Anna-Lena Wenzel

Dr. Anna-Lena Wenzel* ist Autorin und Künstlerin. Nach ihrem Studium der Angewandten Kulturwissenschaften in Lüneburg promovierte sie über „Grenzüberschreitungen in der Gegenwartskunst“. Sie betreibt das Online-Magazin 99 % Urban und den Radiosalon für Alltägliches und ist in unterschiedlichen kollektiven Zusammenhängen unterwegs.

Stetig wachsender, selbstorganisierter Stimmenverstärker

05.12.2023
Screenshot Cashmere Radio (www.cashmereradio.com)

Starke Stimme ist eine Reihe über Publikations- und Medienformate, die in Berlin-Mitte ansässig sind oder hier entwickelt werden. In dieser Folge stellen wir Cashmere Radio vor, eine freie Radiostation, die online und am Wochenende auf der UKW-Frequenz 88,4 einen breit gefächerten Mix aus Musik-, Sound- und Sprechsendungen ausstrahlt.

Betritt man den niedrigen lang gezogenen Raum, steht man sofort mitten drin im Studio/ Wohnzimmer/ Arbeitsraum von Cashmere Radio. Weil der ganze Boden mit Teppichen ausgelegt ist, wird man zunächst einmal aufgefordert, die Schuhe auszuziehen. Obwohl der Raum an sich übersichtlich ist, dauert es etwas, bis man sich orientiert hat: zur linken Hand ein Schuhregal, rechts ist ein erstes Studio durch eine mobile Architektur abgetrennt. In der Mitte des Raumes befinden sich mehrere Sofas und Sitzkissen sowie ein Tresen mit Getränken, im hinteren Teil schaut man auf das zweite Studio, das die Betreiber*innen von Cashmere Radio hier eingebaut haben. Alles sieht etwas improvisiert und gemütlich aus. Man spürt schnell, dass es sich nicht nur um einen Raum zum Arbeiten, sondern auch zum gemeinsamen Abhängen, Hören und Austauschen handelt. 

Giacomo Gianetta begrüßt mich und bietet mir sogleich etwas zu trinken an. Giacomo hat den Sender 2015 zusammen mit zwei Freunden (Matteo Spanò und Edoardo Calgari) in Lichtenberg gegründet und ist heute Vereinsvorsitzender. Nach sechs Jahren mussten sie das dortige Studio verlassen und fanden zunächst für neun Monate in der Gerichtstraße eine neue Bleibe, von wo sie im Februar 2023 in die Koloniestraße weiterzogen. Hier haben sie einen längerfristigen Mietvertrag, so dass die zeitraubende und unruhestiftende Suche erstmal ein Ende hat.

Studio Cashmere Radio, Foto: Anna-Lena Wenzel
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Studio Cashmere Radio, Foto: Anna-Lena Wenzel
Studio Cashmere Radio, Foto: Anna-Lena Wenzel
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Studio Cashmere Radio, Foto: Anna-Lena Wenzel
Kunst im Studio von Cashmere Radio, Foto: Anna-Lena Wenzel
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Haben sie am Anfang alle zwei Wochen Dienstags gesendet, sind stetig mehr Sendetage dazugekommen. Inzwischen geht Cashmere täglich auf Sendung und kommt auf fast 100 Radioshows im Monat. Auf der Webseite werden alle Radioformate vorgestellt und archiviert, klickt man sich durch das Programm finden sich so unterschiedliche Kategorien wie Avant-Garde / Arts & Culture / Art-Rock / Balearic / Collage / Deep House / Downtempo / Dub / Electronic / Experimental / Field Recording / Free Jazz / House / Improv / Jazz / Middle East & North African / Poetry / Pop / Post-punk / Punk Rock / Regional u.a. Sie vermitteln einen Eindruck des vielschichtigen Programms, das bei Cashmere gesendet wird. Neben Musiksendungen gibt es auch Talkformate und Live-Konzerte. Sie tragen so vielversprechende Namen wir Bedtime Stories, Fantasy Fiction oder Desintegrationskurs. Mit GAS, oder eine kontinuierliche Reise in zehn Entgleisungen wird gerade ein neues Format erprobt, das über 10 Monate läuft. Es ist ein experimenteller Kollektivroman, geschrieben von 10 Autor*innen, der neben Radiosendungen auch Publikationen umfasst.

Wer eine Radiosendung beitragen möchte, muss allerdings Mitglied des Vereins sein. Cashmere versteht sich demnach nicht als Dienstleister, sondern ist eine partizipative Struktur, die von den Mitgliedern getragen wird. Statt einer Aufnahmeleitung gibt es eine Anleitung zum Selberproduzieren. Die Idee ist, dass die Arbeit aufgeteilt wird und die Strukturen möglichst flach sind. Neben den 150 Vereinsmitgliedern gibt es einen 5-köpfigen Vorstand, einen 8- köpfigen Beirat und mehrere Arbeitsgruppen, die sich z.B. um den Newsletter, die Buchhaltung oder um Antragstellungen kümmern. Zweimal im Jahr gibt es eine Mitgliederversammlung, auf der Grundsätzliches abgestimmt wird. Über die zahlreichen (Kooperations-)Anfragen entscheidet ein 25-köpfiger Programmzirkel.

Die Finanzierung ist ein großes Thema. Denn mit der gewachsenen Struktur sind auch die Ausgaben gestiegen. Vieles kann durch ehrenamtlichen Einsatz abgedeckt werden, doch das gilt nicht für Fixkosten wie Miete und Strom oder Technik-Anschaffungen. Förderungen wie die Auszeichnung künstlerischer Projekträume und -Initiativen, die sie 2020 bekommen haben, oder die Basisförderung der Senatsverwaltung für Kultur und Europa für das 2-jährige Programm Radio as Social Sculpture sind daher elementar, um den Betrieb am Laufen zu halten.

Giacomo erzählt, dass sie in den letzten Jahren sogar eine Person als Studiomanagerin bezahlen konnten, was eine große Erleichterung war, um den erheblichen organisatorischen Aufwand zu stemmen, den es bedeutet, das Studio und das Programm permanent am Laufen zu halten. Zusätzlich gibt es immer wieder Kooperationen mit Institutionen wie dem HKW, der ifa-Galerie, Cittipunkt oder der Galerie Ebensperger, die Sendezeiten nutzen oder mit denen gemeinsam Formate entwickelt werden und die diese querfinanzieren. 

Cashmere Radio ist also auch ein großes Netzwerk, wovon die 14.300 Follower auf Instagram zeugen. Gibt es einige Beitragende, die seit der ersten Stunde dabei sind, produzieren andere nur wenige Sendungen und steigen dann wieder aus. „Die aktiven Mitglieder sind zwischen 18 und 85 Jahre alt“, sagt Giacomo. Dabei trifft die Absolventin vom Bard College auf den Musiker aus der Nachbarschaft, Soundkünstler*innen, die mit Giacomo Sound-Studies an der UdK studiert haben, arbeiten mit Autodidakt*innen und Aktivist*innen. Was sich andere Institutionen über Outreach-Programme mühsam erarbeiten, ist hier durch die offene Form und die Offenheit der Macher*innen wie von alleine entstanden. 

Zum Abschluss frage ich Giacomo nach den Pläne für das nächste Jahr. Er berichtet von Signal2Noise, einem großen internationalen Radio-Festival im Silent Green im Herbst 2024, für das es bereits eine HKF-Förderung gibt. Dann erzählt er von den vielen Ideen, die er hat, um sich noch stärker mit der Nachbarschaft zu verbinden. Zwar gebe es schon Kooperationen, zum Beispiel mit der Stephanus Kirche im Rahmen des Musikfestivals Panke Parcours, doch würde er diese gerne noch ausbauen und zum Beispiel Workshops im Oberstufenzentrum Informations- und Medizintechnik anbieten, das sich ebenfalls in der Koloniestraße befindet. Das Studio soll sich auf jeden Fall weiter als Vernetzungs- und Treffpunkt etablieren. Vielleicht sei es ein naives Projekt voller Hoffnung, sagt Giacomo, das auf Geben, Schenken, Vorleben aufbaut. Auf mich wirkt es mit seiner experimentellen wie inklusiven Haltung nicht naiv, sondern im besten Sinn idealistisch. 

Das „Cashmere Radio“ kann rund um die Uhr auf der Seite www.cashmereradio.com gehört werden. Freitag ab 21 Uhr bis Samstag um 11 Uhr sendet es sein Programm auch auf der UKW-Frequenz 88,4.

Das Format „Live from Wedding“, bei dem das Studio offen ist, ist jeweils Dienstags, Samstags und zwei Mal im Monat Donnerstags.

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