Ich nenne sie "Sehr-Kurzfilme"

Linke Spalte

Marina Naprushkina (MN): Animationskünstler*in ist ja kein alltäglicher Beruf,
sogar unter Künstler*innen hat er einen besonderen Stellenwert. Ich möchte
mit einer sehr direkten Frage einsteigen: Was magst du an deinem Beruf?

Anne Isensee (AI): Bei der Animation gibt es einen direkten Weg vom Gehirn in
die Seele sozusagen, oder auch von der Hand der Regisseurin direkt in die
Zuschauerin hinein.
Jedes Bild, welches ich mir ausdenken kann, jedes Gefühl, kann ich
audiovisuell übertragen: Ich kann jeden in meinen Traum mitnehmen. Wenn ich eine gewisse Zeichenfertigkeit besitze, brauche ich nicht mal eine aufwändige Technik dafür.
Ein anderer Aspekt sind die Menschen, die in diesem Bereich arbeiten. Ich fühle mich sehr wohl mit ihnen. Sie haben ein Grundverständnis für einander, Respekt. Und sie besitzen eine Begeisterungsfähigkeit! Wir haben kein so starkes Ellbogenverhalten. Vielmehr ist man oft begeistert von dem, was andere machen, ohne sofort zu neiden. Weil die Arbeit eben so vielfältig ist, es gibt viele Animationstechniken: Kneten, Zeichnen, 3-D, Objekte, mit Menschen animieren – all’ das ist so unterschiedlich.

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© Anne Isensee

MN: Du hast recht. Eine eigene Formensprache zu finden ist hier wesentlich
leichter als zum Beispiel in der Fotografie. Es gibt sehr viele
Möglichkeiten der Darstellung und der Erzählweise.
Ich habe selber Erfahrung in der Animation, ich muss aber gestehen, das war
noch vor meinem Studium,ist  also schon einige Zeit her. Für mich hat Animation viel mit Fleiß zu tun. Das erste, was ich gelernt habe: eine Sekunde
besteht aus 24 Bildern. Und oft stellt man Bild für Bild manuell her.
Begeisterung und Leidenschaft gehen nicht unbedingt immer mit Fleiß
zusammen, oder? Aber vielleicht hilft die inzwischen ja sehr
weiterentwickelte Technik, dass die Fleißarbeit nicht mehr so im
Vordergrund steht. Ist der Prozess der Herstellung immer noch so aufwändig,
oder hat sich das beschleunigt?

AI: Die ganze Welt hat sich ja beschleunigt. Aber in Relation zu vielen
anderen Tätigkeiten ist es immer noch ein sehr langer Prozess. Auch wenn
die Technik an vielen Stellen hilft. Aber die Arbeit daran ist immer noch
zäh, anstrengend, sehr redundant auch. Und unattraktiv, weil man oft
alleine hockt.

MN: Als Kompensation dazu hat man doch aber den Moment, wenn das Bild sich bewegt und beginnt zu leben?

AI: Ich habe keine Kinder, aber vielleicht kann man es damit vergleichen:
Die Entbindung ist schmerzhaft, aber wenn man das Kind in der Hand hat -
ist es geil.

MN: Deine Kurzfilme sind tatsächlich kurz. Der Megatrick" zum Beispiel
ist nur eine Minute lang. Ist es eine bewusste Sache sich so zu reduzieren, eine
Kurzgeschichte zu erzählen und sie so auf den Punkt zu bringen? Du schaffst
es in einer Minute sehr viel zu sagen. Ist das deine Formensprache?

AI: Ich nenne sie gerne "Sehr-Kurzfilme". Ich mag Limitierungen für die
Arbeit generell gerne. In der Animation ist man sehr frei. Startend mit
einem weißen Blatt Papier kann man alles, wirklich alles machen. Und mir
helfen die Beschränkungen erstmal. Meistens sind sie ohnehin da: Entweder
Geld oder Zeit oder beides. Dann versuche ich innerhalb dieser Grenzen die
Spielräume auszuloten. Bei Megatrick" war es zum Beispiel so, dass er in
einer Woche fertig werden musste.
Bei dem Corona-Film 1 Flasche Wein" waren die Umstände so, dass ich zu
Hause bleiben musste, und da hatte ich dann wieder Lust so aufwändig auf
Papier zu arbeiten. Und ich habe viel durch meine eigene Stimme ergänzt.

 

MN: Ja, du synchronisiert deine Filme ja selbst. Das erscheint mir aus der
künstlerischen Sicht wichtig und richtig. Die künstlerische Arbeit bleibt
nicht unbeeinflusst von dem, wie man lebt, wie die Ressourcenlage ist. Sich
auf eigene Ressourcen zu beschränken kann auch eine bewusste künstlerische
Entscheidung sein.
Wie beginnt bei Dir der Entstehungsprozess für einen Film, wie entwickelst
du die Idee?

AI: Das ist jedes mal anders. Manchmal gibt es eine Dringlichkeit, welche
mich beschäftigt. Ich habe immer mein Notizbuch dabei. Oft fallen mir
Filmtitel ein. Und dann fange ich an, da drumherum zu konstruieren. Oder
ich finde ein Lied gut. Und mag die Dynamik und Kraft, die da drin stecken
und versuche mir Ähnliches in der Animation vorzustellen.

MN: Und motivierst du dich an dem Ding dran zu bleiben? Wie kann man die Begeisterung halten? Oder ziehst du es in einem durch?

AI: Das gibt es schon, dass man an einem Film so lange arbeitet, bis man
ihn nicht mehr interessant findet. Aber das perfekte Projekt gibt es nie.
Und ich lerne viel in jedem Prozess, das ich ins nächste Projekt mitnehmen
kann. Manchmal mache ich Pausen, auch weil ich Aufträge erledigen muss. Ich
produziere Musikvideos. Aber manchmal tun Pausen der Sache gut. Dann schaut man später wieder drauf und erkennt die Schwächen, findet die Schraube, an der man drehen kann, um es in eine andere Richtung zu lenken. Und ich muss dann auch den Mut finden, dem Ding eine andere Richtung zu geben oder ganze Sachen rauszunehmen. Auf Englisch heißt es: „Kill your darlings".

MN: Du hast in Paris und Los Angeles gelebt und gearbeitet. Wie ist die
Berliner Szene im Vergleich?

AI: Ich habe an beiden Orten viel gelernt, wie dieses Berufsfeld
strukturiert ist. Vor allem in Los Angeles habe ich die ganzen großen
berühmten Produktionsstudios besucht: Cartoon Network, Disney, Nickelodeon.
Die Dynamik dort ist völlig anders. Die Studios sind große, sehr
durchstrukturierte Unternehmen. Jeder spielt seine Rolle, es gibt
Departments, wenn du ein Backgrounddesigner bist, dann bist du
hauptsächlich das. Du wirst nicht so ohne weiteres ein*e
Charakterdesigner*in. Du bist die Expertin in deinem Feld. In Deutschland ist
man Generalistin. In den USA ist zum Beispiel das Networking sehr wichtig,
dass man bei jeder Gelegenheit seine Visitenkarte abgibt, geschäftliche
Essenseinladungen veranstaltet. Aber auch wie man sich gewerkschaftlich
organisiert. Starke Gewerkschaften gab es dort schon zu Disneys Lebzeiten,
sie haben sich auch hart mit auseinandergesetzt. Generell kann man aber
sagen, dass die Animationskünstler*innen und die ganze Branche dort einen
anderen Stellenwert haben als in Deutschland, die sind viel anerkannter.
Auch in Frankreich ist der Beruf gesellschaftlich viel akzeptierter,
Animation wird nicht wie in Deutschland immer nur als Kinderfilm abgetan.
Nicht umsonst ist das weltweit größte Festival in Frankreich.

 

 

MN: Wie schwierig ist es für dich in Deutschland für einen Film die
Finanzierung zu bekommen?

AI: Für mich ging es bisher für die Art der Filme, die ich mache. Ein
kleines Team, sehr reduzierte Mittel. Es gibt Förderung durch die
Filmförderungsanstalt. Die speist sich aus einem Teil der Kinoerlöse. Aber
es wird schwieriger in den letzten Jahren. Für die großen Produktionen, für
animierte Kinofilme, dafür gibt es in Frankreich Förderung. Bei uns
herrscht immer noch die Meinung vor, dass ein erfolgreicher Animationsfilm
immer ein Kinderfilm ist. Naiv, langweilig, konfliktfrei.

MN: Ich dachte, dass diese Vorstellung schon längst überholt ist.

AI: Leider nicht. Diese Vorstellung löst sich sehr langsam auf.
Und du wirst nicht glauben, wie viele Freiberufler*innen ständig umziehen
müssen, weil ein anderes Bundesland gerade stärker fördert.

MN: Hört sich nicht gesund und nicht gut an.

AI: Es ist ein sehr spezieller Lebensstil. Man darf aber eigentlich nicht
vor die Wahl gestellt werden: Will ich Familie und Kinder oder will ich in
meinem Job arbeiten?

MN: Das ist im Kunstbereich auch schwierig beides zu vereinen. Du gehst
weniger soziale Verbindungen ein, wenn du zum Beispiel Kinder hast. Die kann
man in der eigenen Arbeit thematisieren und reflektieren, was wiederum
wichtig für die Gesellschaft ist.
Wie international ist die Szene? Wird sie immer noch
amerikanisch/europäisch dominiert? Wenn du bei den Festivals bist, wie
viele Filme kommen aus Ländern, die nicht so eine ausgeprägte
Animationsfilmproduktion haben?

AI: In der Mainstreamroduktion sind die USA und Japan sehr dominierend.
Aber im künstlerischen Bereich entwickelt sich tatsächlich sehr viel. Das
Annecy Festival in Frankreich zum Beispiel hat immer einen Fokus auf Länder,
Themen usw.

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© Anne Isensee

MN: Wie ist das Studium in Babelsberg gewesen? Wie viele Menschen aus
anderen Ländern haben mit dir studiert?

AI: Der Master ist viel diverser gewesen. Da waren viele Studierende aus
Ländern wie Syrien, Chile, aus der Türkei. Die sind auch zum Teil nur für
das Studium nach Deutschland gekommen. Ich habe das Gefühl, es wird viel
lebendiger. Je mehr verschiedene Perspektiven in so eine Klasse reinkommen,
desto besser. Das betrifft sowohl kulturelle Prägungen als auch Altersgruppen.

MN: Die Altersdurchmischung ist tatsächlich wichtig, das kenne ich selbst
vom Unterrichten, das war mir als Studentin nicht so klar. In Babelsberg
sind sehr hart umworbene Studienplätze. Und die Anforderungen an deutsche
Sprachkenntnisse sind sehr hoch, was es für viele ausländische Studierende
nicht leicht macht, einen Platz zu bekommen.

AI: Ja das ist eine Hürde. Aber wenn man auf Englisch unterrichten würde,
würde man deutsche Studierende aus bildungsfernen Familien wiederum
ausschließen.

MN: Aus meiner Sicht ist das Problem nicht so sehr, ob Deutsch oder
Englisch Unterrichtssprache ist. Die Hürde ist, dass du vor Studienbeginn
die Sprache ziemlich gut beherrschen musst, um zugelassen zu werden. Wenn
man einen Platz hat, passiert sehr viel, man lernt die Sprache schnell.

AI: Man hat wohl Angst, dass die Studierenden nicht mitkommen, in eine
Überforderung kommen. Aber man macht dann eine andere „Reise" innerhalb
dieses Studiums. Ich habe in Paris auch nicht alles verstanden. Ich habe
oft dreimal nachgefragt. Es ist aber vielleicht interessant zu schauen,
wie schaffe ich es mit einer fehlerhaften Sprache oder ohne Sprache
auszukommen?

MN: Du arbeitest auch mit Bildern. Ich war ganz kurz erst in Deutschland, mit Deutsch aus dem Schulunterricht als ich studiert habe. Erst später
habe ich realisiert, wie viel aufgenommen wird jenseits der Sprache. Bei Lernprozessen kann man nicht nur auf die Sprache setzen.

AI: Es geht doch oft nicht ums Detail. Selbst wenn ich in meiner
Muttersprache unterrichtet werde, merke ich mir nur ein Drittel davon. Und
wenn es nicht meine Muttersprache ist, höre ich vielleicht aufmerksamer zu.
Es sind andere Erfahrungen, die gerade im künstlerischen Bereich sehr
wichtig sind.

NM: Und ob man in dem Beruf bleibt nach dem Studium, darüber entscheiden so viele Komponenten. Und sicher nicht die Sprachkenntnisse.

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© Marina Naprushkina

MN: Wie hoch ist der Anteil der Frauen in der Branche? Ist es dir wichtig
zu sagen, ich bin eine Frau in diesem Beruf?

AI: Jetzt ganz spezifisch bei den Animationskurzfilmen ist das Verhältnis
ziemlich ausgeglichen. Weil es viele Autorenfilmemacherinnen gibt, sind die
Machtunterschiede nicht so extrem. Es gibt in diesem Bereich ganz wenig
Geld, Geld ist Macht. Nichtsdestotrotz sind wir alle in einer
sexsistischen Gesellschaft sozialisiert worden. Deswegen ist mein
Berufsfeld nicht frei von Sexismus und Diskriminierung.
In den letzten Jahren ist mir immer wieder aufgefallen, dass zum Beispiel
eine Jury aus drei weißen Männern besteht. Oder bei den großen
Filmproduktionen sind die Regisseure hauptsächlich Männer. In den
Geschichten gibt es schon auch weibliche Heldinnen, aber der Regisseur, der
erzählt, ist oft ein Mann.
Bei vielen Festivals gibt es Quoten, Paritätsdiskussionen, Initiativen. Das
Thema ist präsent. Aber das Problem liegt so tief, es muss viel
aufgebrochen werden auf allen Seiten. Es liegt noch so viel Arbeit vor uns,
dass wir nicht mal ansatzweise behaupten können, es gäbe Gleichberechtigung.

MN: Aber nochmal zum Thema Festival: Wie oft besuchst du Festivals?

AI: Oft und viele. Man muss schauen, dass man nicht in einen Zugzwang
gerät: Man will überall dabei sein. Es ist auch ein Privileg, eingeladen zu
sein und seinen Film zu präsentieren. Aber irgendwann sitzt man nur in
Zügen und Bussen und hat das Gefühl, es sei immer das Gleiche, so dass selbst hier eine Routine aufkommt. Da muss man aufpassen. Obwohl mich der Austausch auf den Festivals natürlich weiterbringt, bereichert und inspiriert. Ich liebe es, dort zu sein.

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© Marina Naprushkina

MN: Vielleicht wiederhole ich mich, aber wovon lässt du dich inspirieren,
was treibt dich?

AI: Ein Film ist so eine Suppe aus so vielen Dingen die einem passieren:
Politische Auseinandersetzungen, das was in der Zeitung steht oder ich
hatte mit jemandem an einer Haltestelle plötzlich ein intensives Gespräch.
Oder Konflikte in der Familie, ein Film, ein Song oder ein Traum. Oder eine
lange Zugfahrt! Die Landschaft zieht an mir vorbei und wenn ich keinen
spannenden Sitzpartner habe, schreibe ich Notizbücher voll...

 

 

 

 

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Ich nenne sie "Sehr-Kurzfilme"

"Lebt und arbeitet in Berlin" ist unsere neue Reihe, in der Künstler*innen miteinander sprechen. Das Format wechselt zwischen verschiedenen Genres, die die Künstler*innen jeweils wählen. Die Reihe ist Teil des Projekts Institutions Extended.

Für diese Ausgabe traf sich die Künstlerin Marina Naprushkina mit der Regisseurin für Animations-Kurzfilme Anne Isensee in ihrer Atelierwohnung in Berlin-Moabit.

Anne Isensee ist Regisseurin für Animations-Kurzfilme und Musikvideos. Ihre Kurzfilme werden auf internationalen Filmfestivals gezeigt. Sie studierte Animation an der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF und der
École nationale supérieure des Arts Décoratifs, Paris. Anne Isensee hält Vorträge und Workshops zu den Themen Animation und
Empowerment von Mädchen*. Seit 2020 ist sie Fulbright-Stipendiatin an der School of Visual Arts, New York.
Anne Isensee lebt und arbeitet in Berlin.

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