Anna-Lena Wenzel

Dr. Anna-Lena Wenzel* ist Autorin und Künstlerin. Nach ihrem Studium der Angewandten Kulturwissenschaften in Lüneburg promovierte sie über „Grenzüberschreitungen in der Gegenwartskunst“. Sie betreibt das Online-Magazin 99 % Urban und den Radiosalon für Alltägliches und ist in unterschiedlichen kollektiven Zusammenhängen unterwegs.

Freundschaftspfade

30.04.2024
Paula Fürstenberg. Foto: © Jonas Ludwig Walter
Paula Fürstenberg. Foto: © Jonas Ludwig Walter

Die Autorin Paula Fürstenberg lebt seit 2011 in Berlin-Mitte. Auf einem Spaziergang stellt sie ihren Kiez vor und führt uns an Orte, die auf indirekte Weise in ihren neuen Roman „Weltalltage“ (2024) eingeflossen sind. Es sind Orte des Wohnens und Arbeitens, Orte der Freundschaft und der Literatur.

Wir treffen uns in der Buchhandlung ocelot in der Brunnenstraße. Paula bestellt einen Espresso macchiato und wir setzen uns auf eine der Bänke. „Das ist einer meiner Lieblingsbuchläden, weil die so eine gut kuratierte Auswahl haben. Hier gibt es Lyrikbände, was nicht selbstverständlich ist, ein Regal für die Büchergilde Gutenberg, deren Bücher man gar nicht kaufen kann, wenn man nicht Mitglied ist, und einen ganzen Ständer mit den kleinen gelben SuKuLTur-Bänden, wo auch die drei Habitus-Bändchen erschienen sind.“ Beim Hinausgehen entdecken wir Paulas Buch Weltalltage im Regal im Eingangsbereich. Paula erzählt, dass der Verlag bereits dabei sei, eine zweite Auflage zu drucken. Auch die Vielzahl an Rezensionen, Radiobeiträgen und Leseanfragen habe sie gefreut. Da es nicht ihr erster Roman ist und sie schon einige Jahre im Literaturbetrieb unterwegs ist, hat sie bereits ein wenig Routine mit dem Trubel.

Die Buchhandlung „ocelot“ in der Brunnenstraße. Foto: Anna-Lena Wenzel

Bevor wir ausführlicher über das Buch sprechen, will mir Paula zunächst ihre WG in der Tieckstraße zeigen. 1987 in Potsdam geboren und aufgewachsen, zog sie 2008 zum Studieren ins schweizerische Biel und von dort 2011 in die 6er-WG in Mitte, in der damals nur Ostsozialisierte wohnten, wie sie erzählt. In der Tieckstraße angekommen stehen wir vor einer riesigen Baustelle, die den Blick auf drei hintereinanderstehende Altbauten freigibt. Paula zeigt auf das erste Hinterhaus, dort habe sie bis vor kurzem gewohnt, aber der Baustellenlärm und die Risse in der Wohnung hätten sie bewogen, in eine Wohnung in der Kurfürstenstraße umzuziehen. „Aber ich will auf jeden Fall zurück, das Leben in der WG ist meine favorisierte Wohnweise.“ In einer Radiosendung für den rbb, in der es um Leben in Freundschaft geht, spricht Paula davon, dass für sie Freundschaft in ihrem Alltag die präsenteste Beziehungsform sei. „Es ist auf einer lebenspraktischen, auf einer alltäglichen Ebene die Beziehungsform, in der ich mich am allermeisten bewege“[1] – sei es durch das Wohnen in einer WG oder das Arbeiten in einem Gemeinschaftsbüro, das sie sich mit 12 anderen Autor*innen teilt, mit denen sie auch befreundet ist.

Wohnhäuser in der Tieckstraße. Foto: Anna-Lena Wenzel

Da liegt es nahe, dass Weltalltage ein Buch über eine Freundschaft und das Wohnen in einer WG ist. Die Erzählerin und Max kennen sich schon aus der Schule und sind seitdem befreundet. Sie teilen eine ostdeutsche Biografie und ab und zu auch das Bett, was noch lange nicht heißt, dass sie ein Paar sind. Als Max an einer Depression erkrankt, gerät das jahrelang eingelebte Freundschaftsgefüge durcheinander und die Freundschaft wird auf eine harte Probe gestellt.

Wir laufen die Tieckstraße entlang zur Chausseestraße und gehen auf den Dorotheenstädtischen Friedhof. Die nächste Station auf dem literarischen Rundweg ist das Grab von Christa und Gerhard Wolf. Der schlichte weiße Grabstein gibt das Todesjahr Wolfs preis – es ist das Jahr, in dem Paula nach Berlin zog, was sie sehr bedauert, denn sie hatte gehofft, die ostdeutsche Autorin, die für sie literarischer Bezugspunkt und Forschungsgegenstand war, persönlich zu erleben. Wolf war allein schon deshalb wichtig, weil sie nicht wie andere Autorinnen wie Silvia Plath, Virginia Woolf oder Brigitte Reimann und Maxie Wander viel zu früh verstorben ist. Auch ihre Ehe hat durch die Gleichberechtigung bzw. das In-den-Hintergrund-Treten ihres Ehemanns Gerhard, der einmal gesagt haben soll, dass Christa die bessere Schriftstellerin sei, Seltenheitswert. Vor ihrem Grab stehend tauschen wir nicht nur Lektüretipps aus, sondern stellen fest, dass wir uns beide von Wolf haben inspirieren lassen und bereits über einen längeren Zeitraum einen Tag im Jahr festhalten, wie sie es seit 1996 bis zu ihrem Tod gemacht hat.

Grab von Christa und Gerhard Wolf auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof. Foto: Anna-Lena Wenzel

Zurück auf der Straße laufen wir ein paar Meter Richtung Norden zum Literaturforum im Brecht-Haus. Hier hat Paula gemeinsam mit dem Kollektiv „Literatur für das, was passiert“ 2019 zum ersten Mal einen Pop-Up-Store ausgerichtet, um Spenden für Menschen auf der Flucht zu sammeln. Das Konzept: Gegen eine Spende können Texte in Auftrag gegeben werden, eine Handvoll Autor*innen sitzen vor Ort und tippen diese live in eine Schreibmaschine. Es war so erfolgreich, dass es seitdem jährlich wiederholt wird.

Im Schaufenster lesen wir das Programm durch und bleiben bei Daniela Dröscher hängen, von der Paula 2022 die Veranstaltungsreihe Let‘s Talk About Class übernommen hat. Die beiden sind befreundete Kolleginnen. Die Veranstaltungsreihe fand in der Lettrétage im Acud statt, dem zweiten wichtigen Veranstaltungsort für die literarische Szene in Mitte. Als sie die Reihe zusammen mit Katharina Warda kuratiert hat, hat sie das Thema aus ostdeutscher Perspektive beleuchtet. Dabei war die prekäre Arbeitssituation im Kulturbetrieb vor allem für diejenigen, die nicht aus einem gutbürgerlichen und/oder vermögenden Haushalt kommen, immer wieder Thema. Paula erzählt von ihrer Studienzeit und davon, mit wie wenig Geld sie damals ausgekommen sei.

Brechthaus
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Literaturforum im Brecht-Haus. Foto: Anna-Lena Wenzel
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Mensa in der Hannoverschen Straße. Foto: Anna-Lena Wenzel
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Im Außenbereich der Mensa vor der Zweigbibliothek Campus Nord. Foto: Anna-Lena Wenzel

Passend dazu beschließen wir kurzerhand, einen Abstecher in die Mensa in der Hannoverschen Straße zu machen. Hier hat sie während ihres Studiums der Deutschen Literatur an der HU regelmäßig zu Mittag gegessen und in der Bibliothek gearbeitet. Irgendwann hätten sie das Tellerhäufen so optimiert, dass beim Mittagsessen sogar noch eine zweite Mahlzeit herausgesprungen sei, die sie in einer Tupper-Box mit nach Hause genommen habe. Als wir in der Mensa ankommen, ist es gähnend leer – was an der Nachmittagsstunde und den Semesterferien liegt. Wir gehen zu den Bänken im Garten und schauen auf die Rückseite des Friedhofs. Paula erzählt, dass sie hier nicht nur ihre Masterarbeit und diverse Bewerbungen geschrieben, sondern auch mit Weltalltage begonnen hat. Sechs Jahre lang habe sie an dem Buch gesessen, was ohne die Förderungen, wie das Arbeitsstipendium Literatur des Berliner Senats oder das Aufenthaltsstipendium in der Villa Aurora in Los Angeles letztes Jahr, sicherlich noch länger gedauert hätte.

Clärchens Ballhaus. Foto: Anna-Lena Wenzel

Als wir zurück zur Torstraße laufen, müssen wir uns entscheiden: weiter zu Clärchens Ballhaus in die Auguststraße oder in den Monbijoupark? Beides sind Orte, an die Paula regelmäßig zum Tanzen geht bzw. gegangen ist. Doch weil das Ballhaus zurzeit geschlossen hat und renoviert wird – der dritte Eigentümerwechsel in den letzten Jahren – ersparen wir uns den nostalgischen Anblick und gehen in den Monbijoupark. „Man konnte einmal in der Woche zum Swing-Tanzen ins Ballhaus gehen, das hat nichts gekostet, man tanzte während die anderen Gäste drumherum saßen. Diese Zeiten sind nun vorbei. Auch das Lindy-Hop-Tanzen auf der Bühne zur Spree ist mittlerweile nur noch gegen Bezahlung möglich. Sie resümiert: „Die Möglichkeiten, sich mit wenig Geld durch die Stadt zu bewegen, werden immer kleiner.“ Das sei vor allem für die Personen schwierig, die einmal die Woche in den Tanzkurs in der Neuen Nachbarschaft Moabit kämen, den sie seit ein paar Jahren leitet. „Hier kommen viele geflüchtete Personen hin, die noch weniger Ressourcen haben als ich.“

Monbijoupark. Foto: Anna-Lena Wenzel

Auf den Treppen zur Spree sitzend, kommen wir auf die Veränderungen Berlins zu sprechen. Paula guckt gerade die Doku-Serie Capital B. Wem gehört Berlin und trauert insbesondere dem Moment hinterher, als nach der Vereinigung alles möglich schien und die Stadt ein Eldorado aus Brachen und Ruinenabenteuerspielplätzen war. Die Idee, der Brache in Weltalltage ein Denkmal zu setzen, habe sie dennoch verworfen. Wahrscheinlich wäre es zu nostalgisch geworden. Stattdessen habe sie sich entschlossen, eine Tanzszene einzufügen. Die spiele zwar nicht hier im Monbijoupark, sondern in einem Club, aber die ausgelassene Energie, die im Buch vermittelt wird, habe sie auch beim Tanzen an diesem Ort erlebt.

Infos/links:

Paula Fürstenberg: Weltalltage, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2024

Monbijoupark: https://kultur-mitte.de/kompaktes-mehrzweck-schmuckstueck/

Nordbahnhof: https://kultur-mitte.de/der-park-am-nordbahnhof/

Let’s talk about Class: https://kultur-mitte.de/erster-schritt-zur-loesung-des-klassenkrampfes-darueber-sprechen/


[1] Leben in Freundschaft. Die Debatte mit Ann Kristin Schenten, Paula Fürstenberg und Sasha Marianna Salzmann, rbb Kultur, 25.01.2024 https://www.rbb-online.de/rbbkultur/radio/programm/schema/sendungen/der_zweite_gedanke/archiv/20240125_1900.html

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