? (dass keine:r die Schriften von Rosa Luxemburg liest, das haben wir ja mit dir schon besprochen).

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Rosa Landwehrkanal – Folge 4 – Tote auf Urlaub! ©Rosa Kanal

CF: Vielleicht einfach den Rosa Kanal einschalten? Ich glaube, man kann sich die Sachen ansehen, ohne irgendwas von Rosa Luxemburg gelesen zu haben. Wo springt was an? Das Vertiefen kommt doch ganz von selbst, wenn das Denken einmal in Bewegung geraten ist. Und man kann ja jederzeit auch abschalten, sich ärgern, nachdenken und nächste Woche wieder dazu kommen, bei Schlaflosigkeit oder Traurigkeit oder in der nächsten Quarantäne. Am Schlimmsten finde ich die kleinbürgerliche Perspektive, die so tut, als müsse man „die Hintergründe“ erst kennen. Als verstünde man es nicht, weil da irgendein Geheimnis verborgen sei. Was jetzt nicht verstanden wird, erschließt sich vielleicht irgendwann. Oder es war eben nicht so wichtig und darf ruhig vergessen gehen. Ich glaube, es gibt keine Botschaft, die nicht ankommt.

Bildschirmfoto 2021-01-27 um 19.48.10.pngRosa Kanal – Folge 6 – Liebknechtportal – Die Stadtschlossdebatte ©Rosa Kanal

MN: Habt ihr euch im Moabiter Untergrund gut eingelebt? Wo und warum wird gerade dort gedreht?

CF: Ich bin sehr froh, dass wir in der Neuen Nachbarschaft drehen können, während sie ja zwangsweise geschlossen ist. Das nutzt den öffentlichen Raum, der da sonst ist, und hält vielleicht seinen Geist ein wenig am Leben. Außerdem fließen Steuergelder an die richtige Stelle zurück. Symbolisch finde ich es wichtig, dort zu drehen, weil es uns ja um selbstorganisierte Kollektivkörper geht. Schon in Armand Gattis Stück „Rosa Collectif“ aus den frühen Siebziger Jahren sind lauter Kollektive zu Gast, weil man an Rosa Luxemburg nicht durch ein Biopic erinnern kann. Es muss darum gehen, ihre Gedanken zu aktivieren.

MN: Dein Kollektiv besteht aus treuen Genossen*innen, mit denen du schon über die Jahre zusammen arbeitest: Maximilian Brauer, Susanne Bredehöft, Margarita Breitkreiz, Luise Meier, stefanpaul und andere. Ihr wechselt ständig die Rollen und Aufgaben, alle improvisieren und denken mit, entwickeln das Stück. Das Ergebnis ist wahrscheinlich nicht vorher festgelegt. Das Rosa-Kollektiv soll wachsen, es wird bis März gedreht, wer kommt noch alles dazu?

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Rosa Kanal -Folge 1: Erlöset Euch selbst!  ©Rosa Kanal

CF: Es ist eine paradoxe Grundsituation: Wir behaupten ein Kollektiv zu sein, aber wir drehen – ganz streng nach pandemischen Regeln – immer nur mit ein bis zwei Personen und auf Abstand. Zwei Haushalte. Nur im Schnitt entsteht der Eindruck, hier sei ein Kollektiv zugange. Aber durch die gemeinsame gedankliche Arbeit ist es ja doch auch ein Kollektiv. Auch wenn sich die meisten von uns noch nicht getroffen haben. Was die Frage nach dem Wachstum betrifft: Ich glaube, dass jede, die uns zuschaut, und ins Denken gerät oder sich zugehörig fühlt, bereits Teil dieser Gedankenarbeit ist. Es kommt nicht darauf an, wer zu sehen ist.

MN: Hätten wir Rosa heute zu uns auf die unterirdische Bühne in Moabit eingeladen, worüber hätte sie gesprochen? Was verschlafen die Parteigenoss:innen?

CF: Ich glaube schon, dass Rosa Luxemburg jede Woche auf dieser unterirdischen Bühne zu Gast ist. Man sollte die Mitsprache der Toten nicht unterschätzen. Die Ermordung im Jahr 1919 ändert nichts an ihrer Präsenz, im Gegenteil. Ihre Gedanken und die Widersprüche, die sie aufwirft, sind seitdem nicht aus der Welt zu schaffen. Zu ihren für mich produktiven Forderungen gehören: Internationalität im Denken, Analyse der ökonomischen Verhältnisse – jenseits von spaltender Identitätspolitik, das Pochen auf die Spontaneitätstheorie und den Gedanken einer permanenten Revolution und  die Forderung nach einer Einheit der linken Bewegungen (inklusive einer massiven Kritik an ihrer Partei, die bekanntlich nicht die Linke war, sondern die SPD).

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Rosa Kanal -Folge 2 – Ep. 1: Masse erwacht!  ©Rosa Kanal

MN: Wenn Susanne Bredehöft in einer Folge beim Telefonieren sagt: „Ich kann mich nicht selber retten, ohne zugleich alle anderen zu retten”. Oder Mariana Senne in Folge 5 sagt: „Frieden für alle oder für keinen.” Das klingt heutzutage plausibel, aber auch fast zynisch. Wir wissen doch alle, was los ist, wie schlimm Kapitalismus ist. Die Bilder aus dem Krieg, die Bilder aus brennenden oder im Wasser stehenden Zelten in Geflüchtetenlagern sehen wir jeden Tag. Wir brauchen dafür keine rosa-rote Brille. Ist der Kampf um Gerechtigkeit aufgegeben worden?

CF: Mir kommt es nicht zynisch vor, diese Widersprüche immer wieder aufzusagen. Wie ein Mantra. Es sind ja verzweifelte Sätze, nicht? Jemandem dabei zuzuhören, wie er das aufsagt: Hilft das vielleicht, das Training der Ohnmacht, das du beschreibst, zu unterbrechen? Ich finde es vor allem wichtig, auch diese Sätze in ihrer konkreten Allgemeinheit aufzufassen. Was Susanne in der Szene sagt, richtet sich gegen den Glauben an eine Erlösung durch sich selbst, den Glauben an ein absolutes Ich, das sich selber setzt. Das richtet sich gegen eine ganze europäische Denktradition. Und der Satz, den Marianas Figur sagt, zielt darauf ab, dass – wie Rosa Luxemburg immer wieder ausführt – der Kapitalismus notwendigerweise Kriegs-Szenarien in seiner scheinbaren ‘Peripherie’ auslöst. Es gibt aber keine Peripherie. Das ist nur eine Frage der Perspektive. Es gibt ja auch eine Solidarität der Hilflosen: Die eigene Verzweiflung einander zu erzählen – das scheint mir kein zynischer Eskapismus, sondern ein offener, nicht ökonomisch codierter Raum.

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Rosa Kanal – Folge 5: Zizzi-Bäh! Zwi-Zwi! – Die Internationale der Meisen ©Rosa Kanal

MN: Wie entstehen eure Drehbücher?

CF: Ein Drehbuch gibt es nicht vorab. Es gibt für jede Folge eine Datei, die wir ‘Textmasse’ nennen. Sie wird von Luise Meier und mir zusammengestellt und geht ein bis zwei Tage vor dem Dreh an die Spielerinnen und Spieler raus. Dann suchen sie sich selber aus, womit sie was anfangen können. Etwas, das sie aktiviert. Und der Rest entsteht im Schnitt.

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Rosa Kanal – Folge 5: Zizzi-Bäh! Zwi-Zwi! – Die Internationale der Meisen ©Rosa Kanal

MN: Werden wir, die Weißen, auf unsere Privilegien verzichten?

CF: Das ist eine Frage, die Marianas Figur in der Meisenfolge aufwirft. Bei ihr führt das zu einer Radikalisierung, die Gewalt als Form der Reparation zu legitimieren beginnt. Das Wort „Privileg“ kommt ja aus dem römischen Recht und benennt ein „Ausnahmegesetz“ für eine bestimmte Klasse. Etwas in mir sträubt sich, biologische oder ethnologische Kategorien anzuwenden. Das ist eine Strategie, der sich auch faschistische Denkweisen immer wieder bedienen. Ich halte es für wichtiger, die ökonomische Klassenfrage nicht aus den Augen zu verlieren. In diesem historischen Sinn glaube ich, dass diese Einzelnen ihre Klassenprivilegien verlieren werden. Das Überleben aller hängt davon ab.

MN: Man kann sich hinter der Ideologie nicht mehr verschanzen, weil das Leben eine klare Sprache spricht. Was bringt uns voran? Wir wollen keine Dialektik, wir haben keine Geduld mehr.

CF: Welches ‚’Wir’ meinst Du? Ich fühle mich da nicht sofort eingeschlossen. Ich denke zum Beispiel nicht, dass das Leben eine ’ klare Sprache’ spricht. Auch nicht die Sprache der Ökonomie. Gerade weil es nicht die Sprache der Ideologien spricht. Es bleibt immer ein offener Rest, ein Geheimnis. Aus dem Zwi-Zwi, dem Zwiespalt der Meisensprache, der Dialektik, dass es die Anderen gibt, die es anders sehen, gibt es zum Glück keinen Ausweg. Ich glaube, es gilt das auszuhalten. Aber eben auch darum, die anderen als die anderen anzuerkennen.

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Rosa Kanal -Folge 3: Die Spartakuswoche! ©Rosa Kanal

MN: Man kann das Leben nicht mehr aushalten, ohne eine Meise zu bekommen. Die Verrückten sind die Ehrlichsten. Und ihr wollt Rosas Gedankenblitze verbreiten.

CF: „True neurosis is not necessary an illness, but it shows that life itself is difficult“, schreibt der Psychoanalytiker Donald Winnicott. Und das bedeutet eben: Wir haben alle eine Meise. Rosa Luxemburg hatte ganz sicher auch eine. Und das gesteht sie ja selber ein, wenn sie schreibt, die Blaumeisen stünden ihr weitaus näher als ihre Genoss:innen. Ich glaube, nur die wirklich Verrückten glauben an ihre eigene geistige Gesundheit. Lukaschenko zum Beispiel glaubt doch wirklich, er sei der Präsident von Belarus, oder? Und gerade darum hat er eine Meise.

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Rosa Kanal -Folge 2- Ep.3: Massenstreik in Belarus  ©Rosa Kanal

Christian Filips lebt als Dichter, Regisseur, Musikdramaturg in Berlin. Jugoslawisch-kölscher Herkunft. Zwischen 2000 und 2007 Studien der Literatur, Philosophie, Musikwissenschaft in Brüssel und Wien. 2001 Rimbaud-Preis des Österreichischen Rundfunks. Seit 2006 Programmleiter der Sing-Akademie zu Berlin. Seit 2013 Inszenierungen von Opern, Volkstheaterstücken, sozialen Plastiken, die u.a. am Haus der Berliner Festspiele und im Stadtraum von Mumbai zu sehen waren. An der Volksbühne inszenierte er 2015 DIE BISMARCK, mit Sophie Rois als Reichskanzlerin und einem Parforce-Jagdhornensemble aus Taucha/Sachsen. Die literarischen Texte erscheinen beim Schweizer Verleger Urs Engeler, Schupfart. Zuletzt: HEISSE FUSIONEN, Beta-Album. Gedichte und Analysen zur poetischen Ökonomie, 2007-2018, roughbook, Juli 2018.

Rosa Kollektiv Oder: Aktiviere dein inneres Proletariat
Von Luise Meier nach Armand Gatti, Rosa Luxemburg und Rosa Kollektiv
Produktion: Bálint von Berg, Maximilian Brauer, Susanne Bredehöft, Margarita Breitkreiz, Christian Filips, Felix Hielscher, Johannes Jost, Luise Meier, Steve-Léo Mekoudja, Mariana Senne, stefanpaul, Carlotta Schuhmann, Isa Schulz, Konrad Walkow, Sabine Zielke, Daniela Zorrozua und Gäste.
Die Folgen erscheinen jeden Donnerstag um 18 Uhr HIER

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