Maike Brülls

Maike Brülls arbeitet als Journalistin in Berlin. Sie hat Kulturjournalismus studiert. Ihre Texte sind unter anderem in der taz, bei VICE, ZEIT Online, DUMMY und MISSY erschienen. Außerdem arbeitet sie an Videos für verschiedene Formate des funk-Netzwerks.

Von Rot zu Rosa

15.01.2019
Am Landwehrkanal erinnert dieses Denkmal an die ermordete Marxistin. Foto: Manfred Brückels

Rosa Luxemburg ist im öffentlichen Raum Berlins so stark vertreten wie kaum eine andere Frau. Doch das Andenken hat sich in all den Jahren verändert.

Dieser Tage ist sie überall. Man begegnet ihr bei Lesungen, bei Podiumsdiskussionen, in einer ganzen Konferenz oder im Kino: Rosa Luxemburg. Am 15. Januar jährt sich der Todestag der Marxistin und Friedensaktivistin zum hundertsten Mal und Berlin quillt über vor Veranstaltungen, die ihrer gedenken oder sich mit ihrem Leben und ihrem Werk auseinandersetzen.

Doch nicht nur jetzt ist sie präsent. Bei einem Spaziergang durch die Stadt trifft man immer wieder auf sie, auf die Versatzstücke ihres Lebens, auf bestimmte Ereignisse und prägende Momente. Eine Straße, eine U-Bahn-Haltestelle, ein Platz und ein Steg sind nach ihr benannt, es gibt Gedenkplatten und Denkmäler. Rosa Luxemburg ist in die Stadt eingelassen wie die Stolpersteine in Berliner Gehwege.

Erinnerungskultur – das ist ein wissenschaftlich-theoretischer Begriff, der in einer geschichtsträchtigen Stadt wie Berlin eine wichtige Rolle spielt. Welche Personen oder Ereignisse sind für die gesellschaftliche Identität, für das kulturelle Erbe so relevant, dass ihrer gedacht oder gemahnt werden soll? Womit identifizieren sich die Bürger*innen einer Stadt? Wie lebensnah diese Debatte ist, zeigt das aktuelle, ganz praktische Bestreben, einige nach Kolonialisten benannte Straßen im Wedding umzubenennen. Wem in der Stadt welcher Raum zusteht, ist ein Politikum.

Nun kann man sich vorstellen, wie schwierig es ist, Denkmäler aufzustellen, mit denen alle einverstanden sind. Umso spannender die Beobachtung, wie häufig ausgerechnet eine Marxistin wie Rosa Luxemburg, deren Gedenken noch 2008 für den Verfassungsschutz als „Traditionselement des deutschen Linksextremismus“ (PDF) galt, im öffentlichen Raum vertreten ist. Was also verraten die Denkmäler über die Bedeutung jener Frau für die Stadt? Und wie hat sich das Erinnern in den letzten Jahrzehnten verändert?

Gedenkzüge bis heute

Ihr Leichnam war noch nicht gefunden, da begann schon das Erinnern an Luxemburg. Ein Grab wurde ausgehoben für sie, direkt neben dem von Karl Liebknecht auf dem Friedhof in Friedrichsfelde. Noch zu Zeiten der Weimarer Republik begannen Demonstrationszüge dorthin, 1926 wurde das Revolutionsdenkmal von Architekt Mies van der Rohe errichtet. Zur Zeit des Nationalsozialismus wurde es zerstört. Wie wichtig die Erinnerung an die ermordete Revolutionärin ihren Anhänger*innen war, zeigt eine Anekdote, die der französische Historiker Gilbert Badia in einem Aufsatz schildert: „Wilhelm Pieck, der am 15. Januar 1919 zusammen mit Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg festgenommen worden und wie durch ein Wunder den Henkern entkommen war, machte sich nach seiner Rückkehr aus dem Exil 1945 an die Wiederherstellung der Grabmäler.“ Piecks Provisorium folgte ein Denkmal am Eingang des Friedrichsfelder Friedhofs. Bis heute finden am Todestag von Liebknecht und Luxemburg Gedenkzüge dorthin statt.

Bei diesem Denkmal – das deutete dieser Text schon an – blieb es aber nicht. 1947 wurde der Platz vor der Volksbühne in „Luxemburgplatz“ umbenannt, 1969 in „Rosa-Luxemburg-Platz“, 2006 wurden die „Denkzeichen Rosa Luxemburg“ des Künstlers Hans Haacke, bestehend aus 60 Zitaten der Sozialistin, davor in den Boden eingelassen. An den Landwehrkanal in Tiergarten, in den Rosa Luxemburgs Leiche geworfen wurde, wurde 1987 ein Denkmal des Architektenpaares Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte erbaut, 1999 folgte eines des Bildhauers Rolf Biebl in der Torstraße. An den Ort des Verhörs in der Budapester Straße, an den der Inhaftierung in der Weinstraße, an den der Verhaftung in der Mannheimer Straße und an ihrem Wohnort in der Cranachstraße in Friedenau wurden Gedenktafeln aufgestellt oder -platten eingelassen. Und dann gibt es noch das 1984 von Igael Tumarkin geschaffene Kunstwerk „Von der Dicken Berta zur Roten Rosa“ in der Bundesallee.

Super smooth erscheint diese Aufzählung, vor allem, wenn man das nach ihr benannte Gymnasium, die Straße und die U-Bahn-Station noch mitdenkt. Was dahinter verschwindet sind die zahlreichen Diskussionen und Protestaktionen, die es rundherum gegeben hat. Wie eine Gedenktafel an der Budapester Straße 1969 in Anwesenheit eines Sohnes von Karl Liebknecht enthüllt und dann von Bezirksbürgermeister doch wieder entfernt wurde, zum Beispiel. Oder die Tafel am Geländer der Brücke am Landwehrkanal, 1971 vom marxistischen Arbeitskreis der West-Berliner SPD aufgestellt, die nach wenigen Tagen von einem militanten Rechtsextremisten wieder abgerissen wurde.

Wie das Gedenken sich wandelt

Besonders beispielhaft für die Diskussion um das Erinnern an Rosa Luxemburg sind zwei Geschichten. Eine beginnt 1986, als die Berliner Geschichtswerkstatt fordert, die Brücke in Berlin Tiergarten, die über den Landwehrkanal führt und die 1987 fertiggestellt werden sollte, nach der Marxistin zu benennen. Das Ersuchen wurde abgelehnt. Jahr für Jahr für Jahr. Mit den unterschiedlichsten Begründungen, wie Jürgen Karwelat von der Berliner Geschichtswerkstatt erzählt: „Die West-Berliner Verwaltung hat argumentiert, dass es in Ost-Berlin ja schon Orte des Gedenkens gebe. Dann hieß es ‘Die Brücke hat ja schon einen Namen’, oder ‘Es gibt in der Gesamtstadt schon genug Orte für Luxemburg’“. Erst der Michael Müller, damals noch Senator für Stadtentwicklung, kam auf die – laut Karwelat – „geniale“ Idee, die Doppelbrücke geteilt zu benennen. Und so heißt seit 2012, also 26 Jahre nach dem ersten Vorstoß der Geschichtswerkstatt, der westliche Übergang „Rosa-Luxemburg-Steg“.

Die zweite Geschichte spielt Anfang der Siebzigerjahre, als die Deutsche Post eine Sonderbriefmarke zu Rosa Luxemburg herausbringen wollte – und sie damit massive Proteste auslöste. Leute schickten Briefe, beschwerten sich in der Zeitung. Dass es zeitgleich vielfache Bemühungen um Gedenktafeln gab, zeigt einmal mehr die gespaltene Haltung Rosa Luxemburg gegenüber.

Und heute? 2017 gab es eine Plakatkampagne des Berliner Senats. Das Motto: Freiheit Berlin. Teil davon war auch eines mit dem Abbild der Revolutionärin, daneben ihr berühmtes Zitat „Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden.“ Proteste dagegen gab es kaum, sagt Julian Genten. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Freien Universität Berlin und arbeitet seit einigen Jahren zur Rosa Luxemburg-Rezeption in Deutschland nach 1990. „Seit den späten Achtzigerjahren und dann vor allem in den Neunziger- und Nullerjahren hat allmählich eine Umdeutung von Luxemburg eingesetzt, die auch viel stärker gesellschaftlich akzeptiert war“, sagt er. Statt ihrer Sturheit stand ihre emotionale Seite, statt den marxistischen Ideen der Freiheitsgedanke im Vordergrund.

Anderes im Vordergrund

Er bringt das damit zusammen, dass 1986 der Rosa-Luxemburg-Film von Margarethe von Trotta erschien, der ein menschliches Bild von der sonst eher als störrisch rezipierten Frau zeichnete. „Man kann schön sehen, dass diese Person, die lange als eine Revolutionärin, als eine exponierte kommunistische oder sozialistische Politikerin galt, in der deutschen Erinnerungskultur immer mehr zu einer ungefährlichen, liberalen Galionsfigur für Demokratie avancierte.“ Heute werde sie vor allem mit dem Satz „Freiheit ist die Freiheit der Andersdenkenden“ in Verbindung gebracht – und auf den hätten sich immerhin Willi Brandt und Helmut Kohl gleichermaßen bezogen, so Genten. Zum gleichen Schluss kommt auch Historiker Badia. Der drückt es so aus: „So gesehen ist an die Stelle der roten Rosa einfach „Rosa“ getreten.“

Auch Claudia von Gélieu beobachtet ein breit gestreutes Interesse an Rosa Luxemburg. Sie veranstaltet Frauentouren, also Führungen zur Frauengeschichte in Berlin und bietet auch welche zu der Friedensaktivistin an. Zu der kämen die verschiedensten Leute, viele ohne politischen Hintergrund. Mit den Touren zu Luxemburg hat sie ursprünglich sogar begonnen, weil 1991 eine katholische Frauengruppe danach gefragt hat. „Von ihrer Persönlichkeit, die sich besonders in ihren Briefen widerspiegelt, geht eine große Faszination aus“, erklärt sie sich das Interesse. „Und dann findet natürlich das, wofür sie sich politisch eingesetzt hat, vor allem der Kampf gegen den Krieg, viel Anklang.“ Außerdem sei ihr Ansatz, mit politischen Streiks mehr Demokratie zu schaffen, einer, der nachwirkt – genau wie der bestialische Mord an ihr.

So mag sich das Andenken über die Jahre verändert haben. Nichtsdestotrotz ist sie, da sind sich Kenten, von Gélieu und Karwelat einig, eine wichtige Person in der Geschichte. Und derer bedarf es zu gedenken.

 

Wer war Rosa Luxemburg?

Rosa Luxemburg wurde 1871 in Polen geboren, wo sie in der Sozialdemokratie wirkte. Sie floh nach Deutschland, wo sie ihre Arbeit in der SPD fortsetzte, dann den Spartakusbund und schließlich die Kommunistische Partei Deutschlands mit gründete. Sie wurde, ebenso wie Karl Liebknecht, 1919 brutal ermordet, nachdem der Spartakusaufstand niedergeschlagen worden war. Ihre Leiche wurde in den Landwehrkanal geworden. Bis heute gilt sie als einflussreiche Marxistin.

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