Anna-Lena Wenzel

Dr. Anna-Lena Wenzel* ist Autorin und Künstlerin. Nach ihrem Studium der Angewandten Kulturwissenschaften in Lüneburg promovierte sie über „Grenzüberschreitungen in der Gegenwartskunst“. Sie betreibt das Online-Magazin 99 % Urban und den Radiosalon für Alltägliches und ist in unterschiedlichen kollektiven Zusammenhängen unterwegs.

Was mit Papier alles möglich ist

16.11.2021
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Die Innenräume des Museums ©Haus des Papiers
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Überraschend vielfältig: die unterschiedlichen Bearbeitungsweisen des Materials Papier ©Haus des Papiers
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"Steine" aus Papier von Goekhan Erdogan © Haus des Papiers

Im neu gegründeten Haus des Papiers bekommt man Einblick in vielfältige künstlerische Ansätze mit dem Material Papier zu arbeiten und es bis zur dreidimensionalen Skulptur zu erweitern

Schon von weitem ziehen die hellerleuchten Räume des Haus des Papiers die Blicke auf sich, auch wenn man von außen nur schwer erahnen kann, was sich für Schätze in den Innenräumen befinden. Betritt man die Museumsräume in der Steydelstraße, kommt man aus dem Stauen, was mit dem Material Papier alles möglich ist, nicht heraus. Es gibt Collagen, Papierskulpturen, Assemblagen, Pappmaché-Gesichter, Schallplattencover und sogar ein benutztes Taschentuch. „Wir zeigen nicht Kunst AUF Papier, wie etwa Zeichnungen oder Malerei, sondern Kunst AUS Papier“, heißt es auf der Webseite. Die Idee für das Haus des Papiers, das dieses Jahr im Juni eröffnet wurde, stammt von Annette Berr und Ul Vohrer, die seit 2008 mit d’mage eine Print Manufaktur für Fine-Art-Prints in Kreuzberg betreiben. Sie hatten den Wunsch ihr Knowhow und ihre Leidenschaft für die Papierkunst mit möglichst vielen Menschen zu teilen und einen Ort für „Bildende Papierkunst“ zu schaffen. Sie sagen: „Wir sind erfolgreiche Unternehmerinnen, haben keine Kinder und möchten etwas für unsere Leidenschaft für Papier weitergeben und mit anderen teilen.“

Entstanden ist ein Museum mit Räumen für Dauer- und Wechselausstellungen, einem Galeriebereich, in dem Kunstwerke zum Verkauf angeboten werden, einer thematischen Bibliothek, einem Büro und einem kleinen Verkaufsstand der Papierfirma Hahnemühle. Dieses spezifische Zwitterformat hat auch damit zu tun, dass die beiden Initiatorinnen die Idee zusammen mit Canon und Hahnemühle entwickelt haben. Gemeinsam vergeben sie zudem eine Paper Residency und einen Paper Art Award und haben damit alles miteinander verbunden: Die Residencies finden in der Print-Manufaktur in Berlin (oder in München, wo es einen Ableger gibt) statt. Künstler*innen werden eingeladen vor Ort zu arbeiten, mit den Print-Maschinen und hochwertigen Papieren zu experimentieren, wobei sie von den beiden Expertinnen unterstützt werden. Anschließend werden Arbeiten, die im Rahmen der Residencies entstanden sind, im Museum präsentiert bzw. geht ein Kunstwerk in die Sammlung über. Auch die mit dem Paper Award ausgezeichneten Kunstwerke (vergeben werden 36.000 Euro für drei Positionen, gesponsert von den drei Kooperationspartnern) werden für die Sammlung des Haus des Papiers angekauft und hier ausgestellt.

„Die Paper-Art-Residency hat meine Arbeit maßgeblich beeinflusst“, sagt Jana Schumacher, Künstlerin aus Hamburg, bei einer Veranstaltung im Museum. Anhand ihres Portfolios zeigt sie, wie sich diese seit der zweiwöchigen Residenz im Sommer 2020 weiterentwickelt hat. Sie hat angefangen mit Wachs zu arbeiten. Herausgekommen sind mehrere Arbeiten, deren Werkangaben so lauten: „Mit Acryl und Wachs bearbeiteter, handgefertigter Prägedruck auf Pigmentdruck.“ Sind diese Arbeiten noch relativ flach, trauen sich die neueren Arbeiten noch weiter in den Raum, werden zusehends dreidimensional.

„Es ist so erstaunlich, was dabei herauskommt, wenn die Künstler*innen die Angst vor den großen Maschinen verlieren und anfangen zu experimentieren“, sagt Annette Berr und fährt mit Begeisterung in der Stimmer fort, zu erzählen, dass die Möglichkeit, groß und großformatig zu denken und nicht auf die Kosten zu achten, bei den Künstler*innen dazu führen kann, dass sie anfangen, ihre künstlerische Arbeit um neue Arbeitsweisen erweitern und einige es erstmals wagen, dreidimensionale Arbeiten zu schaffen. Ihre Partnerin Ul Vohrer ergänzt: „Während andere in den Urlaub fahren, haben wir Freude an den Begegnungen mit den Residents. Es ist ein Geben und Nehmen.“

Das kann Jana Schumacher bestätigen. Sie erzählt von den intensiven zwei Wochen der Residence, die sie in den Räumen der Print Manufaktur verbringen durfte. „Ich war jeden Tag von 10 Uhr bis 24 Uhr im Studio und habe wild experimentiert“. Zur Präsentation im Museum hat sie ihren Partner Drew Matott mitgebracht, der gelernter Papiermeister ist. Gemeinsam betreiben sie das St. Pauli Paperstudio, wo sie aus alten Kleidern, Pflanzen und Materialien wie Sisal, Jute oder Kuhdung Papier herstellen. Matott hat verschiedene Papiere mitgebracht, die im Studio oder bei Workshops im Rahmen seines Peace Paper Projects entstanden sind. Er gibt ein Papier nach dem anderen rum und erklärt, wie sie entstanden sind und was für Materialien dabei verwendet wurden. Viele sind im Rahmen von Workshops entstanden, die er mit Kriegsveteranen in den USA gemacht hat, und die bei den Workshops Kleidung zu Papier verarbeitet haben. Die Erfahrung, mit Papier heilen zu können, hat ihn darin bestärkt, die Idee auf weitere Communities und andere Länder auszuweiten. Nächstes Jahr im Sommer wollen sie gemeinsam wiederkommen und auf dem Platz vor dem Museum einen Papierworkshop anbieten.

Jana Schumacher und Drew Mattot bei der Präsentation ihrer Arbeit im Haus des Papiers, Foto: ALW

Bis dahin bietet es sich an, für einen Besuch im Museum vorbeizuschauen, denn die Mischung der Arbeiten ist bemerkenswert: international bekannte und etablierte Künstler*innen wie Rosemarie Trockel, Thea Djordjadze oder Leiko Ikemura treffen auf jüngere Positionen wie Jana Schumacher und Christiane Feser. Dazwischen tummelt sich Lars Eidinger mit einem im wahrsten Sinne des Wortes rotzigen „Kunstwerk“ in Form eines benutzten Taschentuchs. Wo sich andere Kunstorte auf ein spezifisches Publikum oder einen inhaltlichen oder konzeptuellen Schwerpunkt spezialisiert haben, ist dieser Ort offen für Papierliebhaber*innen ebenso wie Buchmacher*innen, für Fotograf*innen ebenso wie Zeichner*innen.

Dass die beiden Initiatorinnen eher Unternehmerinnen als „klassische“ Kuratorinnen sind, merkt man nicht zuletzt daran, dass sie für das Museum strategische und naheliegende Kooperationen mit Firmen eingegangen sind, bei einer kommerziellen Messe mitmachen und den Paper Award nicht nur an Künstler*innen, sondern auch an Galerien vergeben. Auf diese Weise bringen sie verschiedene Akteur*innen zusammen und bringen die Papierkunst voran.

Für die Residency im nächsten Jahr kann man sich bald bewerben, „noch im November wollen wir die Ausschreibung veröffentlichen“, sagt Annette Berr zum Abschied und freut sich schon auf die nächste Runde.

Infos:
Haus des Papiers
Seydelstraße 30 / Ecke Elisabeth-Mara-Str.
10117 Berlin

Öffnungszeiten: Freitag bis Sonntag 10:00 bis 17:00 Uhr, mit vorherigen Anmeldung
Eintritt: 8,50 €

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