Anna-Lena Wenzel

Dr. Anna-Lena Wenzel* ist Autorin und Künstlerin. Nach ihrem Studium der Angewandten Kulturwissenschaften in Lüneburg promovierte sie über „Grenzüberschreitungen in der Gegenwartskunst“. Sie betreibt das Online-Magazin 99 % Urban und den Radiosalon für Alltägliches und ist in unterschiedlichen kollektiven Zusammenhängen unterwegs.

Dekolonialisierung konkret 

11.10.2022
Vorlesen
Filmstill: "Der Lange Weg Der Mohrenstraße" - Regie: Loraine Blumenthal, 2021

Dekolonialisierung ist ein häufig gebrauchtes Schlagwort, um die Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit zu beschreiben. Doch was genau verbirgt sich dahinter? Im Folgenden werden mehrere Projekte wie Straßenumbenennungen, Publikationen und Ansätze dekolonialer Museumspraxis vorgestellt, um die Dekolonialisierungs-Arbeit konkret zu machen.

Betritt man die Ausstellung „Magical Hackerism or the Elasticity of Resilience“ bei Savvy Contemporary in der Reinickendorfer Straße 17 befindet man sich in großzügigen Räumen, die dennoch anders anmuten als sonstige Ausstellungsräume. Das hat nicht nur mit den Vogelstimmen zu tun, von denen man sofort umgeben ist (eine Soundarbeit von Tania Candiani), sondern mit vielen Faktoren: der freie Eintritt, die Bücherwände, die sich durch die Räume ziehen, die Sitzecke linkerhand, in der man sowohl arbeiten als auch abhängen kann, und die geschäftige Atmosphäre. Das liegt nicht nur an den vielen Besucher*innen, sondern auch an den Mitarbeiter*innen, die hinter der Sitzecke ihre Arbeitsplätze haben und den Veranstaltungsräumen, die sich im hinteren Teil befinden, wo später am Abend ein Dinner stattfinden wird – nach der englischsprachigen Tour durch die Ausstellung. Das umfangreiche Begleitprogramm und die Ausstellung verteilen sich auf drei Standorte (Savvy Contemporary, Panke Galerie und /rosa) und sind Beleg für die lokale wie internationale Vernetzung des „The Laboratory of Form-Ideas“, wie sich Savvy selbst bezeichnet. Es ist zudem laut Selbstbeschreibung ein Raum für dekoloniale Praxis und Ästhetik. Ein konkretes Projekt, das diesen Anspruch umsetzt, ist „Colonial Neighbours“, ein „fortlaufendes partizipatives Archiv- und Forschungsprojekt, das sich mit der deutschen Kolonialgeschichte und ihren Nachwirkungen und Kontinuitäten in die Gegenwart auseinandersetzt.“ [1]

„Colonial Neighbours“, Bild @ Savvy Contemporary

Die Publikation „Dekoloniale Stimmen in Berlin. Ansichten, Schicksale und neue Realitäten, Berlin 1904-62“ herausgegeben vom Bezirksamt Mitte, möchte ebenfalls einen Beitrag zur Debatte um die Dekolonisierung Berlins leisten. Auch sie vollzieht dabei einen Spagat zwischen Geschichte und Gegenwart. In Form dreier sehr unterschiedlicher Texte und einer Fotostrecke aufgenommen im Afrikanischen Viertel im Wedding wird das Thema aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet – man könnte sagen, eher vom Rand aus und in dem Bestreben, historische Grundlagen zu vermitteln. So widmet sich der Beitrag von Thomas Irmer Walther Rathenau, Sohn des AEG-Gründers Emil Rathenau und linksliberaler Politiker, der sich nach mehreren Afrika-Reisen kritisch zur deutschen Kolonialpolitik äußerte. Eine Kolonialkritik, die aber den Kolonialismus selbst nicht infrage stellte, wie Museumsleiter Nathan Friedenberg in seinem Vorwort schreibt.
Die Journalistin Ursula Trüper hat gleich zwei Beiträge im Buch. Geht Trüper zunächst auf die Straßen im Afrikanischen Viertel ein, die nach Männern benannt sind, die mitverantwortlich sind für koloniale Gräueltaten (Peters-Allee, Lüderitzstraße und Nachtigalplatz), berichtet sie im zweiten Schritt von ihren Recherchen zu mehreren ghanaischen Studenten, die sie anhand eines Fotos, das 1958 anlässlich der Namensgebung der Ghanastraße aufgenommen worden war, ausfindig macht. Ähnlich vielschichtig und mehr-dimensional ist ihr zweiter Beitrag, der das tragische Schicksal von Mohamed Husen erzählt, der in der Kolonie Deutsch-Ostafrika geboren wurde, für die Kolonialarmee kämpfte und in dem Bestreben, seinen ihm zustehenden Lohn zu erhalten, nach Berlin kam, wo er als Übersetzer und Schauspieler arbeitete und 1944 im Konzentrationslager Sachsenhausen ums Leben kam. 

Im Rahmen der Buchpräsentation im Mitte Museum am 21. September wird zunächst der Film „Der lange Weg der Mohrenstraße“ der Filmemacherin Loraine Blumenthal gezeigt, den sie im Auftrag des Mitte Museums 2021 realisiert hat. Hier wird die Frage der Dekolonisierung ebenfalls ganz konkret, wenn erzählt wird, wie es zur Umbenennung der Straße kam und welche unterschiedlichen Positionen es dazu gibt. In der anschließenden Diskussion wird nicht nur die Frage geklärt, warum die Straße immer noch nicht umbenannt worden ist (es gibt rechtliche Fristen für Einsprüche, die eingehalten werden müssen), sondern auch auf die unterschiedlichen Gründe für Umbenennungen hingewiesen. So müsse man differenzieren zwischen diskriminierenden Bezeichnungen wie „Mohr“ und der Huldigung von Kolonialisten wie Gustav Nachtigal im Fall des Nachtigalplatzes. Die Bezeichnung einer Straße nach einem afrikanischen Land müsse dagegen nicht in einem kolonialen Zusammenhang stehen.

Was ebenfalls deutlich formuliert wird, ist eine Kritik an der Tatsache, dass es nur weiße Beteiligte an dem Buchprojekt gibt. Warum wurde nicht darauf geachtet, Betroffene einzubeziehen, war eine Frage, die kontrovers diskutiert und insbesondere von Loraine Blumenthal mit Nachdruck vorgebracht wurde. Vorbild hierfür ist das fünfjährige, bezirksübergreifende Projekt „Dekoloniale Erinnerungskultur in der Stadt“, das Aktivitäten bündelt und institutionalisiert. Das Modellprojekt geht auf eine Initiative von Berlin Postkolonial e.V., dem Berliner Entwicklungspolitischen Ratschlag (BER) e.V., Each One Teach One (EOTO) e.V., der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD) e.V. und der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa zurück, womit es „maßgeblich von Akteur:innen getragen [wird], die sich seit Jahren für Berlins kritische Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus engagieren“, heißt es auf der Website. [3]

Die Publikation „Das Museum Dekolonisieren? Kolonialität und museale Praxis in Berlin“ ist in Kooperation mit dem Verbundprojekt entstanden. In ihm werden drei Berliner Praxisbeispiele vorgestellt: Die Pilotprojekte „Kolonialgeschichte im Deutschen Technikmuseum im Rückblick. Ein neuer Umgang mit dem brandenburgisch-preußischen Versklavungshandel und Reflexionen. Koloniales Erbe im Brücke-Museum“ und die Einrichtung einer Kompetenzstelle für dekoloniale Museumspraxis am Stadtmuseum Berlin. Conclusio: „DeKolonisierung ist keine starre Theorie, sondern bewegliches Denken und Handeln. DeKolonisierung imaginiert, was sein könnte, was sein sollte.“ [4] Übersetzt in Handlungsanweisungen heißt das: „Ziel ist es, neue Narrative zu schaffen, herkömmliche Diskurse, Begrifflichkeiten und Sprache, Hierarchisierungen und Weltanschauungen zu hinterfragen, aufzubrechen und gemeinsam neu auszurichten.“ [5] Wie mühsam und verunsichernd das sein kann, schildern Anne Fäser und Anne Stabler in ihrem Text zum Pilotprojekt im Technikmuseum: „Über vieles musste neu nachgedacht werden und vieles neu ausgehandelt werden. Es ging und geht um einen Lern- aber auch einen Verlernprozess. Für einige Kolleg*innen – auch für uns – war das erst einmal irritierend und es fühlte sich unangenehm an, Unsicherheit auszuhalten und produktiv zu machen. Es bleibt auch weiterhin eine Herausforderung. Denn Zeit und Willen ist notwendig, um altes Wissen zu verlernen und neues zu produzieren, Verständnis für verschiedene Perspektiven zu entwickeln und gemeinsame Fragen entstehen zu lassen.“ [6]

In diesem selbstkritischen Zitat wird anschaulich, wie kleinteilig Dekolonialisierung beginnt und was sie im Einzelnen für die Beteiligten bedeutet. Das gilt besonders für Institutionen, die – anders als Savvy Contemporary – nicht mit der Agenda einer dekolonialer Museumspraxis gegründet wurden, sondern von der Kolonialzeit profitiert haben. Aber auch für alle anderen gilt es, Erzählungen und Objekte auf rassistische Aspekte hin zu überprüfen. Die Ernennung von Bonaventure Soh Bejeng Ndikung, künstlerischer Leiter von Savvy Contemporary, zum neuen Direktor des HKWs ab 2023 ist jedenfalls ein Indiz dafür, dass die Institutionalisierung der Dekolonialisierung voranschreitet – trotz Verzögerungen und Widerständen. 

[1] https://savvy-contemporary.com/de/pillars/colonial-neighbours/
[2] Ebd.
[3] https://dekoloniale.de/de/about#general
[4] Lorraine Bluche, Ibou Coulibaly Diop, Sophie Plagemann und Mariane Pöschel: Stiftung Stadtmuseum Berlin. Auf dem Weg zu einer dekolonialen Museumspraxis: fragen, sichten, proben, lernen, in: Brücke Museum, Stiftung Deutsches Technikmuseum Berlin, Stiftung Stadtmuseum Berlin, Daniela Bystron, Anne Fäser (Hg): Das Museum Dekolonisieren? Kolonialität und museale Praxis in Berlin, transcript, Bielefeld, 2022, S. 189 – 196, hier, 196.
[5] Ebd.
[6] Anne Fäser und Anne Stabler: Stiftung Deutsches Technikmuseum , in: Brücke Museum et al (Hg): Das Museum Dekolonisieren?, S. 189 – 196, hier, 196.

Infos
„Magical Hackerism or the Elasticity of Resilience“

SAVVY Contemporary, Reinickendorfer Straße 17, 13347 Berlin
Öffnungszeiten 15.09.–06.11.2022 Donnerstag–Sonntag 14:00–19:00
MIT Aarati Akkapeddi, Theresah Ankomah, aruma, Erick Beltrán, Shailesh BR, Tania Candiani, Nolan Oswald Dennis, Cian Dayrit & Mark Sanchez, Merv Espina, Jung Hsu & Natalia Rivera, Los Carpinteros, Joiri Minaya, Sheila Nakitende, Vernelle A. A. Noel, Sahej Rahal, Eliécer Salazar, Corinne de San Jose, Juliana dos Santos, Sindicato Virtual de Mods & Club Matryoshka, Cem Sonel, Gabriella Torres-Ferrer, Abel Rodríguez, Wakaliga Uganda, ++

panke.gallery, Hof V, Gerichtstraße 23, 13347 Berlin
Öffnungszeiten 15.09.–06.11.2022 Mittwoch–Samstag 15:00–19:00
MIT Brian Mackern, Cristóbal Cea, Giselle Beiguelman, Bruno Moreschi & Bernardo Fontes, Gustavo Romano, Fabiola Larios, Liliana Farber, Miyö Van Stenis, Molly Soda, Thiago Herzan

/rosa: Rosa-Luxemburg-Straße 35, 10178 Berlin
Öffnungszeiten 18.09.–06.11.2022 Freitag 15:00–19:00 & Samstag–Sonntag 14:00–19:00
MIT Brian Mackern, Gustavo Romano, Homeostasis Lab, Alcides Martínez Portillo, Mari Nagem, Mariela Yeregui, NETescopio (MEIAC)

Brücke Museum, Stiftung Deutsches Technikmuseum Berlin, Stiftung Stadtmuseum Berlin, Daniela Bystron, Anne Fäser (Hg): Das Museum Dekolonisieren? Kolonialität und museale Praxis in Berlin, transcript, Bielefeld, 2022

Dekoloniale Stimmen in Berlin. Ansichten, Schicksale und neue Realitäten, Berlin 1904-62, hrsg.v. Bezirksamt Mitte von Berlin. Abteilung für Schule, Sport, Weiterbildung und Kultur, Berliner Reihe 2, Mitte/Rand, Berlin 2022

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