Anna-Lena Wenzel

Dr. Anna-Lena Wenzel* ist Autorin und Künstlerin. Nach ihrem Studium der Angewandten Kulturwissenschaften in Lüneburg promovierte sie über „Grenzüberschreitungen in der Gegenwartskunst“. Sie betreibt das Online-Magazin 99 % Urban und den Radiosalon für Alltägliches und ist in unterschiedlichen kollektiven Zusammenhängen unterwegs.

„Ich verstehe mich als Facilitator“ Heather Purcell im Porträt

24.02.2022
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Heather Purcell im Fortuna, Foto @ Anna-Lena Wenzel

In der Reihe „Community basierte Kunst“ geht es um Wege und Herausforderungen, Gemeinschaften zu bilden. Wie bringt man Leute an einem Ort zusammen? Wie ermuntert man sie mitzumachen? Wie hält man einen Raum und stiftet Verbindungen? Gemeinschaftsbildung hat ihren Ursprung oft in Aktivismus und Subkultur und ist Teil künstlerischer Praxen. Sie wird verstärkt von Institutionen angefragt, um das Publikum zu erweitern und sich lokal zu verorten, als Care-Arbeit ist sie jedoch häufig prekär bezahlt.

Auf der Karl-Marx-Straße in Neukölln wurde ein ehemaliges Wettbüro in einen Ort für Gemeinwohl umgewandelt. Vom ursprünglichen Namen „Fortuna Wetten“ ist das Wort „Fortuna“ als Bezeichnung und Motto für den Raum geblieben. Wo früher Monitore hingen, auf denen Wettergebnisse verkündet wurden, nutzen nun verschiedene Kollektive die Räume für ihre Aktivitäten. Heather Purcell ist zusammen mit Caitlin Fisher und Maria Scaroni als „Social Pleasure Center“ Teil des Betreiber*innen-Kollektivs, das seit Januar 2022 ein Jahr lang die Räume für einen ermäßigten Mietpreis nutzen darf. Unter dem Motto „Culture of Connection“ bieten sie Stepptanzkurse und Workshops zu Meditation an und es gibt die Möglichkeit, im Keller zu Musik zu boxen.
Mit den großzügigen Räumlichkeiten hat Purcell eine feste Basis für ihre verschiedenen Aktivitäten gefunden, die sich zwischen Kunst, Rave, Sport und Vermittlung bewegen und die sie oft kollektiv betreibt. So ist sie Teil des feministischen Kollektivs „Lecken“, das Raves organisiert und sich als Plattform „for somatic expansion and collective transformation“ versteht. Häufig agiert sie dabei im öffentlichen Raum – nimmt künstlerische Interventionen vor, organisiert mit Maria Scaroni Technodrifts im urbanen Raum oder veranstaltet Shadow-Boxing zu Live-Musik im Park. Purcell kombiniert dabei Sport, Tanz und Musik – fest davon überzeugt, dass Bewegung und In-Gemeinschaft-Sein zentrale Bedürfnisse sind. Ein Beispiel für die daraus entstehenden hybriden Formen ist HOOP DREAMS, ein Basketballspiel ohne Ball, das Caitlin Fisher entwickelt hat und das sie im Sommer 2021 mit Maria Scaroni auf dem Rathausvorplatz für die Galerie Wedding aufgeführt haben. Dabei waren die Kommunikation miteinander und die Bewegung wichtiger als der Wettkampfgedanke und die Befolgung von Spielregeln.

Die nächste gemeinsame Aktion ist für den 26. Februar 2022 geplant: an diesem Samstag wird es einen Technodrift um die Neue Nachbarschaft Moabit herum geben – eine Gruppe zieht durch die Straßen und wird von Musik begleitet, „ein Tanz und eine Technologie der Ekstase“, wie es in der Einladung heißt. Seit acht Jahren gibt Purcell zudem Animations-Kurse an der Jungendkunstschule MIK in Wedding und weiß dank ihrer vielfältigen Erfahrungen, was es braucht, um Gruppen zusammenzubringen, in und mit ihnen zu arbeiten.

Während des Sprechens sind Purcells Hände ständig in Bewegung, sie unterstreicht mit ihnen das Gesagte – wodurch unmittelbar deutlich wird, wie wichtig ihr der Körper als Ausdrucksmittel ist. Als wir durch die Räume gehen und im Keller vor den Boxsäcken stehen, an denen sie regelmäßig trainiere, sagt Purcell, dass sie das Spannungsfeld zwischen Martial Arts und Dance, zwischen ekstatischer Bewegung beim Rave und Auspowern beim Sport und dem Aushandeln gegenseitiger Grenzen und Bedürfnisse innerhalb der Gruppen reizt. 

Rave Fitness im Park, Foto: MR HOTSOE

Bedürfnisse mitdenken

Wenn sie von ihren Aktivitäten erzählt, wird immer wieder deutlich, wie sehr sie die Bedürfnisse der unterschiedlichen Teilnehmer*innen mitdenkt und versucht, auf diese einzugehen. Zum Beispiel gäbe es in der Jungendkunstschule einen Jungen, der autistische Züge hätte – er mag es, von Menschen umgeben zu sein, aber er spricht nicht gerne. Es sei wichtig, ihn nicht zu etwas zu drängen und ihn aufzufordern in offensiven Kontakt mit den anderen zu treten, sagt Purcell. Viel eher ginge es darum, eine Atmosphäre zu schaffen, die es ihm erlaubt, nach seinen Bedürfnissen und seiner Geschwindigkeit Dinge auf verspielte Weise auszuprobieren – das bedeutet für Purcell, einen Raum oder Rahmen zu kreieren, in dem auf spielerische Art und Weise improvisiert werden kann. Animation sei dafür ein dankbares Tool, weil man etwas mit seinen Händen mache und gleichzeitig im Kopf frei sei, unterschiedlichste Welten und Geschichten zu erzählen.

Wenn man Workshops anbietet, bei denen Körper im Mittelpunkt stehen, sei es wichtig, mitzudenken, dass sich einige Menschen zum Teil unwohl in ihren Körpern fühlen würden, sodass es für sie besonders herausfordernd ist, sich öffentlich zu zeigen und zu bewegen. Dies müsse man auf dem Schirm haben, wenn man die Teilnehmer*innen auffordert, zusammen zu agieren. Es ginge dann weniger um ein Ergebnis, als darum, einen Raum zu schaffen, in dem sich die Leute trauen, den eigenen Körper einzusetzen und mit anderen zu synchronisieren.

Die Aktivierung der Teilnehmer*innen war auch die Intention des Projekts Spielclub Oranienstraße 25 in der nGbK im Jahr 2020, in der Spielräume für Kinder und Jugendliche eingerichtet wurden, die sich die Räume aneignen und in ihrem Sinne nutzen konnten. Purcell hat die Aktivitäten der Kinder dokumentiert, in Comics übersetzt und zusammen mit Moritz Scheuermann in Form eines Live-Drawings präsentiert. Der Wunsch war, die Prozesshaftigkeit der Aktivitäten auch in die Präsentation zu übersetzen, stärker visuell-räumlich als sprachlich zu arbeiten.

Zugänglichkeit

Es gibt den Wunsch, die Angebote möglichst zugänglich („accessible“) zu machen und gleichzeitig Sorge für eine gute Atmosphäre zu tragen. Am Beispiel der Raves, die Purcell mitveranstaltet, erläutert sie, was für Überlegungen dabei eine Rolle spielen. Mittlerweile gäbe es einen Verteiler von 100 Leuten, die sie per Telegram anschreiben würden, wenn sie Veranstaltungen machen. Die meisten von ihnen waren schon mal dabei und wissen, wie es geht. Wenn dann 200 Leute zum ersten Mal dazukommen, reicht die Größe der Gruppe aus, die Neuankömmlinge einzuführen bzw. können sich diese von den anderen abschauen, wie es läuft. Wenn etwas zum ersten Mal stattfindet, komme es dagegen sehr auf die Einladung an, mit der bestimmte Personen gezielt angesprochen und Regeln kommuniziert werden können. Es sei ihnen wichtig, dass die Strukturen organisch wachsen, um die zugrundeliegenden Prämissen und geteilten Interessen nicht aus dem Auge zu verlieren. Das beruht auch auf der Erfahrung, dass es keine sicheren Orte, aber Werkzeuge gäbe, mit denen man dafür Sorge tragen könne, dass sich die Leute sicherer fühlten und man konsensbasiert zusammenarbeitet. Ein Beispiel: durch den Austausch und das Teilen von Wissen in Lesegruppen lerne man seine Grenzen besser zu kommunizieren und andere zu akzeptieren. In diesem Sinne versteht Purcell ihre Rolle weniger als Anleiterin, die Vorgaben macht als die eines „Facilitators“, einer Ermöglicherin.

Öffentliche Räume

Weil Clubs während der Pandemie geschlossen waren, wurde der öffentliche Raum zu einer Möglichkeit, die Rave-Kultur am Leben zu halten. Aber auch für andere Aktivitäten bietet der öffentliche Raum Vorteile. Zum Beispiel könne man „movement based practices” sichtbar machen undAnregungen geben, wie man den öffentlichen Raum auch nutzen kann– wenn man ihn als Sport- oder Tanzfläche nutzt oder öffentliche Musik hört. Das wäre vor allem für Jugendliche wichtig, denen nicht-kommerzielle Aufenthaltsräume fehlen würden. Sich in einer Gruppe im öffentlichen Raum zu bewegen und ihn sich anzueignen, kann sehr empowernd sein.

Allerdings verschwinden Freiflächen und undefinierte Orte in Berlin zusehends. Es gäbe kaum noch Brachen, die für viele Aktionen wie Raves oder Technodrifts Voraussetzung seien. Zusammen mit der Stadtplanerin Laura Veronese ist deshalb im Sommer ein „(Re)Mapping Projekt“ geplant, das auf deren Forschungsprojekt zu Freiräumen basiert und bei dem die verloren gegangenen Brachen durch Aktionen markiert werden sollen. „Wenn das so weiter geht“, sagt Purcell mit einem Fragezeichen auf der Stirn, „muss man wohl irgendwann aufs Land ziehen“. Sie selber sei in der Arbeiterklasse-Peripherie von Liverpool groß geworden und hätte viel Zeit mit Streunern verbracht. Das viele Draußensein habe sie geprägt und sei ein Grund, weswegen sie so gerne Aktionen im Stadtraum durchführe und viel Freude am Suchen geeigneter Orte hätte.

Mangelnde Anerkennung

Die Bedeutung dieser Arbeit, das Herstellen von Verbindungen zwischen Menschen/ Teilnehmer*innen, werde unterschätzt. Im Kunstfeld würden Praxen wie Care-Arbeit, Lehre und Vermittlung traditionell stigmatisiert sein. Nur langsam ändere sich dies, würden Institutionen verstehen, wie grundlegend und zugleich aufwändig diese Praxen sind – und angemessen bezahlt werden müssen.

Potential

Ein großes Potenzial sieht Purcell im Zusammenbringen verschiedener Communities. Das fängt schon beim Aufeinandertreffen der Rave- und Tanz-Szene an, die aus unterschiedlichen Kontexten und Sozialisierungen kommen. Einige Tänzer*innen bringen Erfahrungen aus der somatischen Körperarbeit mit und interessieren sich für die heilende Kraft von Bewegung. Entscheidend sei die Neugier auf den/die Andere*n, aber diese könne man nicht erzwingen. Überschneidungen gäbe es auch bei den queeren und migrantischen Communities, hier gäbe es viele geteilte Bedürfnisse. Fortuna sei jedenfalls ein guter Ort, um Purcells „radical care“ Anspruch umzusetzen und einen Raum für vielfältige Aktivitäten zu schaffen, der gehalten, aber nicht einengend ist, und der durch verschiedene Angebote neugierig macht, den Körper zu bewegen.

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