Cleo Wächter und Lusin Reinsch

Cleo Wächter ist eine bildende Künstlerin, Kuratorin und Anthropologin. Sie interessiert sich für den Begriff der Landschaft und ihre Forschung konzentriert sich hauptsächlich auf unsere Beziehung zu unserer Umwelt und darauf, wie Menschen der Landschaft Bedeutung verleihen. Derzeit ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachbereich Kunst, Kultur & Geschichte des Bezirksamtes Mitte, Sachgebiet Stadtkultur mit Schwerpunkt Kunst im Stadtraum und Kunst am Bau. Sie gehört zum künstlerischen Leitungsteam des Bärenzwingers. Ihre Arbeiten wurden u.a. in Stroom Den Haag, der Jan van Eyck Academy in Maastricht, und der Floating University in Berlin gezeigt und veröffentlicht.

Lusin Reinsch (*1992) studierte Business Administration in Berlin und Buenos Aires, Argentinien, und Kulturmanagement in Saarbrücken. Zwischen 2014 und 2017 war sie als Assistentin der Festivalplanung für die B3 Biennale des bewegten Bildes (Frankfurt/Main) tätig. 2016 arbeitete sie als Werkstudentin im Bereich Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit für die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Kunstvereine. Von September 2020 bis August 2023 war sie kuratorische Assistentin und Programmkoordinatorin in der Galerie Nord | Kunstverein Tiergarten sowie Teil des künstlerischen Leitungsteams des Bärenzwingers. Aktuell arbeitet sie als freie Kuratorin und als Galerieassistentin in der Zilberman Gallery Berlin.

“Gott Miau Miau  Avatar Mutter” Kunst am Bau Projekt von Jelena Fužinato. 

21.09.2023
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Foto: Ilaria Biotti, 2023
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Foto: Ilaria Biotti, 2023

Im kürzlich wieder geöffneten Zillehaus, einem Jugendzentrum in Moabit, findet man seit der Sanierung auch die Kunst Am Bau von Jelena Fužinato. Die ortsspezifische, vielschichtige Arbeit wurde nicht nur für, sondern auch mit den Nutzer*innen gemacht.

Ein Tiger, der sich die Kurven hinauf schlängelt. Mehrere Hände greifen in die Luft. Ein schuppiges Meerestier ruht gemütlich in der Nähe der Sonne. Eine Wolke, die über dem Boden schwebt. Ein rundes Gesicht, das sanft lächelt.

Im Jahr 2023 öffnet das Zille-Haus, ein Jugendzentrum, seine Türen wieder für Kinder und Jugendliche und lädt sie ein, um in dem renovierten Gebäude zusammenzukommen. In unmittelbarer Nähe zum Hauptbahnhof, in der Rathenower Straße, mitten im Berliner Stadtteil Moabit gelegen, fügt es sich harmonisch in den sozialen Charakter der umliegenden Einrichtungen ein. So zum Beispiel mit der Kurt-Tucholsky-Schule und dem Bildungszentrum Rathenower Küche gleich nebenan.

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Foto: Holger Herschel
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Foto: Holger Herschel

Mit dem Überschreiten der Schwelle, betritt man einen Raum, der hell, offen und geordnet wirkt. Eines der ersten Dinge, die in dem weitläufigen Raum auffallen, sind die vielen Sitzmöglichkeiten. Die breiten Sitzbänke bilden das Zentrum des Ortes, an dem sich die Gemeinschaft versammeln kann und sind keine Ergänzung, sondern Teil der Architektur. Auf den zweiten Blick sieht der*die Besucher*in vielleicht dunkelgrau gestrichene Säulen an zentralen Punkten im Raum. Wie so oft erinnern diese Säulen an frühere Zeiten, sie waren bereits Teil des ursprünglichen Gebäudes, das Mitte der siebziger Jahre gebaut wurde. Bei der Renovierung haben sie ihren Platz nicht verloren, aber ihre Funktion geändert. Von Lüftungssäulen wurden sie zur Raumbeleuchtung umgewandelt – und während sie sich immer noch als starke Träger positionieren, wirken sie nun als Träger von Geschichten.

Hier könnte der*die Besucher*in vielleicht zuerst die Kunst am Bau [1] bemerken, die von Jelena Fužinato geschaffen wurde. Diese ist in die Oberfläche der Architektur (Boden, Fenster, Wände) eingraviert und setzt sich aus einer Sammlung von Zeichnungen zusammen, die eine breite Vielfalt von Tieren, Landschaften, Porträts, Smileys, Logos, Symbolen, Strich- und Fantasiefiguren darstellen. Die Arbeit “Gott Miau Miau Avatar Mutter” ist in ihrem Wesen unmittelbar präsent, auch wenn man sie nicht sofort sieht. Auf den Glasfenstern zum Beispiel kann man die Interventionen besser wahrnehmen, wenn man mit den Händen über die Oberfläche gleitet und die Ungleichmäßigkeit auf dem glatten Untergrund spürt. Sie verleihen dem Innenraum eine narrative Textur, die zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit, erzählten und nicht erzählten Geschichten pendelt.

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Foto: Ilaria Biotti, 2023
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Foto: Ilaria Biotti, 2023

Ziel des Zille-Hauses und des dort ansässigen “Zilleklubs” ist es, die lokale Gemeinschaft durch kreative und spielerische Prozesse und Aktivitäten miteinander in Verbindung zu bringen. Dies spiegelt sich auch in der Art und Weise wider, wie Jelena Fužinato das “Ausgangsmaterial” für das Projekt sammelte: Sie organisierte eine Reihe von partizipativen Zeichenworkshops mit den Menschen, die das Zille-Haus ausmachen, und lud sie ein, Übungen zu machen und zu reflektieren – sowohl über ihre individuellen Interessen als auch über die Gruppe als Ganzes.
Sie begann mit verschiedenen Untergruppen der bestehenden Gemeinschaft (wie Jugendlichen, ihren Familien und Mitarbeiter*innen des Jugendzentrums), aber schließlich wurde das Format für eine breitere Palette von Mitwirkenden geöffnet, ebenso wie die Methoden des Sammelns, beispielsweise durch Einladungen zu Spaziergängen und durch das Verwenden von speziell entwickelten Formularen. All dies ermöglichte es ihr, weiterhin verschiedene Perspektiven zusammenzutragen.

Zeichnen ist ein sehr zugängliches Medium, aber auch ein intimes. Während dieser Workshops hörte Jelena Fužinato oft den Satz: “Aber ich kann nicht zeichnen!” Und vielleicht kann der*die Leser*in dieses Textes das Gefühl nachempfinden. Alle können zeichnen, denn jede*r hat es von Kindheit an getan. Aber sich an den Konventionen der Kunst zu messen und die Möglichkeit gesehen zu werden, können es einschüchternd machen, sich auszudrücken. Unter Berücksichtigung der individuellen Geschichte jeder*jedes Einzelnen wurde eine demokratische Plattform geschaffen, auf der jeder Ansatz das gleiche Gewicht hat. Die Künstlerin scheint sich der Verflechtung von Verletzlichkeit, Kreativität und Empowerment bewusst gewesen zu sein und das breite Spektrum der verewigten Ausdrucksformen zeugt von der vertrauensvollen und gemeinschaftlichen Umgebung, die sie und das Zille-Haus geschaffen haben.

Der Ansatz, gemeinschaftliche Prozesse zu nutzen, entspricht Fužinatos pädagogisch-künstlerischer Praxis und zeigt, dass Vermittlung ein künstlerisches Mittel sein kann. Das Medium der Zeichnung findet sich aber auch auf andere Weise im Gebäude wieder. Heinrich Zille, nachdem das Zentrum benannt ist, war ein Jahrhundert zuvor als Maler und Zeichner für seine Darstellungen des Berliner Alltagslebens bekannt. Sowohl er als auch Jelena Fužinato stellen die Frage, wer in den Kunstwerken dargestellt wird. Der Unterschied besteht darin, dass sie einen Rahmen für die Selbstdarstellung der Gemeinschaft schafft.

Foto: Holger Herschel

Diese Berechtigung zeigt sich auch in der Zusammenstellung der Werke, die sich über die verschiedenen Etagen des Zille-Hauses verteilen. Von allen Teilnehmer*innen der verschiedenen Workshops wurde mindestens eine Zeichnung ausgewählt und im Verhältnis 1:1 auf das Gebäude übertragen. Die “Kuration”, wenn man so will, zeigt sich vor allem in der Auswahl der verschiedenen Themen. Auf einer Säule sind ausschließlich katzenartige Tiere zu sehen. Links davon und weiter unten sehen die Besuchenden Themen, die einen Bezug zu Geburt und Fortpflanzung aufweisen. Im Fenster erscheint ein wildes Pokémon. Es scheint eine mühelose Logik in der Zufälligkeit der gemeinschaftlichen Mind Map zu geben, die sich über die gesamte Einrichtung erstreckt. Man kann den Zeichnungen mit einer sonderbaren Vertrautheit begegnen, denn sie sind sowohl einzigartig in ihrer Entstehung als auch musterhaft durch ihren permanenten Charakter. Durch die Geschichten, die sie erzählen, erfahren wir etwas über die Menschen, die sie gezeichnet haben. Sie lassen jedoch Raum für Identifikation und ermöglichen es dem Publikum, sich in sie hineinzulesen.

Das zusammengetragene Archiv aus Zeichnungen gibt einen Einblick in die aktuelle lokale Geschichte, in der Jelena Fužinato keine Bewertung, keine (zu starke) Klassifizierung und keine Hierarchie in der Struktur zulässt. Die Arbeit ist ihre Art das normalerweise systematische und kategorische Archiv in Frage zu stellen. Man könnte diese Herangehensweise auch als eine Form des “Anarchivings” bezeichnen, die über reine Dokumentation und Interpretation hinausgeht. Das Archiv dient hier als Ausgangspunkt, von dem das Anarchiv ausgeht. Mit sanften Gesten erforscht es, greift Spuren auf und schafft etwas Neues, das sich nicht auf eine einzige Weise einschließen lässt, sondern offen ist. Viele Archive gehen im Laufe der Zeit verloren oder werden beschädigt. Wer hat noch alle Kreationen aus der Kindheit? Oder kann sagen, dass die leuchtenden Farben ihrer Bilder noch genauso sind wie damals, als sie an den Kühlschrank gehängt wurden? Die Essenz der Zeichnungen, die in den Workshops entstanden sind, wird nicht verstauben. Stattdessen sind sie nun wie ein Spinnennetz über die Wände des Zille-Hauses gesponnen und ziehen die Aufmerksamkeit der Betrachter*innen auf unendlich viele Weisen auf sich.

Archive, Sammlungen und Institutionen selbst sind ein Fokus der künstlerischen Forschung von Jelena Fužinato – ebenso wie deren Kritik. Sie widmet ihre Forschungen den Geschichten und Strukturen, die in der Kunstwelt oft vernachlässigt werden (weibliche Künstlerinnen, Künstler*innen aus der arbeitenden Klasse, Kunstlehrer*innen…). Fužinato zentriert die Peripherie. Zwischen Lebensrealität, Imagination und Möglichkeiten schwebend, verwendet sie häufig Widerspruch als Mittel sowie gegensätzliche Bilder, um soziale Themen anzusprechen. Sie bemüht sich bewusst darum, die Muster der Ausgrenzung, die in den Kunstinstitutionen immer deutlicher werden, nicht zu reproduzieren. Deshalb hat sie sich bei der Konzeption der Kunst am Bau dafür entschieden, den Raum und die Methode, wie er gestaltet wird, zu öffnen.

Foto: Ilaria Biotti, 2023

Ihr Vorschlag, eine künstlerische Arbeit in einem kommunal genutzten Gebäude mit Hilfe der ansässigen Gemeinschaft zu entwickeln, mag logisch erscheinen, nachdem er nun umgesetzt wurde. Aber selbst im Kanon der Kunst-am-Bau-Projekte, die ein möglichst breites Publikum ansprechen wollen und eine Balance finden müssen, um Aufmerksamkeit zu erregen, ohne Menschen darüber “stolpern” zu lassen, ist dies etwas recht Ungesehenes. Einen solchen Auftrag zu erhalten, bedeutet für Künstler*innen, ihre eigenen Gedanken sowie ihre Praxis in einem großen räumlichen und zeitlichen Maßstab zu materialisieren. Für Jelena Fužinato ist dies zwar das erste Kunst-am-Bau-Projekt, aber die Materialität von Institutionen war schon immer Teil ihrer Praxis. In den letzten zehn Jahren hat sie mit Beton, Marmor, Glas und anderen Baumaterialien gearbeitet. Sie hat sich in den (öffentlichen) Raum gewagt und mit ihren Händen, ihren Fähigkeiten und ihrem Handwerk vielschichtige Installationen und Zeichnungen geschaffen, die in einen performativen Akt eingebettet sind.

Jelena Fužinato wirft mit dieser Arbeit die Frage nach Urheberschaft auf: Sie wirkte in gewisser Weise als Anthropologin, Kuratorin, Vertrauensperson, Bauherrin. Und wir müssen feststellen, dass diese Frage überflüssig ist. Das Kunstwerk funktioniert, weil es von vielen Menschen gemacht wurde – gemeinsam. Es unterstreicht die Stimmen der anderen, ohne der Künstlerin ihre eigene Handschrift zu nehmen.

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Foto: Ilaria Biotti, 2023
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Foto: Ilaria Biotti, 2023
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Foto: Ilaria Biotti, 2023

In der letzten Phase des Projekts wird das Publikum selbst zum*zur Autor*in. Die Arbeit ist nicht an das Gebäude gebunden. Sie lebt außerhalb seiner Mauern weiter. Durch die Methode der Frottage (das Reiben eines Bleistifts oder Kugelschreibers über ein Stück Papier, das über die Gravur gelegt wird, um sie zu kopieren) können die Besucher*innen ausgewählte Zeichnungen mit nach Hause nehmen und durch unendliche Reproduktionen – jede von ihnen einzigartig – eigene Geschichten, Kompositionen und Konstellationen zusammenstellen.

Umgebungen formen uns. Nun wurde das Zille-Haus von seinen Nutzer*innen, Besucher*innen und Passant*innen geformt. Es stellt sich die Frage, wie die Geschichten, die in das Gebäude eingeflossen sind, sich letztlich in die Menschen, die (ihre) Tage darin verbringen, einprägen werden. Diese Wechselwirkungen und Verbindungen lassen sich in alle Richtungen ausdehnen, zu den Menschen, zum Gebäude und darüber hinaus.

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Foto: Holger Herschel
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Foto: Holger Herschel

[1] Kunst am Bau ist eine maßnahmengebundene künstlerische Arbeit, die im Zusammenhang mit öffentlichen Baumaßnahmen (Hoch- und Tiefbau) entsteht.Sie kann temporärer oder dauerhafter Natur sein. Seit 1979 gibt es die Verwaltungsvorschrift zur Realisierung von Kunst am Bau im Rahmen öffentlicher Baumaßnahmen. Das Land Berlin ist dieser Tradition verpflichtet und will den Stellenwert von Kunst am Bau und Kunst im Stadtraum einschließlich ihrer Vermittlung, Pflege und Dokumentation weiter stärken.

Anders als rein dekoratives Beiwerk von Architektur setzt sich Kunst am Bau konkret mit einem Gebäude und dessen stadträumlichen Umfeld auseinander.Zudem sind die künstlerischen Arbeiten für eine breite Öffentlichkeit außerhalb von Museen und Ausstellungen frei zugänglich. (Quelle: https://kultur-mitte.de/stadtkultur/kunst-am-bau/)

 

Jelena Fužinato arbeitet mit Zeichnungen und Installationen, um autoritäre Beziehungen innerhalb von Institutionen wie Familie, Schulen, Museen und Staaten zu untersuchen. Fužinato befasst sich mit realen Ereignissen, die sie jedoch spekulativ und fiktiv behandelt und darstellt. Die Werke und Methoden, die sie wählt, stehen häufig im Widerspruch zu zentralen Erzählungen und sprechen über soziale Randpositionen von Dingen und Lebewesen. Ihre vielschichtige Herangehensweise bringt vorhandene Referenzen und fabrizierte Informationen zusammen, um neue metaphorische Erzählungen zu generieren.
Fužinato wurde in Prnjavor, Bosnien und Herzegowina, geboren und lebt in Berlin. Neben ihrer künstlerischen Praxis arbeitet sie als künstlerische Leiterin und Dozentin an kollaborativen Projekten zu feministischen und pädagogischen Themen. Zuletzt erhielt sie 2022 das nGbK-Vermittlungsstipendium (Berlin, DE) und gewann den Kunst am Bau-Wettbewerb für das Zillehaus mit ihrer Arbeit ‚Gott Miau Miau Avatar Mutter‘. Sie lebt und arbeitet in Berlin, Deutschland.

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