Anna-Lena Wenzel

Dr. Anna-Lena Wenzel* ist Autorin und Künstlerin. Nach ihrem Studium der Angewandten Kulturwissenschaften in Lüneburg promovierte sie über „Grenzüberschreitungen in der Gegenwartskunst“. Sie betreibt das Online-Magazin 99 % Urban und den Radiosalon für Alltägliches und ist in unterschiedlichen kollektiven Zusammenhängen unterwegs.

Kunst und Erinnerung im Bahnhof Friedrichstraße

09.11.2021
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Historische Aufnahme des Bahnhofs Friedrichstraße im südlichen Eingang zu S-Bahn, Fotos: ALW
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Erinnerungstafel an die Züge in das Leben/ Züge in den Tod an der Außenfassade des Bahnhofs
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Deckenmalerei von Sol Calero im östlichen S-Bahn-Aufgang
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Projektraum "Schaukasten" im U-Bahndurchgang

Der Bahnhof Friedrichstraße ist ein Transitort par Excellence: er ist nach dem Hauptbahnhof der höchst frequentierteste Bahnhof der Stadt. Hier steigen Menschen aus und um oder gehen einkaufen, nutzen die Brücke als Übergang über die Spree, fahren auf der Friedrichstraße unter den Gleisen durch. Hier halten Regionalzüge, mehrere S-Bahnlinien und eine U-Bahn, die die Stadt von Norden nach Süden, von Ost nach West durchqueren. Wer den Ort nur funktional zum Umsteigen nutzt, dem sei ein ausführlicher Rundgang durch den Bahnhof empfohlen, weil dieser nicht nur ein geschichtsträchtiger Ort ist, sondern auch mehrere Kunstwerke beherbergt.

Während der Teilung der Stadt verlief die Grenze direkt durch den Bahnhof. Das führte zu diversen Umbauten und Sperrungen und der Errichtung einer Ausreisehalle etwas außerhalb des Bahnhofs. Der sogenannte Tränenpalast ist heute ein Museum. Lucía Muriel schildert in einem Gespräch, das im Rahmen des Projektes Archiv der Flucht entstanden ist, das demütigende Prozedere, das sie als Kind an diesem Ort miterlebte: „Ich kann mich sehr, sehr gut an diesen kruden Moment erinnern, weil unser gesamtes Hab und Gut, alles, was wir [aus Kolumbien] mitgebracht haben, auseinander genommen wurde. Meine Mutter war eine sehr schicke Frau, die Ketten und Absatzschuhe trug. In der DDR gab es jedoch keine schicken Sachen. Man hat gesagt, hier sei es nicht so gut mit der Versorgung. Am Grenzübergang wurden ihre Ketten und Kleider zerschnitten, die Schuhe weggenommen. Auch die Spielzeuge und die Puppen wurden auseinandergerissen. Ich kann mich daran erinnern, wie geschockt meine Mutter war, sie hatte alles erwartet, aber nicht so etwas.“ Man kann sich nun gut vorstellen, woher der Name Tränenpalast stammt, von vielen Abschieden und Kontrollen, die hier stattgefunden haben. Original-Einbauten der Grenzabfertigungsanlage im heutigen Museum vermitteln einen Eindruck des damaligen Ablaufs.

Denkmal von Frank Meisler aus dem Jahr 2008

Auf der südlichen Seite des Bahnhofs wird in Form eines Denkmals an ein anderes Kapitel in der Geschichte des Ortes erinnert. Eine Skulptur mit mehreren Kindern, Gepäckstücken und einem halben Gleis, erinnert an die Kinder, die von hier zwischen 1938 und 1945 verschickt wurden. „Züge in das Leben/ Züge in den Tod“ heißt die Arbeit, weil vom Bahnhof Friedrichstraße Kinder sowohl ins Exil nach England als auch per Kindertransport in Konzentrationslager gebracht wurden. „Am 30. November 1938 verließen 190 Kinder in Sonderabteilen mit dem ersten Kindertransport die Friedrichstraße. 10.000 verließen in den folgenden neun Monaten von unterschiedlichen Bahnhöfen Berlins und Städten […] ihre Familien, organisiert von den jüdischen Gemeinden und den Quäkern“, heißt es auf den dazugehörigen Infotexten. Geschaffen wurde die Skulptur im Jahr 2008 vom Künstler Frank Meisler, der selber Überlebender durch die Kindertransporte ist. Mit mehreren Skulpturen u.a. in London, Wien und Gdansk, hat er eine europäische Route der Kindertransporte initiiert. Hingewiesen wird dabei auch auf die Rolle der Deutschen Reichsbahn, die von den Transporten profitierte, in dem sie „den jüdischen Gemeinden für den Transport von Erwachsenen vier, für Kinder zwei Pfennige pro Kilometer“ berechnete. 

Wandgemälde von Horst Strempel (1948-1951) , Bundesarchiv, Bild 183-U1016-520 CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de

Neben diesem spezifischen Aspekt der Geschichte des Ortes erinnern zudem mehrere historische Schwarz-Weiß Fotografien an die Veränderungen des Gebäudes seit 1878. Sie sind an den Wänden der Bahnhofseingänge, -durchgänge und auf den Bahnsteigen befestigt, wo sich auch mehrere Kunstwerke befinden. Eines ist jedoch schon vor langer Zeit entfernt worden: das dreiteiliges Wandbild Trümmer weg – baut auf des Malers Horst Strempel von 1948. Aufgrund von Diskussionen um den „richtigen“ sozialistischen Stil in der DDR, wurde es bereits einige Jahre später wieder überstrichen. Kurz darauf verließ der Maler die DDR und siedelte nach West-Berlin über. Ein anderes Kunstwerk aus der DDR war teilweise zerstört, wurde aber im Jahr 2000 aufwendig restauriert. Es handelt sich um ein Mosaik von 1958, das genau genommen kein Kunstwerk, sondern Werbung ist. Da es aber Teil des Gebäudes ist und damit unter Denkmalschutz steht, wurde es wiederhergestellt. Es befindet sich am östlichen Eingang zur U-Bahn und zeigt ein von Gertrud Triebs in Zusammenarbeit mit dem Keramiker Johann Kwederawitsch gestaltetes Szenario, mit dem die Ost-Berliner Kosmetikfirma Gerdeen in den sechziger Jahren für Lippenstift und Nagellack warb. Es zeigt ein im „ägyptisierenden Stil“ dargestelltes Paar, bei dem die Frau einen Lippenstift prüfend in die Luft hält, und einen Beistelltisch mit weiteren Produkten der Kosmetikfirma.[1]

Werbe-Mosaik aus dem Jahr 1958 der Kosmetikfirma Gerdeen

Betritt man an dieser Stelle den Bahnhof Friedrichstraße und geht zur S-Bahn hoch, begegnet einem weitere Kunst. Seit 2019 gibt es ein Programm der Deutschen Bahn, das zeitgenössische Künstler*innen einlädt, Wandarbeiten im östlich gelegenen S-Bahn-Aufgang zu realisieren. Den Auftakt machte das Künstlerkollektiv Slavs & Tatars, das auf zwei Wände in Form eines Mosaiks den Spruch „Für die Langeweile des Publikums von einem Liebhaber der langen Weile“ des Goethe-Freundes Johann Georg Hamman (1730-1788)  zitierte. Für einen Ort mit so einem hohen Umlauf an Menschen und hektischen Bewegungen, ein gelungener Kontrapunkt. Im März 2021 ging die Kunstreihe „Ausgang Friedrichstraße“ in die zweite Runde. Eingeladen war die Künstlerin Sol Calero. Die aus Venezuela stammende und in Berlin lebende Künstlerin hat in den letzten Jahren viel Aufmerksamkeit erregt: im Rahmen ihrer Einzelausstellung Oficina Del Ciudadano (2015) in der Galerie Wedding hat sie mit bunten Farben und Formen die Ausstellungsräume in ein Verwaltungsbüro verwandelt. 2017 war sie mit ihrer raumgreifenden Installation Amazonas Shopping Center für den Preis der Nationalgalerie nominiert und hat den Publikumspreis gewonnen. Für die Friedrichstraße hat sie erneut eine Arbeit in bunten Farben realisiert, die sich über zwei Wände und zwei Decken erstreckt. La Ventana heißt sie, was im deutschen ‚Fenster‘ bedeutet, und tatsächlich kann die Arbeit im doppelten Sinne als ein Fenster in eine andere Welt gelesen werden. Erstens weil die Darstellungen mit ihren überbordenden Pflanzenmotiven stark an tropische Welten erinnern und zweitens weil auf den Fliesenbildern Fenster angedeutet sind, durch die man entweder von drinnen nach draußen oder umgekehrt schauen kann. So ganz klar ist es nicht, weil die Rasterung durch die kleinen Fliesen (insgesamt 2 x 2100 Stück) die Motive stark abstrahiert – da sind die Deckenmalereien eindeutiger als bunte Blätter und Blumenmotive zu identifizieren. Was man als Betrachter*in vielleicht nicht erkennen kann, lässt sich im dazugehörigen Text nachlesen. Dort ist die Rede davon, dass die Arbeit „eine Szene aus zwei unterschiedlichen Perspektiven zeigt: ein Blick durch ein Fenster auf eine sonnenbeschienene Berglandschaft sowie die Gegenansicht auf die Außenseite des Hauses und den Innenraum. In ihrer Arbeit bezieht sich die Künstlerin auf die Landschaft bei Los Roques, in der sie selbst aufgewachsen ist.“

Mosaik und Deckenmalerei von Sol Calero

Die Bahn möchte mit diesen „individuellen Verschönerungsmaßnahmen“, wie sie schreibt, die Kundenzufriedenheit erhöhen und hofft gleichzeitig auf einen deutlichen Rückgang von Vandalismus und illegalen Graffiti[2]. Eine solche Strategie kann im besten Fall zu einer Win-Win-Situation für Künstler*innen, Besucher*innen und Unternehmen führen, aber auch kippen, wenn der Eindruck des Verschönerungswillens überwiegt. Im Fall der Friedrichstraße fällt auf, dass das Kunstwerk umgeben ist von Werbung, sei es an den nebenliegenden Wandflächen, direkt unterhalb der Decke („erotisch shoppen auf der Galerie“) oder auf den Treppenstufen („Alles was du brauchst. Geliefert in 10 Minuten“). Der Verzicht auf diese Botschaften würde der Kunst gut tun – und wäre ein respektvolles Zeichen des Auftraggebers.

Anders ist die Situation in einem der vielen unterirdischen Gänge. Nimmt man auf der Friedrichstraße den Eingang zur U-Bahn, gelangt man in einen Fußgängerdurchgang, in dem sich einige Läden befinden. Weil die meisten leer stehen, zieht der Schaukasten umso mehr die Blicke auf sich. Es handelt sich dabei um ein Schaufenster, das der Künstler Ali Labgaa als Ausstellungsraum benutzt. Seit 2020 hat er die 2,60 x 2,60 x 50 cm große Fläche gemietet und lädt in regelmäßigen Abständen Künstler*innen ein, ihre Arbeiten zu präsentieren. Ein entscheidender Unterschied zum restlichen Bahnhof: die Passage gehört nicht der Deutschen Bahn, sondern dem Vermieter des Bürogebäudes, das sich neben Tränenpalast und Bahnhof befindet. Dadurch ist ein anderer Sicherheitsdienst als im Bahnhof zuständig und gelten andere Mietpreise.

Ausstellung #8 „Plénitude“ von Guy Froidevaux, Foto: Ali Labgaa

Im Gespräch erzählt Labgaa, dass er schon lange ein Faible für Transit-Orte und Untergrundstationen hegt und seit 2001, als er zum ersten Mal eine Malerei in einer U-Bahnstation in St. Petersburg realisierte, auf der Suche nach Vitrinen ist, die man als Ausstellungsorte nutzen kann. Der Bahnhof Friedrichstraße ist für ihn perfekt: mitten im Zentrum von Berlin, ist er wie ein symbolischer Herz der Stadt. Den Künstler, der als Techniker für Kunstinstitutionen und Galerien arbeitet, interessiert der demokratische Moment dieses Ortes: er ist fast rund um die Uhr frei zugänglich und wird von ganz verschiedenen Menschen besucht: „Touristen kommen hier ebenso vorbei, wie Pendler und die Verrückten“, sagt Labgaa. „Einer der größten Fans des Raumes ist der Mann vom Sicherheitsdienst. Der kann auf seiner Kamera sehen, wenn ich vor Ort bin und kommt dann gerne auf ein Pläuschchen vorbei.“ Auch sonst gebe es viel Resonanz und Anfragen von Künstler*innen, die gerne bei ihm ausstellen würden. Genau das schätzt der Künstler an seiner Arbeit: dass er neue Künstler*innen kennenlernt und mit ganz unterschiedlichen Menschen in Kontakt kommt. Das Programm ist eine bunte Mischung unterschiedlicher Positionen, jüngere und ältere Künstler*innen sind vertreten, Malerei und Konzeptkunst ebenso wie erotische Fotografien aus einer privaten Sammlung. Immer wieder nutzt Labgaa den Raum auch um seine eigenen Arbeiten zu präsentieren. „Ich mach das, worauf ich Lust habe.“ Zwar ist die Grundfläche gering, doch dafür kann man den Hintergrund und die Glaswand in die Präsentation einbeziehen und gezielt Licht einsetzen. Erstaunlich, wie man auf so geringen Fläche immer wieder neue Perspektiven ermöglichen kann!

[1] Tobias Arbinger: Gerdeen-Mosaik wird saniert: Ein Gesicht für die Ewigkeit, Tagesspiegel, 28.12.2000, https://www.tagesspiegel.de/berlin/gerdeen-mosaik-wird-saniert-ein-gesicht-fuer-die-ewigkeit/189812.html
[2] https://www.deutschebahn.com/resource/blob/6049862/6cc7ca7dc54e3889a609552b4fc84967/Themendienst-Kunst-an-Bahnhoefen-data.pdf

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