Anna-Lena Wenzel

Dr. Anna-Lena Wenzel* ist Autorin und Künstlerin. Nach ihrem Studium der Angewandten Kulturwissenschaften in Lüneburg promovierte sie über „Grenzüberschreitungen in der Gegenwartskunst“. Sie betreibt das Online-Magazin 99 % Urban und den Radiosalon für Alltägliches und ist in unterschiedlichen kollektiven Zusammenhängen unterwegs.

„In der Zeit des Kalten Krieges entstanden auf beiden Seiten des Vorhangs ungezählte Propagandafilme, die sich gegenseitig nichts schuldig blieben.“

10.08.2021
Vorlesen
Wozu denn
1980 porträtiert Thomas Heise in „Wozu denn über DIESE LEUTE einen FILM?“ drei Kleinkriminelle aus Prenzlauer Berg. Der an der Hochschule für Film und Fernsehen der DDR entstandene Studentenfilm kann erst 1989 aufgeführt werden. (Motiv aus dem Film)
Die_gemordete_Stadt_Still Kinder
Motiv aus dem Film „Die gemordete Stadt. Abgesang auf Putte und Straße, Platz und Baum“ (BRD 1965), in dem die unwirtlichen neuen Schlafstädte West-Berlins beklagt werden.

Nach langen Monaten der Schließung haben seit Juli die Kinos wieder geöffnet. Das Zeughauskino setzt unter dem Titel „Berlin.Dokument“ ihr Programm mit dokumentarischen Aufnahmen von Berlin fort. Die Filme erzählen mosaikartig eine Geschichte Berlins, wie sie in oft unbekannten, an den Rändern der kommerziellen Filmindustrie entstandenen Aufnahmen überliefert ist. Der Fokus der nächsten Monate liegt auf Dokumentarfilmen zum Städtebau in West- und Ostberlin aus den 1970er Jahren. Jeanpaul Goergen, Kurator der Filmreihe, erzählt, wie es zu der Reihe gekommen ist und wie er die Auswahl der Filme zusammenstellt.

Anna-Lena Wenzel: Wie ist die Idee zur Reihe „Berlin.Dokument“ entstanden?

Jeanpaul Goergen: Die Idee entstand 2011 aus einem Gespräch mit Jörg Frieß, dem Leiter des Zeughauskinos. Ich hatte dort und im Kino Arsenal bereits einige Programme mit Dokumentarfilmen zu Berlin kuratiert und mich auch wissenschaftlich mit dem Genre des Städtefilms einerseits und Berlin-Filmen andererseits beschäftigt, nicht zuletzt 1989 durch mein Buch über Walter Ruttmann, der 1927 mit „Berlin. Die Sinfonie der Großstadt“ den wohl bekanntesten Berlin-Film gedreht hat. Allerdings war wohl weder Jörg Fries noch mir am Anfang klar, dass die Reihe einen derartigen Umfang annehmen würde – im September findet das 105te Programm statt!

Wie ist die Auswahl zustande gekommen?

Ich habe dann die Idee entwickelt, chronologisch, nach Jahrzehnten vorzugehen. Das ist zugegebenermaßen nicht sehr originell, erlaubt es aber, eine Struktur in das Programm zu bekommen. Innerhalb dieser Dekaden versuche ich die Filme thematisch zu bündeln – so kommt es zu Programmen wie „Bau der Nord-Süd-S-Bahn“, „Das grüne Berlin“ oder im kommenden Dezember „Prenzlauer Berg: Menschen und Häuser“. Da es deutlich mehr Kurzfilme über Berlin als abendfüllende Titel gibt, besteht die Kunst darin, sie unter einem adäquaten Motto zusammenzufassen und so zu gruppieren, dass eine Stimmungslinie, eine Steigerung entsteht. Ideal wäre es, in einem Programm Filme aus Ost und West gegenüberzustellen, wie etwa in „Museen in Ost und West“ oder „Arbeitswelten in Ost- und West-Berlin“ – das gelingt aber nur selten.

Die Auswahl ist zum einen auch davon abhängig, welche Filme noch überliefert sind – leider sind viele Filme verschollen – und zum zweiten, welche tatsächlich auch benutzbar sind. Durch die Kooperation des Zeughauskinos mit dem Bundesarchiv und dem Landesarchiv Berlin ist es möglich, auch von bisher nicht verfügbaren Filmen Vorführkopien – zuletzt ausschließlich digital – für die Programmgestaltung zu bekommen. Auch die Deutsche Kinemathek hat in diesem Jahr Berlin-Filme für die Reihe digital umkopiert. Filme des DDR-Fernsehens steuert das Deutsche Rundfunkarchiv (DRA) bei; Studierendenfilme kommen von der Filmuniversität in Potsdam-Babelsberg. Ohne die kollegiale Zusammenarbeit mit diesen Filmarchiven wäre die Reihe kaum sinnvoll zu realisieren. Ein Wermutstropfen: Filme des West-Fernsehens (Sender Freies Berlin) können wir wegen der hohen Ausleihgebühren aktuell nicht zeigen.

Zu jedem Programm gibt es zudem ein sorgfältig recherchiertes Informationspapier mit den wichtigsten Informationen zu den Filmen; diese Handreichungen sind auch auf der Seite des Zeughauskinos hinterlegt.

Wie würden Sie die unterschiedlichen Zugänge der Filmemacher*innen in Ost und West beschreiben?

Diese Frage lässt sich nicht so einfach beantworten, schon gar nicht generell. In der Zeit des Kalten Krieges – wo das geteilte Berlin weltpolitisch im Mittelpunkt stand – entstanden auf beiden Seiten des Vorhangs ungezählte Propagandafilme, die sich gegenseitig nichts schuldig blieben. Bei den Ost-Filmen ist dabei eher eine gewisse Monotonie in der Argumentation festzustellen, bei den West-Filmen sind immer wieder die gleichen Motive wie die Mauer am Brandenburger Tor und die nächtlichen Leuchtreklamen am Ku’damm zu sehen. Die Informations- und Werbefilme der 1960er und 1970er Jahre betonen jeweils die besten Seiten der beiden Halbstädte. Wirklich künstlerische Auseinandersetzungen mit Berlin bzw. zu Teilbereichen sind auf beiden Seiten eher selten – diese tauchen verstärkt erst ab den 1980er Jahre auf. Ab Ende der 1960er Jahre entstehen in West-Berlin zahlreiche, vorwiegend von Filmstudent*innen gedrehte Filme zu gesellschaftspolitischen und sozialen Themen (z.B. zur Hausbesetzer- und Studentenbewegung usw.) In Ost-Berlin versuchten Filmemacher*innen, die Grenzen des Zeigbaren auszuloten, um gesellschaftliche Realität einzufangen.

Haben Sie bei der Recherche neue Entdeckungen machen können und können Sie bestimmte Filme besonders empfehlen?

Da ich die meisten Filme bei der Planung und Verbreitung für mich selbst erst entdecke – ich schaue sie mir alle vorher in den Archiven an, was recht zeitaufwändig ist – ist jedes Programm für mich eine Entdeckung und ich hoffe auch, für mein Publikum, denn die große Mehrzahl der bisher gezeigten Filme war nie bzw. nur ganz selten auf der großen Leinwand zu sehen.

Empfehlen kann ich immer nur das jeweils aktuelle Programm; die Reihe findet ja einmal im Monat statt. Ich werde häufig gefragt, wo man sich die gezeigten Filme noch einmal anschauen könne. Leider sind nur ganz wenige der bis heute gezeigten knapp 500 Filme als DVD oder online verfügbar.

Kinos sind in der Zeit der Pandemie besonders von den Schließungen betroffen, weil sie bis auf die Sommermonate, wo sie Freiluftkinoprogramme anbieten können, kaum Ausweichmöglichkeiten haben. Sie sind freiberuflicher Kurator, Autor und Filmwissenschaftler: Wie haben Sie die Zeit erlebt? Sind Ihnen Jobs weggefallen oder haben Sie die Zeit für lange geplante Projekte nutzen können?

Einfach waren diese Monate nicht, zumal der monatliche Rhythmus der Reihe unterbrochen war, Archive und Bibliotheken geschlossen waren und ich somit praktisch nicht weiterarbeiten konnte.

Haben Sie zusammen mit dem Zeughauskino über digitale Angebote nachgedacht?

Nein, das entscheidet das Kino selbst. Digitale Angebote sind zudem nur dann möglich, wenn das Kino über die entsprechenden Rechte verfügt bzw. diese einholt – und das heißt: auch bezahlt. So einfach online stellen kann man Filme nicht.

Noch mal anders gefragt: Haben Sie Angebote, wie sie während des Lockdowns zum Beispiel inform von wöchentlich wechselnden Screening-Programmen vom Arsenal angeboten wurden, genutzt?

Wenn man Streaming-Angebote der Einfachheit halber einmal mit einem normalen Kinoprogramm gleichsetzt, so trifft man bei beiden Angeboten stets eine Auswahl nach Interessenlage. In anderen Worten: Ich schaue mir einen gestreamten Film nicht deshalb an, nur weil er gerade für zwei Wochen online ist, sondern wenn er mich auch interessiert.

Was ist Ihre Einschätzung: Hat die Pandemie das Medienverhalten durch die intensive Nutzung von Screeningangebote à la Netflix, Mubi und Co. nachhaltig so verändert, dass die Besuchendenzahlen in den Kinos weiter abnehmen werden?

Das wird man erst in einigen Jahren sehen. Um die kommunalen Kinos mache ich mir weniger Sorgen; denkbar ist aber, dass sich der Zuschauerrückgang der letzten Jahre vor allem bei den gewerblichen Kinos verstärkt – ein überwiegend jüngeres Publikum, das dann später auch für die kommunalen Kinos bzw. die Arthouse-Kinos verloren sein dürfte.

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