Ministerium für Mitgefühl

Die Stadt und das Mitgefühl ist der Titel dieser Reihe, die in vier Beiträgen das Mitgefühl im Hinblick auf Stadt und Stadterleben befragt. Das Ministerium für Mitgefühl – ein Kollektiv von Autorinnen und Künstlerinnen, das empathisch Widerstand leistet: gegen die Verrohung der Sprache und soziale Kälte – spricht  mit Menschen in Kiew, Moskau, London und Berlin - kurzum - jenseits des Tellerrands –, befragt sie nach ihrem Erleben und macht ihre Stimmen lesbar. Es entstehen chorische, mehrstimmige Stadtportraits aus den Gegenwarten der jeweiligen Stadt und spiegeln nach Berlin zurück, was hier kaum Erwähnung findet. Die eigene Stadt gewinnt in der Distanz an Dimension, der Referenzrahmen wird weiter. Die Reihe erscheint im Rahmen von institutions extended.

Stadt und Mitgefühl

07.09.2021
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Foto © Svenja Viola Bungarten
Foto © Svenja Viola Bungarten

Die Stadt und das Mitgefühl ist der Titel dieser Reihe, die in vier Beiträgen das Mitgefühl im Hinblick auf Stadt und Stadterleben befragt. Das Ministerium für Mitgefühl – ein Kollektiv von Autorinnen und Künstlerinnen, das empathisch Widerstand leistet: gegen die Verrohung der Sprache und soziale Kälte – spricht mit Menschen in Kiew, Moskau, London und Berlin - kurzum - jenseits des Tellerrands –, befragt sie nach ihrem Erleben und macht ihre Stimmen lesbar. Es entstehen chorische, mehrstimmige Stadtportraits aus den Gegenwarten der jeweiligen Stadt und spiegeln nach Berlin zurück, was hier kaum Erwähnung findet. Die eigene Stadt gewinnt in der Distanz an Dimension, der Referenzrahmen wird weiter. Die Reihe erscheint im Rahmen von institutions extended.

Von Berlin aus öffnet sich die Welt in meinen Zoom-Gesprächen mit Doïna und Iman. Während ich verbunden mit Berlin in London gelebt habe, bringen Doïna und Iman ihre Verankerung aus Bukarest und Dubai mit in unsere Konversation. Wir sind in den Abendstunden unserem Verhältnis zu Mitgefühl und Stadt nachgegangen. Gespräche mit zwei Menschen, die beide in London leben und, wie ich, aus anderen Städten nach London gezogen sind und im Dazwischen sprechen. Ein Text zwischen Berlin, London, Bukarest, Dubai.

Gibt es eurer Meinung nach einen Unterschied zwischen Empathie und Mitgefühl?

Doïna: Der einzige Unterschied, den ich ausmachen könnte, wäre, dass man sich im Mitgefühl zu dem anderen herablässt, um deren Gefühl zu verstehen, während man mit Empathie wirklich das fühlt, was der andere fühlt. Mitgefühl bedeutet nicht, dass du ein Gefühl teilst, sondern die Arbeit machst, um etwas zu verstehen, das du selbst nicht durchmachst.

Iman: Ich glaube Empathie ist, wenn man versucht, die Situation von jemandem zu verstehen, egal ob es eine gute oder eine schlechte Sache ist, es ist normalerweise eher mit etwas Negativem oder Traurigem verbunden, bei dem man das Gefühl hat, Empathie für jemanden zu haben. Beide Begriffe unterscheiden sich meiner Ansicht nach durch ein gewisses Maß an Distanz. Wenn man also Empathie empfindet, versucht man, sich in der Position des anderen zu sehen, aber man löst sich damit von der eigenen Position. Während wenn es Mitgefühl ist, ich das Gefühl habe, dass man da ist, aber man fühlt auch mit dem anderen, aber man verlässt seine Position nicht. Wenn ich Mitgefühl empfinde, fühlt es sich tiefer und verletzlicher an, ich würde sagen, das wäre der Hauptunterschied zu meinem Verständnis und meiner Resonanz auf Empathie und Mitgefühl.

Meint Mitgefühl für andere, Mitgefühl mit sich selbst haben zu können?

Iman: Die Leute sagen das und ich verstehe warum. Aber ich würde nicht unbedingt sagen, dass das wie eine Klausel ist, so wie ‚man kann jemanden nur lieben, wenn man sich selbst liebt‘. Ich glaube, diese beiden Dinge können auf parallelen Ebenen passieren, ich glaube, man hat es vielleicht perfektioniert, wenn man es zuerst auf sich selbst und dann auf andere Menschen anwenden kann. Aber diesen Grad an Zen und emotionaler Reife muss man durch Schwierigkeiten erreichen.

Doïna: Mir fällt nur eine Situation ein, in der ich Mitgefühl mit mir selbst habe: Wenn ich in einem dissoziierten Zustand bin und beginne, mit mir selbst zu sprechen. Ich stimme nicht unbedingt mit mir selbst überein, aber ich fange an, mit mir selbst zu sprechen, zu debattieren. Es ist, als ob man zwei verschiedene Menschen wäre. Wenn ich mich selbst als den anderen behandle, kann ich mitfühlend zu mir sein. Gestern sah ich mich im Spiegel an und schaute mir tief in die Augen und versuchte, tief in mich zu greifen und mir zu sagen, dass alles in Ordnung ist und ich mir keine Sorgen machen muss. Ich glaube Mitgefühl entsteht erst durch die Diskussion mit mir selbst.

Wer hat dir Mitgefühl beigebracht?

Doïna: Ich habe es von meiner Tagesmutter gelernt. Später stellte sich leider heraus, dass sie Rassistin war. Es ist blöd, dass es ausgerechnet sie war, die mir Mitgefühl beigebracht hat aber es ist so. Sie hat sich um meine Mutter gekümmert und hatte eine Großzügigkeit an sich, die ich als Kind sonst bei niemandem gesehen habe. Natürlich habe ich erst im Erwachsenwerden gemerkt, wo ihr Mann und sie politisch stehen. Das war schwierig für mich zu verstehen, wie man so großzügig sein kann zu denen, die einem nahe sind, und dann nicht zu jenen, die etwas weiter weg stehen.

Iman: Einige meiner frühesten Erinnerungen, Punkte im Leben, haben immer mit Tieren zu tun, die damit zu tun haben, sich die Hände schmutzig zu machen, also sich buchstäblich die Hände schmutzig zu machen. Ich glaube, dass dort meine Gefühle geboren wurden. In gewisser Weise vermute ich, dass ich da angefangen habe, mich in meinen Fähigkeiten und meiner Art zu denken und zu verhalten, kognitiv zu fühlen. Ich war in meiner Kindheit zum Beispiel sehr stark mit Katzen verbunden, die waren meine Anspiel-Partner. Ich habe auch eine sehr tiefe Erinnerung daran, dass ich im Sommerurlaub in Bulgarien war und es regnete und alle Schnecken kamen raus und haben sich über die Straße bewegt. Ich war damals so besorgt, dass die Leute darauf treten würden. Also bin ich nachts mit einer Fackel hingegangen und habe jede einzelne mitgenommen, die ich finden konnte, ich sammelte sie in einer Tüte und brachte sie zurück in den Wald. Und ich erinnere mich, dass ich als zu sensibel bezeichnet wurde, zu weich. Ja, ich erinnere mich, dass ich als Kind immer zu sensibel genannt wurde. Und ich weiß nicht, ob es etwas damit zu tun hatte, dass ich Mitgefühl für bestimmte Dinge zeigte.

Kann Mitgefühl gelernt werden oder ist es eine Gabe?

Doïna: Ich kann definitiv spüren, dass jeder Mitgefühl anwenden kann, man muss nur in der Lage sein, in einer Umgebung zu existieren, die es einem erlaubt, dieses Gefühl zu lernen, aber auch zu empfangen. Weißt du, wenn du nie Mitgefühl bekommst, wie sollst du es geben?

Iman: Ein Geschenk oder Werkzeug denke ich. Aber das würde wohl jeweils anders funktionieren. Das soll nicht heißen, dass das eine besser wäre als das andere. Aber das würde bedeuten, dass die Reise, die einen zum Erleben von Mitgefühl als Geschenk oder als Werkzeug bringt, jeweils eine andere sein würde.

Grenzen deines Mitgefühls:

Iman: Ich würde sagen, ich würde meine Gefühle auf Empathie beschränken. Wenn ich das Szenario verwende, in dem Empathie ein Schritt vor Mitgefühl ist, würde ich Mitgefühl nicht auf Menschen ausdehnen, die mir nicht wirklich wichtig sind. Vielleicht ist das eine Grenze, aber vielleicht auch nicht, weil wir diese Loyalität oder dieses Mitgefühl vielleicht nicht den Leuten schulden, die nicht ‚unsere Leute‘ sind. Aber wer sind ‚unsere Leute‘?

Gegenüber wem ist London mitfühlend?

Doïna: Ich würde sagen, London ist mitfühlend gegenüber Menschen, die sich der Stadt gerne lange Zeit widmen, etwa beruflich. Und sogar in Bezug auf die Familie habe ich das Gefühl, nicht zu wissen, ob es mitfühlend ist, weil ich keine Familie in London habe. Und es ist auch so eine teure Stadt, ich habe das Gefühl, dass es so viele Grenzen gibt, um London zu genießen. Es ist eine sehr harte Stadt. Es ist nicht so, dass London dir Zeit gibt. Nein. Du bist diejenige, die London Zeit geben muss. Und weil es nicht so zugänglich ist, ist es für die meisten Menschen nicht so mitfühlend. Mitgefühl kommt für mich mit zweiten Chancen. London gibt dir eher keine zweite Chance.

Iman: London ist mitfühlend gegenüber Menschen, die versuchen wollen, ihren Platz zu finden. Es ist nicht unbedingt mitfühlend gegenüber Menschen, die bereit sind, sich diesen Platz zu erkämpfen, denn dann wird es schwierig und es gibt kein Mitgefühl. Da geht es ganz schnell nur noch um Survival of the Fittest. Und der Stärkere bedeutet nicht: Fähigkeiten, sondern die Situation aus der er kommt. Und manchmal hat man Pech. Und manchmal hat man Glück. Und manchmal ist es wirklich nur Glück und keine Ressourcen.

Gegenüber wem ist Bukarest mitfühlend?

Doïna: Gestern war ich in Bukarest auf dem Heimweg. Und ich trug ein Kopftuch. Es war wirklich sehr lang und es hat einige Perlen. Ich sah einer Romn*ja sehr ähnlich, was für die Menschen denen ich begegnete anscheinend schon Anlass genug war sich berechtigt darin zu fühlen diese Community  anzugreifen, indem sie mich beleidigten. Und zwei Leute, an denen ich vorbeiging, sagten eine Beleidigung, und ich dachte: Verdammt, das ist verrückt. Ich laufe einfach so. Und später wieder, da sagte jemand, der gerade telefonierte, die Beleidigung zu mir. Die Einwohner dieser Stadt haben definitiv null Mitgefühl für diese Gemeinschaft, das ist sicher. Und das auf jeden Fall, auch gerade, weil sie ausgeschlossen werden von der Architektur, und sogar im öffentlichen Raum beleidigt werden. Ich habe also das Gefühl, dass die Bukarester es vielen Leuten schon super unangenehm machen. Rom*nja werden dort nie eine zweite Chance bekommen, weil sie gar keine erste hatten. Ich habe definitiv das Gefühl, dass Bukarest auch nicht mitfühlend mit Leuten ist, die immer noch an den Kommunismus glauben. Wegen der Vergangenheit. Das ist eine sehr seltsame Dynamik die entsteht, wenn man so etwas öffentlich sagt. Für viele dort ist es wie ein Schlag ins Gesicht, das zu sagen. Aber es wird sowieso wenig offen gesagt. Als ich zum Beispiel zum ersten Mal auf einer queeren Veranstaltung war, war ich überzeugt, dass es in Bukarest ja eine riesige Szene gibt. Aber als ich dann in der Stadt auf die Suche ging, fand ich nichts. Ich musste erst im Internet gezielt suchen. Man weiß entweder, was wo ist, oder man weiß es nicht. Ich denke, in der Hinsicht ist Bukarest mitfühlender für Menschen, die heteronormativ sind. Mehr noch als London. London ist auch sehr heteronormativ, obwohl es eine große Szene hat. Auch Homosexuelle können heteronormativ sein.

Gegenüber wem ist Dubai mitfühlend?


Iman: Dubai ist wie eine einzige riesige Karotte. Was auch immer du willst, Dubai hat es. Aber die Stadt ist wie ein kurzer Brand. Man kann dort viel Geld machen und irgendeinen Lifestyle pflegen, wenn es das ist, was man sucht. Manche finden es befriedigend, wenn sich ihre Arbeit in etwas materialisiert. Die Stadt ist also getrieben von Konsum und Materialismus und es ist hauptsächlich eine Fassade. Manchmal ist diese Fassade auch mitfühlend. Aber nur für kleine Momente von Versprechen. An einem Tag bist du drin, am andern draußen. Dubai ist kein Ort, der einem dient, man dient Dubai. Manche Leute genießen es, Dubai zu dienen. Natürlich aus weniger mitfühlenden Motiven. Also Dubai ist nicht mitfühlend.

Kannst du einen Unterschied feststellen zwischen Empathie und Solidarität?

Doïna: Wenn ich einem Mann von einem sexuellen Übergriff erzähle und er sagt, ich fühle mit dir, dann verstehe ich, was er meint. Aber er wird nie wissen, wie es ist, als Frau missbraucht zu werden, also wünsche ich mir von ihm eher Solidarität als Empathie. Außerdem sind nicht alle Menschen zu Empathie fähig, weswegen sie vielleicht lieber aufgrund von Prinzipien solidarisch sind.

Iman: Empathie ist passiv, weil es bei der Emotion bleibt. Solidarität ist aktiv, weil man handeln muss um Solidarität zu zeigen.

Wie sieht für dich eine Stadt aus, die das Mitgefühl fest in ihren Strukturen verankert hat?

Doïna: Eine Stadt, in der man seine Rechte geltend machen kann, obwohl diese manchmal unmoralisch erscheinen. Zum Beispiel wäre es eine Stadt, in der man Drogen frei nehmen kann, auch wenn es eine Droge wäre, die einen töten kann. Die Menschen in meiner Stadt hätten zumindest Zugang zu einem sicheren Ort, wo Sie das tun können. Es ist besser, es richtig zu machen, als es falsch zu machen. Ich kann verstehen, dass wir nicht unbedingt wollen, dass die Leute auf der Straße oder auch in den Wohnungen alle einmal pro Woche Heroin nehmen. Aber es wäre eine Stadt, in der das ginge, für die die es brauchen. Und es wäre auch eine Stadt, in der es ein verdammtes Telefonbuch gäbe für Leute, die einfach nur kostenlos ein Festnetz anrufen wollen, um Hilfe zu bekommen. Es wäre eine Stadt, in der man, selbst wenn man alleine ist, sehr leicht auf Räume zugreifen kann. Für alles, was gebraucht wird. Ich denke, das wäre eine Stadt des Trostes und des Mitgefühls.

Iman: Wenn das Gegenteil von Mitgefühl Materialismus ist, dann wäre eine mitfühlende Stadt orientiert an Sentimentalem. An der Herstellung von Gefühlen, die man noch nie vorher gefühlt hat. Mitfühlende Orte sind in meiner Vorstellung auch: sicher. Dann ist die Frage, für wen. Und ich glaube, dass auch das Konzept von Staatsbürgerschaft eine Stadt oder einen Staat mitfühlend oder kalt machen. Wenn man Migrant*innen als Nicht-Staatsbürger*innen klassifiziert, dann macht das einen Ort kalt. Ich will nicht sagen, dass wer Migrant*innen in seine Stadt oder seinen Staat lässt, mitfühlend ist. Ich meine, das ist ja wohl das Mindeste. Aber es ist ganz bestimmt nicht mitfühlend, das zu verweigern. Eine mitfühlende Stadt hat Chancen zu vergeben.

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