Anna-Lena Wenzel

Dr. Anna-Lena Wenzel* ist Autorin und Künstlerin. Nach ihrem Studium der Angewandten Kulturwissenschaften in Lüneburg promovierte sie über „Grenzüberschreitungen in der Gegenwartskunst“. Sie betreibt das Online-Magazin 99 % Urban und den Radiosalon für Alltägliches und ist in unterschiedlichen kollektiven Zusammenhängen unterwegs.

Wiederkehr unter umgekehrten Umständen

31.08.2021
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Tempoäre Architektur vor Neubauten auf dem Gelände des Skulpturenparks Berlin_Zentrum, Foto: ALW
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Was aussieht wie eine Baustelle, sind mit Samen gefüllte Pflastesteine der Künstlerin Folke Köbberling, Foto: KUNSTrePUBLIK (Philip Horst)
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Ausgrabung auf der Brache von Kai Schiemenz, Foto: KUNSTrePUBLIK (Kati Simon)
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In den Boden eingelasssenes Beton-Spielbrett von Sebastian Quack, Foto: KUNSTrePUBLIK (Kati Simon)

Das Ausstellungsprojekt „Re-Turn“ im Skulpturenpark Berlin_Zentrum des Künstlerkollektivs KUNSTrePUBLIK nimmt über den Zeitraum mehrerer Wochen das Neubaugebiet zwischen Kommandantenstraße, Axel-Springer-Straße und Stallschreiberstraße in den Blick. Dafür hat es Künstler*innen eingeladen, im und mit dem Stadtraum zu agieren, den Status-Quo zu beforschen und zu kommentieren.

Als sich das Künstlerkollektiv KUNSTrePUBLIK im Jahr 2006 erstmals dem Areal in der Mitte Berlins widmete, befand sich hier eine riesige Brachfläche, was auch damit zusammenhing, dass hier früher die Mauer verlief. Das Kollektiv erklärte die fünf Hektar große Fläche zum Skulpturenpark Berlin_Zentrum und organisierte Freiluft-Ausstellungen, wohlwissend, dass sie bald bebaut werden würde. Heute befinden sich hier hochpreisige Wohnungen und Gewerbe in dichter Blockrandbebauung, in neoklassizistischer oder Glas-Beton-Manier, mit massiven Balkonen und mediterranem Image. Nur ein kleines Stück Brachland trotzt bis jetzt der Bebauung und wird von hochwachsenden Robinien bevölkert. Seit August findet hier über einen Zeitraum von mehreren Wochen das Ausstellungsprojekt „Re-Turn“ statt.

Die neu entstandenen Gebäudekomplexe eignen sich dabei hervorragend, um über Themen wie Immobilienspekulation und Privatisierung von Wohnraum, Aufwertungsprozesse und Segregation sowie Zwischennutzungen und den Wegfall von Freiflächen zu diskutieren – und nach der Rolle der Kunst in diesem Zusammenhang zu fragen. Das „Daseins Zentrum“, das mitten auf einem schmalen Grünstreifen in der Stallschreiberstraße aus Anlass der Ausstellung errichtet wurde, greift diese Fragen auf und will sie mit der Nachbarschaft diskutieren. Das „Stadtmöbel“ ist eine Kooperation von KUNSTrePUBLIK mit Boris Jöns und verbindet mit seiner an Container angelehnten Architektur und dem ebenerdigen Holztisch Baustellen- mit DIY-ästhetik. Steht man davor, weiß man nicht, wie man es einordnen soll. Es ist ein Objekt im Dazwischen und das passt zu seinem Standort, denn es steht auf dem ehemaligen Grenzstreifen, der im Boden anhand einer Kopfsteinpflasterlinie erkennbar ist. Trennte hier früher die Mauer Ost- und Westberlin voneinander, stehen sich heute die Otto-Suhr-Siedlung und ein Neubaublock mit Eigentumswohnungen gegenüber. War die Siedlung früher in öffentlicher Hand, sind Teile von ihr vor einigen Jahren von der Stadt an die Deutsche Wohnen verkauft worden und sorgen seitdem mit Modernisierungen und Mieterhöhungen für negative Schlagzeilen. Gegenüber befinden sich hochwertige Immobilien, deren Besitzer*innen international zusammengesetzt sind. Kann man diese beiden Gruppen an einen Tisch und miteinander ins Gespräch bringen? Das ist jedenfalls die Hoffnung der Initiatoren.

Das „Daseins-Zentrum“ ziwschen Neubauten und Otto-Suhr-Siedlung will die Nachbarschaft Zusammenrbringen, Foto: ALW

Wie schon bei vorherigen Projekten wurden bei „Re-Turn“ Künstler*innen eingeladen, eine Bestandsaufnahme zu machen und ortsbezogene Arbeiten zu entwickeln. Mit vielen von ihnen hat das Team der KUNSTrePUBLIK bereits zusammengearbeitet, einige sind neu dazugekommen. Das hat auch mit dem kuratorischen Beirat zu tun, der von Projekt zu Projekt wechselt. Dieser vierköpfige Beirat schlägt zwölf Positionen vor, von denen das KUNSTrePUBLIK-Team eine Auswahl trifft. Aufgrund der Corona-Pandemie wurde beschlossen, alle zwölf vorgeschlagenen Künstler*innen einzuladen und dafür im Gegenzug die Produktionsbudgets zu reduzieren, um möglichst viele Künstler*innen unterstützen zu können.

Einer der Künstler, die mit dem Areal bereits vertraut sind, ist Kai Schiemenz. Er hat auf dem Gelände der Brachen an verschiedenen Stellen Löcher gebohrt, um von ihnen Abgüsse aus Beton zu machen und diese im Anschluss im Stadtraum zu verteilen. Während Schiemenz‘ Arbeit am ersten Ausstellungswochenende noch im Entstehen war, hat Folke Köbberling ihre Arbeit bereits realisiert: sie hat bei einer Straßenaktion Pflanzensamen, die sie bei ihrer ersten Aktion 2007 auf der Brache bestimmt hat, im Stadtraum verteilt. Zusätzlich hinterlässt sie einen Haufen kompostierbarer Pflastersteinstraße auf einem Parkstreifen in der Seydelstraße, aus dem im besten Fall die dort verarbeiteten Pflanzensamen anfangen zu sprießen.

Insgesamt zieht sich das Programm von August bis November, wobei einige Arbeiten über den gesamten Zeitraum zu sehen sind, wie die in den Boden gelassenen Spielbretter aus Beton von Sebastian Quack oder das „Daseins Zentrum“, und andere nur temporär stattfinden wie die Workshops zur nachbarschaftlichen Wertschöpfung mit Julio Linares oder die performative Begehungen von Balz Isler.

Performance im Stadtraum von Balz Isler, Foto: KUNSTrePUBLIK (Zsolt Vasarhelyi)

Die Verschiebung hin zu performativen Arbeitsweisen, ephemeren Aktionen und einer verstärkten Einbindung digitaler Medien (als Wissensspeicher und zur Dokumentation bspw. des Audiowalks von Nora Al-Badri) kann dabei auf den kuratorischen Beirat (Ela Kagel, Edit Molnár, Arved Schultze, Joanna Warsza) zurückzuführen sein, spiegelt aber auch einen allgemeinen Trend wieder.

Beim Gang durch die Straßen erzählt Philip Horst, einer der Gründer von KUNSTrePUBLIK, wie die Veränderungen des Viertels nicht nur die aktuelle Ausstellung beeinflusst haben, sondern auch die Arbeitsweise des Kollektivs. Denn dieses hatte zu Beginn der Aktivitäten in einem alten Haus in der Kommandantenstraße – also in unmittelbarer Nachbarschaft – eine ganze Etage als Atelier gemietet. Als sie dort raus mussten, sind sie einen Sprung weiter in die Neue Grünstraße gezogen. Von dort ging es weiter in einen Plattenbau in der Köpenickerstraße, wo sie ein Atelierhaus gründeten. Als sie dieses Gebäude räumen mussten (es ist heute abgerissen) ist das Kollektiv nach Moabit weitergezogen, wo sie seit 2012 das ZK/U (Zentrum für Kunst und Urbanistik) betreiben. Die Verbindung zum Skulpturenpark ist über die Jahre jedoch nicht abgerissen, denn die Brache wurde in einer Art freundlichen Übernahme weiterhin als Veranstaltungsort genutzt und sogar mit einem Zaun versehen. Es gibt in einem der Neubauten nebenan zudem eine Mietwohnung, in der sie Künstler*innen unterbringen, so dass sie über die Jahre vielfältige Eindrücke und Kontakte zur Nachbarschaft sammeln konnten, die nun dem Projekt zu Gute kommen.

Während bei früheren Projekten des Skulpturenparks die Kunstwerke mit der Brache eine Art Outdoor-Ausstellungsfläche hatten, müssen sich die Kunstwerke und Aktionen dieses Mal mitten im Stadtraum behaupten. Das hat nicht nur Konsequenzen für das Organisationsteam, das sich um diverse Genehmigungen kümmern musste, sondern auch für die Künstler*innen, deren Arbeiten unmittelbar dem Straßenverkehr, den Fußgänger*innen etc. ausgesetzt sind. Darin liegt sowohl eine Herausforderung als auch eine große Chance. Es bleibt abzuwarten, wie es den einzelnen Arbeiten gelingt, auf sich aufmerksam zu machen oder noch wichtiger: überhaupt bestehen zu bleiben. Den Besucher*innen sei jedenfalls wärmstens empfohlen sich auf ebendiese Ungewissheit (ob es sich bei den urbanen Interventionen um Kunst handelt oder nicht) einzulassen und mit aufmerksamem Blick durch das Neubauviertel zu gehen. Es gibt einiges zu entdecken – ob Kunst oder nicht!

Infos:
RE-TURN
21.-22. August / 25.-26. September / 13.-14. November
Seydelstraße 18 und Umgebung

http://www.skulpturenpark.org/re-turn/

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